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Buchtipps / 2005 / Dezember

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Clement C. Moore / Lisbeth Zwerger: The Night Before Christmas = Die Nacht vor Weihnachten

/ Clement Clarke Moore. Mit Bildern von Lisbeth Zwerger. - Kiel : minedition, 2005. - [13] Bl. : zahlr. Ill. (farb.) ; 29 cm Übersetzung von Erich Kästner. Text engl. und dt. - ISBN 3-86566-030-4 fest geb. : ca. € 15,40

Es ist ein letzter Moment der Stille vor dem lang ersehnten Weihnachtstag, der in diesem – im anglikanischen Raum weithin bekannten – Gedicht des 1863 verstorbenen Amerikaners Clement Clarke Moore eingefangen wird: Niemand regt sich im Haus, nicht mal eine Maus. Mit unvergleichlicher Kunstfertigkeit hält Lisbeth Zwerger die Szene fest, indem sie mit filigranem Pinselstrich die Gesichter der Schlafenden zeigt, die im Bett liegen und vom Apfel- und Nüsseballett träumen. Doch dann bricht der Lärm: Über den Himmel kommen Rentiere gerannt, vor einen klitzekleinen Schlitten gespannt: I knew in a moment it must be St. Nick. Der Originaltext und die deutschsprachige Übersetzung von Erich Kästner werden dezent nebeneinander gestellt, sodass Rhythmik und Sprachmelodie nicht nur doppelt genossen, sondern auch im Vergleich betrachtet werden können – wenn dafür überhaupt Aufmerksamkeit bleibt, denn Lisbeth Zwerger weiß mit jedem neuen Bild zu überraschen: Ihre Szenerien wirken scheinbar leer und entstaubt und verbergen doch zahlreiche kleine Details, die die Vorfreude auf den Moment, in dem der pausbäckige Zwerg aus dem Elfenland die Nikolausstiefel mit Geschenken füllt, einfangen.

Heidi Lexe / STUBE

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Bettina Wegenast : Wolf sein

/ eine Geschichte von Bettina Wegenast. Mit Bildern von Katharina Bußhoff. - Frankfurt a. M. : Sauerländer , 2005. - [31] Bl. : zahlr. Ill. - ISBN 3-7941-6046-0 fest geb. : ca. € 10,20

Während der „Wolf im Schafspelz“ sprichwörtlich weit verbreitet ist, hat die hier vorgestellte Idee vom Schaf im Wolfspelz durchaus innovativen und pointierten Charakter: Weil der Wolf tot ist, muss dessen Job im Märchenland neu besetzt werden. Und das Schaf Kalle spürt sowohl seine Begabung als auch eine gewisse gewaltbereite Lust, diesen Job zum Schrecken aller anderen zu erfüllen… In der parodistischen Umkehrgeschichte zeigt Bettina Wegenast ihr sprachspielerisches Talent, indem sie Figuren und Rollen des Märchenlandes vom Zwerg, dem Wolf und dem Jäger bis zu den Schafen neu und durchaus zeitgemäß verteilt. Und Katharina Bußhoff begleitet karikierend mit präzisem Gefühl für Situationskomik und minimalistischer Strichführung die Moral von der Geschicht’. Denn kaum trägt Kalle sein Wolfskostüm, gehen seine Reißzähne auch schon mit ihm durch. Und obwohl sein potentielles Opfer, das sanfte Schaf René, ihn auf die folgenden Verdauungsprobleme aufmerksam macht, verschlingt der ihn mitsamt seinem Glöckchen. Aber im Märchen wird nichts so heiß gegessen, wie es scheint: Und nach Bauch-Aufschneiden und Steine Einfüllen erinnert nicht nur der Wolf sich seiner Schafsnatur sondern auch das sanfte Opferlamm entwickelt Überlebenswillen und Initiative. Besonders empfehlenswerte und auch dramatisch geeignete „Besserungsgeschichte“ ab 8 Jahren.

Inge Cevela / STUBE

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Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

: Roman / Kazuo Ishiguro. - München : Blessing, 2005. - 348 S. - Aus dem Engl. von Barbara Schaden. - ISBN 3-89667-233-9 fest geb. : ca. € 20,50

Ein außergewöhnlicher Roman, verstörend und beunruhigend. (DR)

Auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Kinder, die hier gut behütet aufwachsen, spüren schon früh, dass ihr Leben einen speziellen Sinn hat. Hailsham ist von der Außenwelt scheinbar völlig abgeschnitten und wird von einer Gruppe von Aufsehern geführt, die nur "das Beste" für ihre Schützlinge wollen und sogar vergleichsweise fortschrittlich agieren. Irgendwann werden sie sich allerdings fragen, ob sie mit ihrem Engagement nicht falsche Hoffnungen geweckt haben. Eines der ehemaligen Hailsham-Kinder ist die 32-jährige Kathy, die als "Betreuerin" arbeitet und schon bald in ihre nächste - und letzte - Lebensphase wechseln wird. Wenn sie quer durch England zu ihren Kunden unterwegs ist, tauchen immer wieder Erinnerungen an früher auf. In Kathy reift ein Entschluss: Jetzt will sie es endlich wissen und den Geheimnissen von Hailsham auf den Grund gehen. Der mehrfach ausgezeichnete Autor entwirft mit diesem Roman das beunruhigende Szenario einer Zukunft, die vielleicht schon begonnen hat. Eines jener wenigen Bücher, die tatsächlich unter die Haut gehen und an die man sich noch lange nach der Lektüre erinnern wird.

Sabine Krutter / biblio

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Philippe Besson : Sein Bruder

: Roman / Philippe Besson. - München : dtv, 2005. - 155 S. - (dtv premium ; 24455). - Aus dem Franz. von Caroline Vollmann ISBN 3-423-24455-0 kart. : ca. € 12,40

Die Beziehung zwischen zwei Brüdern wird durch eine tödliche Krankheit auf eine harte Probe gestellt. (DR)

Die Brüder Thomas und Lucas treffen einander nach Jahren des eher losen Kontaktes wieder. Der bittere Anlass: Der erfolgreichere und beliebtere Bruder ist krank - und zwar todkrank. Lucas beschreibt die der Diagnose folgenden Monate detailliert. Er erzählt von den Hoffnungen der Familie, der kühlen Umbarmherzigkeit der Ärzte, der wachsenden Ungeduld und Rebellion des jüngeren Bruders. Der Autor konzentriert sich voll und ganz auf die Beziehung der beiden Männer - die Eltern, die Umgebung bleiben nahezu ausgeklammert. Breiten Raum nehmen die minutiös beobachteten medizinischen Untersuchungen und Therapieversuche ein. Die Handlung pendelt zwischen dem sterilen Krankenzimmer und dem Ferienhaus der Familie auf der Île de Ré, wohin der Todkranke sich schließlich zum Sterben zurückzieht. Die Gewissheit des Todes vor Augen, erleben die Brüder eine intensive gemeinsame Zeit. Die Gezeitenfolge, die beeindruckende Naturkulisse und ein alter Mann, der den beiden Tag für Tag orakelgleiche Geschichten aus seinem Leben erzählt, bilden den Hintergrund für den letzten Akt. Ein ergreifender, schlichter und weiser Roman über das Sterben eines 27-Jährigen und die unerschütterliche Liebe zweier Brüder zueinander. Verfilmt von Patrice Chéreau und 2003 mit dem silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet.

Barbara Rieder / biblio

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Camilla Läckberg : Die Eisprinzessin schläft

: Roman / Camilla Läckberg. - Leipzig : Kiepenheuer, 2005. - 395 S. - Aus dem Schwed. von Gisela Kosubek ISBN 3-378-00662-5 fest geb. : ca. € 20,50

Ein spannender Krimi nach feinster schwedischer Art. (DR)

Die wunderschöne Alexandra wird tot in ihrem Wochenendhaus in Fjällbacka aufgefunden. Die Polizei des verschlafenen Dorfes steht vor einem großen Rätsel. Die Schriftstellerin Erika Falck, eine gute Freundin der Ermordeten aus Kindertagen, wird von deren Eltern gebeten, einen Nachruf auf die Tote zu verfassen. Dazu muss sie in der Vergangenheit ihrer Freundin recherchieren und stößt alsbald auf viele Fragen, die sie gemeinsam mit dem ehemaligen Schulkollegen, Kriminalassistent Patrik Hedström, zu beantworten versucht. So mancher Dorfbewohner kreuzte das Leben der Ermordeten und gerät somit auch in den Kreis der Verdächtigen. So wird das Familienleben des reichen Konservenfabrikaten Lorentz, das Leben des Säufers Anders und vor allem des Ehemannes der Toten ins Visier genommen. Camilla Läckberg schreibt spannend, gibt Details in der richtigen Dosierung preis, schildert die verschiedenen Charaktere eindeutig und klar, sodass man sich mitten im Geschehen fühlt und die Beteiligten vor sich sieht. "Die Eisprinzessin schläft" ist ein durchwegs spannender Krimi, der in keiner Bibliothek fehlen sollte!

Irmgard Preißler / biblio

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Franziskus Kerssenbrock : Der höchste Grund der Arznei ist die Liebe

: Leben und Zeit des Paracelsus / Franziskus Kerssenbrock. Hrsg. von Johannes Sachslehner. - Graz : Styria, 2005. - 240 S. : Ill. ISBN 3-222-13185-6 fest geb. : ca. € 24,90

Spannende Darstellung von Leben und Wirken des berühmten Wunderarztes Paracelsus. (BI)

Fast jeder kennt den Namen Paracelsus. Dass die Dosis das Gift macht, ist allgemein bekannt. Vielleicht sogar, dass diese Weisheit von Paracelsus stammt. Soll man aber etwas Genaueres über den Anfang 1500 vor allem im deutschsprachigen Raum Österreich, Schweiz, Deutschland praktizierenden Wunderarzt berichten, so wird das Wissen schnell zum Rinnsal. Kein Wunder, denn über Theophrastus Bombastus Philippus von Hohenheim, genannt Paracelsus, existieren so gut wie keine persönlichen Lebensdaten. Aber es gibt seine Schriften und Bücher, das bekannteste ist jenes "Der grossen Wundartzney", und es kursieren unzählige Legenden und Geschichten von Heilungen und vom Kampf gegen die etablierten "Götter in Weiß", praktizierende Ärzte oder Lehrende an Universitäten. Paracelsus ging es in erster Linie um seine Patienten, um die Linderung ihres Leidens, nicht um die sture Anwendung zweifelhaften Schulbuchwissens. Der Autor hat es trotz lückenhafter Sachlage gut verstanden, dieses aufregende Leben in bewegten Zeiten spannend darzustellen. Porträts berühmter Zeitgenossen, z.B. der Fugger zu Augsburg, runden das Buch mit interessanten Einblicken in die damalige Zeit ab.

Frieder Rabus / biblio

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Karl-Josef Kuschel: Das Weihnachten der Dichter

: große Texte von Thomas Mann bis Reiner Kunze / Karl-Josef Kuschel. - Düsseldorf : Patmos, 2004. - 237 S. ISBN 3-491-72484-8 fest geb. : ca. € 20,50

Interessant ausgewählte und gut kommentierte Weihnachtstexte deutscher Dichter des 20. Jahrhunderts. (PL)

Kein Fest ist in unseren Breiten so oft Gegenstand der Literatur wie Weihnachten. Seit dem 20. Jh. dominiert die kritische Anfrage an das Fest und der Aufweis des Widerspruchs von Botschaft und Leben, vor allem in der bürgerlichen Gesellschaft. Den Autor interessiert aber eine andere Frage: Warum hat dieses Fest trotz aller Einwände und des Verschwindens von religiösem Wissen und zunehmender Kirchendistanz überlebt? Wahrscheinlich, so seine Vermutung, hat kaum etwas anderes die Kinderseelen so berührt und das Leben geprägt wie Weihnachten. Wohl aus diesem Grunde haben fast alle Dichter - wenn auch in unterschiedlicher Qualität -, dieses Thema bedient und damit einen "Spiegel der Selbsterkenntnis und Seismographen der Erschütterungen, in denen wir leben müssen" abgegeben. Kuschel macht die LeserInnen - nach Überlegungen zu bedeutenden Nächten in den Weltreligionen und einer ausführlichen Erschließung der Geburtserzählungen in den Evangelien - mit 14 persönlichen und recht unterschiedlichen literarischen Beispielen zum Weihnachtsgeschehen bekannt und konfrontiert sie - nicht ohne erhellende Erklärungen zu den jeweiligen Texten -, etwa mit der Bürgerkritik Thomas Manns, dem Sarkasmus Kästners, dem Ereignis der Selbstwerdung des Menschen bei Borchert und Kunze oder dem theologischen Scharfblick Kurt Martis. Empfehlenswert!

Karl Krendl / biblio

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Werner Heinz: Der Aufstieg des Christentums

: Geschichte und Archäologie einer Weltreligion / von Werner Heinz. - Stuttgart : Theiss, 2005. - 126 S. : zahlr. Ill. (farb.) ; 28,5 cm. - ISBN 3-8062-1934-6 fest geb. : ca. € 25,60

Hervorragende Darstellung der Entwicklung des frühen Christentums. (PR)

Diese außerordentliche Schilderung der Entwicklung des frühen Christentums verdankt sich dem Blick eines mehrschichtig ausgebildeten Autors. Mit archäologischem, kunsthistorischem und theologischem Hintergrund gelingt es hier, die Genese einer Weltreligion in einfacher und verständlicher Sprache zu bringen. Das Besondere daran ist, dass nichts als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die vielen Fotos tun das Ihre dazu. In zwölf Kapiteln führt der Autor die LeserInnen u. a. von den ersten außerbiblischen Quellen zur Existenz der Christen über die Missionstätigkeit des Paulus, Papsttum, Christenverfolgungen bis hin zur Entwicklung der Ämter und Liturgie, Architektur und Symbole der frühen Christen. Dieses Buch bringt die Grundlagen des Christentums in kompakter Weise zur Darstellung. Entsprechend ist diesem ausgezeichneten Grundlagenwerk eine weite Verbreitung zu wünschen. Besonders empfehlenswert!

Norbert Allmer / biblio

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