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Buchtipps / 2006 / Juli

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Frank C. Boyce: Meisterwerk

/ Frank Cottrell Boyce. Aus dem Engl. von Salah Naoura. - Hamburg : Carlsen , 2006. - 319 S. ISBN 3-551-58145-2 fest geb. : ca. € 15,40

Seine enorme Begabung für skurrilen Humor hat Frank Cottrell Boyce bereits mit „Millionen“ bewiesen, und hier geht es um eine ähnlich verzwickte Geschichte. Der Ich-Erzähler Dylan bemüht sich verzweifelt um den Erhalt der ständig vom Zusperren bedrohten familiären Tankstelle in einem verschlafenen walisischen Ort namens Manod, als eines Tages etwas Außergewöhnliches passiert: In das stillgelegte Bergwerk des Ortes werden Gemälde aus der National Gallery ausgelagert. Damit beginnt für Dylan und seine Familie auf ungeahnte Weise ein schwungvoll erzähltes Abenteuer rund um die Kunst – denn plötzlich eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten, die Tankstelle wieder auf Vordermann zu bringen. Und Dylans Schwester spukt bei all diesen Aktionen immer die Vorstellung eines cleveren Kunstraubes im Hinterkopf herum. Zum Mittelpunkt dieser mit viel Erzählleidenschaft und Situationskomik entfalteten Erzählung werden zunehmend Van Goghs „Sonnenblumen“. Deren rettendes Potential wird dabei in vielfacher Hinsicht ausgebreitet: „Das Gelb war so gelb, dass es die Werkstatt fast erleuchtete. Und obwohl es ja nur Blumen waren, wirkte das Gemälde tatsächlich traurig und fröhlich zugleich. Wie können Blumen denn traurig sein? Oder fröhlich? Aber diese hier waren es. Wir saßen einfach nur da und starrten das Gemälde Ewigkeiten an. Das Komischste war, dass wir bei unserer Rückkehr so gefroren hatten, aber die Sonnenblumen zu betrachten war, als säße man einem warmen Kamin.“ (Eine Liste mit weiteren kinderliterarischen Sommergrüßen in Gestalt der Sonnenblume werden auf der STUBE-Homepage derzeit übrigens von der Kröte des Monats überbracht.)

Kathrin Wexberg / STUBE

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Ferienlesebuch

/ mit einem Daumenkino von Ole Könnecke und 10 Ferienrätseln. - Orig.-Ausg. - München : Dt. Taschenbuch-Verl., 2006. - 167 S. : Ill. ; 20 cm - (dtv ; 71155 : dtv junior) - ISBN 978-3-423-71155-5 kart. : ca. € 7,80

Ferien, das ist die Zeit, in der endlich lustvoll und zweckfrei gelesen werden kann – und dieser verspielte Zugang ist in diesem Buch von der ersten bis zur letzten Seite humorvoll umgesetzt: Auf den Innenumschlagseiten finden sich kuriose tierische (Vor-)Leseszenen und mit Hilfe eines von Ole Könnecke gestalteten Daumenkinos können wir einen kleinen Pinguin quer durch das Buch bei seiner Suche nach dem zweitwichtigsten Accessoire des Sommers, dem Eisstanitzel, begleiten. Wichtigstes Accessoire bleibt natürlich das Buch, das für Rätselfreudige auch noch mit Feriengrüßen aus verschiedenen Ländern ausgestattet ist – gezeichnet von zehn IllustratorInnen. Es gilt dabei zu erraten, aus welchen Ländern die Feriengrüße stammen. Und weil das Ganze ja schließlich Ferienlesebuch heißt, finden sich darüber hinaus 10 Kurzgeschichten verschiedener AutorInnen, die unterhaltsam von sommerlichen Abenteuern vom Kühe stehlen bis zum Aliens sitten erzählen.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Ingrid Noll: Ladylike

: Roman / Ingrid Noll. - Zürich : Diogenes, 2006. - 323 S. - ISBN 3-257-06509-4 fest geb. : ca. € 20,50

Humoreske auf den letzten Lebensabschnitt. (DR)

Dass sich in Ingrid Nolls Krimis Morde fast wie zufällig und mit zwingender Konsequenz ereignen, ist allen Nollfans bekannt. In "Ladylike" passieren die Morde noch peripherer. Der Tod von Annelieses Mann liegt zum Zeitpunkt der Handlung schon einige Jahre zurück, doch er ist in Anspielungen immer präsent - nach dem Motto: Wer einmal mordet, könnte es auch ein weiteres Mal tun. Und tatsächlich hat sie als Helferin wieder die Finger im Spiel. Aber der Fokus der Geschichte liegt auf einem anderen Thema, dem der späten Liebe. Lore, durch eine Erbschaft wohlhabend und durch Scheidung ihres Mannes allein stehend geworden, zieht bei Anneliese ein. Mitten in den wunderbaren Sommer mit gutem Essen platzt Ewald, ein Freund aus Tanzschulzeiten. Die beiden Frauen werden, ohne es sich eingestehen zu wollen, zu Rivalinnen, die um die Aufmerksamkeit des alten Mannes buhlen. Doch der scheint ein Geheimnis zu haben, das mit einer Frau zusammenhängt. Viele kleine Nebenschauplätze dienen als Kulissen für die Schrulligkeiten der alten Damen, die man durchaus als liebenswürdig und kultiviert, "ladylike" eben, bezeichnen könnte. Doch sie haben es faustdick hinter den Ohren und spielen ihre eigenen Spielchen. Mit Augenzwinkern deckt Noll deren Blößen auf, ihr backfischhaftes Werben, ihre zickenhaften Attacken, ihre durchtriebenen Machenschaften. Das Ende beschert eine kitschige Happyend-Lösung - spätestens jetzt ist die Humoreske nicht mehr zu überlesen, als die sich der ganze Roman erweist. Ein Beweis dafür, dass auch die Autorin nicht ganz so harmlos ist, wie sie vorgibt zu sein.

Martina Lainer / biblio

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Thomas Lang: Am Seil

: Roman / Thomas Lang. - München : C. H. Beck, 2006. - 173 S. - ISBN 3-406-54368-5 / 9783406543685 fest geb. : ca. € 17,40

Eine kühle und präzise Erzählung über eine tragische Vater-Sohn-Beziehung. (DR)

Dass der Liebe nicht zu trauen ist, weil sie immer Enttäuschung und Verzweiflung nach sich zieht, diese Ansage stellt der deutsche Autor Thomas Lang mit zwei Zeilen aus Nick Caves "I let love in" als Motto an den Beginn seiner Erzählung um ein letztes Aufeinandertreffen zwischen einem Sohn und seinem Vater. Und damit ist der Grundton angeschlagen. Anders als bei Cave allerdings wird die völlige Hoffnungslosigkeit sowohl des Vaters als auch des Sohnes, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird, nicht fast gebrüllt, sondern verbirgt sich hinter einer präzisen und kühlen formalen Gestaltung. Da treffen sich also an einem Nachmittag zwei, die in der Liebe und im Leben gescheitert sind. Den einen hat sein körperlicher Verfall in ein Pflegeheim gebracht - und nichts Nennenswertes scheint geblieben zu sein. Der andere ist im und am Showbusiness zerbrochen und hat nichts mehr zu verlieren. Der Vater ist immer noch enttäuscht von seinem Hosenscheißer-Sohn, der Sohn steht immer noch im Bann des übermächtigen und überfordernden Vaters, der ihm gegenüber immer gleichgültig zu sein schien. Nicht nur das Mitleid, das beide an manchen Stellen zumindest andeuten, zeigt, dass sie mehr verbindet, als sie zugeben wollen. Dicht unter der sarkastischen und kalten Oberfläche sowohl der Erzählung als auch der Helden ist die Sehnsucht zu spüren, der Einsamkeit zu entfliehen. Und der finale Höhepunkt, jener Teil des Textes, der 2005 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, bringt folgerichtig die größtmögliche Zuwendung von Vater und Sohn. Und lässt die LeserInnen atemlos zurück und wieder an Nick Cave denken. Ob dessen Warnung - "Far worse to be Love's lover than the lover that Love has scorned" - aber helfen wird, bleibt zweifelhaft, schließlich muss jeder an der Liebe selber scheitern.

Franz Lettner / biblio

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Clemens Meyer: Als wir träumten

: Roman / Clemens Meyer. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2006. - 517 S. - ISBN 3-10-048600-5 / 9783100486004 fest geb. : ca. € 20,50

Sensible Szenen aus einer fast entmenschten Zone. (DR)

Sie sind Mitte der 1970er Jahre geboren, erleben noch das DDR-Regime, v.a. das Schulsystem, und sind gerade in der Pubertät, als durch die Wende alles anders wird. Vor und nach der Wende spielt auch der Roman. Rico, Mark, Daniel und Paul flüchten sich schon zu DDR-Zeiten in Träume von Abenteuer und Konsum. Später ersetzen sie ihre nicht verwirklichten Wünsche durch Besäufnisse, Diebstahl und Schlägereien. Das Milieu, in dem sie sich bewegen, sind die kaputten Stadtteile von Leipzig, ein verwüsteter Landstrich mit menschlichen und baulichen Ruinen, eine no-go-Area, in der Jugend als Kampfzone erlebt wird. Die Jugendlichen träumen von einer Karriere als Boxer oder Fußballstar, aber auch von der Liebe, sie hängen an ihrem Hund, prügeln sich mit "Glatzen", probieren Drogen und landen immer wieder auf dem Polizeirevier und auch in der Jugendstrafanstalt. Was diesen Roman, der sich liest wie ein Bericht aus der Bronx, aber trotz aller Tristesse so lesenswert macht, ist einerseits die unglaublich klare und anschauliche Sprache, andrerseits der Blick des Erzählers auf die Protagonisten: nie denunziert er sie, er zeigt sie auch nicht einseitig, sondern liebevoll, empathisch und ohne sich über ihre Träume und Illusionen lustig zu machen. Selbst als jugendliche Täter bleiben die Hauptakteure Menschen, die auch fürsorglich, tröstend, verständnisvoll und solidarisch miteinander umgehen können. Berührend etwa die Szene, in der sie eine alte Frau, die sie zwar immer wieder beklauen, in einem gestohlenem Wagen zum Grab ihres einstigen Lebensgefährten bringen. - Große zeitgenössische Literatur. Sehr gerne empfohlen.

Fritz Popp / biblio

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Deborah Jaffé: Geniale Frauen

: berühmte Erfinderinnen von Melitta Bentz bis Marie Curie / Deborah Jaffé. Vorw. von Sandi Toksvig. Aus dem Engl. von Angelika Beck. - Düsseldorf : Artemis und Winkler, 2006. - 239 S. : Ill. - ISBN 3-538-07221-3 fest geb. : ca. € 30,80

Erfinderinnen und ihre Werke. (BI)

Während eines Wolkenbruchs mit dem Auto auf der Tauernautobahn unterwegs sein, vielleicht gerade zu Ferienbeginn, und der Scheibenwischer blockiert. Eine ungute Vorstellung ist das. Wie motorisierte Fahrzeuge überhaupt ohne diese freundlichen Regenbeseitiger ausgestattet sein konnten, ist kaum vorstellbar. Mary Anderson aus Alabama war es, die im Winter 1903 auf die Idee kam, Straßenbahnen mit einem Scheibenwischer zu bestücken. Der von ihr entworfene Prototyp war ein Gummiwischer, der von der Scheibeninnenseite bedient werden konnte. Wie Mary Anderson gab es viele Erfinderinnen, deren Entdeckungen uns bis heute den Alltag erleichtern. Wie sie sind zahlreiche dieser Frauen in Vergessenheit geraten oder sie wurden als Urheberin einer Erfindung gar nicht erst anerkannt, was z.B. daran liegen konnte, dass sie als Frauen keine Patente anmelden durften - das war lange Zeit Männern vorbehalten. Die vorliegende bebilderte Sammlung der Patente und Werke von Frauen aus mehr als zwei Jahrhunderten ist eines der vielen notwendigen Bücher, die vergessene und "unsichtbar gemachte" Frauen mit ihren Errungenschaften, mit ihrem Anteil an Weltgestaltung ans Licht holen. Ein gut lesbares, schön ausgestattetes Buch. Neben seiner Eignung als Bibliotheksexemplar ist es deshalb auch ein spannendes Geschenk für bibliophile Frauen jeden Alters.

Daniela Galehr / biblio

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Siegfried Schlett: Die 100 wichtigsten Lebensmittel

: mit der richtigen Ernährung vor Krankheiten schützen / Dr. Siegfried Schlett. - München : Zabert Sandmann, 2006. - 248 S. : Ill. (farb.) - ISBN 3-89883-147-7 fest geb. : ca. € 20,60

Ein Plädoyer, die Apotheke der Natur für die Gesundheit zu nutzen. (NK)

Ernährung und Gesundheit hängen eng zusammen. Diese Ansicht ist nicht neu, sie wurde schon in der Antike vom griechischen Arzt und Gelehrten Hippokrates vertreten. Zwar dauert es mehrere Jahrzehnte bis durch falsche Ernährung und Substanzen wie Konservierungsmittel, Farbstoffe und belastende Rückstände ernsthafte Beschwerden auftreten. Andererseits braucht auch "heilende Nahrung" Jahre, um einen vorgeschädigten Körper zu reinigen. Basierend auf neuen Forschungsergebnissen stellt der Apotheker und Orthomolekularmediziner Schlett die hundert wichtigsten Lebensmittel mit einer Beschreibung von Herkunft, Inhaltsstoffen sowie deren Bedeutung für die Gesundheit dar. Um sich vitalstoffreich zu ernähren, benötigen wir seiner Ansicht nach keine künstlichen Nahrungsmittel in Form von "Energy- oder Design Food". Er plädiert vielmehr dafür, beim Einkauf auf Qualität zu achten und Natur belassene, frische Produkte der Saison zu bevorzugen. Die abschließenden Beiträge, ergänzt durch eine Nahrungsmitteltabelle, zeigen, wie durch Auswahl richtiger Lebensmittel das Immunsystem gestärkt, Übergewicht abgebaut, Gicht, Bluthochdruck und Diabetes gebessert und vermieden werden können. Der übersichtlich gestaltete Band regt an, auf eine gesunde, abwechslungsreiche Kost zu achten und damit den Grundstein für geistige und körperliche Gesundheit zu legen. Empfehlenswert!

Christine Stöglehner / biblio

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Andreas Drouve: Wie Jakobus nach Santiago kam

: Geschichte - Legende - Kult ; Hintergründe und Besonderheiten zur Pilgerschaft am Jakobsweg / Andreas Drouve. - Innsbruck : Tyrolia, 2006. - 119 S. : Ill., Kt. - ISBN 3-7022-2737-7 / 9783702227371 kart. : ca. € 14,90

Ein sachkundiger Überblick zur Jakobusverehrung und zum Jakobsweg. (PR)

Jahr für Jahr wächst die Faszination für den Weg zum Apostelgrab, Jahr für Jahr pilgern viele Menschen nach Santiago. Die Literatur dazu steigt ins Unüberschaubare, doch besteht sie zumeist aus Erlebnis- und Erfahrungsberichten, die manchmal die Grenze zum Abstrusen überschreiten. Vorliegendes Buch enthält dagegen Grundlagenwissen über den Apostel Jakobus, über die Entstehung des Jakobuskultes und seine mutmaßlichen Hintergründe; es skizziert Aufschwung und Krisen des Pilgerweges und schildert den konkreten Ablauf einer mittelalterlichen Pilgerfahrt. Somit stellt es die erforderliche Ergänzung zu den vielen Pilgerbüchern dar, die konkrete Empfehlungen und Hinweise für eine Wallfahrt geben. Sein überschaubarer Umfang, der spannend geschriebene Text und die zahlreichen Abbildungen machen es zur idealen Vorbereitungs- und Begleitlektüre für den Wallfahrer oder zur wertvollen Erstinformation für jeden Interessenten, der sich einmal grundlegend informieren möchte. Diesem Bedürfnis dient auch der ausführliche, kritische Literaturüberblick. Interessant für alle öffentliche Büchereien, insbesondere für die kirchlichen.

Hanns Sauter / biblio

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