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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2022 / März

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Michael Hammerschmid: wer als erster

/ Michael Hammerschmid ; María José de Tellería.
- Wien : Jungbrunnen, 2022. - 32 ungezählte Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-7026-5962-2      Festeinband : EUR 16,00 (AT)

„wer als erster / beim kühlschrank ist […] / die türe berührt […] / sich selber berührt […] / den anderen / nicht stört […]“ Erster-Sein ist als Kind – und, seien wir uns ehrlich, auch als Erwachsene*r – eine besondere Sache. Dass eine aus dem Alltag gegriffene, spielerische Wettlaufreihe zu einem spracherprobenden, die dichterische Kreativität der Leser*innen herausfordernden Gedicht werden kann, hätte sich so manche*r im ersten Moment vielleicht nicht unbedingt erwartet. Michael Hammerschmid zeigt vor, wie es geht bzw. gehen kann. Er komponiert Seifenblasensongs, koordiniert Bleistifttänze und verkocht gelbe Keksgedanken. In farbenfroher Pracht lässt die talentierte argentinische Illustratorin María José de Tellería dazu tierische wie menschliche Figuren durch ihre leichtfüßig-heiteren Doppelseiten tänzeln. Sowohl Text als auch Bild bleiben dabei ganz im kindlichen Alltag und der kindlichen Erfahrungswelt verortet. Gemeinsam entwerfen sie mal verspielte, mal nachdenkliche, mal poetische Erzählwelten, die zum Dialog und zum sprachspielerischen Weiterspinnen anregen. „[…] wer als erster/ als erster / wer als erster“ ... das Lieblingsgedicht bzw. die Lieblingsdoppelseite in diesem besonderen Lyrik-Bilder-Buch entdecken will, dem*der wird die Entscheidung tatsächlich nicht leichtgemacht.

Claudia Sackl | STUBE

Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti

/ Lucia Zamolo. - Münster : Bohem, 2022. - 128 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-95939-205-1      Festeinband : EUR 16,50 (AT)

Wo kommst du her? Eine harmlose Frage, wenn man einander noch nicht näher kennt. »Wo kommst du EIGENTLICH her?« Das mag zwar ebenfalls harmlos gemeint sein, es schwingt aber gleich etwas weniger Harmloses mit. Denn mit diesem Zusatz wird die Frage nur jenen gestellt, die scheinbar „anders“ sind: durch ihre Hautfarbe, ihren Namen oder ihre Religion. Die deutsche Illustratorin (und Autorin) Lucia Zamolo, die in den letzten Jahren mit zwei herausragenden Büchern („Rot ist doch schön“ 2019 und „Elefant auf der Brust“ 2021) für Aufmerksamkeit sorgte, kennt diese Frage zur Genüge: denn sie trägt den italienischen Nachnamen ihres Vaters. Aus dieser persönlichen Betroffenheit heraus setzt sie sich in diesem ungewöhnlichen Sachbuch mit Fragen rund um Stereotypen und Zuschreibungen auseinander. Sprachlich gut lesbar im Stil eines Monologes gestaltet, werden dabei theoretische Konzepte wie Othering oder Mikroaggression nachvollziehbar erklärt und jeweils in Beziehung zu den eigenen Lebenserfahrungen der Autorin gesetzt. Das wesentliche Stilmittel ist dabei Zamolos ausdrucksstarke handschriftliche Typographie, die mit unterschiedlichen Effekten, wie gezielt eingesetzter Groß- und Kleinschreibung, Sprechblasen oder Durchstreichungen, den Text gliedert. Ohne moralischen Zeigefinger wird dabei deutlich, was das Problematische an Zuschreibungen ist – witzige Vergleiche wie Leberwürste und Mückennetze inklusive.

Kathrin Wexberg | STUBE

Catalin Dorian Florescu: Der Feuerturm

: Roman / Catalin Dorian Florescu. - München : C.H.Beck, 2022. - 361 Seiten
ISBN 978-3-406-78148-3      Festeinband : EUR 25,70 (AT)

Generationenroman vor dem Hintergrund der rumänischen Politikgeschichte. (DR)

Über Generationen waren alle Männer der Familie Stoica bei der Feuerwehr und ihr Leben spielte sich im und um den Feuerturm herum ab, der im Jahr 1892 in Bukarest errichtet wurde. Der Feuerturm war für lange Zeit das höchste Gebäude der Stadt. Anfangs haben die Feuerwehrmänner von der Plattform aus nach Brandherden in der Stadt gesucht und ihre Leute zusammengetrommelt. Mit dem Aufkommen der Telefonapparate wurde das Innere des Turms als Kommandozentrale genutzt. Schon früh hat sich eine besondere Tradition im Zusammenhang mit dem Wahrzeichen entwickelt: Bei jeder Beerdigung wurde der Leichenwagen ein paar Mal um den Turm herumgeführt.
Der Feuerturm ist aber auch ein Spiegel der Geschichte Rumäniens: Auf ihm finden sich Legionäre, Kommunisten, Studenten, Aufwiegler oder auch einfach nur einer der Stoicas ein, um sich in der Ferne die Konturen der Welt vorzustellen. Jede Generation der Stoicas wächst mit dem Wissen heran, dass dieser Turm etwas Besonderes ist. Nur der letzte der Stoicas, Victor, hat sich nicht für den Beruf des Feuerwehrmannes entschieden. Er absolvierte ein Studium und wurde im Zuge der politischen Terrormaßnahmen für viele Jahre unter schrecklichsten Verhältnissen in Haft genommen.
Die Frauen der Familie Stoica sind sehr gläubig und folgen alle der strengen, aber herzlichen Linie der Urgroßmutter Ecaterina. Ecaterina sorgt für Ordnung und Disziplin in der Familie, hat nebenbei aber auch ein großes Herz für Arme und Verwirrte. Sie nimmt diese in ihrem Haus auf und teilt mit ihnen das karge Essen. Und wenn sie sterben, werden sie wie alle anderen Familienmitglieder am Friedhof im Familiengrab beerdigt. Während also bei den Männern der Stoicas der Feuerwehrdienst der gemeinsame Nenner ist, so ist es bei den Frauen der Glaube und die Bereitschaft, sich auf Fremde einzulassen.
Der Roman ist fesselnd geschrieben, einige Konzentration erfordert jedoch die Einordnung, von welchem der Vorfahren der Stoicas gerade die Rede ist. Die wenigen rumänischen Aussprüche ergeben sich entweder aus dem Kontext oder man kann sie in einem kurzen Glossar im Anhang nachlesen.
Es ist schwierig, diesem sehr intensiven Roman in einer kurzen Schilderung gerecht zu werden. Ich kann daher nur alle zum Lesen ermutigen. Es lohnt sich wirklich.

Ursula Pirker | biblio

Nell Leyshon: Ich, Ellyn

: Roman / Nell Leyshon ; aus dem Englischen von Wibke Kuhn.
- München : Eisele, 2022. - 223 Seiten
ISBN 978-3-96161-129-4      Festeinband : EUR 22,70 (AT)

Ein Bauernmädchen aus England folgt im Jahr 1573 entgegen aller Konventionen seiner Bestimmung. (DR)

Am Beginn steht die Armut. Ellyns Vater ist arbeitsunfähig, die Mutter kurz nach der Entbindung einer weiteren Tochter im Wochenbett („und jetzt mit diesem baby haben wir noch einen verdammten bauch mehr zu füllen“, S. 11) und der ältere Bruder ist immer bereit, der Schwester mehr Arbeit aufzubürden und noch mehr Schläge zu geben („blaue Flecken haben gesellschaft von anderen blauen flecken bekommen“, S. 43).
Eines Tages hört Ellyn in einer Kirche Gesang und spürt etwas völlig Unbekanntes („in mir dieses neue fühlen in mir etwas verändert“, S. 47). Als sie instinktiv das Lied nachsingt, wird ihre Stimme entdeckt, aber als Mädchen darf sie keine Ausbildung zum Sängerknaben machen. Ellyn verkleidet sich kurzerhand als Bub und macht eine steile Karriere, gelangt sogar in den Chor der Königin. Ein homosexueller Sänger kommt bei seinen Annäherungen hinter ihre wahre Identität und wirft sie auf der Stelle aus dem Schloss. Ellyn ist ab nun fest entschlossen, eine Veränderung für sich, ihre Schwester und alle anderen unterdrückten Frauen zu bewirken. Sie ist durch die Bildung zu mehr Autonomie und Bewusstheit gekommen.
Das Buch ist durchwegs aus der Sicht Ellyns verfasst und beginnt im inneren Monolog ohne Satzzeichen, ohne Groß- und Kleinschreibung und quasi ohne Grammatik. Bis Ellyn als John Pitcher ins Internat kommt, ist sie völlig blank. Sie muss alles von Grund auf lernen, von Manieren bis Latein, wird aber der vollkommenen Stimme wegen respektiert und schafft es mit einem Übermaß an Fleiß und dank des starken Glaubens an sich selbst, ihren Weg zu gehen. Parallel dazu ändert sich auch der sprachliche Stil des Romans. („Er sagt: Bevor wir anfangen müssen wir beten für Gottes leitung und beistand.“ S. 179). Man spürt die Veränderung in ihr und wie ihr Bewusstsein erweitert wird.
Bei „Ich, Ellyn“ handelt es sich um einen außergewöhnlich geschriebenen Entwicklungsroman, der sehr zu empfehlen ist. Das Buch selbst ist dem Inhalt entsprechend gestaltet mit einem in Blau gehaltenen Schutzumschlag und einem Lesebändchen. Besonders hervorzuheben ist die Übersetzung von Wibke Kuhn!

Doris Göldner | biblio

Nicolò Targhetta: Alles spricht

: Roman / Nicolò Targhetta ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull.
- München : Verlag Antje Kunstmann, 2022. - 284 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-95614-507-0      Festeinband : EUR 22,70 (AT)

Tiefgründige Erzählung über eine junge Frau, deren Leben aus der Bahn geworfen wird und die versucht, wieder Fuß zu fassen. (DR)

Die namenlose Protagonistin dieses Buches »sie« ist 30 Jahre alt und lebt ein Leben, in dem alles seinen gewohnten Gang zu nehmen scheint. Sie hat einen Freund, einen Job, eine Wohnung und ist mit ihrem Dasein soweit zufrieden. Doch dann ändert sich innerhalb weniger Tage schlagartig alles – ihre Beziehung zerbricht, sie muss aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und kurz darauf verliert sie ihre Arbeit. Zutiefst gedemütigt sucht sie bei einer Bekannten Unterschlupf, absolviert erfolglos zahlreiche Bewerbungsgespräche und versucht über Tinder einen neuen Partner zu finden. Während sie mehr und mehr aus der realen Welt abgleitet, werden die Gegenstände rund um sie zu ihren wichtigsten Gefährten, denn in ihrer Vorstellung sprechen diese mit ihr und erteilen ihr gute Ratschläge. Sei es das Sofa, auf dem sie schläft, ihre Beruhigungstabletten oder sogar der Sarg, in dem ihr verstorbener Vater liegt – alle Dinge rund um sie führen ein Eigenleben und haben ihr etwas mitzuteilen. Zur wichtigsten Ratgeberin wird ein Passfoto ihres 16-jährigen Ichs.
Eine tiefgründige und nahegehende Erzählung über das Scheitern, über Verzweiflung und Depression, seelische Verletzungen und den schwierigen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Die Handlung dreht sich weitgehend um das seelische Innenleben der Protagonistin, ihre Gedanken, Gefühle und Ängste. Die imaginären Dialoge und Streitgespräche mit zahllosen Gegenständen sind köstlich und machen dieses Buch zu einem ganz besonderen Lesegenuss für Liebhaber*innen außergewöhnlicher Literatur, die vom Mainstream abweicht.

Michaela Grames | biblio

Christina Feirer: Likest du noch oder lebst du schon?

: über den achtsamen Umgang mit dem Smartphone / Christina Feirer.
- Wien : Kremayr & Scheriau, 2022. - 160 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-218-01306-2      Broschur : EUR 22,00  (AT)

Dieses Buch zeigt, wie wir die Balance zwischen Online- und Offlinezeit finden können. (PP)

Wieso macht es Sinn, seinen Smartphone-Konsum zu hinterfragen? Die Autorin legt im vorliegenden Buch dar, wie viel wertvolle Lebenszeit durch unüberlegten Gebrauch des Smartphones vergeudet wird. Unser „Klick“-Verhalten wird nicht vom rationalen, logischen Verstand gesteuert, sondern durch eine Dopaminausschüttung („Botenstoff des Glücks“) aus dem menschlichen Belohnungszentrum. Dieses ist der Quell, aus dem Süchte entstehen. Man wird süchtig nach Drogen, Essen, Glücksspiel oder dem kurzen Blick auf den Bildschirm.
Christina Feirer, Hypnosecoach, Meditationsleiterin und „Digital Detoxerin“, glaubt fest daran, dass es sich auszahlt, sich mit diversen Nebenwirkungen des unüberlegten Medienkonsums zu beschäftigen. Sie verteufelt weder Smartphone noch Computer, sondern regt an, genauer hinzuschauen und zu überprüfen, ob uns die Zeit, in der wir dauernd online sind, nicht doch woanders abgeht. Und sie zeigt auf, wie es gelingen kann, das Verhalten zu ändern.
Das 160 Seiten umfassende, broschierte Buch hat ein ansprechendes Layout. Wichtige, zusammenfassende Aussagen werden grün unterlegt, in Einschüben finden sich Fragen und Anregungen zur Reflexion des eigenen Umgangs mit dem Bildschirm. Das Buch gehört in die Kategorie „Lebenshilfe“ und ist wirklich brauchbar. Empfohlen – auch für junge Erwachsene!

Doris Göldner | biblio

Anna Heupel: Fotografie

: inspired by life : wie du in deinen Bildern Geschichten erzählst / Anna Heupel.
- München : Gräfe und Unzer, 2021. - 240 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-8338-8137-4      Festeinband : EUR 25,90 (AT)

Von der Kunst, einen schönen Augenblick bildlich zu verewigen. (VB)

In diesem Sachbuch schildert Anna Heupel ihren Werdegang von der begeisterten Hobbyfotografin zum Profi und lässt uns an diversen Erkenntnissen und Erfahrungen teilhaben. Das reicht von der Auswahl des Equipments, der einfachen Erklärung technischer Aspekte bis zu Tipps und Tricks zur Gestaltung eines Motivs. Wer schon immer mal wissen wollte, was es mit Lichtstärke, Brennweite, Fokussierung, Schärfentiefe o. Ä. auf sich hat, was man beim Kauf gebrauchter Komponenten beachten muss oder welches Dateiformat sich am besten zur Nachbearbeitung eignet, ist hier bestens aufgehoben. Das Hauptaugenmerk legt die Autorin auf die Quintessenz eines jeden Bildes: das Licht. Es gibt diffuses Licht, direktes vs. indirektes Sonnenlicht, die blaue, die goldene Stunde, Gegenlicht… Wie dieses dann in weiterer Folge mit dem Motiv interagiert, wird veranschaulicht.
Heupel ist ein schönes Ensemble gelungen, das Physik und Technik harmonisch mit Erfahrungsschatz und Freude am „Arbeiten“ kombiniert. Unvoreingenommen, erfrischend und inspirierend. Und dass sie weiß, wovon sie spricht, unterstreichen ihre bisweilen genialen Illustrationen: Ein Buch, das nicht zu Unrecht ganz oben auf der Bestsellerliste zu finden ist und allen Bibliotheken sehr zu empfehlen ist.

Christoph Stitz | biblio

Hanns Sauter: Ich komme zu dir, Herr

: Gebete für ältere Menschen / Hanns Sauter.
- Innsbruck ; Wien : Tyrolia-Verlag, 2021. - 95 Seiten
ISBN 978-3-7022-3964-0      Festeinband : EUR 14,95 (AT)

Anregungen, das Gespräch mit Gott zu suchen. (PR)

Über sich nachdenken, über die Wertigkeit des eigenen Lebens, dessen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wer macht das nicht? Ältere Menschen, die schon aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, haben oft die Zeit und die Muse, sich mit Erinnerungen und damit verbundenen Hoffnungen oder Sehnsüchten auseinanderzusetzen. Das Bedürfnis, mit Gott über Vergangenes und Kommendes zu reden, sich auszusprechen, Fehler zu erkennen und Sorgen zu äußern, bekommt einen großen Stellenwert.
Dieses schmale Büchlein enthält viele Ideen und Anregungen, mit Gott in Verbindung zu treten. Man kann sein Herz erleichtern und mit Hoffnung in den Tag starten. Der Autor stellt sich in der Einleitung kurz vor und erzählt im Anhang, wie man die Gebete auch gut bei Seniorenrunden einsetzen kann.
Ein wunderbares Buch in vier Kapiteln, das zum Nachdenken anregt und veranschaulicht, wie man im Gebet einen guten Weg finden kann. Ein Buch nicht nur für Senior*innen, sondern für Menschen aller Altersgruppen, die das Gespräch mit Gott suchen.

Ilse Hübner | biblio

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