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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2010 / Jänner

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Eduard Mörike / Hannes Binder: Um Mitternacht

 / Eduard Mörike. Mit Bildern von Hannes Binder. - Zürich : Bajazzoverlag, 2009. - [17] Bl. : zahlr. Ill.
ISBN 978-3-905871-06-7      fest geb. : ca. € 15,40

Keine Raketen, Lärm und buntes Feuerwerk der Silvesternacht findet sich hier „Um Mitternacht“. In der Zeit vom Untergang bis zum erneuten Aufgang der Sonne ruht die Nacht über der Hektik des verstrichenen Tages und hüllt sie mit einer finster, melancholischen Stimmung ein. Mörike, der 1827 die Verse dieses Gedichts verfasst, bewegt sich in seinem Werk zwischen den Polen von Romantik und Realismus. Der Illustrator Hannes Binder nimmt sich dieses aufgespannten Raumes an und versetzt die mit der Bildsymbolik der griechischen Antike aufgeladene Schilderung des Verlaufs der Nacht in die städtische Umgebung des 21. Jahrhunderts. „Und kecker rauschen die Quellen hervor, / Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr“. Während dessen schieben sich in Binders Illustration Autoströme über die mehrspurigen Straßen, setzen mit ihren Scheinwerfern und den sie umgebenden Straßenlampen helle Kontraste zum einbrechenden Dunkel der Nacht. Geradlinige Linien und Flächen werden von diagonal-geschwungenen kontrastiert und so entsteht ein ständiges Gegeneinander von Dynamik und Stillstand, Rauschen und Ruhe. Mit der Schabkartontechnik kratzt Binder die schwarz-weißen Bilder und zeichnet den Konflikt von Licht und Dunkel im Verlauf der Nacht nach. Mit dem Rauschen halten die Wasserwellen des Ozeans Einzug in die Zivilisation der Stadt und überdecken die Ereignisse der Tageswirklichkeit.
Der Illustrator transportiert in seiner Adaption Mörikes Lyrik in unsere Gegenwart, wobei es ihm gelingt, die bildstarke und dennoch mystisch-formlose Gestalt der Sprache des Textes in 14 nicht sequenzielle Einzelbilder zu fassen, die gleichzeitig eine Interpretation anbieten und dabei so offen bleiben, eigene Ausdeutungen in sich aufzunehmen. „Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage, / Vom heute gewesenen Tage.“ Und so bleiben auch hier Text und Bild in ständigem, wechselhaftem Austausch, gleich einer mäandernden Fließbewegung die auf allen Gestaltungsebenen dieses Bilderbuch durchzieht.

Lukas Bärwald | STUBE 

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Mary E. Pearson: Zwei und dieselbe

: ["wie viel von mir bin ich?"] / Mary E. Pearson. Aus dem Amerikan. von Gerald Jung und Katharina Orgaß. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2009. - 333 S. - (Fischer Schatzinsel)
ISBN 978-3-596-85337-3      fest geb. : ca. € 15,40

151 Jahre liegt die Erstveröffentlichung von Charles Darwins Werk „Über die Entstehung der Arten“ zurück. Am Beginn des Jahres nach dem Darwin-Jahr stellt sich also die Frage: Wohin entwickelt sich der Mensch auf Grundlage jener Erfolge, die die Gen- und Reproduktionsforschung in den vergangenen Jahren zu verzeichnen hatte? Mary E. Pearson greift das ethisch brisante Thema der Gen-Manipulation auf und transferiert es in ein zukünftiges Erzählszenario, in dem auf heutige medizinische Entwicklungen schon ein wenig nostalgisch zurückgeblickt wird. Die grundsätzliche und relevante Fragestellung jedoch bleibt dieselbe: Was macht das Menschsein aus? Wie stark darf in die biologische/genetische Entwicklung eines Menschen eingegriffen werden? Gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Jenna finden sich die Leser/innen gleich zu Beginn in einem verunsichernden Szenario wieder: Nach einem schweren Unfall und Gedächtnisverlust erwacht Jenna in ihr fremder Umgebung aus dem Koma: die Eltern sind umgezogen und ganz offensichtlich rankt sich ein Geheimnis um Jennas „neue“ Existenz. Wie neu diese Existenz wirklich ist, wird Jenna erst nach und nach klar und es stellt sich die Frage: Ist Jenna überhaupt noch sie selbst? Durchbrochen von kurzen assoziativen Passagen, in denen Jenna versucht, ihren Gedanken unzensuriert Ausdruck zu verleihen wird zügig und spannend von körperlicher Rekonstruktion und einer Persönlichkeitsentwicklung erzählt, die wortwörtlich reloaded wurde.

Heidi Lexe | STUBE

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Jayne Anne Phillips: Glasmondmann

: Roman / Jayne Anne Phillips. Aus dem Amerikan. von Barbara Schaden. - Berlin : Berlin-Verl., 2009. - 333 S.
ISBN 978-3-8270-0281-5      fest geb. : ca. € 20,50

Vielschichtiges amerikanisches Familienepos aus der Zeit des Koreakrieges in den 1950er Jahren. (DR)

Der Roman wird aus vier Perspektiven erzählt: Die fast erwachsene Lark, ihr Halbbruder Termite, deren Tante und Ziehmutter Nonie und Termites Vater, Robert Leavitt, schildern die Ereignisse. Lark wurde knapp nach ihrer Geburt in die Obhut ihrer Tante gegeben. Ihre Mutter hatte sie "als Geschenk" für ihre unfruchtbare Schwester bekommen. Lark war zehn Jahre alt, als ihr Halbbruder Termite als einjähriges schwer behindertes Baby ebenfalls zu ihrer Tante kam, welche sich wie eine Mutter um die beiden kümmerte. Lola, die leibliche Mutter der beiden Geschwister, hatte 1950 den Infanteristen Robert Leavitt geheiratet. Sie war von ihm schwanger, als er sich nach Korea versetzen ließ, um den finanziellen Start der kleinen Familie etwas zu beschleunigen. In Korea kam Bob Leavitt auf tragische Weise bei einem Luftangriff ums Leben - gerade zu der Zeit, als sein Sohn geboren wurde.
Die eigentliche Hauptperson des Buches ist Lark, die sich in selbstloser, verstehender und vollkommener Liebe um ihren Bruder kümmert, ohne auch nur im Entferntesten in eine Opferrolle zu verfallen. Ihre Entwicklung zu einer starken, klar denkenden Frau, die nie ihren Bruder verlassen würde, und ihre aufkeimende Liebe zum Nachbarjungen Solly ermöglichen einen Neustart aus einem Trümmerhaufen von familiären Altlasten.
Mit großer Sensibilität und feinem psychologischem Gespür zeichnet die Autorin die Charaktere ihres Werkes und baut daneben gleichzeitig einen Spannungsbogen auf wie in einem Kriminalroman - man erfährt erst ganz am Schluss die wahren Zusammenhänge der Familienkonstellation. Äußerst empfehlenswert.

Susanna Schrampf | biblio
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Johan Theorin: Nebelsturm

: Kriminalroman / Johan Theorin. Aus dem Schwed. von Kerstin Schöps. - München : Piper, 2009. - 446 S.
ISBN 978-3-492-05091-3      fest geb. : ca. € 20,60

Gruseliger Kriminalroman rund um die Vorgänge auf einer schwedischen Insel. (DR)

Öland, zur Neuzeit: "Hof Aludden", erbaut aus Teilen eines verunglückten Schiffes, war über die Jahre schon Schauplatz vieler Tragödien. Auch Joakim Westin, der mit seiner Familie dort einzieht und schon bald darauf die Nachricht vom Tod seiner Tochter erhält, erlebt dort seine dunkelsten Stunden. Das ehemalige Leuchtturmwärteranwesen beherbergt aber noch mehr Geheimnisse: Mysteriöse Vorfälle begleiten Joakim und andere Bewohner der Insel, sie hören plötzlich Stimmen oder Geräusche, ohne etwas zu sehen, spüren die Anwesenheit längst verstorbener Menschen und finden Gegenstände, die sie eigentlich gar nicht finden dürften. Auch die junge Polizistin Tilda sowie ihr Kontrahent, der Einbrecher Henrik, werden Zeuge seltsamer Phänomene. Je enger sich die Handlung verdichtet, desto mehr schreckliche Geheimnisse der Hauptfiguren kommen zu Tage, bis sie sich schließlich alle zum großen Finale am Hof Aludden einfinden...
Theorins Roman ist voller furchtbarer Geheimnisse, unglücklicher Liebesgeschichten und zuletzt auch menschlicher Tragödien. Die Handlung berührt, sei es, ob man sich mit Joakim freut oder mit ihm weint, sich mit ihm fürchtet oder gemeinsam mit ihm mutig wird. Der allwissende Erzähler verwirrt den Leser geschickt, um ihn in die gleiche Ausgangssituation zu bringen wie die handelnden Figuren. So lebt man intensiv mit ihnen mit, will ihr Freund und Tröster sein oder sie warnen, bevor etwas geschieht. Bis zur letzten Seite steigert sich die Spannung bis zum finalen Höhepunkt, der endlich über Leben und Tod entscheidet. Ein großartiger, fesselnder und gruseliger Roman, der ein hohes sprachliches und intellektuelles Level vorgibt, ohne dabei unlesbar zu werden. Schlichtweg empfehlenswert!

Daniela Pirker | biblio
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Ilma Rakusa: Mehr Meer

: Erinnerungspassagen / Ilma Rakusa. - Graz : Literaturverl. Droschl, 2009. - 321 S.
ISBN 978-3-85420-760-3      fest geb. : ca. € 23,00

Eine Lebensgeschichte - Erinnerungspassagen einer Autorin. (BI)

"Ich war ein Unterwegskind. In der Zugluft des Fahrens entdeckte ich die Welt, und wie sie verweht. Ich fuhr weg, um anzukommen, und kam an, um wegzufahren". In diesen beiden Sätzen, die auf Seite 76 in Ilma Rakusas Buch über ihre Lebensstationen zu lesen sind, ist der Inhalt dieser berührenden Autobiografie fast zur Gänze enthalten. In der Slowakei geboren, in Ungarn, Slowenien, Triest und Zürich aufgewachsen und in Leningrad und Paris fast sesshaft geworden - das sind die Stationen einer Autorin, die in ihren Erinnerungen nicht nur Ereignisse und Informationen aufzählt, sondern ihre Sicht auf die Welt in einer faszinierenden Sprache offenbart. Viel Persönliches wird so beschrieben, dass es allgemeine Gültigkeit besitzt. Ihre Aversion gegen Koffer als Symbol des Verlassens von Vertrautem wird wohl jedem Leser genau so verständlich wie die enorme Bedeutung des Lesens ("Das wirkliche Leben war eng, Lesen war die Weite") oder die Faszination des blauen Meeres in Triest.
Ilma Rakusa gelingt es, dem Leser nicht nur ihre Sehnsucht nach der hellen Stabilität des Meeres zu vermitteln. Ihre Sätze sind oft kurz, aber wirken lange nach.

Hannes Preßl | biblio
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Horst W. Opaschowski: Wohlstand neu denken

: wie die nächste Generation leben wird / Horst W. Opaschowski. - Gütersloh : Gütersloher Verl.-Haus, 2009. - 239 S.
ISBN 978-3-579-06878-7      fest geb. : ca. € 20,60

Was sich in Zukunft verändert und wie sich das Leben verändert. (GS)

Immer klarer wird, dass die Anspruchsgesellschaft nicht länger finanzierbar ist. Wenn sich aber Wohlstandsbedingungen grundlegend ändern, dann muss sich die Einstellung zum Leben verändern. Opaschowski setzt sich mit diesen Änderungen auseinander, verschweigt nicht, dass die gegenwärtige Wohlstandsgeneration ihre Kinder in eine unsichere Zukunft entlässt und diese ein schweres Erbe antreten. Gleichzeitig aber zeichnet er ein hoffnungsvolles Bild einer "Generation V", für die in Zukunft Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit die wichtigsten Komponenten für ein Miteinander der Generationen sind. Sie träumt weder von materiellem Überfluss, noch ängstigt sie sich vor existentieller Not, sondern definiert Wohlstand neu: Wohlhabend ist jemand, der mit sich zufrieden ist und gut und glücklich leben kann. Um dieses Wohlergehen zu erreichen, ist die nächste Generation bereit, zu investieren. Eine der nachhaltigsten Ressourcen dafür ist die Solidarität zwischen den Generationen mit der Perspektive eines konsumärmeren, aber beziehungsreicheren Lebens.
Das Buch wendet sich an Eltern, Lehrer, Erzieher, Multiplikatoren und Entscheidungsträger in Jugendarbeit, Seniorenbildung und politischer Bildungsarbeit, zeigt Handlungsfelder auf und regt jeden Leser an, sich mit folgender Frage zu beschäftigen: Wie werde ich zukunftsfähig?

Hanns Sauter | biblio
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Ilex Neß: Farbe!

: das große Schöner Wohnen-Farbwohnbuch / Ilex Neß. - München : Callwey, 2009. - 160 S. : zahlr. Ill. (farb.) ; 28,5 cm
ISBN 978-3-7667-1794-8      fest geb. : ca. € 30,80

Attraktiver Bildband über den Einsatz von Farben in Wohnräumen. (VL)

Die langjährige Redakteurin der Zeitschrift "Schöner Wohnen" und freie Autorin Ilex Neß gibt in ihrem attraktiv gestalteten Bildband wertvolle Tipps, wie Farben bewusst in Wohnräumen eingesetzt werden können. Sowohl durch die sehr informativen Texte, etwa die Einführung über Farbwirkung, als auch durch wunderschöne Fotografien erfahren die LeserInnen, wie wesentlich eine gelungene Farbgebung für das Gesamtbild eines Wohnraums ist. Einzelne Farben und ihr besonderes Flair werden zuerst allgemein dargestellt, danach führt die Autorin durch alle Räume einer Wohnung, erklärt deren Besonderheiten und stellt passende Farbkombinationen vor. Dabei entsprechen die präsentierten Wohnraummodelle sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Geschmäckern - vom traditionsbewussten Landhausstil über schlichte, moderne Eleganz bis zu extravaganten Beispielen mit sehr gewagten Akzenten.
Bezugsadressen der abgebildeten Einrichtungsgegenstände findet man im Anhang. Das rundum ansprechende Buch ist für alle zu empfehlen, die Ideen zur Neugestaltung ihres Zuhauses oder auch für kleine, wirkungsvolle Veränderungen suchen.

Eva Moser-Reitsamer | biblio
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Johannes Eckert: Wohne bei dir selbst

: der Klosterplan als Lebensmodell / Abt Johannes Eckert. - München : Kösel, 2009. - 207 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-466-36840-2      fest geb. : ca. € 18,50

Die Klosteranlage und die Regel des heiligen Benedikt als Grundlage einer stimmigen Lebensgestaltung. (PR)

Der Abt von München-St. Bonifaz und Andechs lädt zu einem virtuellen Rundgang durch das Kloster ein, er erläutert die Anordnung der Räume und die Funktion, die diese für die Klostergemeinschaft und für den einzelnen Mönch haben. Er verbindet das Leben im Kloster und die klösterlichen Lebensräume mit dem Alltag, den Lebensphasen und den Aufgaben, die das Leben an die Menschen stellt. Dabei geht es nicht so sehr darum, ob diese in einem Kloster leben oder nicht, sondern um den Bau eines für den Einzelnen stimmigen Lebenshauses. Die Regel des heiligen Benedikt erweist sich dabei als vorzüglicher Impulsgeber zur Lebensgestaltung, für ein Leben innerhalb oder außerhalb des Klosters, für Mönche oder Nichtmönche. Die Gestaltung des Lebenshauses ist nie abgeschlossen. Durch ständiges daran Arbeiten wird es aber immer mehr zum eigenen Haus und damit auch zum Boden, auf dem wir Gott finden. Leben in seiner Nähe gibt unserem Leben, wie immer es auch sein mag, Sinn.
Das Buch, das ansprechend gestaltet ist und durch ausdrucksstarke Fotos bereichert wird, ist keine schnell zu lesende Lektüre. Es spricht einen spirituell anspruchsvolleren Kreis von Leserinnen und Lesern an, der bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen und der offen dafür ist, sein Leben als Ort der Gottsuche zu verstehen.

Hanns Sauter | biblio
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