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Buchtipps / 2004 / November

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Nadja Budde: Flosse, Fell und Federbett

Peter Hammer 2004. € 13,30 ISBN 3-7795-0010-8

Wer das Schäfchenzählen schon immer zum Einschlafen gefunden, ist hier richtig: Ein Teddy, der wohl schon einiges hinter sich hat, fordert zur Erprobung kurioser Alternativen: „Vielleicht willst du [...] mit Kröten flöten, mit Forellen bellen, mit Krokodilen zielen?“ Schier grenzenlos erscheint die Lust, für noch mehr Tiere noch mehr Reime zu finden und dabei immer ungewöhnlichere (Bild-)Situationen zu entwerfen. Und das obwohl Nadja Budde wie immer mit einfachsten Mitteln arbeitet: Sie arrangiert ihre stark karikierend dargestellten Figuren vor flächigem Farbhintergrund und unterstreicht die Kuriosität ihrer wunderbar abartigen Grüppchen durch die unglaublichen Grimassen, die ihre Viecher ziehen. Dieserart finden denn endlich auch Motten, Schaben, Muscheln und Meisen Eingang ins selige Träumesüß der schlafwilligen Ansprechfigur, die sich von der vorgeführten Arten- und Beschäftigungsvielfalt reichlich begeistert zeigt. Vorerst. Als jedoch der im Rausch seiner Assoziationslust gefangene Teddy zu einer neuen Runde ansetzt, in der er nun auch sich selbst in die entfalteten Szenarien integriert („Möchtest du vielleicht mit mir [...] matten Ratten einen Besuch abstatten?“), zeigt sich das kahlköpfige Figürchen im gestreiften Pyjama doch deutlich ermüdet. Aber es ist ohnehin Zeit, das Licht zu löschen. Obwohl: Von Nadja Buddes Figuren kann man eigentlich nicht genug bekommen! Sehr zu empfehlen ab 3 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Jutta Richter: Hechtsommer

Ill. von Quint Buchholz. Hanser 2004. 123 S., € 13,30 ISBN 3-446-20518-7

Es ist ein langer und trauriger Sommer, den Ich-Erzählerin Anna in all seiner Langsamkeit schildert. Es ist der Sommer, in dem Daniel und Lukas, die Nachbarkinder und Annas beste Freunde, damit zurecht kommen müssen, dass ihre Mutter nicht mehr Teil haben kann an den strahlenden Farben und zahlreichen Abenteuern, sondern im abgedunkelten Zimmer liegen und zusehen muss, wie ihre Kräfte schwinden. Sie ist schwer an Krebs erkrankt und die Situation äußerlicher Zurückgezogenheit spiegelt die Wortlosigkeit, mit der die beiden Familien auf diese Krankheit reagieren. Umso deutlicher tritt in diesem Sommer der kindliche Märchenglaube zu Tage, die Gewissheit, dass die Mutter wieder gesund wird, wenn es nur gelingt, den Hecht im Schlossgraben zu fangen. Daniel lässt sich nicht abbringen von diesem Vorhaben, doch weiß, dass niemand mehr gesund geworden ist, nachdem das Wort „Krebs“ gesagt worden ist. Jutta Richter findet in der ihr ganz eigenen, poetischen Sprache im Jagen des Hechtes ein Bild für das Fassbar-machen der größten Angst, die ein Kind haben kann. Das Buch endet mit dem Fangen des Hechtes – und dem Mutter der Mutter. Und trotzdem wird hier auch von Hoffnung erzählt, von Freundschaft und Zusammenhalt, die helfen, wenn Trost das Schwierigste ist. Dieses und zahlreiche andere Bücher zum Thema Sterben, Tod und Trauer sind ab sofort in einer Broschüre der STUBE zu finden. Bestellung unter stube@stube.at

Kathrin Wexberg / STUBE

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Tausendundeine Nacht

: nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott. C. H. Beck, München. 685 S. ISBN 3-406-51680-7 fest geb. : ca. € 30,80

Schahrasad erzählt um ihr Leben – ‚Tausend und eine Nacht’ in einer bemerkenswerten und wunderschönen Ausgabe. (DD)

Erst im 18. Jahrhundert haben die Geschichten um „Tausend und eine Nacht“ ihren Weg in die europäische Literatur gefunden. Seither bestimmen die in unterschiedlichen Zusammenstellungen tradierten Erzählsammlungen wesentlich unser Bild und unsere Phantasien vom Orient. Die von einer Rahmenhandlung zusammengehaltenen Erzählungen und Märchen stammen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen (Indien, Persien, Ägypten, Arabischer Raum etc.) und wurden durch die Ausgestaltungen professioneller Geschichtenerzähler geformt. Das Bemerkenswerte an dieser Ausgabe ist, dass sich die Arabistin Claudia Ott erstmals an eine vollständige deutsche Übersetzung der vermutlich ältesten arabischen Fassung aus ca. 1450 gemacht hat. Entstanden ist ein wunderschönes Buch, das in bilderreicher und elegant fließender Sprache in die zauberhafte und sinnliche Welt des Orients entführt.

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Kristín Marja Baldursdóttir: Hinter fremden Türen

: Roman / Kristín Marja Baldursdóttir. - Frankfurt/M. : Krüger, 2004. - 317 S. Aus dem Isländ. von Coletta Bürling u. Kerstin Bürling ISBN 3-8105-0254-5 fest geb. : ca. € 19,50

Das war das Einzige, wonach sie sich sehnte: achtzig zu werden und sagen zu können: Mein ganzes Leben ist schön gewesen. Eine junge Isländerin zieht arbeits- und beziehungslos wieder zu ihrer Mutter. Frustriert und gefangen in ihrer Apathie verbringt sie den einen Teil ihres Lebens vor dem Fernseher, den anderen putzt sie bei einer alten Dame, einem erfolgreichen Rechtsanwalt, einer berühmten Opernsängerin und einem Wissenschafter. Deren Lebensstil, Reichtum und Wissen faszinieren sie und sie meint, hinter diesen fremden Türen das schöne Leben gefunden zu haben. Unter dem Einfluss ihrer reichen Kunden verändert sie ihr Aussehen, beginnt sich mit Geld, Kunst und Bildung zu beschäftigen. Aber der Glaube an sich selbst will sich nicht einstellen. Es war so deprimierend, erwachsen zu sein und keine Talente zu haben. Ganz leise und unscheinbar wird ihr Weg aber doch ein Weg zu sich selbst. Ein Weg zu einem anderen, aber eigenen, schönen Leben. Die Suche nach dem Glück, nach dem Sinn, verpackt in einen durchaus humorvoll und voller Lebens- und Leidensnähe geschriebenen, leicht lesbaren Roman. Kritik an Islands Gesellschafts- und Sozialsystem blitzt gekonnt auf. - Eine Geschichte, die Mut für den eigenen Weg macht.

Renate Kraus / biblio

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Susanne Ayoub: Engelsgift

: Roman / Susanne Ayoub. - Hamburg : Hoffmann und Campe, 2004. - 367 S. ISBN 3-455-00220-X fest geb. : ca. € 20,50

Die Autorin Marie Horvarth soll ein Drehbuch über das Leben der vor 60 Jahren zum Tode verurteilten Giftmörderin Karoline Streicher schreiben. Der "Dämon im Engelsgesicht", wie sie in der Boulevard-Presse genannt wird, soll aus Habgier und Eifersucht ihren Ehemann, die neugeborene Tochter, ihre Tante und die Untermieterin vergiftet haben. Bei ihren Recherchen stößt Marie dabei auf den letzten lebenden Verwandten - ihren Sohn. Obwohl er bei der Hinrichtung seiner Mutter noch ein Kind war, kann er sich genau an sie erinnern, und er erzählt der Autorin eine völlig neue Version der Geschichte: Seine Mutter, die ihm zeitlebens keinerlei Zuwendung entgegenbrachte und ihn brutalst misshandelte, sei zwar eine Bestie in Menschengestalt, aber keine Mörderin gewesen. Gebannt verfolgt Marie die Erzählungen des undurchsichtigen alten Mannes und gerät dabei immer weiter in seinen Bann, bis sie sich schließlich selbst gefährlich im Netz seiner Erzählungen verfängt. Ein äußerst spannend erzählter und ungewöhnlicher Roman mit einem authentischen Hintergrund, was das Buch umso fesselnder macht. Zu empfehlen für alle LeserInnen, die es faszinierend finden, in die Abgründe des menschlichen Wesens zu blicken. Sehr zu empfehlen.

Roland Kohlbacher / biblio

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Uri Orlev: Lauf, Junge, lauf!

: Roman / Uri Orlev. Mit einem Nachw. des Autors.. - Weinheim : Beltz & Gelberg, 2004. - 228 S. Aus dem Hebr. von Mirjam Pressler ISBN 3-407-80925-5 fest geb. : ca. € 15,40

"Wie man weiß, übertrifft manchmal die Realität jede Phantasie." Der in Polen gebürtige israelische Autor Uri Orlev, der mit seinem autobiografischen Roman "Die Bleisoldaten" große Aufmerksamkeit erweckte, erzählt in diesem Jugendroman die ungeheure Überlebensgeschichte eines jüdischen Jungen, der auf sich selbst gestellt, in völliger Einsamkeit und mit fast übermenschlichem Lebenswillen, den Zweiten Weltkrieg übersteht. - Auf der anderen Seite der Gettomauer, die von deutschen Soldaten bewacht wird, sind Freiheit und Essen. Doch als nach einem missglückten Fluchtversuch der Vater nicht mehr zurückkehrt, muss die Mutter mit den Kindern allein ums Überleben kämpfen. In Mülltonnen sucht Srulik nach Essensresten, geschützt von der Mutter. Doch die ist plötzlich weg. Damit beginnt für den 8-Jährigen ein Martyrium, der Kampf ums Überleben. Bald stellt sich heraus, dass auch andere Kinder allein übrig geblieben sind und sich durchschlagen müssen. Von ihnen lernt er zu stehlen, die Menschen zu meiden, im Wald Nahrung und auf Bäumen Schlafplätze zu finden. Scheu geworden hat er sich eine neue Identität zurecht gelegt, um sich bei Fragen nicht zu verraten. Oft entkommt er im letzten Moment, immer wieder kann er sich als fleißiger Helfer bei Bauern verdingen. Doch da gerät er in die Fänge der SS und überlebt nur knapp, verliert aber einen Arm. Nach Kriegsende wird er in ein Waisenhaus gebracht, wo er die Schule nachholt. Im Nachwort enthüllt Orlev, was aus Srulek/Jurek geworden ist. Unfassbar und schrecklich ist das, was der Junge erlitten und durchstanden hat. Faszinierend ist, wie es Uri Orlev literarisch gelungen ist, die unüberbietbare Gewalt durch eine kindliche Sichtweise darzustellen. Eine temporeiche Lektüre mit vielen vom Leser zu füllenden Leerstellen, die unter die Haut geht und keine Altersgrenze nach oben kennt.

Martina Lainer / biblio

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Kunst der Stille

: Inspirationen aus dem Kloster / Hrsg. von Günther Fetzer. Mit Fot. von Hans-Günther Kaufmann. - Zürich : Sanssouci, 2004. - 127 S. : zahlr. Ill. (farb.) ISBN 3-7254-1300-2 fest geb. : ca. € 17,40

Klöster als Orte der Stille, der Ruhe und Klarheit üben eine neue Faszination aus. Das Geschenkbuch von Günther Fetzer versucht diese spezielle Atmosphäre der Klöster in Wort und Bild zu vermitteln. Man findet meditative Texte bedeutender Persönlichkeiten (Augustinus, Goethe, Saint-Exupéry, Coelho,...) zu Themen wie: Kraft der Stille, Maß und Mitte, Klarheit und Besinnung. Die Fotographien von Hans-Günther Kaufmann lenken den Blick auf Details alter Klosteranlagen, auf Kreuzgänge und romanische Portale, manchmal auch auf Mönche und Nonnen, die diese alten Mauern mit Leben erfüllen. Die einfache, klare Gestaltung des Buches ohne aufwändiges Layout deckt sich mit der Botschaft der Texte und Bilder. Insgesamt ein sehr schönes Geschenkbuch, das zu einer besinnlichen Auszeit einlädt.

Gabriele Reifinger / biblio

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Pablo Neruda: In deinen Träumen reist dein Herz

: einhundert Gedichte / Pablo Neruda. Hrsg. u. m. e. Nachw. von Fritz Rudolf Fries. - München : Luchterhand Literaturverl., 2004. - 216 S. ISBN 3-630-97187-3 fest geb. : ca. € 12,40

Eine gelungene Auswahl aus dem großen poetischen Werk von Pablo Neruda. (DD)

Der hundertste Geburtstag von Pablo Neruda (1904-1973) brachte uns nicht nur Neuausgaben und Biografien des berühmten chilenischen Dichters, sondern als eine Art kleiner Querschnitt durch das Werk auch die vorliegende Sammlung von einhundert Gedichten. Das schöne Buch mit Leseband und Schuber führt uns die Vielfältigkeit Nerudas vor Augen und zeigt uns in je eigenen Tönen und Formen den großen Dichter der kleinen Dinge, den elegisch Versunkenen, den kraftvollen politischen Sänger und vor allem und immer wieder: den großen Liebenden, der seine Freude und seinen Schmerz besingt. "Ich kam auf diese Welt, um zu leben." So lapidar kann das klingen, wenn ein großer Dichter zu den Worten greift. - Nachdrücklich empfohlen.

Reinhard Ehgartner / biblio

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