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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2014 / März

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Lemony Snicket / Jon Klassen: Dunkel

/ Lemony Snicket. Ill. von Jon Klassen. Aus dem Engl. von Thomas Bodmer. - Zürich : NordSüd Verl., 2014. - [18] Bl. : zahlr. Ill.
ISBN  978-3-314-10211-0   fest geb. : ca. € 15,40

„Du magst dich vor dem Dunkel fürchten, aber das Dunkel fürchtet sich nicht vor dir.“ Lemony Snickets Motto „Fordere dein Publikum“ treu bleibend, erzählen die meisten seiner Werke von schwierigen Situationen junger ProtagonistInnen. So ist es auch in diesem Bilderbuch. Leo fürchtet sich vor dem Dunkel, das sich überall im Haus und vor allem im Keller – zumindest tagsüber – versteckt. Nachts kommt es jedoch hervor und verteilt sich, außer in Leos Zimmer, denn dort hat er mit einer warm leuchtenden Glühbirne vorgesorgt. Das Ausgangsszenario dürfte nicht nur zahlreichen Kindern, sondern auch Erwachsenen bekannt vorkommen. Von Horrorfilmen auf Schauerliches gepolt, wartet man beim Gang in den finsteren Keller auf Entsetzliches. Nicht hier. Leos Präventivmaßnahme versagt, im wahrsten Sinne des Wortes: die Glühbirne verlischt.
„’Leo’, sagte das Dunkel im Dunkeln.“Die personifizierte Finsternis führt Leo langsam, von Seite zu Seite durchs nächtliche Haus. Illustrator Jon Klassen gibt ihm Raum dafür. Nur Leos Taschenlampe erhellt das Schwarz; nur ausschnitthaft sieht die Leserschaft, was auch Leos Blick auffängt, was das Licht umreißt. Spannend ist dieser Gang durch die black box und ausgesprochen konzentriert sind die Wegangaben des Dunkel: „’Komm näher’, sagte das Dunkel.“ Mutig öffnet Leo die unterste Schublade einer alten Kommode und findet – Glühbirnen! „’Danke’, sagte Leo. ‚Gern geschehen’, sagte das Dunkel.“ Mit wohligem Schauer wird deutlich, dass man gerade in der Begegnung mit dem Dunkel das Licht finden kann. Ab 5 Jahren.

Elisabeth von Leon | STUBE 

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Ulrich Hub: Füchse lügen nicht

/ Ulrich Hub. Mit Bildern von Heike Drewelow. - Hamburg : Carlsen, 2014. - 143 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-551-55649-3      fest geb. : ca. € 13,30

Ein Lagerkoller der tierischen Art: In der Animal Lounge des Flughafens warten seit Tagen Pandabär, Gans, zwei Schafe, Affe und Tiger auf ihre Flüge und werden hie und da vom Polizeihund auf Geduld getrimmt. „Nebeneinander hocken sie auf Metallstühlen, blinzeln in die wenigen nackten Neonröhren und lauschen dem gleichmäßigen Rattern der Lüftungsanlage. Irgendwo tröpfelt traurig ein Wasserhahn.“ Doch bei der Tristesse bleibt es nicht, steht doch plötzlich ein Fuchs im Raum und bricht mit verrückten Ideen und (scheinbarer) Hinterlist die Langeweile auf: „Der Flughafen gehört euch!“ In guter Manie des Films „The Breakfast Club“ streunen die festsitzenden Tiere am verlassenen Flughafen herum und stürmen sogar den Duty-Free-Shop – frei übersetzt: „ohne die Pflicht zu bezahlen“ …
Mit feiner Klinge und spitzem Humor hat der Theaterschriftsteller, Schauspieler und Regisseur erneut eines seiner Stücke zur Prosa geformt. Mit seinen markigen Figuren und der wunderbaren Absurdität der Szene weiß er sowohl Kinder als auch Erwachsene königlich zu unterhalten und hintergründig viel von Lüge und Wahrheit zu erzählen. Denn wie es so üblich ist bei einem Kammerspiel, werden nach und nach die tierischen Identitäten offengelegt – und nicht nur Füchse haben da plötzlich kurze Beine …

Christina Ulm | STUBE

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Antonia Michaelis: Nashville oder das Wolfsspiel

/ Antonia Michaelis. - Hamburg : Oetinger, 2013. - 479 S.
ISBN 978-3-7891-4275-8      fest geb. : ca. € 18,50

Vom Leben ohne Chancen in den unsichtbaren Zwischenräumen der Gesellschaft. (ab 16) (DR)

Endlich anfangen mit dem Leben, frei sein, auf eigenen Beinen stehen. Darauf freut sich die 18-jährige Protagonistin Svenja, als sie nach Tübingen zieht, um Medizin zu studieren. Doch dann taucht ein Junge in ihrer Wohnung auf: stumm, verwahrlost, mager. Svenja kümmert sich um den Kleinen, den sie nach seinem T-Shirt-Aufdruck Nashville nennt, und schließt den traumatisiert wirkenden Elfjährigen rasch ins Herz: Nashville, den Jungen mit „einem Blick wie die Dunkelheit, wenn sie am tiefsten ist und man sich danach sehnt, ein Licht anzumachen.“ (S. 123) Nashville, der immer wieder verschwindet und dessen Schweigen ein dunkles Geheimnis birgt, das Svenja mit Gewalt und Verbrechen konfrontiert und das frühsommerliche Tübingen mit dem schmetterlingsleichten Flair bald mit einem Hauch von Vergänglichkeit überzieht. Als auf dem Österberg eine Frauenleiche gefunden wird, nimmt ein grandios inszeniertes Wolfsspiel seinen Anfang: Kannte Nashville die Tote, eine Obdachlose? Warum trieb er sich nachts in der Nähe des Tatorts herum? Was verbirgt sich hinter seinen Dunkelaugen, diesem uralten Blick?
Abermals hat die in der Nähe der Insel Usedom lebende Autorin einen bis zur letzten Seite fesselnden Jugendthriller mit ungeheurer Sogwirkung und einem gelungen durchkomponierten Plot geschrieben. Hinter der mit viel Atmosphäre, wunderschöner Poesie und großer Intensität erzählten Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und Rache lauern Abgründe: Durch die Stadt streift ein Mörder, dem mehrere Obdachlose zum Opfer fallen. Michaelis beherrscht die Mittel der Suspense meisterhaft: Subtil deutet sie die Gefahr, die über den Gassen Tübingens liegt, an, wie nebenbei fällt der Blick auf scharfe Messerklingen, die zum Einsatz kommen. Wer ist der Täter? Wem kann Svenja noch vertrauen?
Einmal mehr überzeugt die deutsche Autorin mit ambivalent gezeichneten Figuren voller Leben, authentisch und nicht auf den ersten Blick zu fassen. Vor allem jene Menschen, die so oft durch unsere Blicke fallen, jene, die in den unsichtbaren Zwischenräumen der Gesellschaft leben, bekommen in dem berührenden sozialkritischen Roman Aufmerksamkeit.
Ein absolutes Gänsehaut-Buch über die Sehnsucht nach Liebe und Freiheit für LeserInnen ab 16! Ein Thriller, dessen melancholisch-realistische Töne lange nachwirken, ähnlich wie der für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte „Märchenerzähler“ (2011): unsagbar traurig, aber ungemein gut! Eine große Empfehlung für alle Büchereien.

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Susanne Scholl: Emma schweigt

: [Roman] / Susanne Scholl. - St. Pölten : Residenz-Verl., 2014. - 179 S.
ISBN 978-3-7017-1623-4      fest geb. : ca. € 19,90

Berührendes Flüchtlingsdrama, in dem zwei Welten aufeinanderprallen. (DR)

Die Wiener Pensionistin Emma ist mit ihrem Leben nur mäßig zufrieden. Ihr Ex-Mann, der sie einst für eine Jüngere verlassen hat, vegetiert nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim vor sich hin, und ihr vergötterter einziger Sohn Hansi lebt nach zwei Scheidungen mit einer jungen Türkin zusammen, die nun auch noch ein Kind von ihm erwartet. Für die engstirnige, mit Vorurteilen behaftete Emma ist die Vorstellung, Großmutter eines "Türkenbankerts" zu werden, nicht gerade erfreulich. Dann stürzt Emma und bekommt unerwartete Hilfe von einer jungen Ausländerin und deren kleinen Sohn. Sarema, eine junge Tschetschenin, die vor den Schrecken des Krieges in ihrem Heimatland nach Österreich geflohen ist und in einem Flüchtlingsheim auf ihren Asylbescheid wartet, und ihr aufgeweckter Sohn Schamil werden bald zu Emmas engsten Bezugspersonen.
Die langjährige Moskau-Korrespondentin Susanne Scholl schildert in dieser Erzählung nüchtern und dennoch äußerst bewegend anhand der traurigen Geschichte der jungen Sarema die unvorstellbaren Leiden einer Asylantin, die unfähig ist, die Schrecken, die ihr widerfahren sind, in Worte zu fassen, und der letztendlich der Aufenthalt in Österreich verweigert wird. Gleichzeitig erzählt Scholl die Geschichte einer verbitterten, alternden Frau voller Vorurteile und Klischees, die nicht in der Lage ist, Anteil am Schicksal ihrer Mitmenschen zu nehmen, und sich somit letztlich selbst in die Einsamkeit manövriert. Eine traurige, berührende Erzählung, die sich - spannend geschrieben - einem brandaktuellen Thema widmet. Sehr empfehlenswert.

Michaela Grames | biblio

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Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom

: Roman / Antonio Fian. - Graz : Literaturverl. Droschl, 2014. - 238 S.
ISBN 978-3-85420-950-8      fest geb. : ca. € 19,00

Schwarzhumoriges wie pointenreiches Abgleiten in menschliche Abgründe. (DR)

Mit "Das Polykrates-Syndrom" legt Antonio Fian, österreichischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Schöpfer der neu definierten Gattung Dramolett, nach 12 Jahren seinen zweiten Roman vor, eine überaus geglückte Mischung verschiedenster Literaturgenres. Um Glück und Unglück dreht sich auch alles im Leben seines Protagonisten und Ich-Erzählers Artur, der an dem von der Wissenschaft bislang unentdeckt gebliebenen Polykrates-Syndrom erkrankt. Getrieben von der Angst, dass die Steigerung allzu großen Glücks möglicherweise größtmögliches Unglück bedeutet, führt der ehrgeizlose Akademiker im Wien der vergangenen Schilling-Ära ein bescheidenes Leben als Nachhilfelehrer und Angestellter eines Copyshops. Gelegentlich verfasst er skurrile Sketches, besucht pflichtschuldig seine erschreckend boshafte, argusäugige Mutter im Altersheim und lässt sich von seiner karrierefreudigen Ehefrau Rita widerstandslos unterdrücken. Doch das Erscheinen der höchst unkonventionellen, blutjungen Alice stellt Arturs wohlgeordnete Welt völlig auf den Kopf, ungeheuerliche Ereignisse reißen ihn in einen Strudel aus Leidenschaft und Lust, der zunehmend herben Leichenduft verströmt…
Mit seiner filmreifen Geschichte über den katastrophalen Werdegang eines tragikomischen Antihelden beschert Fian den LeserInnen ein Stück kohlrabenschwarzer Unterhaltungsliteratur, dessen grotesk blutgetränkte Szenen von Splattermovieking Quentin Tarantino stammen könnten. Gekonnt setzt Fian das literarische Mittel der satirischen Übertreibung ein, seine trockenen Dialoge versprühen intelligenten Wortwitz, seine pointiert gezeichneten Charaktere und die köstlich absurden Geschehnisse in dieser mit viel literarischem Können erzählten Variante einer verhängnisvollen Affäre werden auch anspruchsvolle LeserInnen zufriedenstellen.

Elisabeth Zehetmayer | biblio

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Cornelia Schinharl: Suppen, die glücklich machen

: [Genuss für jede Jahreszeit] / Cornelia Schinharl. Fotos von Alexander Walter. - Stuttgart : Kosmos, 2013. - 144 S. : zahlr. Ill. (farb.) - (Wir lieben kochen)
ISBN 978-3-440-13417-7      kart. : ca. € 15,40

Mit schmackhaften Suppen durch das Jahr - nicht nur für Fortgeschrittene! (VL)

Suppen können wärmen, schmecken und auf ein folgendes Menü einstimmen. Selbstverständlich verraten sie auch, ob sie von kundiger Hand zubereitet wurden. Ob sie - wie im Titel versprochen - glücklich machen, möge man in der Küchenpraxis selbst testen.
Suppenwürfel und -beutel mögen praktisch sein. Doch das ansprechend bebilderte Suppenkochbuch der Vielschreiberin (über 50 veröffentlichte Kochbücher!) setzt auf eigene Erzeugnisse und beginnt mit einer Einführung in die lohnende Zubereitung von selbst gekochten Brühen und Fonds. Darauf aufbauend sind die Rezepte nach Jahreszeiten unterteilt, wobei für Herbst und Winter am meisten Rezepte zu finden sind. Je eine Suppe pro Jahreszeit ist eine dickflüssige Süßspeise. Die einleitenden Texte zu jeder Suppe beziehen sich auf das titelgebende Glück und erklären die positive Wirkung der jeweiligen Suppe beim Kochen oder Essen. In trendigem Layout sind alle Zubereitungsschritte übersichtlich, klar und leicht verständlich beschrieben. Schwieriges und mögliche Ursachen für Misserfolge werden in Randtexten unter der Überschrift "Was wirklich wichtig ist" erklärt.
Die Suppenküche ist weit mehr als das Zusammenkochen von Essensresten. Die Autorin macht mit ihrem frischen Schreib- und Erzählstil Lust auf kreatives Kochen.

Wolfgang Moser | biblio

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Susanne Wolf: Nachhaltig leben

 : bewusst kaufen, sinnvoll verwenden ; Alternativen zum Wegwerfen / Susanne Wolf. Verein für Konsumenteninformation (Hrsg.). - Wien : Verein für Konsumenteninformation, 2013. - 158 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-99013-028-5      kart. : ca. € 14,90

Wie jede(r) von uns Beiträge zu einer besseren Welt leisten kann. (NB)

Laut Umfragen ist bereits die Hälfte der Verbraucher an nachhaltigem Konsum interessiert, aber nur 10 % setzen dieses Anliegen auch in die Praxis um, offenbar weil viele Menschen das Gefühl haben, als Einzelne(r) nichts ändern zu können. Viele hegen wohl auch die Hoffnung, die Politik werde für mehr Nachhaltigkeit sorgen. Da aber "die Politik" offensichtlich völlig unter dem Diktat konventioneller ökonomischer Interessen steht und daher "machtlos" ist, gilt es nun angesichts der vom wirtschaftlichen Mainstream verursachten Missstände die "Macht der Konsumenten" (wieder) zu entdecken und vor allem zu nutzen: Durch gezielten Kauf oder Boykott bestimmter Produkte ist es Konsumenten sehr wohl möglich, Einfluss auf den Markt zu nehmen.
Echte Nachhaltigkeit setzt allerdings ein Umdenken voraus. Daher erläutert Wolf zunächst das Wesen und den Sinn der Nachhaltigkeit, bevor sie im Praxisteil konkrete Tipps für ein verantwortungsvolles Handeln in den verschiedensten Lebensbereichen gibt. Auch die für die konventionelle Wirtschaft tabuisierten Begriffe "Nutzen statt Besitzen" und "Verzicht" kommen zur Sprache. Beispiel: Der Verzicht auf ein KFZ ist nachhaltiger als der Kauf eines Elektroautos. Ein Serviceteil mit einer umfangreichen Adress- und Linksammlung rundet das Werk ab. Fazit: Wolf ist ein Nachschlagewerk gelungen, das ohne erhobenen Zeigefinger aufzeigt, wie sich jede/r Einzelne in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln kann.

Simone Klein | biblio

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Rainer Oberthür / Barbara Nascimbeni: Das Vaterunser

 / Rainer Oberthür. Barbara Nascimbeni [Ill.]. - Stuttgart : Gabriel, 2013. - 56 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-522-30356-9      fest geb. : ca. € 15,40

Überzeugende Hinführung zum Vaterunser. (ab 6) (JP)

In einfacher, poetischer Sprache beantwortet Rainer Oberthür Fragen, die viele Kinder umtreiben (z.B.: Warum kann ich Gott nicht sehen?), und vermittelt anhand der Vaterunser-Bitten wesentliche Inhalte des christlichen Glaubens. Dabei betont er, dass uns das Gebet Jesu mit den Juden verbindet, weil Jesus Sätze aufgegriffen hat, die die Juden aus ihren Gebeten kannten. Und es ist ihm wichtig, dass Gott auch wie eine Mutter ist.
Jede der 25 Doppelseiten, bestehend aus einem ganzseitigen Bild und einem kurzen Text, bildet eine Einheit, die auch für sich allein betrachtet werden kann. Die meisten Texte sind als Gebete formuliert und eignen sich gut für ein Abendgebet mit Kindern.
Hervorragend gelungen ist das Zusammenspiel von Text und Bild: Die Illustrationen von Barbara Nascimbeni verzichten weitgehend auf religiöse Symbole und Figuren. In bunten Farben und einfachen Formen zeigen sie Kinder, Tiere und offene Räume. Gesten, Blicke und Haltungen verweisen auf die Anwesenheit Gottes und öffnen eine spirituelle Dimension mitten im Alltäglichen. Ein sehr sorgfältig gemachtes Buch, das Kinder ab 6 über eine lange Zeit begleiten kann und auch Erwachsenen zusagen wird.

Gabriele Doblhammer | biblio

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