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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2011 / Oktober

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Lorenz Pauli / Kathrin Schärer: Pippilothek???

: eine Bibliothek wirkt Wunder / Lorenz Pauli [Text]. Kathrin Schärer [Ill.] - Zürich : Atlantis, 2011. - [12] Bl. : überw. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-7152-0620-2   fest geb. : ca. € 15,40

„Was ist eine Pippilothek?“ „Ein Ort mit vielen Büchern, mit Büchern zum Ausleihen. Und Bücher braucht’s, um etwas zu erleben.“ Der Fuchs jagt die Maus durch den Abend und so gelangen die beiden unversehens in eine Bibliothek; und schon ist der Erzählrahmen für eine Erklärung der Grundideen einer Bibliothek abgesteckt: Ausleihverfahren, Büchereibestand vom Bilderbuch übers Lexikon bis hin zum Hörspiel und der besondere Zauber eines solchen Bücherortes werden (zum Teil wortwörtlich) in eine unaufgeregt, leicht pädagogisierende Handlung verpackt.
Mit der großen Routine einer Vielzahl von gemeinsamen Projekten rücken Lorenz Pauli und Kathrin Schärer erneut Fuchs und Maus als Protagonisten ins Zentrum. In den Buntstiftillustrationen stechen die harten Farbkontraste der unterschiedlichen Hintergrundfarben ins Auge, während Szenerie und tierische Hauptfiguren in naturalistisch angelehntem Stil daherkommen. In Kooperation mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft allgemeiner öffentlichen Bibliotheken wurde dieses Bilderbuch entwickelt, das einen kurzweiligen ersten Einblick in die vielseitige Welt der Bibliotheken bietet.

Lukas Bärwald | STUBE 

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David Walliams: Gestatten, Mr Stink

 / David Walliams. Mit Ill. von Quentin Blake. Aus dem Engl. von Dorothee Haentjes. - Berlin : Aufbau-Verl., 2011.
ISBN 978-3-351-04143-4   fest geb. : ca. € 15,50

Chloe, umgeben von Exzentrik – so oder ähnlich könnte der Untertitel dieses Buches lauten. Denn die 12-jährige Protagonistin ist auf der einen Seite umgeben von Menschen wie ihrer dominanten, perfektionistischen, so-etwas-gehört-sich-für-eine-Familie-wie-unserer-nicht-Mutter und auf der anderen Seite vom titelgebenden Mr Stink und der Gräfin, seinem Hund. Chloe nimmt sich des Obdachlosen an, der von jedem Anderen ignoriert wird, da allein der ihn wie dunkle Nebelschwaden begleitende Gestank allen PassantInnen halb das Bewusstsein raubt. Das unausweichliche und gerade deswegen umso komischere Unheil nimmt seinen Lauf, als Mr Stink, der auf schier unerklärliche Weise mitunter das Benehmen eines altenglischen Gentleman des vergangenen Jahrhunderts an den Tag legt, von Chloe im Keller ihrer Eltern einquartiert wird...
Der ungezähmte Strich von Quentin Blakes Schwarz-Weiß-Illustrationen unterstreicht die exzentrischen Charakterzüge der Figuren und hebt den Sprach- und Erzählwitz David Walliams auf ein noch höheres Level. So kommt als Gesamtprodukt ein tempo- und pointenreicher Kinderroman dabei heraus, der von seiner Situationskomik und Skurrilität lebt und dem ruhige, emotionsstarke Augenblicke entgegenstellt, wodurch die Handlung niemals abflacht.

Lukas Bärwald | STUBE

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Maja Haderlap: Engel des Vergessens

: Roman / Maja Haderlap. - Göttingen : Wallstein Verl., 2011. - 287 S.
ISBN 978-3-8353-0953-1      fest geb. : ca. € 19,50

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Leben in Südkärnten von Gewalt und Tod gezeichnet. (DR)

Jedes Jahr wird in Klagenfurt zeitgenössische Literatur präsentiert und mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Doch was ist zeitgenössisch? Ist es sprachlich avantgardistisch oder inhaltlich avanciert? Oder ist gerade heuer der Blick auf ein Leben am Rande der deutschen Sprache auszeichnungswürdig? 2011 wurde Maja Haderlap mit einem autobiographischen Roman über ihr Erwachsen- und Bewusstwerden in der Nähe von Eisenkappel/Železna Kapla mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.
Zunächst zeigt sich das Leben in der Kärntner Bergbauernfamilie idyllisch. Die kleine Ich-Erzählerin hilft der Großmutter im Haushalt, riecht Schmalz und Marmelade in der Speisekammer. Doch Bilder der Vergangenheit sprengen die Harmonie. Schon bald hört sie Erzählungen von Not und Hunger, schließlich auch vom Zweiten Weltkrieg, vom KZ Ravensbrück und von Hinrichtungen. Die grausame Vergangenheit durchdringt das kindliche Erleben; der Tod ist präsent in Gestalt von Verwandten und Nachbarn, die im nahen Wald verraten und ermordet wurden.
Die Generationen gehen mit dem Erlebten unterschiedlich um. Die Großmutter schildert frei, was ihr im Konzentrationslager widerfuhr, der Vater – als Kind Kurier der Partisanen – wurde von der deutschen Polizei gefoltert und flüchtet in Alkohol und Suizidversuche. Die Mutter frömmelt und schweigt. So geht die Elterngeneration für das Kind fast verloren. Später, als Gymnasiastin in Klagenfurt – zur Zeit des Ortstafelsturms im Herbst 1972 – und dann als Studentin in Wien, beginnt die „Mic“ genannte junge Slowenin zunehmend zu reflektieren, die Bürde auf ihr selbst, auf der brüchigen Bauernfamilie und auf dem Kärntner Grenzland. Im Krieg wurden die katholischen Kärntner Slowenen von kommunistischen Partisanen vereinnahmt und später von der deutschsprachigen Mehrheit als Landesverräter angeprangert.
Die Geschichte eines solchen Lebens zerfällt auch im Text in Bruchstücke. Maja Haderlap, die bereits einige slowenische Gedichtbände veröffentlichte, gibt das Unsag- und oft auch Unvorstellbare, mit dem das Mädchen zu Hause konfrontiert war, poetisch wieder, verwandelt Erinnerungen an Tod und Gewalt in lyrische Textpassagen. Die auseinanderfließenden Lebenslinien während der Internatszeit in der Landeshauptstadt und beim Studium der Theaterwissenschaften in Wien dramatisieren den Text und nutzen die Vielschichtigkeit des Dialogischen. Schließlich mündet das Buch in essayistische Abschnitte über den Krieg im Frieden, den Tod im Leben und die Minderheit in der Mehrheit. Den Gesamttext umklammert der durchgehende Gebrauch des Präsens: Vergangenes ist nicht vergangen, bevor nicht der „Engel des Vergessens“ die Spuren der Vergangenheit aus dem Gedächtnis tilgt.
Maja Haderlap hat den Bachmann-Preis vor allem mit ergreifendem, bild- und ausdrucksreichem Erzählen in ihrer Zweitsprache gewonnen.

Wolfgang Moser | biblio

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Peter Henisch: Großes Finale für Novak

: Roman / Peter Henisch. - St. Pölten : Residenz-Verl., 2011. - 295 S.
ISBN 978-3-7017-1547-3      fest geb. : ca. € 22,90

Ein Postler entwickelt sein Gehör für die feinen Töne des Lebens. (DR)

Vergessen Sie zuerst einfach den Buchumschlag, das Cover ist grottenschlecht und der Text auf der Rückseite reißerisch, nervig wie das Volksmusikgedudel Kratkys, dem Krankenzimmer-Kollegen der Hauptfigur dieses Romans. Damit sind wir mitten in der Geschichte, die eine leise ist, die vorsichtig ihren Helden in Richtung Freiheit schiebt, ganz ganz vorsichtig, manchmal macht Franz Novak auch einen Schritt zurück. Das geschieht immer dann, wenn er versucht, seine Frau und ihre schrille Lebensbewältigung ein bisschen lieb zu haben, ein kleines bisschen nur lieb zu haben. Dabei fing alles mit seinen Gallensteinen, den entzündeten, an: Seither hat er sein Interesse für Opern entdeckt, hört mit einem Schlag die Verlogenheit der Arbeitnehmervertreter der Post, die Hingebung von Krankschwester Manuela und die Dummheit seiner Frau mit neuem Interesse, Letztere mit glühendem Ekel.
Ein wunderbares Buch, eine kleine Fast-Liebes-Episode, viel Entwicklung nach der Pensionierung, viel Suche nach Veränderungen und Zielen. Es gibt einen Brand - Weihnachtsbaum! - es gibt Novaks entfesselte Wut: Peter Henisch inszeniert große Gefühle auf der kleinen Bühne des noch kleineren Reihenhauses. Sehr zu empfehlen, für Literaturkreise, als Klassenlektüre - Hörproben aus Novaks neu entdeckten Opernfavoriten sind dabei sicher reizvoll.

Christina Repolust | biblio

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Claus-Ulrich Bielefeld / Petra Hartlieb: Auf der Strecke

: ein Fall für Berlin und Wien / Claus-Ulrich Bielefeld ; Petra Hartlieb. - Orig.-Ausg. - Zürich : Diogenes-Verl., 2011. - 358 S. - (Diogenes Taschenbuch ; 24068)
ISBN 978-3-257-24068-9      kart. : ca. € 11,30

Dialog-Krimi zwischen Wien und Berlin und überhaupt zwischen allen Welten. (DR)

Xaver Pucher hätte es noch weit bringen können. Doch jetzt ist er tot, der Starautor, ermordet im Schlafwagen zwischen Wien und Berlin. So beginnen große Geschichten und so lernen die LeserInnen zwei Originale kennen. Die präzise-quirlige Ermittlerin Anna Habel und den knurrig-retro-zurückhaltenden Thomas Bernhardt. Ja, wie sonst soll der Ermittler wohl heißen, wenn hier die Buchhändlerin Petra Hartlieb und der Literaturkritiker Claus-Ulrich Bielefeld zusammen einen Krimi schreiben. Da muss ein bisschen Bernhardt - ja, den richtigen schreibt man doch anders! - rein und die Frankfurter Buchmesse ist fixer Handlungsort des ersten Falls des Duos. Xaver Pucher wollen wir nun aber nicht vergessen, er hatte eine wirklich heiße Geschichte auf Lager. Dazwischen trifft man auf weitere Originale, sowohl in Wien als auch in Berlin, etwa die etwas verwirrte Nachbarin einer Zeugin - oder war es doch eine Verdächtige?
Das Autorenduo geizt nicht mit falschen Spuren, hat auch den Mut, eine Verzweifelte in den Tod springen und die Wohnung der Ermittlerin Anna Habel aufbrechen und durchsuchen zu lassen. Große, echte Gefühle zwischen schnoddrigen Dialogen, coolem Geblödle, Berliner-Schnauze gegen Wiener-Schmäh-Gerangel: Ein sehr empfehlenswertes Buch, der Mord wird übrigens aufgeklärt. Geht doch, würde Anna Habel sagen.

Christina Repolust | biblio

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Lydia Cacho: Sklaverei

: im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel / Lydia Cacho. Aus dem Span. von Jürgen Neubauer. Mit einem Vorw. von Carolin Emcke. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2011. - 350 S.
ISBN 978-3-10-010010-8      fest geb. : ca. € 20,60

Einblicke in die Machenschaften und Strukturen des organisierten Menschenhandels weltweit. (GS)

Die mexikanische Journalistin und Menschenrechtlerin Lydia Cacho recherchierte für dieses Buch penibel und bei Leibe nicht ungefährdet auf der ganzen Welt. Seit sie 2005 in einem Buch die Machenschaften eines Pädophilen-Rings in Mexiko aufdeckte, lebt sie unter ständiger Bedrohung, wurde entführt, gefoltert und einem zweijährigen Gerichtsverfahren unterzogen, in dem sie letztlich aber freigesprochen wurde.
Im vorliegenden Buch geht es um Menschenhandel, der weltumspannend sehr gut organisiert ist, von der USA, Mittel- und Südamerika über Europa und die Türkei in den Nahen und Fernen Osten, und bei dem bereits mehr Dollars umgesetzt werden als im Waffen- oder Drogengeschäft. Hauptbetroffene sind Frauen und Kinder, die auf verschiedensten Wegen der Prostitution zugeführt werden. Die Maschen dieses Netzwerkes sind so eng geknüpft und die involvierten Personen oftmals bis in Regierungs- und Polizeikreise verankert, sodass eine Entflechtung kaum möglich erscheint. Die Autorin sieht jedoch nicht nur die Drahtzieher in den mafiösen Organisationen als Verantwortliche, sondern auch die Kunden, allen voran das Militär weltweit, die unersättlich immer wieder "frische Ware" verlangen.
Die Lektüre dieses Buches macht betroffen, wütend und hilflos zugleich. Die gefährlichen Recherchen der Autorin nötigen zudem großen Respekt ab, besonders wenn man bedenkt, dass ihr Risiko wahrscheinlich nicht viel bewegen wird. - Eigentlich sollten solche Bücher Pflichtlektüre für alle Erwachsenen sein!

Hertwiga Kröss | biblio

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Kristof Magnusson: Gebrauchsanweisung für Island

/ Kristof Magnusson. - München : Piper, 2011. - 193 S. : Kt.
ISBN 978-3-492-27588-0      kart. : ca. € 15,40

Unterhaltsame Annäherung an das Land der Geysire und Vulkane. (EL)

Humorvoll und mit unverstelltem Blick bringt Kristof Magnusson, mittlerweile bekannter Autor und Übersetzer, zuletzt erfolgreich mit seinem Roman "Das war ich nicht", den LeserInnen in dieser Gebrauchsanweisung diese faszinierende, so nah am nördlichen Polarkreis liegende Vulkaninsel und die Mentalität ihrer BewohnerInnen näher: Island, das jüngste Land der Erde, das es geologisch gesehen gar nicht geben dürfte, das durch gewaltige Vulkanausbrüche entstand, als die Erde eigentlich schon "fertig" war. Ein Land, in dem die Natur auch heute noch immense Auswirkungen auf das Alltagsleben hat. Nur 300.000 Menschen leben auf Island, 70 % davon in Reykjavik - ein Volk, das den Naturgewalten zu trotzen gelernt hat. Gerade diese wilde, archaische Landschaft, diese Leere sind es, die auf viele Touristen einen Zauber ausüben.
Magnusson, Sohn eines isländischen Vaters, berichtet locker plaudernd von seiner zweiten Heimat und geht dabei auf aktuelle Entwicklungen ein: Er schildert die einsetzende Landflucht und versucht, die Hintergründe der Finanzkrise zu erklären. Ein umfassendes Kapitel widmet er den isländischen Sagas: Denn dass sich Island eine kulturelle Identität und ein historisches Gedächtnis bewahrt hat, ist vor allem der Literatur zu verdanken. Neben der Allmacht der Naturgewalten, die in Island allgegenwärtig sind - man denke nur an den jüngsten Ausbruch des Eyjafjallajökull - kommen auch Kuriositäten wie die Affinität der Isländer zu ihren zahlreich vorhandenen Schwimmbädern oder das für Jahrzehnte geltende Bierverbot nicht zu kurz und Magnusson verrät, was sich hinter den sogenannten "heißen Töpfen" verbirgt und wie es die Isländer mit den Elfen halten.
Eine vergnügliche, unterhaltsame Reise in ein Land, das wir vor allem von den boomenden Islandkrimis kennen und das heuer Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ist. Sehr empfehlenswert.

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Marie-Hélène Delval / Barbara Nascimbeni: Wie siehst du aus, Gott?

 / Marie-Hélène Delval. Mit Bildern von Barbara Nascimbeni. Ins Dt. übertragen von Rainer Oberthür und Jean-Pierre Sterck-Degueldre. - Stuttgart : Gabriel, 2011. - 88 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-522-30238-8      fest geb. : ca. € 15,40

40 meditative Texte und Bilder nähern sich der Frage, wer und wie Gott ist. (ab 8) (JP)

Für Kinder ist es eine große Frage: Wie sieht Gott aus? Wer ist Gott und wie ist er? Die französische Autorin nähert sich dieser Frage mit 40 bildhaften Umschreibungen: "Gott, du bist der Lebensatem", "Gott, du bist Geheimnis", "Gott, du bist in den Tränen der Menschen", "Gott, du bist ein Feuer in uns" - ein kurzer meditativer Text entfaltet die zumeist aus der Bibel stammende Vorstellung von Gott und knüpft dabei bei menschlichen Erfahrungen an. Gemeinsam ergeben die Texte ein vielfältiges, buntes Bild von Gott, das wiederum vermittelt, wie sehr Gott ein Geheimnis bleibt. Barbara Nascimbeni illustriert jeden Text mit einer ganzseitigen Zeichnung. Die ruhigen, meditativen Bilder vertiefen das Thema und laden zum Verweilen ein.
Dieses Buch macht Kindern ein breites Angebot für ihre persönliche Vorstellung von Gott und eignet sich sehr gut als Kindergebetbuch für zu Hause. Die Texte und Bilder können aber auch in Kindergottesdiensten und im Religionsunterricht verwendet werden. Besonders empfehlenswert ab 8.

Gabriele Doblhammer | biblio

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