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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2023 / April

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Märkte in aller Welt

/ Maria Bakhareva, Anna Desnitskaya ; aus dem Russischen von Thomas Weiler.
- Hildesheim : Gerstenberg, 2023. - 77 ungezählte Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-8369-6123-3       Festeinband : EUR 26,80 (AT)

Auf eine kulinarische Reise rund um den Globus begeben wir uns mit diesem Sachbuch von zwei russischen Künstlerinnen. Jeden Monat besuchen wir ein anderes Land unserer Erde, erfahren Spannendes über die lokalen Markttraditionen sowie kulinarische Charakteristika und lernen ausgewählte Märkte kennen. Je drei launig und charmant gestaltete Doppelseiten widmen Maria Bekhareva und Anna Desnitskaya dem jeweiligen Land; fremdsprachige Phrasen für den Marktbesuch und Rezepte für typische Speisen inklusive. In bunten Vignetten und kleinen Texthappen – wie etwa Infoblöcken, kurzen Dialogen oder konkreten Tipps für den jeweiligen Marktbesuch – werden die verschiedenen Kulturen erfahrbar gemacht. Ein abfallendes, doppelseitiges (Such-)Bild rundet den Landesbesuch ab. Es sind nicht zuletzt diese interaktive Einbindung der Rezipient*innen und die inhaltlichen Angebote für Leser*innen unterschiedlichen Alters, die das Sachbuch zu einem besonderen Leseerlebnis machen. Spannend ist darüber hinaus auch, dass nicht immer die klassischen und allseits bekannten Orte gewählt wurden: Anstelle der oft naheliegenden Hauptstädte begeben wir uns immer wieder an andere Orte, die zu selten in den Fokus gerückt werden. Garantierte Nebenwirkung der Lektüre: Lust auf Reisen, Schlendern und Schlemmern.

Claudia Sackl | STUBE

Jenny Jägerfeld: Best Bro ever!

/ Jenny Jägerfeld ; aus dem Schwedischen von Susanne Dahnmann.
- Stuttgart : Urachhaus, 2023. - 155 Seiten
ISBN 978-3-8251-5342-7       Festeinband : EUR 16,50 (AT)

Der Sommer steht vor der Tür und für den Ich-Erzähler Måns bedeutet das, die warmen Monate im schwedischen Malmö zu verbringen, »denn Mama hat den komischsten Job der Welt […] Sie macht Stimmen. Für gezeichnete alte Opas. Und alte Omas. In Filmen. Animierten Filmen«. Und die Vorfreude ist groß, denn »Hier wusste niemand was von mir. Hier konnte ich genau der sein, der ich war«. Was es damit auf sich hat, werden die Leser*innen erst sehr viel später erfahren.
So steht Måns ein Sommer bevor, in dem er ganz er selbst sein kann und zudem jede Menge Zeit hat, um seiner Leidenschaft nachzugehen: dem Skaten. Diese Vorfreude wird jedoch recht schnell getrübt, als er auf Mikkel, einen von Kopf bis Fuß mit Stiften tätowierten Jungen trifft, der der Herrscher über den hiesigen Skatepark zu sein scheint. In dieser Rolle fordert er Måns zu einer Skatemutprobe heraus, die selbstverständlich angenommen werden muss. Das bringt ihm zwar etliche Verletzungen, aber auch einen neuen Freund ein. Denn Mikkel ist von seinem Mut begeistert und fortan ist er sein »best Bro ever«. Unzertrennlich verleben die beiden einen aufregenden Sommer mit Skaten, Baden und allerlei Blödeleien und Streiche. Das Figurenarsenal wird dabei um charmante Nebencharaktere wir Mikkels Bruder, der Tätowierer werden will oder Måns Babysitterin, die ihre Nase lieber in Bücher steckt, als wirklich auf ihren Schützling zu schauen, angereichert. Doch da ist noch die eine Sache, die Måns vor seinem besten Freund geheim hält. Die Leser*innen erfahren im Verlauf des Textes, dass Måns einmal Michelle war und sich dadurch nicht nur für seinen Reisepass schämt, sondern sich aus diesem Grund auch über den Sommer weit weg von seiner Heimatstadt freut. Was wir also schon wissen, erfährt Mikkel nur durch Zufall durch einen Blick in ebenjenem Reisepass, den Måns am liebsten verschwinden lassen würde. Die beste Freundschaft weicht einem Gefühl von Verrat, Mikkel bricht den Kontakt ab und für Måns geht es traurig und zornig zurück nach Hause...
Jenny Jägerfeld erzählt unaufgeregt von einem Jugendlichen und Transgender: Dabei problematisiert sie nicht nur erfreulich wenig, sondern bezieht unterschiedliche Genderthemen mit ein. Stereotype Farbzuschreibungen und deren Dekonstruktion greift sie dabei ebenso auf wie die Wichtigkeit der Verwendung von Pronomen. Insbesondere durch den ehrlichen Ton gelingt es der schwedischen Autorin unterschiedliche Positionen und mitunter auch Herausforderungen für Außenstehende rund um Transgender auf den Punkt zu bringen und verdeutlicht das anhand von Måns Eltern: Die Mutter übernimmt dabei den verständnisvollen Part, während der Vater zunächst Schwierigkeiten hat, mit der neuen Situation umzugehen. Bis am Ende aber ein für alle Mal geklärt wird: Måns ist Måns.

Alexandra Hofer | STUBE

Toine Heijmans: Der unendliche Gipfel

: Roman / Toine Heijmans ; aus dem Niederländischen von Ruth Löbner.
- Hamburg : Mairisch Verlag, 2023. - 343 Seiten
ISBN 978-3-948722-25-8       Festeinband : EUR 24,70 (AT)

Berührender Bergsteigerroman und zugleich Abrechnung mit fragwürdigen Entwicklungen des Alpinismus. (DR)

Der Profibergsteiger Walter Welzenbach will am Ende seiner Karriere noch einmal einen Achttausender im Himalaya bezwingen. Als Student hat ihn sein Freund Lenny zum Klettern gebracht. Die Klettertechniken eignen sich die beiden an einem elf Meter hohen Brückenpfeiler an. Zugleich arbeitet sich Walter durch die Bergsteigerbiografien von Lennys Bibliothek. Schließlich geben die beiden ihr Studium auf. Sie bauen einen alten Ford Transit zu einem Campingbus um, touren damit durch die europäischen Alpen, wo sie sich langsam einen Namen in der Alpinisten-Community machen. Einige Jahre später, mittlerweile haben sie auch im Himalaya und in Südamerika viele bekannte Berge bestiegen, macht Lenny Schluss mit der Bergsteigerei. Er heiratet, bekommt einen Job als Marketingleiter, während Walter weiterhin als Alpinist unterwegs ist.
Sein letztes Bergabenteuer erlebt Walter in einer Zeit, in der der Alpinismus immer mehr zum Massenevent wird. Das größte Problem bei den Achttausendern im Himalaya ist mittlerweile der dort herrschende Hochbetrieb. An guten Tagen sind so viele Bergsteiger gleichzeitig unterwegs, dass sich in der Aufstiegsspur langen Kolonnen bilden. Dem Protagonisten wird schmerzhaft bewusst, wie sehr sich das Bergsteigen seit den Tagen von Walter Bonatti und Reinhold Messner verändert hat.
Diese blendend formulierten Blitzlichter der Heldentaten und Tragödien des Alpinismus sind - neben der berührenden Geschichte einer Freundschaft - das wirklich Spannende an diesem Buch. Das macht es nicht nur für Alpinist*innen und Bergliebhaber*innen zu einer aufschlussreichen, lohnenden Lektüre.

Karl Vogd | biblio

James Kestrel: Fünf Winter

: Thriller / James Kestrel ; aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
; herausgegeben von Thomas Wörtche.
- Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2023. - 498 Seiten
ISBN 978-3-518-47317-7       Festeinband : EUR 20,60 (AT)

Mordermittlungen in Hawaii und Hongkong vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs im pazifischen Raum. (DR)

1941. Joe McGrady ist noch nicht lange beim Honolulu Police Department, als er zu einem Tatort gerufen wird: Ein Amerikaner, Neffe des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte, und eine junge Japanerin wurden offensichtlich gefoltert und dann grausam ermordet. Ein Verdächtiger setzt sich nach Hongkong ab, McGrady folgt ihm, gerät dort in einen Hinterhalt und überlebt den Angriff der Japaner auf die britische Kronkolonie im Gefängnis. Dass er als potenzieller Spion nach der Verschiffung nach Japan den Krieg überlebt, verdankt er einem Diplomaten im Außenministerium, der ihn bis zur Kapitulation Japans 1945 in seinem Haus versteckt. Für das Versprechen, den Fall wieder aufzunehmen und den Mörder zu ermitteln.
»Fünf Winter« wurde nicht ohne Grund mit dem Edgar Allan Poe Award 2022 ausgezeichnet. Der umfangreiche Roman beginnt als klassischer Cop-Krimi und wird nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour zum Kriegsroman. Dass die Geschichte in ihrer mittleren Phase ruhig, fast kammerspielartig abläuft, der Lärm des Kriegs eine Zeit lang nur im Hintergrund zu hören ist, tut der Spannung keinen Abbruch. Nicht allein wegen eines Liebesdramas, sondern auch weil immer klar ist und bleibt: Joe McGrady – inszeniert als rauer, aber integrer Held, der mit sauberer Weste durch eine kaputte Welt geht – wird die Spur des Mörders wieder aufnehmen und dran bleiben, nicht zuletzt um der Liebe willen. Im Zuge dessen muss er dann die Reise von Honolulu nach Hongkong und schließlich Japan nach Kriegsende ein zweites Mal unternehmen, diesmal als privater Ermittler.

Franz Lettner | biblio

Celeste Ng: Unsere verschwundenen Herzen

: Roman / Celeste Ng ; aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit.
- München : dtv, 2022. - 399 Seiten
ISBN 978-3-423-29035-7       Festeinband : EUR 25,70 (AT)

Dystopie über gesellschaftliche Entwicklungen in den USA. (DR)

Erzählt wird die Geschichte des zwölfjährigen Noah, genannt Bird, der mit seinem amerikanischen Vater, einem Bibliothekar, in Harvard lebt. Seine chinesische Mutter, eine Dichterin, hat die Familie vor zwei Jahren verlassen. Der Roman schildert die brutalen Versuche der herrschenden Politik, die »traditionelle amerikanische Kultur« gegenüber fremden Einflüssen aufrechtzuerhalten, in einer Zeit von wirtschaftlicher Instabilität und Gewalt. Der Roman beginnt mit einem Textabschnitt aus dem »PACT Dokument« (Preserving American Culture and Tradition), einem Handbuch für junge Patrioten, in dem das Versprechen gefordert wird, die »alten amerikanischen Ideale und Werte zu schützen« und konsequent gegen »unamerikanische Menschen« vorzugehen.
Die Handlung folgt Birds Spurensuche nach seiner Mutter, die ihn und seinen Vater verlassen hat, und skizziert, wie sich in den Corona- und Donald Trump-Jahren ein explosiver Hass gegen alles »Antiamerikanische, Asiatische und Fremde« entwickelt hat. Birds Suche hat schlussendlich insofern Erfolg, als dass er mittels seiner Freundin Sadie, die ein ähnliches Schicksal wie er hat, beginnt, die Handlungsweise seiner Mutter zu verstehen.
Der dystopische Roman erzählt von erschreckenden gesellschaftlichen Abgründen, von Umbruchszeiten und der tiefen Liebe in Eltern-Kind-Beziehungen, aber auch von der sinnstiftenden Kraft von Literatur.

Jutta Kleedorfer | biblio

Christine Thürmer: Auf 25 Wegen um die Welt

: vom Wohlfühlweg bis zum Wildnisabenteuer
: die Lieblingstrails der meistgewanderten Frau der Welt
/ Christine Thürmer. - München : Malik, 2023. - 302 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-89029-556-5       Broschur : EUR 18,50 (AT)

Christine Thürmer ist in der Wander-Community ein wohlbekanntes Gesicht. Ihre liebsten Routen stellt sie nun in Buchform vor. (EL)

Wenn man bereits über 60000 km zu Fuß gegangen ist, hat man einiges zu erzählen! Christine Thürmer hat nach Ihrer Karriere als Managerin mit dem Wandern begonnen und stellt nun unzählige Kilometer später ihre 25 Lieblingsrouten vor.
Die Autorin nimmt die Leser*innen mit auf Touren in aller Welt. Es gibt steile und flache Wanderungen, welche, die über Vulkane oder durch Halbwüsten führen. Manche sind mit Labungsorten ausgestattet, bei anderen ist man auf Selbstversorgung angewiesen. Es gibt literarisch inspirierte Wanderstrecken in Frankreich, die »weinselige« in der Wachau und den von Bären manchmal bevölkerten Trail in Transsilvanien. In der Wüste Australiens geht es am Uluru vorbei und in Arizona wechselt das Klima zwischen Schnee und Sommerhitze innerhalb von wenigen Tagen.
Als »Thru-Hikerin« geht sie wirklich jedes Stück des Weges, nimmt außer in schlimmen Notfällen keinen Bus. Thürmer genießt das Schlafen im kleinen Zelt, die Aufstiege mit den wunderbaren Aussichten und jedes einzelne Gespräch im nächsten Ort.
Ein tolles Buch, das nicht nur Fernweh weckt, sondern die Leser*innen darin bestärkt, selbst die eine oder andere Wanderung zu machen. Reiseliteratur der anderen Art, die in alle Bibliotheken passt!

Angela Zemanek-Hackl | biblio

Doreen Cunningham: Der Gesang in den Meeren

: meine Reise mit den Walen / Doreen Cunningham
; aus dem Englischen von Karen Witthuhn.
- Hamburg : Rowohlt Hundert Augen, 2022. - 365 Seiten
ISBN 978-3-498-00242-8      Festeinband : EUR 23,70 (AT)

Was Menschen von den Grauwalen und ihrer gefährlichen Reise in das Nordpolarmeer lernen können. (NB)

Mit dem Satz »Ich wollte Max Walmütter mit ihren Jungen zeigen, aber alles ging schief.« beginnt die autobiographische Geschichte einer jungen Frau, die sich aus schwierigen Lebensumständen befreien will.
Die Autorin Doreen Cunningham wurde in Wales geboren, studierte Umwelttechnologie, arbeitete in der Klimaforschung und später als Journalistin für die BBC zu Naturthemen. »Der Gesang in den Meeren« ist ihr erstes Buch und wurde von Karen Witthuhn hervorragend übersetzt. Sehr geschickt verbindet die Autorin wissenschaftliche Berichte (über das Leben im Meer, Klimawandelfolgen und die sterbende Kultur der Iñupiat in Alaska) mit ihrer ergreifend emotional erzählten Lebensgeschichte. In zahlreichen Rückblenden beschreibt sie Kindheitserinnerungen, ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Mutter, ihre frühe Naturverbundenheit, ihre gescheiterte Beziehung zum Vater ihres Sohnes Max und den Tiefpunkt, als sie völlig mittellos und alleinerziehend im Frauenhaus landete. Wieder ist es die Liebe zur Natur, die ihr Kraft gibt, sich in ein neues Leben aufzumachen. Sie reist mit ihrem zweijährigen Sohn entlang der Wanderroute der Grauwale nach Alaska. Letztlich gelingt ihr weit mehr als erwartet, unter anderem ein wunderbares Buch voller Sehnsucht und Wärme, das allen Bibliotheken empfohlen werden kann.

Aloisia Altmanninger | biblio

Bernhard Maier: Weltgeschichte der Religionen

: von der Steinzeit bis heute / Bernhard Maier. - aktualisierte Neuausgabe
- München : C. H. Beck, 2023. - 576 Seiten
ISBN 978-3-406-79720-0      Broschur : EUR 20,60 (AT)

Ein profundes und solide gearbeitetes Überblickswerk zur Weltgeschichte der Religionen. (PR)

Bernhard Maier, Religionswissenschaftler an der Uni Tübingen, wagte sich an die komplexe Aufgabe, eine Weltgeschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute in einem einzigen Band vorzulegen. Der Autor geht davon aus, dass sich die durchgängige Konstante  »Religion« in der Geschichte in unterschiedlichen Varianten zeigt, die er nicht einzeln und unabhängig voneinander, sondern in einer Zusammenschau ähnlicher religiöser Ausdrucksformen beschreibt, die für eine Epoche charakteristisch sind. Maier beschäftigt sich zunächst mit den (unsicheren) Anfängen von Religion bis zu ihren Ausprägungen im Alten Orient (z.B. Gottheiten, Kultstätten, Mythen), setzt mit ihren komplexen Ausdifferenzierungen ab der Antike bis zum Aufstieg des Islams (z.B. Erlösungswege, Heilige Schriften, Einfluss der Politik) fort und wendet sich dann den Expansions- und Erneuerungsbestrebungen der Weltreligionen in Europa und Asien im Mittelalter (z.B. Zwangsbekehrungen, Formen der Frömmigkeit, Mystik) und den Entwicklungen in der Frühen Neuzeit (z.B. Akkulturation, Konfessionalisierung, Aufklärung) zu; zuletzt nimmt er sich die Epoche vom Anfang der Industrialisierung bis heute vor, in der neue Religionen (z.B. Mormonen, Bahai), Alternativen zur Religion (z.B. Atheismus, Anthroposophie), aber auch zahlreiche Religionskonflikte entstanden.
Das Überblickswerk ist klar aufgebaut, überaus faktenreich und nach dem neuestem Forschungsstand gearbeitet, zudem ist es sprachlich gut verständlich und mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis (40 Seiten) sowie einem brauchbarem Registerteil versehen. Als Einleitungs- und Überblickswerk sehr zu empfehlen.

Karl Krendl | biblio

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