Buchtipps / 2026 / Juni
erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk
Shrimpie und ich
/ Moni Port ; Claudia Weikert.
- Hamburg : Kibitz, 2026. - 124 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-948690-43-4 Festeinband : EUR 20,60 (AT)
Das kindliche Leben ist von unterschiedlichen Übergängen und Veränderungen geprägt. Einer der aufregendsten ist dabei sicher der Schuleintritt. Jener Zeitpunkt, bei dem man offiziell nicht mir zu den Kleinsten gehört. An dieser Schwelle zwischen Kindergarten und Schule verorten Moni Port und Claudia Weikert ihren Kindercomic.
Das Ziegenmädchen Käthe ist furchtbar aufgeregt, aber auch unglaublich schüchtern und bringt daher am ersten Schultag kein Wort heraus, kann nicht einmal richtig am Kennenlernspiel teilnehmen. Shrimpie, ihres Zeichens gar nicht schüchtern und eher extrovertiert, fällt das natürlich auf und verpfeift Käthe. Und damit ist auch der Start einer Freundschaft gesetzt, die sich entlang diverser Einzelepisoden während eines Schuljahres entspinnt. Gänzlich der kindlichen Lebenswelt verhaftet intensiviert sich die Freundschaft der beiden Mädchen.
Humorige Abschnitte wechseln mit solchen ab, in denen sich Käthe immer wieder die Frage stellt, ob sie jetzt, da sie endlich ein Schulkind ist, nicht zu alt für gewisse Dinge ist. Etwa für Kuscheltiere oder das Daumenlutschen – Fragen, für die Shrimpie Abhilfe oder klare Antworten findet. Herrlich unpädagogisch und nur am Rande durch verständnisvolle Erwachsene begleitet, ergründen sich die beiden ihre Welt.
In klar geordneten und strukturierten Panels und mit farblicher Kodierung für junge Leser*innen erzählt der Comic die kleinen und großen Höhepunkte des Kinderalltags. Am großen »Unplugged-Tag« geben Käthe, Shrimpie und die Klassekolleg*innen ihr musikalisches Können zum Besten. Mit großer Aufregung und noch größerem Erfolg schaffen es die Kinder über sich hinauszuwachsen.
Alexandra Hofer | STUBE
Das Krachmachtier
/ Johanna Schmidt ; Judith Vrba. - Wien : Achse, 2026.
- 32 ungezählte Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-903408-43-2 Festeinband : EUR 23,00 (AT)
Eine Gruppe von Kindern liegt nachts im Bett. Zunächst sind die Illustrationen geprägt von Blautönen, um die Dunkelheit der Nacht farblich darzustellen. Plötzlich hört Jakob ein Geräusch – zuerst ganz leise und dann immer lauter, was typographisch zuerst mit einer kleinen Darstellung und später immer größer werdenden Abbildungen des in Orange gefärbten Soundwords »Grooaah« gezeigt wird. Auch die anderen Kinder werden von den unterschiedlichsten Geräuschen geweckt: einem riesigen, blauen »Bumm«, grünen »bomm«-Klängen, rosafarbenen »Kloink, kloink, kloink«-Lauten und vielen weiteren wundersamen Tönen. Somit bilden die in verschiedensten Farben hervorgehobenen Soundwords die Vielfältigkeit der Geräusche der Nacht anschaulich ab und erzeugen damit einen starken Kontrast mit der monotonen Farbgebung der übrigen Nacht. Dieser farbliche Gegensatz wird erneut deutlich auf einer textlosen Doppelseite, auf der das in Blau gehüllte Haus der Kinder zu sehen ist und ein gelbes »Klick« deutlich hervorsticht.
Als es am nächsten Tag hell wird, ändert sich die Farbpalette des Buches vollkommen. Nun ist alles voller Farben und von Doppelseite zu Doppelseite immer farbenfroher. Sprachlich ist das Buch geprägt von Ellipsen, Betonungen mittels Versalien und Zeilenumbrüchen. Die Kinder unterhalten sich am nächsten Tag über die Geräusche der vorangegangenen Nacht und entscheiden schließlich mittels noch mehr Krach, sich mit dem Krachmachtier anzufreunden. Dabei nutzen sie Gegenstände aus ihrer Umgebung und singen gemeinsam einen einprägsamen Krachmachsong mit Ohrwurmpotenzial, der zum Mitmachen animiert.
Ein unkonventionelles Gute-Nacht-Buch, das dabei helfen kann, mit den bunten, womöglich unbekannten Geräuschen der Nacht besser umzugehen.
Claudia Gschwendt | STUBE
Yukito Ayatsuji: Die Morde im Dekagon-Haus
: Kriminalroman / Yukito Ayatsuji ; Deutsch von Sabrina Wägerle.
- München : Limes, 2025. - 413 Seiten
ISBN 978-3-8090-2798-0 Festeinband : EUR 22,70 (AT)
Kniffeliges Krimirätsel mit allen Größen des Genres. (DR)
Als Beginn einer Reihe mit japanischen Bestsellern startet der Limes-Verlag mit diesem Krimi aus dem Jahr 1987. Die Zeit vor den Smartphones und Navis macht einen fast klassischen Whodunit-Krimi möglich.
Auf einer Insel nahe dem japanischen Festland gab es eine furchtbare Tragödie im Haus eines reichen Mannes. Der Gärtner ist abgängig, alle anderen tot. Die Polizei hat den Fall zu den Akten gelegt, doch Studenten, die sich in einem Krimiclub treffen und sich Namen berühmter Krimischriftsteller geben, nützen die Chance, als sie im zehneckigen Nebengebäude des abgebrannten Hauptgebäudes auf der Insel eine Woche verbringen dürfen, um selber zu ermitteln.
Der Roman erinnert an Agatha Christies »Und dann gab’s keines mehr« von 1939. Das Prinzip ist das Gleiche: Einer stirbt nach dem anderen, und es ist spannend, wer überbleibt. Wie bei Christie ist es auch in diesem Roman schwer zu erraten, wer mordet, aber eine Chance hat man. Und dann kommt noch der japanische Touch hinzu: Zimmergrößen in Matten anzugeben, lässt Fernweh erwachen. Eine gelungene Eröffnung der geplanten Serie. Möge es so unterhaltsam weitergehen!
Michael Wildauer | biblio
Catalin Dorian Florescu: Matei entdeckt die Freiheit
: Roman / Catalin Dorian Florescu.
- Berlin : Rowohlt Berlin, 2026. - 285 Seiten
ISBN 978-3-7371-0240-7 Festeinband : EUR 25,70 (AT)
Sprachmächtige Auseinandersetzung mit dem Nachwirken einer Diktatur. (DR)
Dieser Roman veranschaulicht am Beispiel eines von der Diktatur Versehrten die Gewaltgeschichte des Kommunismus in Rumänien. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Matei beschreibt der Autor die Unterdrückung und das erbärmliche Leben der Menschen in Rumänien nach 1945. Matei wird Mitte der 1950er-Jahre wegen eines jugendlichen Gedichts zu Lagerhaft verurteilt. Er verbringt sieben Jahre im rumänischen Gulag. Unter härtesten Bedingungen müssen die Inhaftierten im Donaudelta beim Bau eines Damms schuften. Viele Lagerinsassen überleben den Hunger und die Schläge nicht. Der Hass auf die Unterdrücker und die Solidarität unter den Gefangenen halten Matei aufrecht. 1964 wird er begnadigt. Die Witwe eines Mitgefangenen nimmt sich seiner an und verschafft ihm eine Arbeit als Sargmacher. Seine schlimmen Erfahrungen kann er jedoch nie ganz vergessen – immer wieder plagen ihn Anfälle von Melancholie. Als er einige Monate nach dem Sturz der Ceaucescu-Diktatur zufällig einem Offizier begegnet, der ihn einst beim Verhör misshandelt hat, fasst er den Plan, sich für das Erlittene zu rächen.
Bildgewaltig lässt der Autor das Dahinvegetieren der Menschen vor den Augen der Leser*innen entstehen: hineingepfercht in finstere, ungeheizte Wohnungen, stets auf der Suche nach Lebensmitteln, drangsaliert von Geheimpolizei und Denunziantentum. Die Geschichte wird nicht chronologisch, sondern auf mehreren Zeitebenen erzählt. Florescu zeichnet seine Figuren weniger durch direkte Beschreibung als durch ihr Eingebundensein ins Geschehen. Man fühlt mit ihnen, ohne dass der Text in Sentimentalität abgleitet. Diese eindringlich erzählte Geschichte über die verheerenden Auswirkungen eines Gewaltregimes ist erhellend und berührend – unbedingt lesenswert.
Karl Vogd | biblio
Dita Zipfel:
Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
: Roman / Dita Zipfel. - Berlin : Insel, 2026. - 219 Seiten
ISBN 978-3-458-64612-9 Festeinband : EUR 23,70 (AT)
Kinder haben – sich danach sehnen oder nicht? Ein komplexes und leichtfüßig präsentiertes Gefüge aus Selbstbestimmung, Rollenbildern und Psyche. (DR)
»Jemand ist schwanger. Jemand anders nicht. Zellen teilen sich und andere nicht mehr. So ist das Leben.« (S. 147) Um diese Thematik dreht sich der Roman, den die Autorin in einem luxuriösen Ferienbungalow an der Côte d’Azur angesiedelt hat. Der erfolgreiche Macher Felix, der mit seiner Familie dort urlaubt, hat seinen Jugendfreund Matze und dessen Frau Linn eingeladen, mit ihnen ein paar unbeschwerte Tage am Meer zu verbringen. Vielleicht die passende Umgebung, damit deren Kinderwunsch endlich in Erfüllung geht? Dass sich eine Schwangerschaft nicht auf Knopfdruck einstellen will, kann sich Felix gar nicht vorstellen – in seiner Welt funktioniert alles tadellos und vor allem seinen Wünschen entsprechend: Die sanfte und schöne Eva hat ihm den aufgeweckten vierjährigen Sohn Otto geboren, ist stillende Mama des Babymädchens und hält ihm den Rücken frei, damit er sich in Ruhe der Männerfreundschaft mit dem loyalen Matze widmen und seinen Urlaub entsprechend genießen kann. Linn mit ihrem unbedingten Kinderwunsch fühlt sich fehl am Platz und zweifelt, ob sie sich überhaupt als Mutter eignen würde, zumal sie immer wieder mit ihrem unkontrollierbaren aggressiven Verhalten aneckt. Umso mehr bewundert und beneidet sie Eva, bemerkt aber bald, dass sich hinter der Fassade der glücklichen und perfekten Mami eine überforderte Frau verbirgt, die eine schwere Entscheidung treffen muss...
Die psychischen Ausnahmesituationen von Eva und Linn münden in einen skurrilen und schrägen Schluss, ausgelöst von einem – Nashorn! Warum es ausgerechnet ein Nashorn ist, das herantrampelt, nachdem schon vorher der Kanarienvogel des Feriendomizils fast unabsichtlich in die vermeintliche Freiheit geflattert ist? Diese Frage und das ganze Buch könnten durchaus einen Literaturkreis bereichern.
Hervorzuheben sind die genaue Beobachtungsgabe der Autorin, beispielsweise betreffend das anfängliche Konkurrenzverhalten der beiden so unterschiedlichen Protagonistinnen, und ihr Einfühlungsvermögen in die Psyche von Frauen mit sehnlichem Kinderwunsch einerseits und von Müttern beziehungsweise Schwangeren andererseits. Leserinnen wird so manche Situation vertraut sein, Leser könnten glatt einen Erkenntnisgewinn aus der Lektüre ziehen.
Sabine Krutter | biblio
NILA: Auf den Straßen Teherans
/ NILA ; aus dem Englischen von Asal Dardan
; mit einem Vorwort von Natalie Amiri.
- Köln : Pfaueninsel, 2026. - 142 Seiten
ISBN 978-3-691-31008-5 Festeinband : EUR 20,60 (AT)
Ein berührendes Zeugnis des Kampfes um Frauenrechte im Iran. (BO)
Nila, die Autorin, ist eine junge Frau aus Teheran. Und dort kämpft sie für Dinge, die für mich als Österreicherin nicht mal einen Gedanken wert sind, weil sie für mich selbstverständlich sind. Meine Haare offen tragen und sie stylen, wie ich es will. Kleidung anziehen, die mir gefällt. Entscheidungen treffen, ohne einen Mann um Erlaubnis zu bitten. Singen, Tanzen, Alkohol trinken oder auch nicht. Das alles sind Entscheidungen, die ich selbst treffen kann – Frauen im Iran aber nicht. Und das muss sich ändern, findet Nila.
Dieses Buch beschreibt in kurzen Essays die Proteste um Frauenrechte, die 2022 im Iran begannen und immer noch andauern. Nila erzählt hier von ermordeten Schülerinnen, eingesperrten Demonstrantinnen und ihrem eigenen Engagement als Teilnehmerin an den Protesten. Gleichzeitig schildert sie Szenen aus der Geschichte des Iran. Nila ist offensichtlich eine sehr intelligente Frau und meiner Ansicht nach hätte das Buch auch doppelt so dick sein können. Das Buch ist sachlich gehalten, trotzdem wird das Leid der Demonstrierenden hier sichtbar gemacht. Die Texte gingen mir als Leserin nahe und arbeiteten in mir auch nach dem Ende der Lektüre noch weiter.
Durch seine Länge ist dieses Buch für Leser*innen der perfekte Einstieg in ein komplexes Thema und weckt Interesse, sich weiter zu informieren. Allen Bibliotheken empfohlen.
Laura Pellizzari | biblio
Thorsten Brönner:
Österreichs schönste E-Bike Tagestouren
/ Thorsten Brönner.
- Wien : Styria Verlag, 2026. - 203 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-222-13744-0 Broschur : EUR 28,90 (AT)
Ein sachlich fundiertes Buch, das zeigt, wie man mit wenig Aufwand seine körperliche Leistung erhalten kann. (NK)
Der renommierte Sportwissenschaftler Jürgen Gießing greift mit diesem Buch ein Thema auf, das für jeden Menschen im Lauf seines Lebens bedeutend wird: der beginnende Muskelschwund ab 30. Wenn alltägliche Bewegungen und Tätigkeiten mühsamer werden, wird dies von den meisten Menschen als normale Folge des Alterns gesehen. Laut Gießing ist diese Fehleinschätzung dafür verantwortlich, dass mit zunehmendem Alter Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Osteoporose auftreten, die durch frühzeitiges Gegensteuern vermieden werden könnten.
Der Sportwissenschaftler ist sich bewusst, dass berufstätige Menschen nicht die Zeit haben, mehrere Male in der Woche ins Fitnessstudio zu gehen, und nimmt mit seinen Tipps darauf Rücksicht. Demnach ist es am effizientesten, seine Muskeln nur zweimal pro Woche intensiv zu trainieren und den Körper mit proteinreicher Ernährung zu versorgen. Dieses Buch liest sich angenehm und klar, ohne belehrend zu wirken. Es ist allen Bibliotheken zu empfehlen!
Johannes Preßl | biblio
Detlef Pollack: Religiöser Fundamentalismus
: Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe / Detlef Pollack.
- München : C. H. Beck, 2026. - 128 Seiten
ISBN 978-3-406-83936-8 Broschur : EUR 14,40 (AT)
Kompakte, differenzierte Darstellung religiöser Fundamentalismen. (PR)
Wenn Terrorakte geschehen, machen Medien oft reflexartig »den« religiösen Fundamentalismus verantwortlich, um das Schreckliche irgendwie zu erklären. Nun hat aber Fundamentalismus nicht zwangsläufig mit Gewalt und Zerstörung zu tun. Der Begriff geht ursprünglich auf Christen in den USA (»The Fundamentals«) um 1900 zurück, welche ihr Christentum gleichsam als Gegenprojekt zur Moderne (z. B. Technisierung, Schriftverständnis, Evolutionstheorie) vehement positionierten. Heute zählen zu den (durchaus problematischen) Merkmalen des Fundamentalismus, die sich grundsätzlich in jeder Religion finden können. Dazu zählen z. B. die Absolutsetzung der eigenen Wahrheit, die Aus- und Abgrenzung von anderen religiösen Überzeugungen, ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, ein Bewusstsein der moralischen Überlegenheit – und bei manchen Gruppierungen auch die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Positionen.
Der Religionssoziologe Detlef Pollack informiert nun im vorliegenden schmalen Band sehr differenziert über Geschichte, Entwicklung und Absichten religiöser Fundamentalismen, die in den Medien meist durch negative Schlagzeilen in Erscheinung treten. Am ausführlichsten beschäftigt er sich mit dem komplexen islamischen Fundamentalismus (Muslimbrüder in Ägypten, Islamische Revolution im Iran, Al-Quaida und die Globalisierung des Dschihad), dann mit den evangelikalen Christen und deren Kampf um ein »christliches« Amerika, den ultraorthodoxen und nationalreligiösen Juden in Israel, dem Fundamentalismus in Ost- und Westeuropa (Orthodoxe Kirchen, Islamismus in Deutschland) sowie dem Hindu-Nationalismus in Indien.
Die Ausführungen Pollacks sind prägnant, gut verständlich geschrieben und stellen eine hilfreiche Handreichung zur Erstinformation und besseren Einschätzung aktueller und medial berichteter religiös motivierter Konflikte dar.
Karl Krendl | biblio
