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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2015 / Oktober

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Mikael Engström: Kaspar, Opa und der Monsterhecht

/ Mikael Engström. Aus dem Schwed. von Birgitta Kicherer. Mit Bildern von Peter Schössow. – Dt. Erstausg. – München : Dt. Taschenbuch-Verl., 2015. - 187 S. : Ill. (Reihe Hanser)
ISBN 978-3-423-64014-5     fest geb. : ca. € 11,30

Was tut man, wenn man in Schweden wohnt, aber nicht fischen darf? Man tut es heimlich. Mikael Engström, der schon mit seinen Romanen „Brando“ und „Ihr kriegt mich nicht“ für Aufmerksamkeit sorgte, stellte bereits 1997 den Roman „Kaspar, Opa und der Monsterhecht“ fertig, der nun endlich auch im deutschen Sprachraum veröffentlicht wurde. Er erzählt die Geschichte von Kaspar, der in einem Jahr in die Schule kommt, und seinem Opa. Die beiden versuchen einen neuen Außenbordmotor bei einem Anglerwettbewerb zu gewinnen, obwohl sie keine Erlaubnis zum Fischen haben. Schließlich beschließt Opa, dem die Ehrlichkeit eigentlich sehr am Herzen liegt, zu mogeln und einen Fisch vorzuweisen, den er nicht selbst gefangen hat… Mikael Engström zeigt die Gefühle des Buben auf sehr eindrückliche Weise, als Kaspar aufgrund dieses Betrugs Angst um Opas Seele bekommt. Denn die verrückte Isabell hat ihm vom Jüngsten Gericht erzählt! Beherzt macht sich Kaspar also auf, Opas Seele zu retten, indem er den legendären Monsterhecht fangen will.
Mikael Engström stattet seinen charmanten Roman mit witzigen und liebevollen Charakteren aus, wie zum Beispiel dem Künstler Birger, einem Freund von Opa, der seit Ewigkeiten an einem Naturbild malt, das er nur deswegen nicht fertig bekommt, weil sich die Natur immer wieder verändert. Oder der verrückten Isabell, die glaubt, dass alle schlechten Taten der Welt auf sie zurückfallen. Schrullige Weltansichten, die in der kindlichen Logik ganz wunderbar gespiegelt werden und so zu einer Erzählwelt beitragen, in der sich die jungen Leser_innen schnell heimisch fühlen.

Jan Mirbeth | STUBE 

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Kennst du die? [Tonträger]

: 100 Entdecker, Erfinder, Herrscher, Visionäre und Künstler und wer noch die Welt verändert hat : vollständige Lesung mit Musik ; ab 8 Jahren / Manfred Mai. Gelesen von Andreas Fröhlich ; Juliane Köhler ; Felix von Manteuffel ... Bearb.: Stefanie Hatz. Regie: Gudrun Hartmann und Stefanie Hatz. hr2 Kultur. - München : Der Hörverl., 2015. - 8 CDs (ca. 9 Std. 38 Min.) + Booklet.
ISBN 978-3-8445-1828-3    ca. € 33,70

Es ist eine große Herausforderung, der sich Manfred Mai gestellt hat: 100 Persönlichkeiten aus knapp 2500 Jahren Menschheitsgeschichte in kurzen Texten für ein junges Publikum vorzustellen. Der Autor hat diese Aufgabe gemeistert und so liegt nach der Buchausgabe in zwei Teilen (bei Tulipan) das gelungene Konzept nun auch als Hörbuch vor: Auf 8 CDs haben vier Sprecher_innen die Kürzestbiografien eingelesen – und präsentieren ein buntes Potpourri an Lebensgeschichten, die die Welt verändert haben.
„Das entscheidende Kriterium für die Aufnahme in das Werk war, dass ein Mensch etwas zum ersten Mal gedacht, gemacht oder geschaffen hat.“ Eine Zielsetzung, der Buddha, Christoph Kolumbus oder Mark Zuckerberg ebenso gerecht werden wie Maria Montessori, Coco Chanel oder Malala Yousafzai. Manfred Mai beweist in seinen kurzen Essays erneut sein Talent, komplexe Zusammenhänge einfach zu erklären und jeweils das aus einem Leben zu erzählen, was vor dem Erfahrungs- und Erlebnishintergrund von Kindern und Jugendlichen Bedeutung hat. Die Zuordnung der vier Sprecher_innen zu den einzelnen Persönlichkeiten ist sehr gelungen, jedes Porträt wird zusätzlich durch einen prägnanten Satz eines Kindes zusammengefasst.
Ein spannendes Hörbuch, das mit der Laufzeit von 10 Stunden unmöglich auf einmal konsumiert werden kann, aber für unterschiedlichste Kontexte und Zielgruppen breit einsetzbar ist. Ein weltgeschichtlicher Schatz für jede Bibliothek.

Christina Ulm | STUBE

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Davide Longo: Der Fall Bramard

: Roman / Davide Longo. Aus dem Ital. von Barbara Kleiner. - 4. Aufl. - Reinbek : Rowohlt, 2015. - 317 S.
ISBN 978-3-498-03938-7      fest geb. : ca. € 20,60

Nach zwanzig Jahren erhält der ehemalige Kommissar Bramard eine Botschaft, die ihn dazu bewegt, endlich dem Mörder seiner Frau auf die Spur zu kommen. (DR)

Corso Bramard arbeitet als Lehrer in einem Dorf im Piemont. Vor zwanzig Jahren war er als Ermittler einem Frauenmörder auf der Spur. Als jedoch seine eigene Frau ermordet wurde und seine kleine Tochter verschwand, geriet sein Leben aus den Fugen und er quittierte den Polizeidienst. Nun, nach so langer Zeit, erhält er eine rätselhafte Botschaft des Täters und jetzt ist er fest entschlossen, ihn zu stellen. Unterstützt wird er von einem ehemaligen Kollegen, der ihm eine ruppige, aber hoch talentierte Polizistin zur Verfügung stellt. Während er sich vor allem von seiner Intuition leiten lässt und die Erinnerungen der Talbewohner zueinander in Beziehung setzt, übernimmt seine in der digitalen Welt aufgewachsene Kollegin den technischen Part. Gemeinsam ziehen sie den Kreis um den rätselhaften Mörder immer enger und schließlich kommt es zu einem in jeder Hinsicht überraschenden Ende.
Dass der Plot dieses Krimis nicht gerade realistisch ist, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Longo erzählt eindringlich und zurückhaltend zugleich, mit einem sicheren Gefühl für das richtige Maß. Selbst bei scheinbar belanglosen Details verwendet er kein Wort zu viel und ist ein Meister darin, Atmosphäre zu vermitteln: das Lebensgefühl der wortkargen Talbewohner, das langsame Erwachen des verschlossenen Bramard, der zwischen einem starken Bedürfnis nach Abgrenzung und der Sehnsucht nach Nähe schwankt, und nicht zuletzt die Stimmung, die von der grandiosen Landschaft der Alpen ausgeht. Der Autor sagt: "Meine Leser sind Menschen, die gerne gehen, stundenlang eine Suppe köcheln lassen, Nein sagen können und viele Kilometer zurücklegen, um einen Freund zu besuchen." Dieser eigenwillige, sehr ästhetische und spannende Roman ist etwas Besonderes und sehr zu empfehlen.

Ingrid Kainzner | biblio

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Katharina Johanna Ferner: Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste

: Roman / Katharina Johanna Ferner. - [Wien] : Verl. Wortreich, 2015. - 151 S.
ISBN 978-3-9503991-6-5      fest geb. : ca. € 19,90

Marillenmarmelade, Conchita Wurst und der Russland-Ukraine-Konflikt in einem Buch. (DR)

Das schmale Büchlein ist das Erstlingswerk der jungen Nachwuchsautorin, auch der Verlag Wortreich wurde erst 2015 in Wien gegründet. So erfrischend ist auch die Story, die uns mitnimmt ins Moskauer Dickicht aus heimlicher Systemkritik und vordergründiger Anpassung, ins Leben des Anatolij Petrowitsch. Dessen Dasein wird durch eine Nacht ohne Erinnerung und eine Verhaftung durch den russischen Geheimdienst auf den Kopf gestellt - so schnell kann ein harmloser Urlaub auf der Krim einen lethargischen Alleinstehenden aufrütteln! Sein Zusammentreffen mit der ukrainischen Journalistin und Revoluzzerin Tatjana, zu der sich romantische Gefühle entspinnen, macht die Sache nicht leichter.
Eine heitere Familiengeschichte, die durchaus auch kritisch die gegenwärtige politische Lage in die Handlung einflicht, den LeserInnen aber durchgehend mit einem Augenzwinkern ein Lächeln abringt. Kurzweilig!

Verena Gangl | biblio

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Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln

/ Peer Martin. - Hamburg : Oetinger, 2015. - 527 S.
ISBN 978-3-7891-4297-0      fest geb. : ca. € 20,60

Verstörend realistisches Abbild der aktuellen Flüchtlingssituation. (ab 16) (DR)

Calvin, ein in Neonazikreisen verkehrender junger Erwachsener, setzt sich mit seinen Freunden für ein "befreites" Deutschland ein. Calvins Weltanschauung beginnt jedoch zu wanken, als er Nuri, eine aus Syrien Geflohene, kennenlernt. Ihre Lebensgeschichte fesselt und berührt ihn. Was sie in Syrien erlebt hat, schockiert ihn und bringt ihn zum Hinterfragen seiner eigenen Anschauungen. Calvin und Nuri suchen die gegenseitige Nähe, was allerdings beide in eine gefährliche Lage bringt. Sowohl Calvins Freunde als auch Nuris Verwandte scheuen die gewaltvolle Auseinandersetzung nicht.
Peer Martin verpackt die Flüchtlingsthematik in die Geschichte zweier Jugendlicher. Dabei lässt er nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Flüchtlinge zu Wort kommen. Die Aktualität und Realität schockieren und machen nachdenklich, da der Roman nicht als rein fiktiv abgetan werden kann. Stufenweise können die LeserInnen die Verschärfung der Situation mitverfolgen - bis hin zu einer verheerenden Eskalation. Am Beginn jedes Kapitels werden thematisch anknüpfende Zitate angeführt, am Ende gibt es Vorschläge für eine Internetrecherche. Im Zuge der Handlung werden kulturelle, soziale und gesellschaftspolitische Bereiche angeschnitten. - Empfehlenswert.

Alexandra Gölly | biblio

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Monique Schwitter: Eins im Andern

: Roman / Monique Schwitter. - Graz : Literaturverl. Droschl, 2015. - 232 S.
ISBN 978-3-85420-969-0      fest geb. : ca. € 19,00

Eine Frau, zwölf vergangene Liebesgeschichten und eine aktuelle Liebe. (DR)

Dieses Klopfen irgendwo im Kopf kennt wohl jeder. Irgendwann, abends, wenn die Kinder endlich schlafen, der Mann in seinem Arbeitszimmer seine Emails checkt, kann man sich nicht mehr davor verstecken. Und googelt den Namen einer vergangenen Liebe. Im Fall der Protagonistin keine so gute Idee, denn es stellt sich heraus, dass Petrus gestorben ist. Aus dem achten Stock gestürzt, Selbstmord. Nach und nach findet sie mehr heraus über Petrus, aber auch über die elf anderen Männer aus ihrem Leben, dem Leben bevor sie verheiratet und Mutter war. Die Geschichten ihrer Lieben und die Geschichte ihrer aktuellen Beziehung werden zu einem Buch, dessen Entstehung die LeserInnen mitverfolgen dürfen. Es entwickelt sich ein Roman in zwölf Kapiteln, in dem die Protagonistin ihre zwölf Männer wie beim Abendmahl um sich versammelt. Anhand der Vergangenheit möchte sie sich über ihre Gegenwart, ihre Ehe und das Leben, das sie führt, klarwerden.
Ein Roman mit vielen Schichten und Fäden, die sich mal mehr, mal weniger gut ineinanderfügen und verweben. Modern, aber nicht flapsig geschrieben, liest sich das Buch angenehm schnell, lässt einen aber immer wieder innehalten und über die Situation der Protagonistin nachdenken. Ein schöner Roman für alle Bestände.

Sabine Eidenberger | biblio

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Karim El-Gawhary / Mathilde Schwabeneder: Auf der Flucht

: Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers / Karim El-Gawhary ; Mathilde Schwabeneder. - Wien : Kremayr & Scheriau, 2015. - 188 S., XVI S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-218-00989-8      fest geb. : ca. € 22,00

Reportagen über Flucht, die tief betroffen machen und den Menschen hinter den Schlagzeilen eine Stimme geben. (GP)

Als sie Anfang Juli 2015 das Nachwort verfassten, war wohl nicht abzuschätzen, wie rasch die größte Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg Österreich erreichen würde. Dass immer mehr Menschen aus der arabischen Welt den unsicheren Weg nach Europa wagen würden, war für die beiden renommierten ORF-Journalisten Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder wohl keine Überraschung. Tagtäglich sind sie mit den Auswirkungen des Bürgerkriegs in Syrien, mit den prekären Umständen in den Flüchtlingslagern konfrontiert, kommen mit Menschen ins Gespräch, die unvorstellbares Leid erlebt haben, die die Verzweiflung in die Hände von Schleppern treibt.
Mit klaren, offenen Worten beschreiben sie die Lage in Syrien und dem Irak, im Sudan oder in weniger bekannten Staaten wie dem kleinen westafrikanischen Gambia, wo Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Verfolgung die Bevölkerung zur Flucht zwingen. Sie nennen in seiner Drastik traurig anmutendes statistisches Zahlenmaterial, schildern Schlepperrouten und den florierenden Menschenhandel. Regelmäßig gehen schreckliche Nachrichten über im Mittelmeer gekenterte Flüchtlingsboote durch die Medien - die hier versammelten Reportagen geben den Menschen hinter diesen Schlagzeilen eine Stimme und führen uns in Frieden und Wohlstand lebenden Europäern deutlich vor Augen: "Der Beginn einer Flucht ist meist, keine andere Option zu haben." (S. 50) Es sind zutiefst erschütternde Geschichten wie jene der Jesidin Amscha, die vom IS verschleppt und verkauft wurde, die mitansehen musste, wie ihr Mann, ihr Bruder und ihr Onkel erschossen wurden. Aber auch Erzählungen voller Tragik, in denen noch die Hoffnung auf einen Neuanfang lebt, wenn z.B. der Syrer Ahmad auf einen positiven Asylbescheid und ein Wiedersehen mit seinen Töchtern fernab von Scharfschützen und Fassbomben hofft.
Häufig bestimmt die Angst vor dem Fremden die Flüchtlingsdebatte. Skepsis und Vorbehalte herrschten auch in der oberösterreichischen 2700-Seelen-Gemeinde Großraming, als man erfuhr, dass 50 Flüchtlinge Einzug halten würden. Wie sich die Situation dort entwickelte, wie das Zusammenleben mit den Flüchtlingen funktioniert, davon ist abschließend zu lesen. Offen auf Menschen aus anderen Kulturkreisen zuzugehen, ihnen wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, dafür plädieren die Autoren. Ein Buch, das sensibilisiert und für die erste Auseinandersetzung mit dem Thema bestens geeignet ist. Allen Büchereien nachdrücklich empfohlen!

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Julien Green: Bruder Franz

: der Heilige aus Assisi / Julien Green. Aus dem Franz. von Hanns Bücker. - Würzburg : Echter, 2015. - 435 S.
ISBN 978-3-429-03811-3      fest geb. : ca. € 29,90

Ein persönlicher Zugang zu Franz von Assisi und zugleich ein Klassiker der religiösen Literatur. (PR)

Julien Green (1900-1998) war zeit seines Lebens ein leidenschaftlich Suchender. Nach dem Tod seiner Mutter konvertierte der 15-Jährige zur katholischen Kirche, trat Jahre später aus ihr aus, um 1939 wieder zu ihr zurückzukehren.
Franz von Assisi, so lautete der Taufname, den sich Julien  Green zur Zeit des Ersten Weltkriegs bei seinem Eintritt in die Katholische Kirche wählte. Der Name war Programm, die Faszination gegenüber diesem Heiligen des 13. Jahrhunderts hat ihn nie mehr verlassen. Nach einer langen schriftstellerischen Karriere machte sich der über 80-Jährige schließlich an das Buch „Bruder Franz“, eine Art religiöser Selbstoffenbarung, die 1984 erstmals auf Deutsch erschien. Es ist ein meisterhaftes Werk über das Leben eines mittelalterlichen Mystikers und zugleich eine Art Lebensbuch seines Autors.
Julien Green gelingt es in überzeugender Weise, detailreiches Wissen aus einander bisweilen widersprechenden Quellen zusammenzutragen und auf dieser Grundlage sein eigenes Franziskusbild zu zeichnen. Subjektives wie Objektives bleiben unterscheidbar wie auch der Mensch Franziskus und der legendenumwobene Heilige gleichermaßen aus dem Buch hervortreten. Allen Bibliotheken sehr zu empfehlen.

Reinhard Ehgartner | biblio

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