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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2015 / September

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Katrin Zipse: Die Quersumme von Liebe

/ Katrin Zipse. - Bamberg : Magellan, 2015. - 284 S.
ISBN 978-3-7348-5011-0      fest geb. : ca. € 17,50

Als Luzie zufällig im Altpapier die Todesanzeige ihrer Oma väterlicherseits findet, ist sie verblüfft – ist diese doch schon seit zehn Jahren tot. Zumindest hat ihre Mutter ihr das so erzählt. Sie kann der Versuchung nicht widerstehen und geht zum Begräbnis – und bekommt immer mehr das Gefühl, dass einiges nicht so war, wie es ihr immer erzählt wurde, auch der Tod ihres Vaters, der beim Bergsteigen verunglückt ist, nicht. Die Verunsicherung und Verwirrung, die auf diese Entdeckungen folgt, versucht sie mit ihrem bewährten Rezept in den Griff zu bekommen, denn eigentlich ist es ganz einfach: Ergibt die durch sich selbst geteilte Quersumme einer Ausgangszahl ein gerades Ergebnis, wird alles gut. Ist es aber ein Ergebnis mit mehreren Kommastellen, könnte es richtig schlimm werden…Um die Spannung ihres Jugendromans zu steigern, greift Katrin Zipse, deren Debut „Glücksdrachenzeit“ 2014 bei Magellan erschien, zu einem besonderen Kniff, zwei Erzählebenen, deren Verschachtelung sich erst nach und nach klärt: Luzie hat ihre Geschichte aufgeschrieben, „Denn dies ist meine Geschichte und ich will sie nicht mehr haben.“ Gelesen und kommentiert wird dieser Text von Puma, ein junger Mann, den sie bei der Spurensuche nach ihrem Vater kennen (und, wie der Titel schon vermuten lässt, natürlich lieben) gelernt hat. Ob aber Luzies Geschichte ein gutes Ende nimmt, bleibt bis zum Schluss offen…

Kathrin Wexberg | STUBE 

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Catarina Sobral: aschimpa

: das geheimnisvolle Wort / Catarina Sobral. Aus dem Portug. von Barbara Mesquita. – Dt. Erstausg. -München : Knesebeck, 2015. - [17] Bl. : überw. Ill. (farb.) ; 32,5 cm
ISBN 978-3-86873-797-4      fest geb. : ca. € 15,40

„A Spunzel is a Brimlitz mit breiteren Lamellen“, so singt das Trio Lepschi auf seiner neuen CD „In Himmö“, um nach längeren, komplizierten Definitionsversuchen schließlich zum Schluss zu kommen, dass die Blutsche schließlich auch eine Spunzel sei. Mit ähnlicher Freude am Nonsens, aber auch satirischem Blick auf jene, die meinen, alles definieren zu können, erzählt die portugiesische Künstlerin Catarina Sobral in ihrem großformatigen Bilderbuch vom geheimnisvollen, von einem Forscher wieder entdeckten Wort „Aschimpa“. Rasch ist geklärt, dass es sich wohl um ein Verb handeln muss: „Offenbar aschimpierten die Leute sich, hatten sich immer aschimpiert und würden sich auch weiterhin aschimpieren, solange es Menschen auf der Welt gab.“ Bis ein Sprachwissenschaftler darauf hinweist, dass es natürlich ein Eigenname ist und daraufhin Köstlichkeiten wie Aschimpa-Risotto in aller Munde sind…
Sobral arbeitet in ihren Bildern mit einer Mischung aus Collagen, Tusche und Buntstiftzeichnungen, mit eigenwilligen Farbkombinationen und Lust an Retro-Elementen wie einem Telefon mit Wählscheibe oder altmodischen Mikrofonen. Es bleibt die Frage, ob für die Lektüre dieses Buches eine Spunzel vonnöten ist – nicht schaden kann jedenfalls der ansprechende Buchtrailer: https://www.youtube.com/watch?v=nHgTTzibVUU

Kathrin Wexberg | STUBE

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Magda Woitzuck: Über allem war Licht

: Roman / Magda Woitzuck. - [Wien] : Verl. Wortreich, 2015. - 261 S.
ISBN 978-3-9503991-2-7      fest geb. : ca. € 19,90

Wohltuende Melancholie. (DR)

In dem neu gegründeten Wiener Verlag Wortreich ist Woitzuck mit ihrem zweiten Roman schon ein wenig das Zugpferd, und das völlig zu Recht. Sie schreibt eine Geschichte, in der ein Opfer zum Täter wird, dafür aber nicht die Voraussetzungen hat und eigentlich wieder Opfer wird. Es "passiert" Rosa, dass sie ihren Mann tötet, der sie jahrelang misshandelt hat. Was soll aber nun geschehen mit der Leiche? Was sagt man der Polizei?
Das klingt nach depressivem Feminismus, ist aber alles andere als langatmig und überengagiert. Woitzuck erzählt mit hohem Tempo, ohne Schnörkel. In dem Roman ist kein Aphorismus, keine Lebensweisheit, nichts, was man zitieren möchte, und doch ist es eine wunderbare Sprache und keine Zeile trivial oder überflüssig. Ein Stil, der verzaubert und in den Bann schlägt. Allzu schnell ist man am Ende der Erzählung und hofft auf eine Fortsetzung.
Um einen ungefähren Eindruck zu bekommen, möge man sich das Cover ansehen, das sehr gut zum Inhalt des Buches passt: ein toter Vogel. Traurig, aber durch die künstlerische Gestaltung viel schöner als in Wirklichkeit. Man sollte sich also von dem irritierenden Titel nicht abschrecken lassen. Der Roman ist lesenswert. Versprochen!

Michael Wildauer | biblio

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Sandrone Dazieri: In der Finsternis

: Thriller / Sandrone Dazieri. Aus dem Ital. von Claudia Franz. - München : Piper, 2015. - 557 S.
ISBN 978-3-492-05688-5      fest geb. : ca. € 20,60

Packender Thriller über die Abgründe der menschlichen Seele. (DR)

Den bestehenden Buchbesprechungen kann man sich nur anschließen: Ein Krimi wie ein Film, der nach einer Fortsetzung schreit. Schnell, dicht, mit einer spannend-atemlosen Wendung nach der anderen galoppiert die Handlung über doch stolze 560 Seiten. Herzstück der Ermittlungen rund um eine ermordete Frau und ihren vermissten Sohn sind die suspendierte junge, traumatisierte Kommissarin Colomba, die ihren eigenen Kampf gegen Panikattacken führt, und der schrullige Dante Torre, der in seiner Kindheit als Entführungsopfer elf Jahre lang in einem Silo-Turm eingesperrt war und seither die Gabe besitzt, Menschen sehr genau analysieren und "lesen" zu können.
Diesmal ist Dante überzeugt: Der Mann, der ihn damals entführt hat und den er "Vater" nennen musste, hat wieder zugeschlagen. Gegen alle dienstlichen Regeln nimmt das sonderbare Ermittler-Duo die Verbrecherjagd auf und gräbt von einem Albtraum zum nächsten stetig weiter in die Tiefen menschlicher Absonderlichkeiten, die sich immer mehr zu einem großen Ganzen zusammensetzen. Prädikat: Ein Muss für alle Thriller-Fans - eine durchkomponierte, fesselnde und noch dazu gut übersetzte Geschichte mit fein gezeichneten ProtagonistInnen, die man nur schwer weglegen kann!

Verena Gangl | biblio

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Lafcadio Hearn: Chita

: eine Erinnerung an Last Island / Lafcadio Hearn. Aus dem Engl. übers. und hrsg. von Alexander Pechmann. - Salzburg ; Wien : Jung und Jung, 2015. - 133 S.
ISBN 978-3-99027-068-4      fest geb. : ca. € 17,90

Kein Buch - ein impressionistisches Gemälde! (DR)

Manchmal greife ich gern zu Büchern weniger bekannter AutorInnen, besonders wenn es solche des 19. Jahrhunderts sind. Der Griff zu diesem Buch war ein echter Glücksgriff. Hier wird Sprache zelebriert. Hier wird Impressionismus aus einer ungeahnten, uns literarisch oft nur wenig vertrauten Ecke dieser Erde in Sprache gegossen. Hier tritt uns ein Autor gegenüber, der die griechischen, bretonischen, irischen und amerikanischen Küsten und ihre Stürme kennt und der sie zu beschreiben weiß wie kein Zweiter.
Die kleine Novelle fesselt äußerst überraschend und nicht selten blättert man zurück, nur um eine Passage ihrer Sprache wegen noch einmal zu lesen. Es geht um einen Sturm, um Zerstörung und um Überleben. Chita hat überlebt und findet neue Heimat. Doch auch das neue Glück bleibt zerbrechlich. Auch wenn das unscheinbare Büchlein nicht zu den "dicken Wälzern" zählt, so gehört es doch zu den großen Erzählungen und der unbekannte Autor braucht sich neben einem Twain oder Thoreau nicht zu verstecken.

Jonathan Werner | biblio

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Lukas Beck / Saskia Schwaiger: Stadtmenschen

 : wie Plätze und Straßen Biografien prägen / vierzig Porträts, fotogr. von Lukas Beck. Hrsg. von Saskia Schwaiger. - Wien : Picus-Verl., 2015. - 167 S. : zahlr. Ill. (farb.) ; 24,5 x 28,5 cm
ISBN 978-3-7117-2024-5      fest geb. : ca. € 29,90

Vierzig Menschen, die in der Stadt ihre Bestimmung gefunden haben, geben Einblick in ihr "Stadtleben". (BA)

Einer der deutlichsten Trends der Gegenwart ist die Landflucht. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, in Österreich sind es bereits zwei Drittel. Anlässlich des 100. Geburtstages des Österreichischen Städtebundes wurden vierzig Künstler und Wissenschaftler danach gefragt, welche Rolle "ihre" Stadt in ihrem Leben spielt. Was also eint die Stadtmenschen? Die Stadt war und ist für viele das Hoffnungsgebiet für eine erfolgreiche Laufbahn als Künstler oder Wissenschaftler. Sie wollten der Enge des Dorfes entkommen, der Beobachtung und Kontrolle durch die Nachbarn oder der eigenen Eltern. Der Musiker Christian Muthspiel zog einst nach Graz, um eine gediegene musikalische Ausbildung zu erhalten. Heute lebt er in der Nähe Wiens, hat aber in der Innenstadt noch eine Wohnung, die ihm jederzeit die Flucht ins urbane Leben ermöglicht. Auch für die Schauspielerin Ursula Strauss ist die Großstadt Wien zur zweiten Heimat geworden. Sie liebt das Bunte, die Vielfalt und die Möglichkeit, spontan zu entscheiden, wo man hingeht. Für den Schriftsteller Karl-Markus Gauß gibt es in "seiner" Stadt Salzburg eine unscheinbar wirkende Kreuzung, die für ihn der ideale Ausgangspunkt ist, um die soziale und kulturelle Vielgestalt des urbanen Lebens zu erkunden: Die Bäcker-Bacher-Kreuzung im Ortsteil Lehen.
Dieses Buch besticht durch seine unaufgeregte, sensible Sprache, aber auch durch ungeschönte Fotos, die einen ehrlichen Einblick in die Lebenswelt der "Stadtmenschen" geben.

Johannes Preßl | biblio

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Kenzaburo Oe: Licht scheint auf mein Dach

: die Geschichte meiner Familie / Kenzaburo Oe. Aus dem Japan. von Nora Bierich. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2014. - 202 S., [8] Bl. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-10-055217-4      fest geb. : ca. € 20,60

Berührender Lebensrückblick des japanischen Nobelpreisträgers, in dessen Mittelpunkt der behinderte Sohn steht. (BO)

Mit 28 Jahren wurde Oe Vater eines Sohnes, der mit einer Hirnmissbildung zur Welt kam. Schon bald fiel das besondere Gefühl des Kindes für Töne auf, zunächst für die Stimmen der Vögel; später entwickelte sich eine starke Hinneigung zur klassischen Musik. Trotz seiner Behinderung erlernte Hikari die Notenschrift und wurde zu einem angesehenen Komponisten.
Der Autor verschweigt nicht die widersprüchlichen Gefühle, die ihn nach der Geburt des Kindes überkamen und ihn einen Moment zögern ließen, ob er der riskanten, aber lebensrettenden Operation des Säuglings zustimmen soll. Mit großer Feinfühligkeit versucht der Vater, seinen Sohn Hikari zu verstehen, ihn zu unterstützen, und ist gleichzeitig offen dafür, auch von ihm zu lernen. Dabei wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass die Fürsorge für ein behindertes Kind eine immense Herausforderung für die ganze Familie bedeutet, aber eben auch eine Chance, an einem solchen Schicksal zu wachsen. Schon im Titel des Buches wird deutlich, was Oe auf ungemein berührende Weise ausdrückt: dass Hikari das Licht ist, das auf das Dach seiner Familie scheint.
Die Werke Kenzaburo Oes gelten nicht als einfache Lektüre, dieses jedoch ist zugänglich und macht mit seiner Klugheit und Wärme Mut, eine Herausforderung anzunehmen und ja zum Leben zu sagen.

Ingrid Kainzner | biblio

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Jan Assmann: Exodus

 : die Revolution der Alten Welt / Jan Assmann. - München : C. H. Beck, 2015. - 493 S. : Ill.
ISBN 978-3-406-67430-3      fest geb. : ca. € 30,80

Entstehung, Werden und Wirkung der Exodus-Erzählung in einem faszinierenden religionsgeschichtlichen Zusammenhang. (PR)

Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten gehört zu den zentralen Überlieferungen Israels. Sie steht für die Befreiung aus der Sklaverei, aber auch für das Werden des Glaubens an den einen Gott und wird im Laufe der Zeit zu einer Symbolgeschichte für Freiheit. Im biblischen Buch Exodus haben sich alle ursprünglich selbständigen Überlieferungen verdichtet. Für den Verfasser ist die Exodus-Überlieferung und die sich in ihr niederschlagende Entstehung des Monotheismus eine Wende in der Menschheitsgeschichte, denn im Gegensatz zu anderen Religionen geht sie auf brennende Fragen der Menschen ein: auf die Frage nach der Nähe Gottes und die Frage nach Identität. Die Antwort ist immer verbunden mit einem Gott, der unter den Menschen wohnen möchte. "Treue" ist Kennzeichen des jüdisch-christlichen Monotheismus. Dieser "Monotheismus der Treue" hat die damalige Welt und ihr Religionsgefüge verändert.
Assmann zeigt eindrucksvoll auf, worin die über Jahrtausende wirkende Kraft und Faszination der Exodus-Geschichten besteht. Er beschreibt die religions- und geistesgeschichtlichen Hintergründe, Zusammenhänge und Parallelen des Exodus mit der Religion Ägyptens und der anderer orientalischer Religionen. Inwieweit sich die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten mit all ihren Einzelheiten genauso ereignet hat, wie die Bibel schreibt, oder ob sie auf einem Kern beruht, der später idealisiert oder auch ideologisiert wurde, oder einen Idealzustand darstellen möchte, ist angesichts ihres neuen Gottesbildes und ihrer Wirkungsgeschichte dann weniger von Bedeutung.
Das spannende Buch enthält viel Faktenwissen und zeugt von einer großen Kenntnis um Zusammenhänge, Besonderheiten und Auswirkungen und regt vor allem an, über überlieferte Gottesbilder nachzudenken. - Für Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler und alle, die an derartigen Fragestellungen interessiert sind, und Bibliotheken mit entsprechend ausgerichteten Beständen.

Hanns Sauter | biblio

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