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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2012 / Juni

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Edgar Allan Poe/Gris Grimly: Unheimliche und fantastische Geschichten

/ Edgar Allan Poe. Ill. von Gris Grimly. Aus dem Amerikan. von Gundula Müller-Wallraf. -Dt. Erstausg. - München : Knesebeck, 2012. - 135 S. : zahlr. Ill. ; 24 cm
ISBN 978-3-86873-446-1    fest geb. : ca. € 18,50

Edgar Allan Poe war ein Pionier der literarischen Faszination, die von den Abgründen der menschlichen Psyche ausging. In seinen fantastischen Geschichten schlägt sich dies in der unvergleichlichen Beschreibung des Wahnsinns nieder, die nun mit Gris Grimlys unverwechselbaren grotesk-humoristischen Illustrationen in völlig neuem Licht erscheint.
Vier unheimliche Geschichten werden teilweise in Comic-Strukturen, teilweise in Text integrierenden Vollbildern neu erzählt, wobei jeder Geschichte illustratorische Eigenheiten verliehen werden. Neben der jeweiligen Farbe des Panel-Rahmens ist es hier der Schatten, in dem sich die wahre Manie der Hauptfigur widerspiegelt, dort die zittrige Geräusch-Leiste, die das Zähneknirschen des Gnoms visualisiert.
Die Kombination der gekürzten und vereinfachten Texte in neuer Übersetzung, die allerdings dem Original-Ton durchaus treu bleiben, mit den schrägen Bildern macht Poe auf seine originelle, wohlig gruselige Art neu zugänglich. Grimlys verwaschener und sehr kantiger Stil, seine Liebe zum Detail, sein Fokus auf Figuren und Requisiten und seine Technik, die wässrigen Farben oft frei über die Bildflächen laufen oder spritzen zu lassen, setzen den mystischen Wahnsinn perfekt in Szene. Gänsehaut garantiert! Ab 11.

Rosemarie Merl | STUBE 

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Holly-Jane Rahlens: Everlasting

: der Mann, der aus der Zeit fiel / Holly-Jane Rahlens. Aus dem Engl. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. - Reinbek bei Hamburg : Wunderlich, 2012. - 421 S.
ISBN 978-3-8052-5016-0      kart. : ca. € 15,40

In einer Welt, die sich nach einer Beinah-Apokalypse langsam wieder erholt, und zwar nur durch die kollektive Zusammenarbeit, in der sich der Einzelne zum Wohle der Gemeinschaft zurücknimmt, in einer Welt, die kein Ich kennt, sind Gefühle so wenig greifbar wie ein Duft – und genauso folgenreich…
Der 26-jährige Finn wird im Jahre 2264 mit der Übersetzung einiger Tagebücher aus der toten Sprache Deutsch beauftragt, die in der Zeit von 2003 bis 2011 von Eliana verfasst wurden, die sich währenddessen von einem schlagfertigen Teenager zu einer faszinierenden jungen Frau entwickelte. Dann wird Finn auch noch als Tester eines Videospiels engagiert und prompt landet er im Berlin des frühen 21. Jahrhunderts und genau in Elianas Armen. Zufall? Unwahrscheinlich! Die Rätsel um Finns Vergangenheit, Elianas Zukunft und ihre gemeinsame Geschichte verdichten sich wie ihre Gefühle füreinander und bald muss sich Finn entscheiden: für die sichere Zukunft oder für die Liebe und damit für den Dark Winter, der Elianas Welt unausweichlich bevorsteht…
Rahlens webt geschickt ein Netz aus Zeit und Raum, Realität und Möglichkeit. Dieses bietet gemeinsam mit ihren sprachlichen Tricks, ausgeklügelten Perspektivenwechseln und lebendigen Figuren Identifikationsmöglichkeiten und Denkanstöße für ein breit gefächertes Publikum. Die Zukunftsvision ist weder utopisch noch dystopisch, sondern eine vorhandene Realität, in der die Menschen zu leben gelernt haben – wenn auch mit emotionalen Einbußen. Als Leitmotiv der Sehnsucht nach diesen Emotionen dient das titelgebende Parfum „Everlasting“, das das Rätsel der (nicht nur in der Zukunft) so unlogischen, irrationalen Idee der immerwährenden Liebe begründet. Ein Rätsel unter vielen, die Rahlens in ihrem Roman so fesselnd entwickelt und die vom Lesepublikum einiges an Kombination und Phantasie abverlangen – besonders da, wo nicht alles aufgeklärt wird. Denn die Rätsel des Romans um Zukunft und Vergangenheit sind wie alle anderen Rätsel des Lebens, derer „wir einige enthüllen und andere stets unlösbar bleiben.“ Ab 13.

Rosemarie Merl | STUBE

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Susanne Ayoub: Das Mädchen von Ravensbrück

: Roman / Susanne Ayoub. - Wien : Braumüller, 2012. - 257 S.
ISBN 978-3-99200-007-4      fest geb. : ca. € 19,90

Lebenslang kämpft Leni gegen Faschismus und für Gerechtigkeit. (DR)

Wenn die geliebte Großmutter, Nane genannt, ihre Leni ruft, liegt Liebe in der Luft. Die Eltern, Toni und Wanda Tomic, holen ihre Tochter zu sich, als Leni sechs Jahre alt wird, weg von der Großmutter, weg aus dem Burgenland nach Wien. Das ist der erste Abschied in dem Leben der Protagonistin dieses dichten, in die zwei Kapitel "Ein Kind beim Verhör" und "Das zweite Leben" eingeteilten Romans. Leni auf ihrem Weg zu begleiten, fällt nicht schwer, an ihr aber den Faschismus zu begreifen, der nicht ausrottbar erscheint, lässt den Lesefluss mehrmals stocken: Da wird dieses 15-jährige Mädchen eingesperrt und gefoltert, weil es nach dem Tod Wandas deren Arbeit bei der "Roten Hilfe" übernommen hat. Verrat zieht sich durch die Lebensgeschichte Lenis, die Opfer ist, ohne sich zum Opfer zu stilisieren, die Gerechtigkeit fordert, das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt, immer die Verbündete, die Aufmüpfige und Retterin der Schwächeren ist. Sie findet ihren Lebensmenschen, gründet mit ihm eine Familie: Die Geschichtslüge zerbricht ihren Mann, einen Widerstandskämpfer, als schon lange Frieden, aber noch immer nicht Gerechtigkeit in Österreich herrscht.
Die in Bagdad geborene und in Wien aufgewachsene Autorin, Dramaturgin und Regisseurin Susanne Ayoub beherrscht die Kunst, Wissen und Fakten in einen Erzählton zu bringen, der das Verschwiegene klar und deutlich ausspricht. Sie zeichnet mit Leni eine Persönlichkeit, die in Österreich viel Gehör finden soll: Junge LeserInnen müssen Leni kennen lernen, begreifen, was Widerstand bedeutet, wie leise der Faschismus wieder an den Tischen, nicht nur an den Stammtischen, Platz genommen hat. Dieser Roman muss neben Hans Leberts "Wolfshaut" Platz auf allen Büchertischen in allen Büchereien, in allen Literaturkreisen finden, den Wert "Solidarität" wieder mit Leben und mit Wissen um seine Bedeutung füllen. Sehr zu empfehlen.

Christina Repolust | biblio

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Annette Pehnt: Chronik der Nähe

: Roman / Annette Pehnt. - München : Piper, 2012. - 215 S.
ISBN 978-3-492-05506-2      fest geb. : ca. € 18,50

Mutter-Tochter-Beziehungen auf dem literarischen Seziertisch. (DR)

Virtuos verschränkt die vielfach ausgezeichnete deutsche Autorin Annette Pehnt in diesem komplex aufgebauten Roman voller Tiefgang die Geschichte dreier Frauengenerationen: Da ist die Ich-Erzählerin, die am Krankenbett Zwiesprache mit der im Sterben liegenden Mutter hält. Mit dieser immer ein wenig distanziert wirkenden Frau, die nicht recht mit der vereinnahmenden Liebe ihrer Tochter umzugehen weiß. Dazwischen Passagen, die von der Kindheit der Mutter, Annie, erzählen, von durchwachten Bombennächten allein im Keller, vom Vater, der einfach tot umfiel, von Annies Mutter, die tagelang auf Hamsterfahrt ging und sich mit Machtspielen und bühnenreifen Auftritten töchterliche Liebesbekundungen erdrohte und erzwang. Angst zeigt Annie aber nie. Stattdessen ist es später ihre Tochter, die, obwohl sie behütet und geschützt in familiärer Geborgenheit und im Nachkriegsfrieden aufwächst, von Angstzuständen geplagt wird. Angst, dass die Eltern weggehen, sie allein lassen, dass ein Feuer oder Krieg ausbricht. Als hätte Annie, deren Tränen nur nach innen laufen können, ihre unterdrückten Gefühle auf die Tochter übertragen.
Es ist beängstigend, wie exakt und psychologisch feinsinnig die Autorin die Mechanismen zwischenmenschlicher Beziehungen ausleuchtet, die über Generationen hinweg greifen, wie tiefgründig sie die Reibflächen, die sich zwischen diesen drei Frauen auftun, abbildet. Es ist ein unausgewogenes Balancieren zwischen Nähe und Distanz, oft sind da spitze, hinterlistig eingestreute Bemerkungen, kleine Verletzungen, mit Vorsatz ausgeführt, selten ein vorbehaltloses, bedingungsloses Einlassen auf die andere. Bei einer gemeinsamen Reise nach Rügen versuchen sich die Ich-Erzählerin und ihre Mutter jedoch ungelenk im Einüben von Nähe.
Große Empfehlung - da passt jeder Satz, stimmt jedes Wort! Ein äußerst empfehlenswertes Sprachkunstwerk für alle Büchereien und Literaturgesprächskreise!

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Uwem Akpan: Sag, dass du eine von ihnen bist

/ Uwem Akpan. Aus dem Engl. von Bernhard Robben. - Berlin : Suhrkamp, 2012. - 367 S.
ISBN 978-3-518-42286-1      fest geb. : ca. € 25,70

Afrikas große Konflikte aus Kindersicht. (DR)

Der katholische Priester Uwem Akpan, gebürtiger Nigerianer, stellt in fünf Kurzgeschichten Afrikas Kinder in den Mittelpunkt, um die Konflikte des Kontinents zu schildern. In "Ein Weihnachtsessen" erlebt ein Bub, wie seine Schwester als Prostituierte fürs Überleben der Familie sorgen muss. In "Mästen für Gabun" werden zwei Geschwister von ihren Verwandten für den Verkauf in die Sklaverei vorbereitet. In "Wie redest du denn?" zerbricht die Freundschaft zweier kleiner Mädchen an den unterschiedlichen Religionen ihrer Familien. Ebenso wie in "Luxusleichenwagen", der Geschichte eines jungen Moslems, der sich als Christ ausgeben muss, verstehen die Kinder nicht, worin das Problem unterschiedlicher Religionen bestehen soll. In der Titelgeschichte "Sag, dass du eine von ihnen bist" geraten zwei Geschwister in den Konflikt zwischen den Volksstämmen: Ihre Mutter ist Tutsi, der Vater Hutu, die Familie wird blutig auseinandergerissen. Wieder verstehen die Kinder nicht, worum es in den Auseinandersetzungen geht, sind aber dennoch mitten drin im entsetzlichen Geschehen.
Die Erzählungen sind sehr bewegend, vor allem, weil der Autor sie so gekonnt aus der unschuldigen Perspektive kleiner Kinder präsentiert. Durch ihre Augen nehmen wir den unvorstellbar grausamen Alltag wahr und erhalten einen anderen Blickwinkel, als den der Nachrichtenbilder, die wir täglich aus den Krisenregionen übermittelt bekommen. Dieses Buch ist für alle Bestände empfehlenswert.

Sabine Eidenberger | biblio

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Markus Hengstschläger: Die Durchschnittsfalle

: Gene - Talente - Chancen / Markus Hengstschläger. - Salzburg : Ecowin, 2012. - 185 S.
ISBN 978-3-7110-0022-4      fest geb. : ca. € 21,90

Ein erhellendes Buch über die Kraft der Individualität und die Aussichtslosigkeit des Durchschnittsdenkens. (NB)

"Wussten Sie, dass Individualität die einzige Möglichkeit ist, sich auf Fragen aus der Zukunft, die wir heute noch nicht kennen, vorzubereiten? Und dass der Durchschnitt eine evolutive Sackgasse ist und wir trotzdem gerade mit Vollgas in diese Gasse fahren?" Beim Genetiker Markus Hengstschläger läuten die Alarmglocken, wenn Eltern ihre Kinder loben, weil diese möglichst wenig auffallen. In seinem neuen Buch hält er ein überzeugendes Plädoyer für den Mut zum Anderssein. Er kritisiert leidenschaftlich, dass wir in unserem gegenwärtigen Werte- und Bildungssystem viel zu stark das Mittelmaß anstreben und dabei auf die Förderung individueller Talente vergessen. Sein Denkansatz bedeutet auch eine Aufwertung der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen.
Markus Hengstschläger schreibt so, wie er spricht: verständlich und mit wohldosiertem Humor. Er zeigt viele Zusammenhänge anhand von biologischen Beispielen auf und erklärt im dritten Teil des Buches, wie man die individuellen Talente von jungen Menschen besser erkennen kann. Der Autor verweist aber immer wieder darauf, dass eine Spitzenleistung ohne gezieltes Üben und Trainieren nicht möglich ist.
Ein Buch, das wach macht und dazu auffordert, die eigene Position zwischen Individualität und Konformismus zu überdenken. Allen Bibliotheken sehr empfohlen!

Johannes Preßl | biblio

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Gertraude Steindl: Ruhestand für Anfänger

: unser Weg in eine neue Lebensphase / Gertraude und Clemens Steindl. - Innsbruck : Tyrolia, 2012. - 181 S.
ISBN 978-3-7022-3166-8      fest geb. : ca. € 14,95

Ein Ehepaar gestaltet seinen Weg in die nachberufliche Lebensphase. (BO)

Das Ehepaar Steindl, beide vor Pensionsantritt beruflich, ehrenamtlich und familiär stark engagiert, beschreibt hier seine ersten Jahre im Ruhestand. Es begreift ihn als Lebensabschnitt, der viele Chancen bietet, sich und sein Umfeld neu zu entdecken, und nimmt die LeserInnen auf sehr persönliche Weise in die Überlegungen und Schritte mit hinein. Selbstkritisch und hintergründig-humorvoll zugleich reflektieren die beiden in je eigenen Texten, was es bedeutet, vom Berufsleben Abschied zu nehmen und sich als Paar neu zu finden. Sie gehen ein auf das, was zu einem erfüllten Leben im dritten Lebensabschnitt gehört: die Neugestaltung des Wohnraums, erfüllende Ehrenämter, die Zuwendung zu alten und neuen Interessen, das Hineinwachsen in die Großelternrolle, ein neues Zugehen auf alte Bekannte, die Freude am Gemeinsamen. Und sie weisen auf die Bedeutsamkeit hin, bei alldem auch das Ende des Lebens nicht aus dem Blick zu verlieren. Dazu gehört die Betreuung der pflegebedürftigen Mutter, die Tatsache, dass vertraute Menschen sterben, und das Thema: Wie stellst du dir das Leben vor, wenn ich nicht mehr da bin?
Alle Überlegungen geschehen im Blick auf ein neues Miteinander. Dieses Miteinander wird dann zu einem gedeihlichen Miteinander, wenn Gemeinsames gepflegt, Meinungen ausgetauscht oder diskutiert werden und auch Grenzen respektiert, Eigenheiten des anderen akzeptiert und heikle Themen nicht tabuisiert werden. Von den zahlreichen "Ratgebern für den Ruhestand" hebt sich dieses Buch durch seine Lebensnähe erfreulich ab. Ein Novum ist zudem, dass ein Ehepaar gemeinsam und doch jeder Partner für sich zu Wort kommt. Der Band ist lebendig zu lesen und bietet viele Möglichkeiten, sich in den Darstellungen selbst zu finden und mit ihrer Hilfe das eigene Leben zu reflektieren. Jeder Bücherei sehr zu empfehlen.

Hanns Sauter | biblio

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Martin Dreyer (Hrsg.): Woran glaube ich?

 : ganz persönliche Antworten zu Glaube & Religion / hrsg. von Martin Dreyer. - Weinheim : Beltz und Gelberg, 2012. - 235 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-407-75356-4      fest geb. : ca. € 18,50

Vielfältige und bunte Antworten auf die Gottes- und Glaubensfrage und die je eigenen Assoziationen dazu. (PR)

Bunt und einladend wirkt dieses Buch, sich mit der Fragestellung "Woran glaube ich?" auseinanderzusetzen, auch wenn dieses Thema alles andere als einfach ist. Martin Dreyer ist es als Herausgeber dieses biografischen Kaleidoskopes gelungen, in dreißig verschiedenen Zugängen von Erwachsenen und Jugendlichen, von Prominenten und Nichtprominenten, von Mitgliedern unterschiedlicher Religionen Bilder des Glaubens, des Ringens, des Zweifelns und des Nichtglaubens zu zeichnen, die neugierig machen und animieren, selbst über Gott und die Welt nachzudenken.
Erzählt werden die Lebensgeschichten mit den ersten Gebetserfahrungen und noch unklaren Gottesbildern bis hin zu beeindruckenden Wandlungen und Glaubensberichten. Junge Menschen mit unwahrscheinlich großen Gedanken, reife Leute mit schönen Assoziationen und Erlebnissen und daneben lockere, offene und oft auch oberflächliche Erzählungen, die das Leben mit und ohne Religionen mit Farben, Symbolen und Ritualen schildern. Faszinierend, mit welcher Achtsamkeit die Interviews mit den Jugendlichen in ihrer Ungestümheit und Leichtigkeit neben den klugen und ausgeklügelten Beiträgen der ausgewählten Erwachsenen stehen und das Eine neben dem Anderen beeindruckt und zum Weiterdenken anregt. Ein originelles und sehr empfehlenswertes "Lebens- und Glaubensbuch".

Birgit Leitner | biblio

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