hintergrundbild
biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2013 / Jänner

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Buchcover

Uschi Flacke: Das Mädchen mit den Seidenraupen

 / Uschi Flacke. - Hamburg : Carlsen, 2012. - 287 S. - (Carlsen Taschenbuch ; 1096)
ISBN 978-3-551-31096-5   kart. : ca. € 9,20

Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt sich die Stadt Lyon in der Seidenbranche zu etablieren, nicht zuletzt mit Hilfe der billigen Arbeitskräfte aus den überfüllten Waisenhäusern. In dieser Zeit, als für die Aussicht, ein Seidenraupenzucht-Monopol aufzubauen über Leichen gegangen wird, muss sich auch die 16-jährige Adrienne den kriminellen Machenschaften anschließen, um ihre kleine Schwester Suzanne zu retten. Für deren Freilassung aus den Fängen des geldgierigen Monsieur Brunot soll sie 50 Seidenraupenkokons beschaffen. Hilfe bekommt sie dabei von der Straßenbande „Les Scandaleux“. Gemeinsam kommen sie einer Intrige rund um den kostbarsten Stoff der Welt auf die Schliche…
Vor der Kulisse der mächtigen gotischen Kathedrale St. Jean und dem einem Irrgarten gleichen System der Traboules, das die Altstadt Lyons durchzieht, wird Adriennes Geschichte aus personaler Perspektive erzählt. Immer wieder aber steigern auktoriale Bemerkungen, etwa über einen Schatten, dessen Blick der Protagonistin unbemerkt folgt, die Spannung. Das historische Setting, für das mit Daten und Fakten in akzeptablem Rahmen geschummelt wurde, harmoniert mit der sinnlichen Sprache. Die Autorin arbeitet dabei geschickt mit Kontrasten wie arm/reich, hässlich/schön, Schuld/Unschuld, die ihre motivische Entsprechung im ekligen Getier als Produzent des feinen und schönen Materials finden. Eine Lektüre, die die LeserInnen glaubwürdig ins Lyon des 16. Jahrhunderts versetzt.

Rosemarie Merl | STUBE 

Buchcover

Hubert Schirneck: Typisch Bär!

 : Geschichten zum Vorlesen / Hubert Schirneck. Mit Ill. von Sonja Bougaeva - Erlangen : Boje-Verl., 2012. - 116 S. : Ill.
ISBN 978-3-414-82294-9    fest geb. : ca. € 12,99

„Zugegeben, ein bisschen verrückt war der Bär schon.“ Weil er Radio hört? Weil er als neugieriger Forscher den Dingen auf den Grund geht? Weil er Sprichwörter auf Zetteln sammelt – sie leider aber oft miteinander vermischt, sodass er sich fragt, was „Ein Apfel kommt selten allein“ wohl bedeutet?
In 15 kurzen Geschichten wird die Welt des gutmütigen Brillenbären und seiner Freunde ausgesprochen humorvoll beschrieben. Für die LeserInnen oder ZuhörerInnen sind dabei vor allem die Fehltritte und kleinen Verwechslungen des von Sonja Bougaeva in satten Farben illustrierten Bären unterhaltend. Das Spiel mit der Sprache, wenn der Bär wieder einmal etwas allzu wörtlich nimmt, sorgt für immer neue Wendungen in der Erzählung: Wenn der Bär seinen Freund, den Löwen, zum König der Tiere krönt, wenn er überprüft, ob tatsächlich alle Wege nach Rom führen oder wenn er sich ein Sternbild rahmen und an die Wand hängen möchte…
Die einzelnen Episoden rund um den sympathischen Eigenbrötler sind durchzogen von der rührenden Suche nach einer Bärin – die inmitten der idyllischen Umgebung auch schließlich glückt. Ebenso wie Konzept und Umsetzung dieser Familienlektüre.

Corinna Kramer | STUBE

Buchcover

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

 : Roman / Marjana Gaponenko. - Berlin : Suhrkamp, 2012. - 236 S.
ISBN 978-3-518-42315-8   fest geb. : ca. € 20,60

Als die 1981 in Odessa geborene Marjana Gaponenko 2009 mit dem Frau Ava-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, war sie in literarischen Kreisen noch weitgehend unbekannt. In der Jurybegründung war damals von der schwebenden Leichtigkeit der Sprache, dem Spiel mit Träumen, Phantasien oder Visionen und von feiner Ironie die Rede. Jurybegründungen neigen zum Pathos - doch hier stimmt jedes Wort.
Übermütig in der Sprache, als würde ein junger Hund von der Kette gelassen, führt uns Marjana Gaponenko hinein in die letzten Lebenstage von Luka Lewadski, einem 96-jährigen Ornitologen aus Kiev. Aufgewachsen in den Wäldern Galiziens, hat er von seinen Eltern die Liebe zu den Vögeln geerbt, diese Liebe absolut gelebt und es zum weltweit anerkannten Fachmann auf diesem Gebiet gebracht. Den erwarteten tödlichen Befund seines Arztes gar nicht erst abwartend, macht sich der alte Wissenschafter auf zu seiner letzten Reise - sie führt ihn nach Wien, dem Herkunftsort seiner Mutter, an dem er Jahre seiner Kindheit verbracht hatte. Das Hotel Imperial scheint ihm für seinen letzten Aufenthalt angemessen, auch wenn die Mittel bereits aufgebraucht sind.
Es ist eine ganze Fülle an sprachlichen Registern, die Marjana Gaponenko in der Entwicklung ihrer Geschichte klug und unterhaltsam zu ziehen weiß. Was philosophisch erläuternd einsetzt, kann jederzeit abrupt in einer Pointe enden, das Pathos kippt ins Absurde, die Tempi wechseln, das Denken tanzt. Der Kauf eines Trinkstocks in Kiev, ärgerliche Höflichkeitsgesten vor dem Lift, die liebevollen Gespräche mit dem Hotelbutler Habib oder ein absurd verlaufender Abend im Wiener Musikverein - im Weltverständnis von Luka Lewadski kommt all diesen Ereignissen die gleiche Bedeutsamkeit zu. Das Leben ist immer das Leben, und wenn sich auch die Todesmetaphorik zusehends verdichtet: Das Leben feiert sich in der Leidenschaft des Augenblicks.
Und wer ist nun Martha wirklich? Martha hieß die letzte Wandertaube, die 1914 in einem amerikanischen Zoo verstarb, just an dem Tag, an dem Luka Lewadski das Licht der Welt erblickte. Als schräger Vogel ist auch er ein letzter seiner Art, wie damals Martha weiß er um sein Schicksal. Doch zuvor ist da noch soviel Zauber, Liebe, Licht.

Reinhard Ehgartner | biblio

Buchcover

Care Santos: Die Geister schweigen

: Roman / Care Santos. Aus dem Span. von Stefanie Karg. - Frankfurt/M. : Krüger, 2012. - 536 S.
ISBN 978-3-8105-1945-0   fest geb. : ca. € 17,50

Der Roman fängt wie ein Kaleidoskop verschiedene Ereignisse aus dem Leben einer Großfamilie und aus Barcelona zwischen 1889 und 2010 ein. (DR)

Die Autorin nimmt uns mit nach Barcelona, die berühmte stolze Stadt zwischen Tradition und Moderne. Rodolfo Lax ehelicht in den Achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die freigeistig denkende Maria des Roser Golorons und baut sich mit ihr ein gemeinsames Leben auf: Ihre Kinder Violeta, Juan und Amadeo sind alle auf ihre Weise eigen und erfolgreich. So wird aus Amadeo ein gefeierter Maler, seine Enkelin wird später Kunsthistorikerin und Spezialistin für seine Malerei. Sie ist es auch, die eine erschreckende Wahrheit über ihn zu Tage fördert.
Die Frauen dieses Romans sind durchwegs starke Persönlichkeiten, sie gestalten, bewahren, schaffen neu. Das erste Auto der Stadt, ein verheerender Brand im Großkaufhaus, die Dienerschaft, die Kinder, die mit der Amme aufwachsen, ein verdeckter Kindesmissbrauch, die Umsiedelung in das neue Stadthaus, neu entdeckte Kunstschätze, ein Verbrechen, das niemand auch nur geahnt hatte, und alltägliche Ereignisse wechseln sich ab und ergeben ein pralles Familienleben.
In wechselnden Ausschnitten aus den verschiedensten Zeiten und in unterschiedlichen literarischen Formen (Brief, Tagebuch, e-Mail) ist in dem Roman eine Fülle von menschlichen Existenzen, Meinungen und Lebensweisen zu entdecken. Stück für Stück entsteht vor den Augen der LeserInnen ein Bild der Zeit und die einzelnen Personen gewinnen immer mehr an Lebendigkeit und Plastizität. Abgründe und Zusammenhänge erschließen sich beim Lesen dieses empfehlenswerten Romans um Liebe, Betrug, Geld, Macht, Kunst, Besitz, Verbrechen und Freigeist.

Angela Zemanek-Hackl | biblio

Buchcover

David Foenkinos: Souvenirs

: Roman / David Foenkinos. Aus dem Franz. von Christian Kolb. - München : C.H. Beck, 2012. - 332 S.
ISBN 978-3-406-63947-0   kart. : ca. € 18,50

Ein respektvoller Blick auf das Altern und auf den Zauber der Liebe. (DR)

David Foenkinos hat mit seinem vorherigen Roman "Nathalie küsst" einen internationalen Erfolg errungen und man braucht kein Hellseher zu sein, wenn man annimmt, dass er mit "Souvenirs" seine Bekanntheit noch weiter ausbauen wird. In seinem neuen Werk lässt der 1974 in Paris Geborene, der an der Sorbonne Literatur und Jazz studiert hat, seinen Helden eine Stelle als Nachtportier annehmen, um für die Laufbahn als Schriftsteller Inspirationen zu sammeln. Allerdings versucht der Protagonist just in dem Moment sein Leben zu gestalten, in dem rund um ihn alles von Vergänglichkeit geprägt ist. Sein geliebter Großvater stirbt, die Großmutter kommt ins Altersheim, seine Eltern trennen sich und finden dann doch wieder zusammen und seine eigene Ehe währt nur ein paar Jahre, weil seine Frau doch lieber die Freiheit genießt.
Hinter der plausibel aufgebauten Handlungsebene schwingt immer die zentrale Frage mit, was den Menschen eigentlich ausmacht. Und genau darin liegt die Stärke von Foenkinos. Sein Blick auf die Menschen ist stets voller Achtung. Schon lange hat kein Autor dermaßen unterhaltsam und respektvoll über das Altern geschrieben wie Foenkinos. Ein Buch, das man auf alle Fälle lesen sollte!

Johannes Preßl | biblio

Buchcover

Robert B. Laughlin: Der Letzte macht das Licht aus

: die Zukunft der Energie / Robert B. Laughlin. Aus dem Amerikan. von Helmut Reuter. - München : Piper, 2012. - 400 S.
ISBN 978-3-492-05467-6   fest geb. : ca. € 23,70

Energieversorgung in der Zukunft. (NT)

Robert B. Laughlin, Nobelpreisträger für Physik, ist ein kristallklar denkender und alles andere als langweiliger Mensch. Sein Vortrag am Max-Planck-Institut in Stuttgart, wo er vor Jahren über das Thema "Abschied von der Weltformel" sprach, ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Zur Abwechslung wirft Laughlin nun in "Der Letzte macht das Licht aus" ein Auge auf die Zukunft der Energie. Spätestens in zweihundert Jahren werden alle Energievorräte wie Öl oder Erdgas verbrannt sein. Was dann?
Die Gedanken des Autors bewegen sich in großen Bahnen. Eine lehrreiche Darstellung geologischer Zeitskalen mit ihren vielfach Leben vernichtenden Klimakatastrophen und ihren vermutlich über 50 kleineren Eiszeiten zeigt auf, dass, lange bevor es Menschen gab, noch ganz andere, gewaltige und unbeeinflussbare Kräfte am Werk waren und dies heute noch sind. Das relativiert unsere manchmal etwas hysterische Diskussion um das Weltklima und den von uns behaupteten maßgeblichen Einfluss darauf. Was aber beileibe nicht heißt, dass dieses wichtige Thema beiseitegeschoben werden soll. In der Hand der Menschen liegt für Laughlin vielmehr die erfolgreiche Bewältigung der Energiekrise und dazu hat er viele Vorschläge parat.
Wichtig wird sein, alle Möglichkeiten im Auge zu behalten und auf politische Einäugigkeit zu verzichten. Es könnte durchaus sein, so meint er, dass wir künftig Sonnenenergie in Form von komprimierten Gasen auf dem Meeresboden speichern oder dass es eine Renaissance der Atomenergie mit Kernfusion wie auf der Sonne gibt. Bevor die Menschen erfrieren oder mangels geeigneter Energiespeicher nicht mehr Auto fahren können, werden sie viele Gefahren, auch erhöhte Strahlungsrisiken, in Kauf nehmen. Und sie werden immer einfallsreich sein, wirtschaftlich denken und dabei Kosten und Risiken gegeneinander abwägen. Es fällt schwer, zu widersprechen.
Wer will, kann zwei Bücher in einem lesen. Übersieht man die Fußnoten, so sind es 230, relativ leicht verständliche Seiten. Liest man die vielen Anmerkungen, so ergeben sich nochmals 160 Seiten dazu. Die haben es gelegentlich in sich, denn der Autor nimmt keinerlei Rücksicht auf physikalisch weniger bewanderte LeserInnen. Eine hochinteressante Fundgrube. Und: Das Buch kennt keine einseitigen Sichtweisen, ist kurzweilig, lehrreich und mit viel Humor geschrieben.

Frieder Rabus | biblio

Buchcover

Gudrun Pflüger: Wolfspirit

: meine Geschichte von Wölfen und Wundern / Gudrun Pflüger. - Ostfildern : Patmos, 2012. - 244 S., [8] Bl. : Ill. (farb.), Kt.
ISBN 978-3-8436-0141-2   fest geb. : ca. € 20,60

Eine beeindruckende Lebensgeschichte einer Salzburger Biologin. (BO)

Eher zufällig beginnt sich Gudrun Pflüger, Biologin und Profisportlerin, für Wölfe zu interessieren. Nach dem Ende ihrer erfolgreichen Langlaufkarriere übersiedelt sie nach Kanada und bekommt Forschungsaufträge über wildlebende Wölfe. Ihre Erfahrungen aus dem Leistungssport befähigen sie zu den ausgedehnten Feldforschungen in den weitläufigen, tiefverschneiten Nationalparks, die sie auf Langlaufskiern, nur mit ihrem Hund als Gefährten, unternimmt. Sie lernt weitere engagierte Wolfsforscher kennen und arbeitet mit Parkrangern und teilweise mit Farmern zusammen, sie entwickeln Wolfvertreibungsmethoden, um Rinderherden zu schützen. Ihre Begegnungen mit den Wölfen beschreibt sie authentisch, lebendig, mit einigem Fachwissen und wachsender Bewunderung für die Lebensklugheit der Tiere. Warum erkrankt sie plötzlich an einem aggressiven Hirntumor?
Gudrun Pflüger erzählt aus einer intimen Ich-Perspektive, nicht chronologisch geordnet, jedoch ruhig, fast kontemplativ. Schöne Landschaftsbeschreibungen und ihre Faszination für die Wölfe beeindrucken, das Verhalten der Wildtiere lehrt sie Qualitäten, die sie dann braucht, um ihre schwere Krankheit zu überwinden. Das spannende Buch der sympathischen, warmherzigen Autorin, die eindringliche Fragen zum Verhältnis von Mensch und Natur stellt, kann allen Bibliotheken wärmstens empfohlen werden.

Aloisia Altmanninger | biblio

Buchcover

Hanns Sauter: Bilder des Lebens

: Ikonen als Antworten auf heutige Glaubensfragen / Hanns Sauter. - Wien : Wiener Dom-Verl., 2012. - 216 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-85351-244-9    fest geb. : ca. € 23,50

Hinführung zum Gespräch mit den heiligen Bildern. (PR)

Die Faszination der Ikonen ist ungebrochen. Bei vielen Menschen steht dahinter eine spirituelle Sehnsucht als Gegenpol zu unserer rationellen Gegenwart. In zahlreichen Prachtbänden wird diese Gegenwelt kunstvoll inszeniert, der Markt boomt und die Fälscher haben Hochbetrieb.
Hanns Sauters „Bilder des Lebens“ gehen einen gänzlich anderen Weg. Das Buch bietet nicht die kunstgeschichtliche Expertise oder den Ausflug in exotische Welten, sondern geht zurück auf das ursprüngliche Wesen dieser Bilder und ihre Bedeutung für die Gläubigen. Im vorsichtigen Deuten und Erläutern erfolgt ein behutsames Herangehen, eine Einladung, in die Tiefe der Bilder einzutreten und sich in den Räumen des Suchens und Verstehens umzusehen.
44 Ikonen unterschiedlichster Perioden und Malerschulen bilden die Ausgangspunkte, die jeweils von dreiseitigen, leicht zugänglichen Texten vorgestellt, begleitet und befragt werden. Hanns Sauter versteht die Bilder als Antworten auf unsere tiefen Lebensfragen. Seine meditierende Herangehensweise eröffnet in den Ikonen das spannende Gespräch zwischen den Botschaften der Bibel, den christlichen Traditionen und der heutigen Lebenswelt. Vergangenes wird gegenwärtig, Heutiges gewinnt an Tiefe.

Reinhard Ehgartner | biblio

Projekte . Kooperationen