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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2012 / September

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Sonja Eismann/Chris Köver/Daniela Burger: Mach's selbst

: do it yourself für Mädchen / Sonja Eismann ; Chris Köver. Ill. und Layout von Daniela Burger - Weinheim : Beltz & Gelberg, 2012. - 151 S. : Ill.
ISBN 978-3-407-75363-2     fest geb. : ca. € 17,40

Während die neuen rosa Überraschungseier „für Mädchen“ momentan heftige Diskussionen rund um Geschlechtergerechtigkeit auslösen, kann das vorliegende Do it Yourself-Buch „für Mädchen“ als gelungenes Gegenbeispiel gesehen werden. Denn der Titelzusatz meint hier weder eine Ausgrenzung männlicher Leser, noch eine Reduktion auf Nähanleitungen für rosa Röckchen oder Rezepte für zuckersüße Cupcakes. Vielmehr versammelt der bunte Ratgeber 50 vielfältige Anregungen für engagierte Jugendliche: Beatboxen, eine Rezension schreiben, ein Zine produzieren, Strickgraffiti machen oder einen Steckling ziehen – alle Anleitungen sind verschiedenen Kapiteln (etwa „Reagieren + Analysieren“ oder „Musik machen“) zugeordnet und auf jeweils 3 bis 4 Seiten übersichtlich dargestellt.
Das Besondere der Texte ist der durchgehend motivierende und kluge Ton, der Jugendliche anspricht, ohne dabei reduzierend zu wirken. Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit sind als Themen immer spürbar, selten aber explizit angesprochen oder gar anbiedernd. Gemacht ist das Buch zum Selbermachen von den Herausgeberinnen des coolen Missy Magazine, einer feministischen Zeitschrift über Popkultur. Dass diese (scheinbar) unkonventionelle Verbindung auch hier aufgeht, beweist das Buch auf allen vollgespickten Seiten: Wie kann man mit eigener Musik politisch aktiv werden und auch gleich selbst die PR dafür checken? Wie erstellt man einen Blog und warum sollte man dabei auf diskriminierende Sprache verzichten? Was testet der Bechdel-Test und was ist eigentlich ein Poetry-Slam?
Biografien von und Interviews mit den tollen Beiträgerinnen ergänzen das gelungene Konzept, das ein Lehrstück über moderne Freizeitgestaltung einerseits, über moderne Frauenbewegung andererseits darstellt. Ein Buch für alle, die nicht auf den Vater/Bruder/Partner warten und die Stereoanlage gleich selber verkabeln wollen. „Selbermachen macht unabhängig!“ Und sehr viel Spaß.

Christina Ulm | STUBE 

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Kathleen Vereecken: Eine größere Welt

 / Kathleen Vereecken. Aus dem Niederländ. von Meike Blatnik - Berlin : Bloomsbury, 2012. - 298 S.
 ISBN 978-3-8270-5457-9    fest geb. : ca. € 17,40

Eine fiktive Autobiographie folgt dem möglichen Weg eines der fünf Kinder Jean Jaques Rousseaus, von denen jedes ins Waisenhaus gebracht wurde: Dieudonné, genannt Leon, lässt seine Kindheit und Jugend Revue passieren. Dafür, dass er „in den nutzlosen Jahren: zu alt für die Brust und zu jung für richtige Arbeit“ nicht vor die Tür gesetzt wird, sorgt Méline, die Tochter von Leons Amme. Nach deren Selbstmord aus Liebeskummer macht er sich mit 10 Jahren nach Paris auf. „Eine größere Welt“ ist dabei sowohl die Großstadt, in der er einigermaßen unbedarft eintrifft, als auch die Welt der Buchstaben: Der kostenlose Unterricht beim Dorflehrer ermöglicht Leon (wenn auch in mühsamer Kleinarbeit und nicht immer auf legalem Weg) den beruflichen Aufstieg: Er beendet die Erzählung als Schreiber.
Die Suche nach dem Vater hat dabei mehr den Charakter einer Nebenhandlung. Sein einziger Hinweis, eine liegende Acht, führt ihn aber letztendlich tatsächlich zu seiner Herkunft. Aus der Perspektive des nicht anerkannten Kindes wird Rousseau dabei als heuchlerischer Egoist dargestellt, der sich im eigenen Ruhm sonnt und sich um eines geruhsamen Lebens willen aus der Verantwortung stiehlt.
Die Glättung der Handlung, etwa das Aussparen von Nebenwirkungen, die das Leben in Schimmel befallenen Räumlichkeiten mit sich bringt, wirkt authentisch: Denn der pragmatische Leon übergeht derartige Details. Nichtsdestotrotz kreieren die kurzen Sätze und weitgehend nüchternen Beobachtungen des Ich-Erzählers eine atmosphärische und fesselnde Schilderung vom Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Sonja Loidl | STUBE

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Fred Vargas: Die Nacht des Zorns

: Roman / Fred Vargas. Aus dem Franz. von Waltraud Schwarze. - Berlin : Aufbau-Verl., 2012. - 454 S.
ISBN 978-3-351-03380-4      fest geb. : ca. € 23,70

Eine einzigartige Kombination aus Spannung und Poesie macht Vargas Krimis zu einem besonderen Leseerlebnis. (DR)

Eine Frau bittet Kommissar Adamsberg um Hilfe: Unheimliche Schattengestalten, das mystische "Wilde Heer", bei uns besser bekannt als die "Wilde Jagd", wurde im Wald ihres Heimatdorfes gesehen. Vier Personen hatten die düsteren Gestalten in ihrer Gewalt, was unweigerlich den Tod der Unglücklichen bedeutet. Als bald darauf eine erste Leiche auftaucht, macht sich Adamsberg auf den Weg in die Normandie, denn er ist überzeugt davon, dass sich jemand der alten Sage bedient, um unerkannt morden zu können. Doch dann wird er in Paris gebraucht: Momo, ein ebenso unermüdlicher wie harmloser Kämpfer gegen das Establishment, soll den Wagen eines reichen Industriellen abgefackelt haben - und den Besitzer gleich mit. Adamsberg weiß, dass Momo dazu nicht fähig ist, doch der politische Druck lässt keinen Spielraum für andere Ermittlungen. Deshalb greift Adamsberg zu sogar für ihn außergewöhnlichen Methoden und bald ist er auf die Hilfe seines gerade erst aufgetauchten Sohnes Zerk und seiner Kollegen angewiesen.
Was bisher alle Krimis der französischen Autorin so einzigartig machte, zeichnet auch den neuesten aus: Die Geschichte ist nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd; faszinierend sind vor allem die liebevoll ausgearbeiteten Figuren, viele verschroben und eigen wie Adamsberg selbst, der zum Kummer mancher Kollegen rein intuitiv an die Sache herangeht und dabei oft nicht sagen kann, wie sein Verstand funktioniert. All das sowie feines Gespür für skurrilen Humor und hintersinnige Dialoge heben Vargas Krimis weit über den Durchschnitt hinaus. Sehr zu empfehlen!

Anita Ruckerbauer | biblio

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Pia Ziefle: Suna

: Roman / Pia Ziefle. - 2. Aufl. - Berlin : Ullstein, 2012. - 302 S.
ISBN 978-3-550-08892-6      fest geb. : ca. € 18,50

Aufbruch zu den eigenen Wurzeln, in eine bewegte multikulturelle Familiengeschichte. (DR)

"Sie kann keine Wurzeln schlagen. [...] Finden Sie Ihre." (S. 23), so die Aufforderung des Dorfarztes, den die besorgte Mutter aufsucht, weil ihre kleine Tochter in den Nächten keinen Schlaf findet. Kein leichtes Unterfangen, bedeutet das doch für die junge Frau und Ich-Erzählerin, die als Sechsjährige von ihrer Adoption erfuhr, sich mit schmerzhaften alten Geschichten und nie gewagten Fragen auseinanderzusetzen. Jener nach den Umständen der Adoption zum Beispiel und nach ihrem unbekannten türkischen Vater.
Doch sie wagt es, gerissene Fäden ihrer multikulturellen Familiengeschichte neu zu knüpfen: In einem eingängigen, warmherzigen Erzählton breitet sie vor ihrer Tochter und den LeserInnen die verzweigten und verwinkelten Schicksalswege ihrer Vorfahren aus. Sie schildert den biederen Nachkriegsalltag ihrer Adoptiveltern, auf die die deutsche Vergangenheit ihre belastenden Schatten wirft, beschreibt das beschwerliche Leben der Gastarbeiter in der BRD und wie sich ihre serbische Mutter, eine zähe, intelligente Frau, nicht unterkriegen lässt und ihren Weg in dem fremden Land sucht. Und schließlich ihr eigenes Fremdsein in der Adoptivfamilie, ihr Getriebensein angesichts der Ungewissheit ihrer Wurzeln, ihr haltloses Hineingeworfensein zwischen die Kulturen, die Frage nach der eigenen Identität.
Feinfühlig stellt Pia Ziefle in ihrem Debüt dar, wie sensibel das Thema Adoption ist, wie verletzlich alle Beteiligten sind. Am Ende dieses unterhaltsamen Familienromans, der allen Bibliotheken sehr zu empfehlen ist, steht eine Reise in die Türkei sowie die Erkenntnis, dass bei vielen Entscheidungen die Liebe und nicht der Hass federführend war.

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

: Roman / Milena Michiko Flašar. - 3. Aufl. - Berlin : Wagenbach, 2012. - 139 S.
ISBN 978-3-8031-3241-3      fest geb. : ca. € 17,40

Roman um eine heilsame Begegnung zweier Außenseiter der japanischen Leistungsgesellschaft. (DR)

Der vorliegende dritte Roman der jungen österreichischen Schriftstellerin Milena Michiko Flašar, Tochter einer japanischen Mutter, ist in seiner überzeugenden psychologischen Zeichnung der Charaktere, der knappen Sprache, die wie Eis auf einem zugefrorenen See in die Tiefe führt, und dem unbestechlichen Blick auf soziale Gegebenheiten ein stilles Meisterwerk. Die Autorin beschreibt die Begegnung zweier Außenseiter: Der 20-jährige Hiro Taguchi hat sich nach dem Selbstmordversuch seines besten Freundes in die elterliche Wohnung und sein Zimmer zurückgezogen und dieses zwei Jahre nicht verlassen - er ist ein Hikkikomori, wie in Japan meist jugendliche Personen bezeichnet werden, die sich dem Leistungsdruck der Gesellschaft durch totale Kontaktverweigerung, auch gegenüber der eigenen Familie, zu entziehen versuchen. Der 58-jährige "Salaryman" (so bezeichnet man in Japan männliche Firmenangestellte) Tetsu Ohara wiederum bringt es nicht übers Herz, seiner Frau zu gestehen, dass er seine Arbeit verloren hat und daher seinen Tag im Park verbringt. Hier trifft er auf Hiro, der sich - ein großer Schritt - nach zwei Jahren völliger Isolation ins Freie gewagt hat.
Langsam nähern sich die beiden Außenseiter einander an, erzählen sich ihre Lebensgeschichte, stellen sich ihren Ängsten und fällen beide mit der Hilfe des anderen eine für ihr Leben folgenreiche Entscheidung. Die Autorin hat die Handlung im heutigen Japan angesiedelt, hält aber in Interviews fest, dass es - in anderer Form - Hikkikomoris auch in der westlichen Welt gäbe. Ein Roman, der in der Figur des Hiro Taguchi der Frage auf den Grund geht, wie beengend eine Gesellschaft sein kann und ob es überhaupt möglich ist, sich jeder Kontaktaufnahme zu verweigern. Am Ende erkennt der langsam ins Leben zurückfindende Hiro, dass nicht nur er, sondern auch seine Familie Hikkikomoris waren, dass also sein Handeln unmittelbare Auswirkungen auf seine Umgebung hatte und der Versuch, völlig zu verschwinden, nur Illusion war. Sehr empfehlenswert.

Monika Roth | biblio

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Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben

: die neue Armut in der Konsumgesellschaft / Kathrin Hartmann. - München : Blessing, 2012. - 415 S.
ISBN 978-3-89667-457-9      kart. : ca. € 19,50

Vielschichtige Reportage rund um das "Stigma Armut". (GS)

Kathrin Hartmanns Vorgängerbuch "Das Ende der Märchenstunde" nahm den LeserInnen jede Illusion rund um "bio" und den Wunsch, sich die Welt mal schnell eben schön zu kaufen. Jetzt räumt die Journalistin mit den Dekorationen rund um das "Stigma Armut" auf, darunter auch die so genannten Tafeln, die von Supermärkten weggeworfene Ware sammeln und an Bedürftige verteilen. Die Ware ist in Ordnung, der täglich produzierte Überschuss wohl eher nicht. Hartmann analysiert parallele Konsumwelten, die Angst der Mittelschicht vor dem eigenen Abstieg und widerspricht den talk-show-gängigen Vorurteilen gegenüber Harz-IV-Empfängern. Die Stammtischparolen der mittelschichtigen LehrerInnen, Kreativen und Abgesicherten über Kevin & Co lassen aufhorchen: In wohl gesetzten Worten wird hier in Haupt- und Nebensatz Armut als selbstverschuldet dargestellt und dem ökonomischen Rassismus das schöne Wort geredet.
"Armut ist heute kein bedauernswerter Zustand der Bedürftigkeit mehr", stellt die profilierte Journalistin in ihren Analysen, nach ihren Recherchen fest. So bekommt einerseits die Öko-Elite die Solarzelle am Eigenheim finanziert, während Harz-IV-EmpfängerInnen an Energie-Armut, also an Kälte, leiden müssen. Österreich ist übrigens hier weder besser, noch solidarischer! Ein Buch für alle Bibliotheken, ein Buch zum Weiterreden, eine Autorin zum Einladen.

Christina Repolust | biblio

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Thomas Neuhold: 100 Tagesrundtouren

: bergauf - bergab auf neuen Wegen / Thomas Neuhold. - Salzburg : A. Pustet, 2012. - 222 S. : Ill., Kt. (farb.)
ISBN 978-3-7025-0673-5      kart. : ca. € 22,00

Dieser Wanderführer zeigt wanderlustigen ÖsterreicherInnen 100 neue Wege auf. (EH)

Mit einführenden Worten, Hinweisen auf die Tourenplanung und Bewertung sowie die richtige Ausrüstung beginnt der Wanderführer durch und über die Alpen. Alle Rundtouren sind an einem Tag zu schaffen. Auf einer Doppelseite werden die Routen jeweils mit Plan präsentiert: Beschrieben werden die Anforderungen, die nötige Ausrüstung und die Schwierigkeitsgrade. Auf Einkehrmöglichkeiten wird ebenfalls hingewiesen. Ein malerisches Foto rundet die Information ab.
Von einfachen, gemütlichen Wanderwegen, teilweise auch mit dem Fahrrad befahrbar, bis hin zu schwierigen Klettertouren für erfahrene Bergfexen ist alles dabei. Besondere Highlights sind der Wanderweg Rinnkendlsteig im Watzmanngebiet, der mit dem Linienschiff über den Königssee führt, eine Grenzgängertour am Sonntagshorn Nord, die teilweise mit dem Rad zu bewältigen ist, oder die Tour über die Glocknergruppe bei Hausendorf, zu der es eine zusätzliche Variante mit dem Mountainbike gibt. Auch mit Kindern sind einige Touren leicht zu gehen.
Sportlich oder bequem - wer gerne wandert, findet in diesem Buch seinen Weg. Für alle Bibliotheken geeignet.

Ilse Hübner | biblio

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Alois Kothgasser: Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne

: von der Kunst des Loslassens / Alois Kothgasser ; Clemens Sedmak. - Innsbruck : Tyrolia, 2012. - 180 S.
ISBN 978-3-7022-3165-1      fest geb. : ca. € 14,95

Abschiednehmen als Lebenskunst. (PR)

Wenn sich die Abschiede im fortgeschrittenen Alter auch häufen, ist Abschiednehmen nicht auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt. Im Laufe unserer Jahre nehmen wir ständig von irgendjemandem oder irgendetwas Abschied. Die beiden Autoren reflektieren, was es bedeuten kann, nicht nur Dinge und Zeiten, Orte und Haltungen, Gewohnheiten, Pläne und Überzeugungen, sondern auch Fähigkeiten, Aufgaben, Verantwortung, Menschen und letztlich das eigene Leben loslassen zu müssen. Mit Hilfe der Heiligen Schrift, der christlichen Tradition, der Erfahrung des täglichen Lebens und durch Beispiele von Menschen in jüngerem und fortgeschrittenem Alter zeigen sie Wege guten Abschiednehmens auf.
Sie sind davon überzeugt, dass Dinge gut abzuschließen, das Leben nicht ärmer, sondern reicher macht und sehen darin den Zauber, der dem Abschiednehmen innewohnt. Ein gutes Abschiednehmen macht letztlich auch neugierig und bereit auf das, was kommt.
Ein wichtiges Buch gerade für eine Gesellschaft, in der viel im Umbruch ist. Für alle Büchereien.

Hanns Sauter | biblio

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