Buchtipps / 2026 / März
erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk
Daniel Fehr: Anleitung für alles
/ Daniel Fehr ; illustriert von Thomas Müller.
- Hildesheim : Gerstenberg, 2026.
- 36 ungezählte Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-8369-6366-4 Festeinband : EUR 16,50 (AT)
Ein witziges und originelles Bilderbuch mit verschiedensten Anleitungen sowohl für alltägliche als auch außerordentliche Herausforderungen des Lebens. (ab 4) (JD)
Die 31 eher kurzen Anleitungen folgen beinahe alle demselben schematischen Aufbau: Pro Seite wird eine Anleitung vorgestellt, wobei diese ausnahmslos mit den Worten »wie man« beginnt und aus lediglich einem Satz besteht. Dieser kurze Text wird anschließend durch eine direkt darunter liegende großformatige, schwarz umrahmte, bunte Illustration erweitert. Die Illustrationen erzählen ihre ganz eigene Geschichte auf durchaus amüsante Weise. Ob mit einer Leiter, einem Seil und Karabinerhaken zum Mond gelangen, ein Einhorn mittels einer Torte und Flöte anlocken oder Spaghetti mithilfe einer Bohrmaschine essen, sodass die Sauce wild umherspritzt: Die detailreichen und kreativen Illustrationen bringen einen zum Schmunzeln und regen zum Nachdenken an.
Der Illustrationsstil unterstreicht den humorvollen Charakter des Buches und betont die Botschaft der jeweiligen Anleitung, indem beispielsweise der Blumenstrauß der Anleitung »wie man sagt, dass es einem leid tut« mit überdimensional großen Blumen abgebildet ist. Am Ende eröffnet das Buch auch eine Meta-Ebene dadurch, dass in der letzten Anleitung (»Wie man sich am Ende dieses Buches verabschiedet«) das Buch selbst im Mittelpunkt steht, dessen Seiten herausgerissen und zu Papierfliegern gefaltet werden. Insbesondere die markanten Wörter »wie man« sind eindeutig auf den Papierfliegerseiten zu erkennen und tragen zur Metafiktion dieses Buches bei.
Insgesamt bietet dieses Bilderbuch eine Vielzahl von unterhaltsamen und abwechslungsreichen Anregungen, die Welt um sich herum zu erkunden und sich über verschiedenste Lebenssituationen Gedanken zu machen.
Claudia Gschwendt | STUBE
De Nichols: Auf die Straße!
: Kunst als Protest / De Nichols ; illustriert von Diana Dagadita,
Saddo, Olivia Twist, Molly Mendoza und Diego Becas
; aus dem Englischen von Leena Flegler.
- Hildesheim : Gerstenberg, 2026. - 74 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-8369-6403-6 Festeinband : EUR 22,70 (AT)
Artivismus. Ein zunächst irritierendes Kofferwort aus Art und Aktivismus, mit dem die Autorin dieses Sachbuches auf den Punkt bringt, worum es geht: Protestkunst, oder, wie es im US-amerikanischen Original ein wenig vielschichtiger heißt: »The Art of Protest«. (JK)
Das Thema ist also die Rolle von unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen im Kontext verschiedener (politischer) Proteste, der Fokus liegt dabei auf der bildenden und angewandten Kunst. Dies ist auch jener Bereich, aus dem De Nichols selbst kommt, biografisch besonders geprägt von zwei Umständen: Sie wuchs in Memphis, Tennessee auf, wo 1968 Martin Luther King auf dem Balkon eines Hotels ermordet wurde, in dem seit 1991 das National Civil Rights Museum die Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre würdigt. 2014 arbeitete sie im Museum für moderne Kunst in St. Louis, Missouri, als dort der Teenager Michael Brown von einem Polizisten erschossen wurde und infolge Proteste stattfanden – ihr eigener künstlerischer Beitrag dazu war der bekannt gewordene Spiegelsarg.
Gemeinsam mit mehreren Illustrator*innen, Designer*innen und Artworker*innen fächert die Autorin unterschiedliche Formen der Protestkunst auf, gibt einen kursorischen historischen Überblick und fokussiert dann auf die vielfältigen kreativen Schnittstellen zwischen Kunst und Protest. Die matten, farbigen Seiten bestechen durch ihre Formenvielfalt von Drucktechniken und sehr malerischen Seiten bis hin zu Bildinstallationen, die auf Haptik und Gegenständlichkeit setzen. In einem effektvollen Zusammenspiel von Text, Textgestaltung, Layout und Illustrationen wird auf so unterschiedliche Themen wie die Bedeutung von Symbolen und Farben, die Rolle der Typografie, aber auch die relativ neuen digitalen Möglichkeiten der Protestkunst eingegangen, darunter Memes, Augmented Reality oder Deep Fakes, die parodieren und irritieren sollen.
In ihrer Darstellung junger Bürgerrechtsbewegungen wie »Black Lives Matter«, »March for our Lives« nach einem Schulshooting in Parkland oder der »Extinction Rebellion Youth« begreift sich die Autorin stets als jemand, die Menschen zusammenbringt, die gemeinsam nach einem Weg suchen, Unterdrückung und politische Missstände sichtbar zu machen. Und weiß sich dabei in einer langen Tradition von Kunstschaffenden verschiedener Zeiten, wie das vorangestellte Zitat von Keith Haring zeigt: »Kunst ist nichts, wenn sie nicht alle und jeden erreicht.«
Heidi Lexe und Kathrin Wexberg | STUBE
Betty Boras: Das schönste aller Leben
: Roman / Betty Boras. - München : Hanserblau, 2026. - 239 Seiten
ISBN 978-3-446-28451-7 Festeinband : EUR 22,70 (AT)
Schönheit und Schrecken: eine Familiengeschichte Banater Deutscher. (DR)
Berührend erzählt die in Rumänien als Nachfahrin der »Donauschwaben« geborene Betty Boras aus wechselnden Perspektiven die Geschichte einer Familie, die heute in Deutschland lebt und ihre Wurzeln im Westen Rumäniens hat. Neben der gemeinsamen Herkunft und Sprache verbindet die Frauen unterschiedlicher Generationen vor allem ihre Schönheit und die Bedeutung, die sie dieser beimessen.
In zwei Stimmen wird von Viola erzählt: Sie kommt als Kind nach dem Sturz Ceausescus mit ihren Eltern nach Deutschland, auf der Suche nach einem besseren Leben. Als Erwachsene kämpft sie damit, die Schuld zu überwinden, die sie sich an den Narben ihrer Tochter zuschreibt. Während Viola sich entwurzelt und fremd fühlt und sich oft als gescheitert erlebt, ist sie mit ihrem Studienabschluss, ihren deutschen Freundinnen und ihrem erfolgreichen Ehemann der Stolz ihrer Eltern. Emotional fühlt sich die Ich-Erzählerin ihrer Großmutter besonders verbunden: Diese lebt zwar neben ihrer Tochter, trägt die Banater Tradition in Deutschland aber konsequent weiter und pflegt auch eine starke Bindung zu ihrer Urenkelin.
Eine weitere Stimme gehört Theresia, die zur Zeit Maria Theresias wegen ihres liederlichen Lebensstils von ihrer Heimat unweit von Wien ins Banat verschleppt wird, um dort in einem Arbeitslager zu dienen. Theresias Schönheit ist zugleich ihr Verhängnis und ihre Rettung.
Damit spannt Boras den Bogen von den Wurzeln dieser Familie – basierend auf bewegenden Frauenschicksalen – bis in die Gegenwart. Bemerkenswert sind auch die kurzen Kapitel, in denen die Banater Erde selbst zu Wort kommt. Ein kluger, lesenswerter Roman!
Sandra Brugger | biblio
Marc Elsberg: Eden
: wenn das Sterben beginnt : Thriller / Marc Elsberg.
- München : Blanvalet, 2026. - 767 Seiten
ISBN 978-3-7645-0866-1 Festeinband : EUR 28,60 (AT)
Rasanter und perfekt recherchierter Öko-Thriller. (DR)
Technik, vernetzte Ökosysteme und wirtschaftliche Verflechtungen: Die uns vertraute Welt ist ein verletzlicher Organismus. Einmal aus dem Gleichgewicht gebracht, sind die Folgen unabsehbar. Influencer Linus Strand und Meeresbiologin Sarah Keller befinden sich im karibischen Urlaubsparadies. Doch der Raubbau an Umwelt und Natur macht sich auch hier unerwartet bemerkbar. Ein Tauchgang entwickelt sich zum Horrortrip. Und Berichte aus aller Welt zeigen, es geht um mehr als ein paar »verirrte« Kreaturen aus der Tiefsee. Das neue KI-Programm Vysyon prognostiziert weitere Umweltkatastrophen. Sarah und Linus gehen den Gründen für Planktonmangel, verdorrende Böden und Fischsterben auf den Grund. Durch Postings zur sich ankündigenden ökologischen Megakrise machen sie sich mächtige Feinde. Ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel mit skrupellosen Investoren entfaltet sich mit voller Wucht.
Mehr als 700 spannungsgeladene Seiten versprechen kurze Nächte. Auch aufgrund der fundierten naturwissenschaftlichen Recherche eine Empfehlung für jedes Thriller-Regal.
Martin Pellizzari | biblio
Ursula Poznanski: Das Signal
: Thriller / Ursula Poznanski. - München : Knaur, 2026. - 398 Seiten
ISBN 978-3-426-56812-5 Festeinband : EUR 24,70 (AT)
Eine Frau, die nicht aufgibt: Wenn aus Hilflosigkeit »Kreativität« wird. (DR)
Adam und Viola sind ein modernes Paar – er Marktforscher und gefeierter Fernsehstar, sie erfolgreiche Dekorateurin und Innenausstatterin. Ein Unfall im Keller des gemeinsamen Hauses hat schwerwiegende Folgen, Viola verliert ein Bein. An das Unglück hat sie keine Erinnerung, allerdings tauchen immer wieder Flash-backs auf und hinterlassen eine beängstigende Ahnung. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus hat Adams Fürsorge etwas Zwanghaftes, Überbesorgtes – fast scheint es, als will er ihre Bemühungen selbständig zu werden, bremsen. Sie spürt eine bis dato nie gekannte Distanz. Viola beginnt ihren Mann zu tracken und Ungereimtheiten im Tagesablauf werden schnell ersichtlich. Warum belügt er sie? Ist sie in Gefahr? Weiß er von …? Denn auch Viola hat ein gefährliches Geheimnis.
Mit diesem rasant erzählten Thriller lässt uns Ursula Poznanski die Einsamkeit der Ich-Erzählerin Viola fast körperlich spüren. Subtil und mit wenigen Sätzen gelingt es ihr, Zweifel an den Absichten des Ehemannes zu säen. Detailreich schildert sie uns den Tagesablauf von Viola, samt gut recherchierten Einblicken in Rehabilitation und Prothetik. Die von ihr beschriebenen winzigen Tracker gibt es in dieser Form (noch) nicht, trotzdem ein beängstigendes Szenario. Obwohl sich die Handlung praktisch nur in diesem einen Haus abspielt, wird die unheilvolle Spannung konsequent hochgehalten. Anspielungen an ein Ereignis in der Vergangenheit tragen dazu bei, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen. Der Showdown am Ende rundet das Lesevergnügen in perfektem Maße ab. Allen Bibliotheken wärmstens empfohlen.
Petra Auer | biblio
Michael Lehofer:
Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen
: Begegnung – Lebendigkeit – Liebe / Michael Lehofer.
- Wien : Kneipp Verlag, 2026. - 189 Seiten
ISBN 978-3-7088-0831-4 Festeinband : EUR 25,00 (AT)
Ein freundlicher, therapeutischer und philosophischer Begleiter für den Alltag. (PP)
Was braucht der Mensch, um ein gutes Leben zu führen? Ein Leben, das dem eigenen Sein entspricht? Was hindert einen Menschen daran aufzublühen? Der Autor, ein gebürtiger Grazer, kennt die existenziellen Fragen der Menschen aus seiner täglichen Praxis und hat überzeugende Antworten. Er ist Philosoph, Psychiater, Psychologe und »eine der bekanntesten Stimmen für persönliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum.«
Es ist tatsächlich eine warmherzige und einfach verständliche Stimme, die Wohlbefinden und Nähe erzeugt. In einer Reihe von kurzen Kapiteln teilt der Autor seine philosophischen Gedanken, erzählt Episoden aus seiner therapeutischen Praxis und erklärt, wie Menschen sich entwickeln und reifen können. Der Ratgeber kommt ohne Bilder aus, der Druck ist angenehm groß, der Stil sehr flüssig und die Worte behutsam bis bedächtig. Aussagekräftige Leitsätze werden hervorgehoben und die schlichte Farbgestaltung wirkt freundlich. Allen Bibliotheken empfohlen.
Aloisia Altmanninger | biblio
Roland Schwarz:
Ein Nachmittag im südlichen Blütenland
: die Macht von Büchern / Roland Schwarz.
- Salzburg : Wien : Edition Tandem, 2025. - 185 Seiten
ISBN 978-3-903516-20-5 Festeinband : EUR 25,00 (AT)
Lektüre mit Folgen – was Bücher bei Lesenden auslösen können. (PB)
Dass Bücher das Leben von Lesenden lange begleiten, beeinflussen, ja sogar verändern können, dafür gibt es etliche bekannte Beispiele in der Geschichte. Der Autor sammelt aktuelle Belege dafür aus seinem Umkreis, sei es in China, Österreich, der Tschechei oder in Italien, wo immer er sich gerade zum Schreiben und Arbeiten aufhält. Entstanden sind dabei 25 interessante und beeindruckende anekdotische Berichte über die Macht von Büchern.
Da inszeniert ein ukrainischer Regisseur ein Brecht-Stück, dessen Text er in seiner zerstörten Bibliothek in Kiew gefunden hat. Eine deutsche Bestseller-Autorin berichtet, wie sie durch die Lektüre von Rosamunde Pilcher angeregt wurde, selbst zu schreiben. Eine Rucksacktouristin stößt in einer Flughafenbuchhandlung auf ein Buch, das ihren Selbstfindungstrip steuert. In Shanghai trifft der Autor eine Frau, die einen englischen Autor übersetzt, um die Lockdown-Zeit zu überstehen.
Die Bandbreite der einflussreichen Lektüreerfahrungen reicht von Dostojewski bis zum Reisebuch, die literarischen Interventionen führen unter anderem bis zur Namensänderung des Lesenden. – Ein inspirierendes und zur Lektüre anregendes Buch, das in keiner Bibliothek fehlen sollte. Und von dem es noch einige Fortsetzungen geben sollte.
Fritz Popp | biblio
Hubert Gaisbauer: Vor der Ewigkeit
: letzte Tage und Stunden berühmter Menschen / Hubert Gaisbauer.
- Innsbruck ; Wien : Tyrolia-Verlag, 2025. - 261 Seiten
ISBN 978-3-7022-4292-3 Festeinband : EUR 26,00 (AT)
Beeindruckende Lebens- und Sterbensgeschichten berühmter Menschen. (BA)
Mit diesem Buch legt der Publizist Gaisbauer gut recherchierte Biografien vor, die den Fokus auf die letzte Phase des Lebens richten. Die Auswahl der Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst und Religion ist dabei interessant gewählt. Bei den drei Frauen Edith Stein, Therese von Lisieux und Mutter Teresa stehen insbesondere das religiöse Denken, biografische Wendepunkte sowie ihr jeweiliger Zugang zu Sterben und Tod im Vordergrund.
Beim großen österreichischen Literaten Thomas Bernhard wird beschrieben, dass aufgrund seiner Herzschwäche die Möglichkeit des eigenen Sterbens stets präsent war und dies sein Schreiben beeinflusst haben könnte. Dem jüdischen Lyriker Paul Celan widmet der Autor eine wertschätzende Auseinandersetzung mit wichtigen Weggefährt*innen wie Gisèle Celan, Nelly Sachs und Ilana Shmueli, gestützt auf Briefzeugnisse.
Die meditativen Kunstwerke des Ikonenmalers Alexander von Jawlensky mit den »dummen Kreuzchen« verweisen mit ihrer Undurchdringlichkeit und ihrer Transparenz auf die Sehnsucht des Künstlers, mit seiner Kunst nach oben zu wollen und dort Licht und Ruhe zu suchen. (S. 118)
Trotz der Schwere der Thematik findet Gaisbauer hoffnungsvolle und tröstende Worte, ohne melancholisch oder sensationslüstern zu wirken. Die existenziellen Fragestellungen hallen nach und regen nachhaltig zum Nachdenken an.
Birgit Leitner | biblio
