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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2026 / August

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Eine wundersame Wanderung

/ Laura Wittner ; Sebastián Ilabaca ; aus dem Spanischen von Nicolas Baier.
- Münster : Bohem, 2026. - 40 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-95939-251-8      Festeinband : EUR 20,60 (AT)

Für die einen bedeutet Sommerurlaub so sportlich wie möglich zu sein und sich möglichst viel zu bewegen, während andere lieber an einem ruhigen Ort den Moment genießen. Dieser Unterschied wird auch beim Ich-Erzähler und seiner Familie in diesem Bilderbuch deutlich: Sein Papa und seine Schwester würden am liebsten den ganzen Tag nichts anderes machen als bergauf und bergab zu wandern. Der Junge jedoch macht bereits mit dem ersten Satz des Buches in Form einer rhetorischen Frage (»Muss immer alles so anstrengend sein?«) klar, dass er sich den Sommerurlaub ganz anders vorstellt. So begeben sich sein Papa und seine Schwester auf eine Wanderung zur Spitze eines Berges, wo sie einen Fuchs sehen wollen, und der Junge bevorzugt es, beim Bach am Beginn des Wanderweges zu bleiben. Er genießt es, einfach die Füße im Wasser baumeln zu lassen, den Geräuschen der Natur zu lauschen und die Gerüche um ihn herum wahrzunehmen – ein Moment des Innehaltens, der auch von mehreren Perspektivenwechseln in den Illustrationen begleitet ist. Besonders bestechend sind hierbei die atmosphärischen Illustrationen des chilenischen Künstlers Sebastián Ilabaca, die die idyllische Stimmung der Natur vermitteln. Mit seinem gemischten Stil aus Aquarell, Bleistift und Grafit gelingt es ihm, verschiedenste Seiten der Natur eindrucksvoll darzustellen.

Claudia Gschwendt | STUBE

Lisa Fipps: Starfish

/ Lisa Fipps ; aus dem Englischen von Meritxell Piel.
- München : Hanser , 2026. - 269 Seiten
ISBN 978-3-446-28590-3      Festeinband : EUR 17,50 (AT)

Gerade gewann Lena Schätte für einen fulminanten Text über zwei dicke Mädchen den Bachmann-Preis. Nicht weniger stark ist das jugendliterarische Pendant von Lisa Fipps: Der in freien Versen verfasste Roman »Starfish«.
Darin wird die 11-jährige Ellis wegen ihres Dickseins extremen Belastungen und Mobbing ausgesetzt. Nicht nur die Mitschüler*innen sind Ellis Peiniger*innen, auch die Mutter betreibt Bodyshaming, zwingt sie gewaltvoll zu Diäten und verletzt ihre Tochter täglich aufs Neue in ihrem Selbstwertgefühl. Kleine Auszeiten vom Leiden findet Ellis beim Lesen und im Pool, wo ihr das Schwimmen ein positives Körpergefühl ermöglicht.
Mit der neuen Freundin, der zaundürren, quirligen Catalina, ihrem stillen Vater und einer beherzten Therapeutin schafft es Ellis langsam, ihren Gefühlen Raum zu geben und ihren Körper wie ein Seestern (»Starfish«) auszubreiten. Zum Schluss hin wird sie selbstbewusster, und kann ihre Positionen adressieren, wenn auch realistisch nicht alle Verletzungen geheilt sind.
Lisa Fipps, vormals Marketing-Direktorin einer öffentlichen Bücherei und Journalistin, erzählt in ihrem Debüt die Härte der Verletzungen schonungslos aus und dennoch liest sich der Roman erstaunlich leichtfüßig. Das ist zum einen der sehr gelungenen Übersetzungsleistung von Meritxell Piel geschuldet, aber auch dem Witz der Ich-Erzählerin, den freundlichen Helferinnen-Figuren und vielen interessanten Nebenspuren.
Ein Roman, der gerade zur richtigen Zeit kommt, in der sich das kurze mediale Fenster der Bodypositivity durch das von der Modeindustrie aufs Neue gehypte ultradünne Körperideal wieder zu schließen droht.

Jana Sommeregger | STUBE

Lena Gorelik: Alle meine Mütter

: Roman / Lena Gorelik. - Hamburg : Rowohlt, 2026. - 268 Seiten
ISBN 978-3-498-00762-1      Festeinband : EUR 24,70 (AT)

Eindrucksvolle Muttergeschichten, die den Verstand und das Herz berühren und noch lange nachhallen. (DR)

Die in Russland geborene und in Deutschland lebende Autorin schreibt »als Tochter, als Mutter, in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt«, behutsam über Frauen, die abtreiben, die unfreiwillig kinderlos geblieben sind, die Kinder mit Behinderung großziehen, aber auch über jene, die ihre Söhne im Krieg verloren haben. Sie gibt ungeschönte Einblicke in das differenzierte Gefühlsleben der Protagonistinnen und lässt die Lesenden teilhaben an Freude und Schmerz, Trauer und Wut, Angst und Stolz, Überforderung und Schuld der Frauen. Die heile Welt der guten Familie steht gleichwertig neben zerrütteten Beziehungen und dramatischen Lebenserfahrungen.
So begleitet eine der Erzählungen Swetlana in die russische Abtreibungsklinik, wo sie zuerst ein »Nümmerlein« zieht, dann die Pralinenschachtel und zuletzt ihre Kleider abgibt und die Begründung für diese Form der »Geburtenregelung« auf einem Formular ankreuzen muss. Immer zwischendurch ein Kapitel, das aus der Perspektive »ich« vergangene Erfahrungen der Autorin mit dem Erleben vieler Frauen in Bezug bringt. Ein sehr gelungenes Buch über Mütter und deren Sorgen, Zweifel und Angst, aber immer mit dieser großen Liebe.

Birgit Leitner | biblio

Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin

: Roman / Vladimir Vertlib.
- Salzburg : Residenz Verlag, 2026. - 411 Seiten
ISBN 978-3-7017-1821-4      Festeinband : EUR 28,00 (AT)

Historischer Roman um einen (heimlich) jüdischen Arzt am barocken Hof Kaiser Leopolds I und seiner ersten Ehefrau Margarita Teresa von Spanien. (DR)

Seinen neuesten Roman siedelt der österreichische Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft Vladimir Vertlib am Österreichischen Herrscherhof, der Hofburg in Wien, in den Jahren 1668 bis 1673 an. Hauptfigur des Romans ist der fiktive jüdische Leibarzt der Kaiserin Margarita Teresa von Spanien, der für damalige Verhältnisse schon greise »Converso« Pedro Esteban de Rojas. Pedro, der als Militärarzt am Dreißigjährigen Krieg teilnahm, muss seinen jüdischen Glauben verheimlichen. Er stammt als »Converso« aus einer jüdischen Familie, die vor 200 Jahren offiziell den katholischen Glauben annahm, um in Spanien bleiben zu können. Als Leibarzt der von Kindesbeinen an schwachen, kränklichen und mit einem Kropf geschlagenen spanischen Infantin Margarita Teresa kommt Pedro nach Wien, wo er die Kaiserin nach der Hochzeit mit dem deutlich älteren Leopold I, ihrem Onkel und Cousin, bei ihrer vorrangigsten Pflicht unterstützen soll: einem gesunden männlichen Thronfolger das Leben zu schenken. Die Kaiserin weiß um den heimlichen Glauben ihres Arztes, den sie wie einen Vater liebt, und akzeptiert Pedro, obwohl sie sonst mit ihrem historisch verbürgten Antisemitismus den im Unteren Werd lebenden Juden die Schuld an ihren Fehlgeburten gibt. Dennoch kann Pedro Margarita Teresa überreden, bei der nächsten Schwangerschaft auf die Kenntnisse der jüdischen Hebamme Esther, einer 28-jährigen Witwe und dreifachen Mutter, zurückzugreifen. Pedro und Esther hoffen, bei der Geburt eines gesunden Thronfolgers doch noch die nicht nur von der Kaiserin betriebene, geplante Vertreibung der Juden aus dem Unteren Werd zu verhindern.
Ein Roman, der in sehr unmittelbarer Sprache die Denk- und Lebenswelt der drei Hauptfiguren, ihre Zwänge und Ängste, aber auch ihre Hoffnungen und Freuden, erlebbar macht: Da ist Pedro, der sich ständig verstellen und mit der Aufdeckung seiner Identität um sein Leben fürchten muss. Da ist Esther, die nach 20 Jahren immer noch jede Nacht von dem Judenpogrom in ihrer östlichen Heimat träumt und um das Leben ihrer Kinder fürchtet. Und schließlich ist da die Kaiserin, die an der fremden, nordischen Umgebung am Wiener Hof und der Unfähigkeit, einen gesunden Thronfolger zu gebären, leidet und schließlich während ihrer siebenten Schwangerschaft noch nicht einmal 22-jährig stirbt. Ein historischer Roman, der – ausgiebig recherchiert – ein tiefes Eintauchen in das frühbarocke Wien erlaubt und in seiner Personenzeichnung überzeugt. Sehr zu empfehlen.

Monika Roth | biblio

Irene Hanappi: Lesereise Tschechien

: wo Europas Herz im Verborgenen schlägt / Irene Hanappi.
- Wien : Picus Verlag, 2026. - 130 Seiten - (Picus Lesereisen)
ISBN 978-3-7117-1126-7      Festeinband : EUR 18,00 (AT)

Was man in unserem Nachbarland alles entdecken kann. (EL)

Tschechien – ein Land, das zugleich nah und fern wirkt. Und in dem Geschichte geschrieben wurde und Zukunft entsteht. Um diese Aspekte geht es in diesem Buch.
Die Autorin, Slawistin und Journalistin, nimmt uns in neun Kapiteln mit zu ausgewählten Plätzen. Hier begegnen wir berühmten Personen und bedeutenden Wissenschaftlern (z. B. Ludwig Wittgenstein, Gustav Klimt usw.) ebenso wie weitgehend unbekannten Menschen. Die Autorin versteht es, alle sehr anschaulich zu beschreiben und politische und historische Zusammenhänge kurz, aber prägnant darzulegen. Berührend z. B. auch der Beitrag über die Erhaltung jüdischer Friedhöfe oder das »Wohnungswandern« auf den Spuren von Adolf Loos in Pilsen.
Es sind diese fein ausgewählten »kleinen« Spuren, denen die Autorin folgt. Sie schildert lebendig und spannend, wie sie mit offenen Augen und Ohren durch das Land reist und welche Eindrücke sie mitnimmt.
Wer einen historischen Führer sucht, muss sich für ein anderes Buch entscheiden. Wer jedoch eine sensible und anschauliche literarische Erkundung vorhat, ist mit diesem Buch bestens bedient. Ein echtes »Vademecum«. Allen Bibliotheken ausdrücklich empfohlen.

Heinrich Klingenberg | biblio

Jaqueline Scheiber: Schwimmen schweben

/ ein Essay von Jaqueline Scheiber.
- Graz : Leykam: Essay, 2026. - 131 Seiten
ISBN 978-3-7011-8403-3      Festeinband : EUR 22,50 (AT)

Inspirierende Reflexion über die besondere Kraft des Schwimmens. (BO)

In ihrem Essay »Schwimmen Schweben« beleuchtet Jaqueline Scheiber das Schwimmen im Kontext von Politik, Herkunft, Geschichte sowie physischem und psychischem Wohlbefinden. Einfühlsam erzählt sie davon, wie sie ihre langjährige Scheu vor Sport überwindet und im Schwimmen weit mehr als bloße Bewegung entdeckt. Die Leser*innen begleiten sie auf ihrem persönlichen Weg zur Schwimmerin, der alles andere als geradlinig verläuft. Scheiber schreibt offen über Rückschläge, Zweifel und das immer wieder notwendige Neuanfangen.
Dabei verknüpft sie ihre eigene Geschichte mit der ihrer Familie: Während ihre Urgroßmutter nie die Möglichkeit hatte, schwimmen zu lernen, trat ihre Mutter für das ungarische Schwimmteam bei internationalen Wettkämpfen an. So wird deutlich, dass Schwimmen nicht nur eine individuelle Erfahrung ist, sondern auch gesellschaftliche und politische Dimensionen besitzt. Ehrlich und ungeschönt nimmt Scheiber ihre Leser*innen mit auf die Erkundung dieser neuen Welt. Mit jeder geschwommenen Bahn wächst nicht nur ihre Sicherheit im Wasser, sondern auch ihre innere Stärke.
Jaqueline Scheiber gelingt eine wohltuende Lektüre, die den Blick auf das Schwimmen erweitert und ein gutes Gefühl hinterlässt. Der Essay ist eine Hommage an die Kraft des Wassers, an Veränderung und an die Fähigkeit, im Leben wie im Denken beweglich zu bleiben.

Stefanie Doblhammer | biblio

Raimund Schulz: Odysseus

: Mythos und Wahrheit / Raimund Schulz.
- Stuttgart : Klett-Cotta, 2026. - 315 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-608-98923-6      Festeinband : EUR 25,70 (AT)

Auf den Spuren von Mythos und Wahrheit aus heutiger Perspektive. (GE)

Seit Jahrtausenden fasziniert die Figur des Odysseus die Menschheit. Und ebenso spannend ist die Frage, ob Homer, der Verfasser der Odyssee, jemals wirklich gelebt hat oder ob im Laufe der Jahrhunderte doch mehrere Autoren weitergetextet haben.
Das Buch ist in dreizehn Kapitel gegliedert, die die wichtigsten Stationen auf der mehr als 20-jährigen Irrfahrt von Odysseus beleuchten. Natürlich bleibt dabei die geografische Zuordnung unsicher, ebenso die zeitliche Abfolge. Schulz belässt es aber nicht nur bei einer neuen Interpretation, vielmehr stellt er den »Helden« sehr zwiespältig dar – und das zurecht. Immerhin erweist sich Odysseus einerseits als brutaler Räuber und Kriegsherr, andererseits tritt er auch als gebrochener Held in Erscheinung. So beklagt er zutiefst, dass er im Laufe der Irrfahrt alle Gefährten verloren hat und am Ende als Bettler getarnt nach Ithaka zurückkehrt. Sein Kampf um seine Frau Penelope fordert mehr als zwanzig mit Pfeil und Bogen getötete Freier.
Am Ende konstatiert Schulz, dass uns Odysseus auch heute noch etwas bedeuten kann. Er stellt aber auch fest, dass es damals »keine Solidarität der Armen und Glücklosen« gab, und führt vergleichend zu heute an, dass in der antiken bäuerlichen Welt Gerechtigkeit und Barmherzigkeit kaum nachzuweisen sind. Auch seiner Feststellung, wonach »Ehrlichkeit und Redlichkeit in dieser Zeit ein Luxus waren, den man sich in der Praxis selten leisten konnte«, wird man sich durchaus anschließen können.
Ein überaus lesenswertes Buch mit Tiefgang, das im Gegensatz zu jüngsten Filmproduktionen keinen einseitigen Klischees folgt, sondern diese »Lebensreise« nüchtern, aber spannend in Szene setzt.
Allen Bibliotheken ausdrücklich empfohlen!

Heinrich Klingenberg | biblio

Wolfgang Beinert: Zum Beispiel Christentum

: Basics für ein sinnerfülltes Leben / Wolfgang Beinert.
- Regensburg : Verlag Friedrich Pustet, 2026. - 327 Seiten
ISBN 978-3-7917-3652-5      Broschur : EUR 26,80 (AT)

Von einem weithin unbekannt gewordenen Christentum. (PR)

Der Autor, langjähriger Professor für Dogmatik an der Universität Regensburg, erschließt hier klar, verständlich und lebensnah die Grundlagen des christlichen Glaubens. Er stellt ihn als einen Weg dar, Wirklichkeiten tiefer zu erfassen und dem Leben Sinn zu geben. Ausgehend von seiner zentralen Botschaft – Gott ist Liebe – erläutert er die Grundlagen des Glaubens, macht gleichzeitig Missverständnisse deutlich und stellt Fehlinterpretationen richtig. Die Themen, die Beinert behandelt und mit Fokus auf ihren ursprünglichen Gehalt hier neu in den Blick nimmt, sind zahlreich: Was ist eigentlich Glaube? Was ist die Heilige Schrift? Sind Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft widersprüchlich? Wer ist Jesus, wer der dreifaltige Gott? Was sind Wunder, was kommt nach dem Tod? Die Kirche, ihr Werden, ihre Gestalt und Sendung sind ebenfalls Thema.
In einem kurzen Abschlusskapitel fasst er prägnant zusammen, was er auf den 300 Seiten zuvor genau und engagiert dargelegt hat: Christentum ist nahrhaft, verleiht Leistungskraft und Lebensmacht, beruht auf Liebe und Freiheit: »Man muss kein Christenmensch sein. Aber man sollte einmal ehrlich versuchen, sich hineinzudenken [...] Man sollte das besonders dann tun, wenn man bange ist, Angst hat, der Verzweiflung unterliegt – aus welchem Grund auch immer [...] Nehmen und essen, was das Lebens-Mittel Christentum bietet. Dann treffen wir auf die volle Wirklichkeit [...] Wir begegnen Gott, dem Grund, der Basis allen sinnerfüllten Lebens.« (S. 318f) Dieser Einladung kann man sich nur anschließen!

Hanns Sauter | biblio

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