Buchtipps / 2026 / Oktober
erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk
Regi Widmer: Ricky sucht Worte - Ronni findet Worte
/ Regi Widmer. - Frankfurt am Main : Moritz, 2026. - 64 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-89565-507-4 Festeinband : EUR 18,50 (AT)
Ricky und Ronni, zwei abstrakte Figuren, die nicht eindeutig einer spezifischen Tierart zugeordnet werden können, sind gute Freunde. Während die beiden sowie ihre Umgebung schwarz-weiß dargestellt werden, sind ihre Worte als bunte Farbkleckse bzw. Striche abgebildet. Die zunächst harmonisch ineinandergreifenden Farbmuster der Worte der beiden trennen sich zunehmend voneinander, bis Rickys Farbfleck immer kleiner wird, schließlich ganz verschwindet und sein Kopf von runtergeschluckten Worten rot wird. Anschließend brechen Rickys wütende Worte aus ihm in Form von Blitzen und Feuer heraus. Die beiden entfernen sich voneinander.
Aufgrund des hier gewählten Wendebuch-Formats kann jeweils Rickys bzw. Ronnis Perspektive gelesen und mitverfolgt werden, wie sie sich bildlich auf die Suche nach Worten begeben. Ricky sucht an den verschiedensten Orten nach diesen: in einer Truhe, unter dem Teppich und sogar in der Toilette. Schließlich findet er eine lange Kette von Worten unter der Kommode, aus der er einen Schal strickt. Währenddessen hat Ronni sich so weit entfernt, dass er gar nicht mehr weiß, wie er zurückkommen kann, was die emotionale Distanz der beiden metaphorisch verdeutlicht. Ronnis verschluckte Worte sind ihm als bunte Tränen, die zu musikalischen Steinen werden, wieder heraufgestoßen. Er sammelt die verwandelten Worte ein und findet so zu Ricky zurück. Mittels Rickys Schal aus Worten und Ronnis klingenden Steinen versöhnen sich die beiden wieder in der Mitte des Wendebuchs.
Auf der Textebene sind die Sätze eher kurz und ebenso wie die Illustrationen geprägt von Metaphern und Vergleichen. Ein Bilderbuch, das durch sein Layout als Wendebuch die verschiedenen Perspektiven in einem Streit gekonnt herausarbeitet und die Schwierigkeit der Suche nach Worten in Konflikten eindrucksvoll veranschaulicht.
Claudia Gschwendt | STUBE
Raphaëlle Calande: Ismaels tausend Leben
/ Raphaëlle Calande ; aus dem Französischen von Edmund Jacoby.
- Berlin : Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2026. - 384 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-96428-344-3 Festeinband : EUR 20,60 (AT)
Als nach dem plötzlichen Tod seiner Großmutter die Probleme des 15-jährigen Ismael Teikitemanava (Vater aus Französisch-Polynesien; Mutter aus Frankreich) eskalieren, wird er zu Onkel und Tante nach Lyon geschickt, um dort – während eines vierwöchigen Praktikums in dem ortsbekannten Restaurant Baron Perché – Verantwortungsgefühl und Kooperationsbereitschaft zu üben. Die Schule ist nicht der einzige explosive Parameter in Ismaels Biografie: Vor allem eine beschädigte Vaterbeziehung, die schrumpfende Kommunikation mit seiner Mutter und seine Esssucht haben sich zunehmend auf sein (Nicht-)Verhalten ausgewirkt. Überraschenderweise findet er sowohl im Team des Baron Perché als auch in seinem Chef freundschaftlich-respektvolle Aufmerksamkeit und Unterstützung; in und rund um die Küche lernt er schnell und gern – nähert sich olfaktorisch und haptisch den Aromen und Geschmäckern sowie den notwendigen, Geschicklichkeit und Geduld fordernden Handgriffen und Tricks. Darüber hinaus knüpft er enge Freundschaften – vor allem zu seiner Kollegin Céleste, in die er sich – bien sûr – verliebt. Das selbstbewusste und hochbegabte Mädchen, das aus Protest gegen ihre Eltern die Schule für eine Lehre abgebrochen hat, erklärt ihm nicht nur, was im Restaurantverbund wichtig ist, sondern darüber hinaus anderes Lebenswichtiges und – nicht zuletzt – auch die politische Dimension der Graffiti-Kunst.
In dem Netz aus neuen Bekanntschaften und Eindrücken fühlt sich Ismael zunehmend wohl, gerät aber immer wieder und immer mehr in vielfache Verstrickungen, die er stets im Hinblick auf die Gemeinschaft und Familie lösen kann.
Raphaëlle Calande spannt einen großen Erzählbogen auf, changiert zwischen Ismaels Hauptstimme und anderen Erzählperspektiven, schiebt zusätzliche Textformen wie Protokolle, Praxisbucheinträge und Interviews zwischen den Fließtext, stellt einen Soundtrack voran sowie Ismaels Zeugnisse, den Universitätszulassungsschein seiner Cousine, ein Flugticket oder den Besuchsschein für das Gefängnis, in dem sein Vater interniert ist, ein kleines Küchen- sowie ein polynesisches Lexikon und nicht zuletzt das Rezept der »Céleste«, der Torte, die Ismael für seine »Himmlische« kreiert.
Calandes Autorinnen-Dank am Ende geht an viele Unterstützer*innen aus unterschiedlichen Sparten – und zeigt die sorgfältige Recherche, die hinter der vielschichtigen Dramaturgie steckt. Auch wenn der Mittelteil vollgepackt mit dramatischen Ereignissen ist, beeindrucken vor allem Wertschätzung und Respekt, die alle Beteiligten füreinander zeigen – trotz Rückschlägen, immer die gute Sache im Blick und neue Perspektiven andenkend. Die ausgewogene Balance zwischen Humor und Ernst, Drama und Entspannung, die differenzierte Figurengestaltung – unter Einbeziehung unterschiedlicher Kulturen und Biografien – sowie ebenso schlichte wie komplizierte, immer jedoch authentische Szenen mit erfrischenden, scherz- ebenso wie aufrichtigen Dialogen öffnen weitere Türen. Ein Buch, das jugendlichen Suchenden Mut macht.
Ela Wildberger | STUBE
Gilly Macmillen: Die Bibliothek
: Thriller / Gilly Macmillan ; Deutsch von Christoph Göhler.
- München : Blanvalet, 2026. - 367 Seiten
ISBN 978-3-7645-1007-7 Broschur : EUR 18,50 (AT)
Der Da-Vinci-Code 2.0. (DR)
Die junge Paläografin Anya Brown aus Oxford erhält ein Angebot der schottischen St. Andrews Universität: Sie soll streng geheime, alte Manuskripte entschlüsseln. Ein unüblich hohes Gehalt und ein schönes Cottage bringen sie dazu, den mehr als verlockenden Job anzunehmen. Mit ihrem Freund Sid in Schottland angekommen, erfährt sie von der Existenz einer geheimen, verloren geglaubten Sammlung in einer eigentlich durch einen Brand zerstörten Bibliothek. Sie gerät zwischen die Fronten zweier rivalisierender Frauenorden und trifft den einen Menschen aus ihrer Familie, den sie niemals sehen wollte...
Schnell merkt Anya, dass es um weit mehr geht als um alte Bücher und dass sie (fast) niemandem mehr trauen kann. Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt und führt sie bis zum entscheidenden Showdown nach Verona.
In diesem unglaublich packenden Thriller führt uns die Autorin in eine Welt zwischen Fiktion und Realität – historische Schriften, allen voran das Voynich-Manuskript, Kunstwerke und Orte sind gekonnt in die Handlung eingewoben. Der Prolog bietet einen rasanten Einstieg in die Geschichte, eine komplexe Handlung wird angedeutet.
Durch die wechselnden Erzählperspektiven baut sich rasch Spannung auf, die Bedrohung und mörderische Rivalität ist von allen Seiten spürbar. Überwiegend weibliche Hauptfiguren zeichnen ein fast matriarchales Gesellschaftsbild. Die Ich-Erzählerin Anya wird überzeugend und glaubhaft dargestellt, ihre Handlungen sind nachvollziehbar, mitunter aber ziemlich leichtsinnig.
Einziger, winziger Kritikpunkt ist die große Zahl der handelnden Personen im Verlauf der Geschichte. Hier hätte ich mir ein kleines Glossar gewünscht. Ansonsten ein klug durchdachter bibliophiler Thriller, in dem die Autorin eine fiktive Lösung für ein reales Rätsel erzählt. Unbedingt lesenswert.
Petra Auer | biblio
Vincent Tal: Tainted Love
: Kriminalroman / Vincent Tal.
- Köln : Pfaueninsel, 2026. - 221 Seiten
ISBN 978-3-691-31010-8 Festeinband : EUR 22,70 (AT)
Nostalgisches Krimivergnügen an der innerdeutschen Grenze. (DR)
Alles beginnt damit, dass die sechsjährige Tochter von Christine Lehmanns Freunden bei einem Kindergeburtstag auf einem Abenteuerspielplatz in Sooden verschwindet. Bei der verzweifelten Suche nach der kleinen Eva im nordhessischen Zonenrandgebiet lernt die Journalistin zufällig den Bibliothekar Martin Ritter kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine komplizierte Liebesbeziehung, die nicht zuletzt durch Ritters Familiengeschichte und die Suche nach seinem in Nordafrika verschollenen Vater geprägt wird.
Das – oder vielmehr die – Verbrechen bilden in Vincent Tals atmosphärischem Kriminalroman gewissermaßen die Rahmenhandlung für die Liebesgeschichte, die in den 1980er-Jahren an der innerdeutschen Grenze angesiedelt ist. Als ein Teich im Sommer einen darin versenkten Mercedes freigibt, der einer seit den 1960er Jahren vermissten Niederländerin gehörte, fügen sich die Puzzleteile ineinander.
Geschickt verwebt der Autor Ritters Begeisterung für die Fotografie, seine Neugier und Christines journalistische Tätigkeit miteinander. Zugleich fängt Vincent Tal mit Referenzen auf Musik, Film und Lifestyle die besondere Atmosphäre jener Zeit und Region ein. Damit löst er die Verbrechen und die privaten Schwierigkeiten der Protagonisten am Ende des Romans auf. Ein leichtes Lesevergnügen für Krimifans.
Sandra Brugger | biblio
Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren
: Roman / Jessica Stanley ; aus dem Englischen von Claudia Voit.
- Köln : Dumont, 2026. - 365 Seiten
ISBN 978-3-7558-0041-5 Festeinband : EUR 25,70 (AT)
Anspruchsvolles Beziehungsdrama, in dem die Entwicklung einer Partnerschaft über zehn Jahre mitverfolgt wird. (DR)
Die junge Australierin Coralie wird nach einem unerfreulichen Vorfall in ihrem Job als Werbetexterin im Jahr 2013 nach London versetzt und träumt davon, ein Buch zu schreiben. Als sie den Politjournalisten und geschiedenen Vater Adam kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn und seine vierjährige Tochter Zora. Coralie zieht rasch bei Adam ein und muss sich in seinen und Zoras Alltag einfügen. Während Adam seine Karriere vorantreibt, übernimmt Coralie mehr und mehr familiäre Pflichten und ihr Traum, Schriftstellerin zu werden, rückt in immer weitere Ferne. Als Coralie schließlich selbst Mutter wird und die politischen Turbulenzen in Großbritannien Adam immer mehr beanspruchen, wächst ihr alles über den Kopf.
Ein authentischer Beziehungsroman, der ein Paar über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet und schonungslos aufzeigt, wie herausfordernd es sein kann, Familie, Partnerschaft und Beruf zu vereinbaren. Besonders interessant macht diesen Roman die Einbeziehung der brisanten politischen Situation in Großbritannien in der Zeit rund um den Brexit. Ein anspruchsvolles, realitätsnahes Buch mit detailliert ausgearbeiteten Charakteren. Spannung bis zur letzten Seite ist garantiert.
Michaela Grames | biblio
Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos
: eine Reise und ihre Vorgeschichte
/ Susanne Kuhn ; mit Zeichnungen von Nicolas Mahler
und einem Gespräch mit Manfred Mittermayer.
- Mattighofen - Wien : Korrektur Verlag, 2025. - 141 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-9505737-0-1 Festeinband : EUR 22,00 (AT)
Die Schwester erinnert sich an den genialen, aber im Umgang nicht immer ganz einfachen Schriftsteller. (BO)
Nach der Uraufführung seines Dramas »Heldenplatz« flog der geschwächte Thomas Bernhard im Spätherbst 1988 für einige Wochen nach Spanien, um sich vom größten Theaterskandal der Zweiten Republik zu erholen. Seine Halbschwester begleitete ihn: »Er wusste von meiner Flugangst, und um mich abzulenken, vertrieb er mir die Zeit mit Geschichten über Flugzeugabstürze.«
Das ungewohnte Zusammensein war für beide nicht einfach. Manchmal sei sie sich wie eine Figur in einem Bernhard-Stück vorgekommen, dann wieder überraschte sie der eigenwillige Kranke mit seiner Fürsorglichkeit, erzählt Susanne Kuhn. Jahrzehntelang hat sie über ihren berühmten Bruder geschwiegen. Der Comic-Zeichner Nicolas Mahler und der Germanist Manfred Mittermayer haben sie nun endlich zum Sprechen gebracht, und so entstand dieses liebenswerte Erinnerungsbuch, das Thomas Bernhards komplizierte Familiengeschichte aus neuer, weiblicher Perspektive beleuchtet und neben den Cartoons von Nicolas Mahler bislang unbekannte private Fotos enthält.
Renate Langer | biblio
Arnold Mettnitzer: Die Verzauberung der Welt
: eine Liebeserklärung ans Kindsein / Arnold Mettnitzer.
- Wien : Kneipp Verlag, 2026. - 111 Seiten
ISBN 978-3-7088-0883-3 Festeinband : EUR 22,00 (AT)
Inspirierendes Lesevergnügen über die Frage, wie man sich kindliche Neugier und Begeisterungsfähigkeit ein Leben lang bewahren kann. (PI)
Der Psychotherapeut Arnold Mettnitzer widmet sich in diesem kompakten Büchlein der Frage, wie man kindliche Freude und Begeisterung bis ins Alter im Herzen tragen und bewahren kann. Er nimmt uns dabei mit in viele Bereiche seiner ganz persönlichen Erlebens- und Erfahrungswelt. Im Kapitel »Ein unbewusster Erinnerungsschatz« teilt er beispielsweise die Erkenntnis, dass die Koordinaten des Kindseins »die unerschöpfliche Neugier und Begeisterungsfähigkeit« sowie »Dankbarkeit« sind, »die auch aus vermeintlich ‚Nichts‘ etwas zu schaffen vermag«. Hinweise wie diese, die man vielleicht schon mehrmals gehört hat, die aber als leichtfüßige Erinnerungen daherkommen, machen dieses Buch zu einem besonderen lebensphilosophischen Schatz – einer Inspirationsquelle für zwischendurch.
Interessant ist auch Mettnitzers Unterscheidung des Begriffs »Kindheit« als Lebensphase vom Begriff des »Kindseins« als Haltung, die man potenziell das ganze Leben über einnehmen kann. Seine Erkenntnisse speisen sich einerseits aus seinen jahrzehntelangen psychotherapeutischen Erfahrungen und andererseits aus seinen persönlichen Gedanken. Er lädt die Leser*innen ein, sich auch im Erwachsenenalter mit Offenheit, staunend und Fragen stellend auf Neues einzulassen und das Leben als Entdeckungsreise wahr- und anzunehmen.
Bibliotheken sollten dieses Buch jedenfalls in ihrem Bestand führen – wärmste Empfehlung!
Sandra Prinz | biblio
Dan Jones: Die Templer
: Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern
/ Dan Jones ; aus dem Englischen von Andreas Nohl.
- München : C. H. Beck, 2026. - 512 Seiten
ISBN 978-3-406-84174-3 Broschur : EUR 20,60 (AT)
Die Geschichte des wichtigsten geistlichen Ritterordens der Kreuzfahrerzeit: fesselnd, mitreißend und dennoch penibel wissenschaftlich fundiert. (PR)
Bußgang, Kriegszug, »gerechter« oder »gottgefälliger« Krieg? Dan Jones beginnt sein Buch im 12. Jahrhundert, als eine kleine Gruppe von Rittern zu neuartigen Kriegermönchen und schließlich zu einer militärischen Eliteeinheit wird, die unerschrocken für die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land kämpft: die Templer. Heilige Krieger – nicht die einzigen, die sich dieser Aufgabe stellen, aber wohl die umstrittensten und berühmtesten. Den Prinzipien von Keuschheit, Gehorsam und Armut zunächst folgend, werden die Templer durch ihre erfolgreichen Anfänge bald wohlhabend. Schenkungen von Ländereien in Europa, Lösegelder und Tribute sind die Folge ihrer äußerst blutigen und grausamen Vormärsche und Kämpfe, mit denen sie das allgegenwärtige Ziel verfolgen: die Befreiung Jerusalems von den Muslimen. Die Templer werden zu Helden, doch mit dem beginnenden 14. Jahrhundert folgen Massenverhaftungen, Verfolgung, Folter, Beschlagnahmungen, Schauprozesse und Verbrennungen. Aufstieg und Fall der Kriegermönche faszinieren bis in die Gegenwart und bieten Raum für Spekulationen.
Dan Jones nimmt sich dieser Faszination in fast atemberaubender Art an. Die Einleitung führt mit Leichtigkeit und Klugheit ins Geschehen und bildet den notwendigen Rahmen für die vier großen, mit historischen Landkarten versehenen Kapitel. Der Anhang schafft zusätzliche Klarheit im Verwirrspiel um die wichtigsten handelnden Personen. Jones verzichtet dabei weder auf akribische Anmerkungen noch auf Literatur- und Bildnachweis sowie ein umfassendes Register.
So wird das Buch trotz seiner leichten Lesbarkeit zu einem stimmigen, fundierten wissenschaftlichen Werk, das den Spannungsbogen bis zur letzten Seite hält.
Hervorragend.
Gerda Kysela-Schiemer | biblio
