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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2015 / Juli

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Albert Wendt: Das tanzende Häuschen

/ Albert Wendt. - Wien : Jungbrunnen, 2015. - 93 S.
ISBN 978-3-7026-5870-0      fest geb. : ca. € 12,95

Das tanzende Häuschen ist ein Hotel, die Besitzerin ein feines Kamel, der Concierge ein schüchterner Bär und die Dauergästin eine exzentrische Pudeldame namens „Schlimme Hedwig”. Dass das Häuschen „Hotel zum dicken Fell” heißt, scheint kein Zufall zu sein, sondern vielmehr auf die Charaktereigenschaft Tine Pelerines zu verweisen: „Vielleicht bin ich sogar etwas zart, aber Mama nennt mich ‘tapferzart’. Ich bin kein bisschen zimperlich”, hält die Protagonistin eingangs fest.
Die Erzählung rund um das tanzende Häuschen wirkt in Folge wie ein Stresstest für das „tapferzarte” Mädchen. Schließlich vermisst sie ihre Mutter, die irgendwo in der Ferne zur Arbeit gehen muss und ihre neuen Mitbewohner_innen haben es allesamt faustdick hinter den Ohren. Mit Ausnahme des Bären, dem es vorerst an Mumm fehlt und bei dem das bärische „Brumm-Brumm” nur zum namensgebenden „Brim-Brim” reicht. Wortwitz und die Skurrilität der Figurenzeichnung erzeugen eine Erwartungshaltung bei den Leser_innen, die sich von Tier zu Tier vervielfacht. Denn spätestens wenn man erfährt, dass der Hammel Gartenmö und dessen Tanten „Ü, Horri, Dura und Dezi und auch Sensi” mit Nachnamen Bel heißen, möchte man wissen, warum der “dreibeinige Mops” den Wolf in sich sucht und ein Attentat auf ein Hühnchen plant.
Die Kapitel sind kurz und kurzweilig gestaltet. Darüber hinaus bietet sich der dialogreiche Text sehr gut für Vorlesesituationen an, da die sprachliche Finesse Albert Wendts nicht bei den Figuren Halt macht, sondern eine weitere Portion Humor in bildhaften Slapstickeinlagen anbietet.
Bereichert wird die Erzählung aber auch von der Autonomie Tine Pelerines, ihrer naiv-erfrischenden Offenheit und ihrer unbedingten Hilfsbereitschaft ihren Mittieren gegenüber. Schließlich fordert sie von dem Bären „Brim-Brim” keine einschüchternd gebrummten Us, sondern ermutigt ihn - dem stimmlichem Vermögen entsprechend - zu einem beherzten Kikeriki. Als der Möchtegern-Wolf in hohem Bogen an die breite Brust des vermeintlichen Hühnchens springt, präsentiert sich das wahnwitzige Spektakel in vollen Zügen und kann sich nur noch in einem regelrechten Höhenflug des Mopses und dessen Reaktionen steigern: „Mama, warum sind Engel so hässlich?” „Nein, Kai-Anton, Engel sind wunderschön.” „Nein, Mama, Engel sind klein, fett und haben eingedrückte Nasen.” „Pfui, Kain-Anton, du bist wieder frech wie dein Papa. Schäme dich!”
Ein wunderschön verrücktes Buch, für das man nicht alle Tassen im Schrank haben muss, um es zu lieben.

Peter Rinnerthaler | STUBE 

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Anna Kuschnarowa: Das Herz von Libertalia

: Roman / Anna Kuschnarowa. - Weinheim : Beltz und Gelberg, 2015. - 463 S.
ISBN 978-3-407-81187-5      fest geb. : ca. € 18,50

Vom Motto der Kindergeburtstagsparty bis zum Captain Sharky-Duschgel – Piraten sind ein zeitloses Element der Kinderkultur, und die Tatsache, dass das historische Phänomen weniger mit lustigen Abenteuern als mit Gewalt und dem harten Leben auf einem Schiff zu tun hatte, wird dabei meist ausgespart. Anna Kuschnarowa widmet sich dem Thema für ein jugendliches Lesepublikum und stellt eine historisch verbürgte Piratin ins Zentrum ihres üppigen Romans: Anne Bonny, die an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert lebte. Die wenigen Informationen, die über ihr Leben vorliegen, werden von Kuschnarowa mit viel Lust an Zeit- und Lokalkolorit literarisch aufbereitet.
Besonderen Reiz bekommt der Text durch den Umstand, dass es Anne Bonny selbst ist, die aus der Ich-Perspektive von ihrem abenteuerlichen Leben erzählt. Immer wieder verkleidet sie sich als Mann, bei anderer Gelegenheit setzt sie gezielt ihre weiblichen Reize ein, um zu erreichen, was sie will. Dieses geschickte (und oft gefährliche…) Spiel mit Geschlechterrollen lädt natürlich auch dazu ein, über Geschlechterrollen heute zu sinnieren – der Traum von Libertalia, einer gerechten Gesellschaft, auch heute noch Kurs darauf zu halten, wie es die Autorin im Nachwort formuliert.

Kathrin Wexberg | STUBE

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David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

 : Roman / David Whitehouse. Aus dem Engl. von Dorothee Merkel. - Stuttgart : Tropen, 2015. - 314 S.
ISBN 978-3-608-50148-3      fest geb. : ca. € 20,50

Die Fahrt mit Freunden in einem gestohlenen Bücherbus zeigt dem vernachlässigten Bobby, dass Liebe und Zuneigung auch außerhalb der Familie zu finden sind. (DR)

Nachdem Bobby Nuskus Mutter eines Tages verschwunden ist, fristet er zusammen mit seinem alkoholkranken, gewalttätigen Vater und dessen klatschsüchtiger Freundin ein liebloses und unbeachtetes Dasein. Seine Freizeit verbringt er damit, im Haus gefundene Haare seiner Mutter zu archivieren. Selbst angefertigte Skizzen des Hauses sollen ihm helfen, jenes eines Tages an einem anderen Ort wieder aufzubauen, wenn seine Mutter zu ihm zurückkommt. Freunde hat er keine, bis Sunny in sein Leben tritt. Die Zuneigung zu Bobby ist so groß, dass er sich für ihn in einen Cyborg verwandeln möchte, um ihn vor einigen Jungs aus der Schule zu beschützen, die ihn ständig schikanieren. Als Sunny auch aus seinem Leben verschwindet, ist Bobby zutiefst verletzt, findet aber gleichzeitig bei der autistischen Rosa und ihrer Mutter Val, die nebenan wohnen, Trost.
Val ist ebenfalls einsam und so entsteht trotz des großen Altersunterschieds nach und nach so etwas wie Freundschaft. Als die Stadt den großen Bücherbus, in dem Val als Putzfrau angestellt ist, nicht mehr weiterfinanziert und üble Gerüchte über sie die Runde machen, bricht sie gemeinsam mit Rosa, Bobby und ihrem Hund Bert zu einer Reise ohne Ziel mit dem Bücherbus auf. Die Bücher, die sie mit im Gepäck haben, eröffnen Bobby eine neue Welt, die ihm zeigt, dass er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden muss, sondern dass auch er Liebe und Zuneigung verdient hat.
Rührend, herzerwärmend und gleichzeitig traurig stimmend ist dieses Buch von David Whitehouse über die Macht der Bücher, Hoffnung und über das Anrecht auf zumindest ein bisschen Glück eines jeden Einzelnen.

Birgit Stessl | biblio

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Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land

: Roman / Anna Quindlen. Aus dem Engl. von Tanja Handels. - München : DVA, 2015. - 317 S.
ISBN 978-3-421-04666-6      fest geb. : ca. € 20,60

Umständehalber zieht eine bekannte Fotografin aufs Land und ändert ihre Lebensperspektive. (DR)

Rebecca Winter, eine bekannte und erfolgreiche Fotografin, muss erkennen, dass ihre großen Erfolge lange zurückliegen und ihre Geldquelle nicht mehr so sprudelt, wie ihre gestiegenen Ausgaben es erfordern würden. Geschieden, der Sohn erwachsen, lebt sie alleine in einer zu großen und zu teuren Wohnung in New York. Die demente Mutter wohnt im Altersheim, der alte Vater mit seiner Haushälterin in einer eigenen Wohnung und für alle Kosten kommt die Tochter auf. Um dem finanziellen Kollaps zu entgehen, vermietet sie ihre Wohnung und zieht in ein billiges Haus auf dem Land. An Selbstständigkeit gewöhnt, stellt sie sich den neuen, ungewohnten Herausforderungen und versucht, auch den schlechten Seiten Positives abzugewinnen. Immer hat sie ihren Fotoapparat griffbereit, wendet sich neuen Motiven zu und entdeckt eine Welt, in der sie auch noch als Sechzigjährige ihr persönliches Glück findet.
Ein einfühlsamer und berührender Roman, der Familienverhältnisse und Beziehungen realistisch darstellt und beleuchtet, Glück und Tragik, aber auch Freundschaft und Liebe lebensnah miteinander verbindet. Sehr lesenswert, sehr zu empfehlen.

Maria Dorrer | biblio

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Amos Oz: Judas

: Roman / Amos Oz. Aus dem Hebr. von Mirjam Pressler. - Berlin : Suhrkamp, 2015. - 331 S.
ISBN 978-3-518-42479-7      fest geb. : ca. € 23,60

Nachdenken in Romanform über zwei komplizierte Anfänge: Christentum und Staat Israel. (DR)

Ein kalter, regnerischer Winter im Jerusalem des Jahres 1959: Schmuel Asch, ein etwas unentschlossener und lebensunpraktischer Student, der an seiner Magisterarbeit zum Thema "Jesu in den Augen der Juden" arbeitet, ist vor kurzem von seiner Freundin verlassen worden, die einen für den Staat Israel nützlichen Wasser-Experten heiratet. Der Konkurs seines Vaters bedeutet zudem, dass der ihm sein Studium nicht mehr weiterfinanzieren kann. Zufällig entdeckt Schmuel eine Annonce, die eine Stelle als Gesprächspartner bei einem alten, gehbehinderten Mann anbietet, Kost und Logis inklusive. Schmuel erhält sie und gerät damit in den Sog der israelischen Gründungsgeschichte. In der Folge verschiebt sich nicht nur der Fokus seines Interesses von Jesus auf Judas, sondern auch die Wahrnehmung der Gründungsgeschichte des Staates Israel verändert sich. Denn so wie es am Anfang des Christentums zwei Tote gab und Judas als der erste konsequente Gläubige erscheint, so gab es auch vor der Gründung des Staates Israel angeblich die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung. Davon erfährt Schmuel in seinen Gesprächen mit dem alten Mann, dessen Sohn 1948 im arabisch-israelischen Krieg fiel. Im Haus wohnt ebenfalls dessen Witwe, die geheimnisvolle und schöne Atalja. Deren bereits verstorbener Vater wiederum verlor als "Verräter" seine politischen Ämter, weil er für die Notwendigkeit eines gemeinsamen Staates für Juden und Araber plädiert hatte. Zudem ist der eher zögerliche Schmuel hin und hergerissen zwischen Erinnerungen an seine ehemalige Verlobte und erotischen Fantasien über seine Mitbewohnerin. -
Interessanter Mix von politischer und erotischer Thematik, spannende Auseinandersetzung mit der Judasfigur und seiner Rolle in der Folgegeschichte des Christentums; in großartiger Prosa, wunderbar ins Deutsche übertragen von Mirjam Pressler. Allen an Zeit-, Kultur- und Religionsgeschichte interessierten RomanleserInnen dringend empfohlen.

Fritz Popp | biblio

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Inge Friedl: Alte Kinderspiele - einst und jetzt

: mit vielen Spielanleitungen / Inge Friedl. - Wien [u.a.] : Böhlau, 2015. - 235 S. : Ill. (z.T. farb.)
ISBN 978-3-205-79636-7      fest geb. : ca. € 24,90

Teils vergessene Spiele neu entdeckt. (VB)

Der flämische Maler Pieter Bruegel d. Ä. schuf 1560 das Bild "Kinderspiele", das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen ist. Über 230 Kinder sind in fast 90 Kinderspiele vertieft. Dieses Bild ist der Begleiter durch dieses Buch, das sich Kinderspielen widmet, die jahrhundertelang gespielt wurden, heute jedoch oftmals in Vergessenheit geraten sind, weil sie aus unterschiedlichen Gründen kaum mehr gespielt werden (können). Doch haben erfahrungsgemäß Kinder an den alten Spielen großen Spaß - vorausgesetzt sie finden jemanden, der sie ihnen erklärt, und sie haben die geeigneten Voraussetzungen (unbebautes Land, Streuobstwiesen, ruhige Straßen und Plätze, geräumige Zimmer...) dafür. Das Bemerkenswerte an diesem - auch von der Gestaltung her außerordentlich schönen Buch - ist, dass es die etwa 100 Spiele nicht nur ordnet, beschreibt und erklärt, sondern auch ihre Bedeutung für die motorische, koordinatorische und soziale Entwicklung der Kinder herausarbeitet. Dazu berücksichtigt es Erfahrungen heutiger Kindergartenpädagoginnen bzw. Physiotherapeutinnen.
Zahlreiche Fotos lassen eine Welt aufleben, die ältere LeserInnen aus eigener Erfahrung kennen, eine Welt, in der "Spielen" nicht weitgehend in virtuellen Räumen stattfand, sondern bedeutete, lebens- und wirklichkeitsnah die Umgebung zu erkunden, mit Menschen, Tieren und der Natur umgehen zu lernen, Sozialverhalten einzuüben, Rollen auszufüllen, sich behaupten zu lernen, Kräfte zu messen, nachgeben zu können und vieles andere Alltagstaugliche mehr.
Ein Buch von eigenem Zauber, aber auch von besonderer Aktualität! Für alle Öffentlichen Büchereien, Kindergärten, Volksschulen, LeiterInnen von Kindergruppen sowie Großeltern-Enkel-Freizeiten.

Hanns Sauter | biblio

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Gabriela Nedoma: Biokosmetik

: vegan, frisch, naturbelassen / Gabriela Nedoma. - Ostfildern : Thorbecke, 2015. - 136 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-7995-0625-0      fest geb. : ca. € 20,60

Anleitung zur Herstellung veganer Körperpflegeprodukte. (VW)

Dieses Buch bietet den LeserInnen Anleitungen zur Herstellung eigener Pflegeprodukte. In allen Rezepten werden frische Heilpflanzen, roh und unerhitzt, verwendet. Dadurch kann die Haut eine Reihe an gesundheitsfördernden Stoffen wie z.B. Chlorophyll, Enzyme, ungesättigte Fettsäuren, Phytohormone, Meristeme und Vitamine aufnehmen, die sonst bei Erhitzung, Destillation oder Extraktion verloren gehen. Viele Kräuter findet man gleich in der unmittelbaren Umgebung, in Wiesen, Wäldern, Gärten, Bioläden oder auf dem Bauernmarkt. Außerdem benötigt man noch eine kleine Grundausstattung an Ölen, Shampoogrundlagen, Pflanzenmilch, Natron, Salz, Gelen und Konsistenzgebern, um mit der Produktion von Reinigungs-, Zahnpflege- und Hautpflegemitteln und Deodorants zu starten.
Alle Rezepte enthalten eine Zutatenliste, eine Zubereitungsbeschreibung sowie viele Tipps zur Anwendung. Zu beachten ist bei einigen Rezepturen die kurze Haltbarkeit, dafür ist alles frei von Konservierungsstoffen und 100% naturbelassen. Beim Lesen dieses Buches ist man sehr motiviert, einige Rezepte sofort auszuprobieren. Sehr empfehlenswert für alle Bibliotheken.

Maria Dorrer | biblio

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Martin Kolozs: Bischof Reinhold Stecher

: Leben und Werk / Martin Kolozs. - Wien [u.a.] : Styria Premium, 2015. - 204 S. : Ill. (z.T. farb.)
ISBN 978-3-222-13490-6      fest geb. : ca. € 24,99

Die erste Biografie über den "unbequemen" Volksbischof. (PR)

Bischof Stecher war weit über die Grenzen seiner Diözese hinaus geschätzt: als volksnaher Bischof, kritischer Kirchenmann, als Maler, Bergsteiger und Buchautor. Eine Autobiografie zu schreiben, hat er stets abgelehnt. Nun zeichnet Autor Martin Kolozs, der dem Bischof seit der Ministrantenzeit verbunden geblieben ist, das Leben des Bischofs nach. Er schildert seine Kindheit, die Jahre der NS-Zeit, wichtige Stationen seiner bischöflichen Amtszeit sowie sein Engagement für eine Kirche des Konzils. In diesen Kontext gehören auch seine Maßnahmen gegen den "Anderle von Rinn-Kult", das Engelwerk und auch seine Kritik an Entwicklungen der Kirche, die vom Geist des Konzils nur mehr wenig erkennen ließen. Bekannt wurde dazu sein kritischer Brief an Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1997.
Der Autor hat mithilfe des Quellenmaterials - bekanntes und noch nicht veröffentlichtes -, das er für seine Recherchen heranziehen konnte, ein informatives und gut lesbares Buch gestaltet, das dankbar macht - sowohl für die Person als auch für das menschliche, das seelsorgerliche und bischöfliche Wirken Reinhold Stechers. Der liebevoll ausgesuchte Bildteil trägt dazu bei. - Für alle Bibliotheken.

Hanns Sauter | biblio

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