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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2011 / Mai

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Marie-Aude Murail: Ich Tarzan - du Nickless!

/ Marie-Aude Murail. Aus dem Franz. von Paula Peretti. Mit Ill. von Michel Gay. - Frankfurt a. M. : Moritz, 2011. - 56 S. : Ill.
ISBN 978-3-89565-227-1      fest geb. : ca. € 10,30

Das Bemühen, Kinder in Kompetenzen verschiedenster Art zu fördern, beginnt heutzutage bekanntlich schon sehr früh – und schießt dabei manchmal etwas über das „gesunde Maß“ hinaus. Davon kann der neunjährige Ich-Erzähler Jean-Charles ein Lied singen: Sein Vater ist der Meinung, dass sich der Campingurlaub in Deutschland für den kleinen Franzosen wunderbar eignet, um in der fremden Sprache Deutsch im wahrsten Sinne des Wortes zu baden und mal eben nebenbei eine Fremdsprache zu lernen. Jean-Charles ist von der Idee zunächst wenig begeistert. Doch als er einen netten gleichaltrigen Buben kennenlernt, der offensichtlich eine andere Sprache spricht, kann er dem Ganzen doch seinen Reiz abgewinnen: Er beschließt kurzerhand, sich Tarzan zu nennen, und statt den langweiligen bekannten Wörtern erfindet er für seinen neuen Freund Bezeichnungen wie „Sprott“ oder „Traboim“. Den Freund erklärt er zum Holländer, der ihm wiederum viele neue Wörter beibringt. Die Eltern sind völlig begeistert von der Fremdsprachenkompetenz ihres Sohnes – was natürlich zu allerlei komischen Verwicklungen führt.
In einer schmalen Sommererzählung „für alle, die schon gerne selber lesen“, wird so gleichermaßen das leistungsorientierte Bemühen der Erwachsenen um den Fremdsprachenerwerb persifliert wie die Fähigkeit der Kinder, ganz unverkrampft Spaß an Kommunikation miteinander zu haben, dargestellt.

Kathrin Wexberg | STUBE 

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Stefani Kampmann: Asphalt Tribe

: eine graphic novel ; nach dem Roman von Morton Rhue / von Stefani Kampmann. [Ravensburg] : Ravensburger Buchverl., 2011. - 160 S. : überw. Ill.
ISBN 978-3-473-35336-1     fest geb. : ca. € 17,50

Es ist Winter in New York City. Sieben Jugendliche scharen sich unterhalb einer Brücke um eine brennende Tonne und einer von ihnen beginnt, aus dem „Herrn der Fliegen“ zu zitieren. Wie die gestrandeten Hauptfiguren dieses Romans finden sich die Mitglieder des „Asphalt Tribe“ in Grenzsituationen wieder, die sie selbst ihre eigenen Grenzen übertreten lassen: Gewalt, Drogen und Prostitution gehören zum täglichen Geschäft, um das (Über-) Leben in der eisigen Metropole sichern zu können. Der Zusammenhalt untereinander und hier und da durchscheinende Nächstenliebe ihrer Umgebung bieten seltene Lichtblicke in einem Leben, das von Armut, Verzweiflung und Zynismus geprägt ist.
Mit „Asphalt Tribe“ adaptiert Stefani Kampmann bereits zum zweiten Mal einen Roman von Morton Rhue, nachdem sie zuvor „Die Welle“ als Comic umgesetzt hatte. In Schwarz, Weiß und Grautönen setzt sie dabei den harten Winter New Yorks aus der Sicht der Erzählerin Maybe um und fokussiert dabei die Gesichter der ProtagonistInnen oftmals in Nahaufnahmen, um dadurch die ständig changierenden Gefühlsbäder sichtbar zu machen. Kapitelübergänge werden durch Polizeiakten der jugendlichen Hauptfiguren gestaltet, in denen kurze Charakterskizzen zusätzliche Informationen über sie preisgeben. Als Abschluss steht eine Reihe von ganzseitigen Bildern Maybes auf dem Weg zu ihrem Sehnsuchtsort am Meer – kein Happy End, aber ein Bruch in Bild und Text mit der Verlorenheit und Enge New Yorks.

Lukas Bärwald | STUBE

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Michael Stavaric: Brenntage

: Roman / Michael Stavaric. - München : C. H. Beck, 2011. - 230 S.
ISBN 978-3-406-61265-7      fest geb. : ca. € 19,50

Atmosphärisch dichte, episodenreiche Parabel über das Erwachsenwerden in einer innerlich wie äußerlich verwüsteten, merkwürdig aus der Zeit gefallenen, märchenhaft bizarren Welt voll verstörender Geheimnisse und Fragen. (DR)

Eine nicht näher bezeichnete, zwischen Bergen und Schluchten isoliert gelegene Siedlung im Wald ist der seltsam entrückte, unheimliche, mitunter beklemmende Schauplatz des fünften Romans von Michael Stavaric. In diesem mystisch-mythischen Mikrokosmos verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Surrealität, es herrschen eigenartige Sitten und Gebräuche und die BewohnerInnen kapseln sich zunehmend ab. Geister treiben hier ihr Unwesen, Menschen verschwinden spurlos, umherziehende Soldaten verweisen auf längst geführte Kriege. Weitere Gefahren lauern in den Wäldern und den unterirdischen Gängen der aufgelassenen Minen. In dieser bedrohlichen Umgebung wächst der namenlose Ich-Erzähler nach dem Tod seiner Mutter bei Onkel und Tante auf. Einzige Botschaften aus der Vergangenheit sind Briefe der toten Mutter. Einmal im Jahr finden die titelgebenden "Brenntage" statt. Da überantworten die BewohnerInnen alles, was nicht mehr benötigt wird, dem Feuer. Selbst der Teddybär des Jungen wird Opfer der Flammen. Scheinbar hat der Onkel, eine kuriose Persönlichkeit und Quelle grenzenloser Weisheit, diese Tradition eingeführt. Ist er auch der Urheber der wilden, verstörenden Mythen, die sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben?
Bereits 2009 wurde Michael Stavaric für Auszüge aus "Brenntage" mit dem Literaturpreis Wartholz sowie dem Hohenemser Literaturpreis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury werden vor allem der authentische Tonfall und die Zeitlosigkeit der Erzählweise gelobt. Wie kaum ein Zweiter beherrscht der 39-jährige in Wien lebende Autor die Ökonomie der Sprache. Er erzählt höchst konzentriert, rhythmisch, manchmal nüchtern, manchmal geheimnisvoll-rätselhaft und gewährt subtile Einblicke in die menschliche Seele. Manches in diesem melodiösen "Langgedicht" erscheint fremd, archaisch, grotesk, stets bleibt ein tiefsinniger Humor spürbar. Wiederkehrende Motive nehmen in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedliche Bedeutungen an. Verfremdungen lassen die teilweise Idylle immer mehr in eine Art Düsternis abgleiten. Bald wird klar: Dem Boden ist nicht mehr zu trauen…
Wer sich auf dieses klangvolle Sprachabenteuer einlässt und dem Autor in diese mehrbödige Kindheitswelt folgt, wird mit einem wort- wie bildgewaltigen Lesevergnügen belohnt. Große Empfehlung für alle Bibliotheken!

Elisabeth Zehetmayer | biblio

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Philip Roth: Nemesis

: Roman / Philip Roth. Aus dem Amerikan. von Dirk van Gunsteren. - München : Hanser, 2011. - 218 S.
ISBN 978-3-446-23642-4      fest geb. : ca. € 19,40

Lebenslange Selbstbestrafung aus falsch verstandenem Gerechtigkeitssinn? (DR)

Der junge Sportlehrer Bucky Cantor hat 1944 die Ferienaufsicht über den Sportplatz im jüdischen Viertel Weequahic im Südwesten von Newark. Für die Kinder, die in diesem drückend heißen Sommer in der Stadt bleiben müssen, ist Cantor das absolute Vorbild - als athletischer Sportler, als taktvoller, freundlicher, verantwortungsbewusster und ermutigender Lehrer. - Mit der Stimme eines dieser gestärkten Knaben erzählt Philip Roth im Rückblick das Schicksal Bucky Cantors, der - trotz unglücklicher Startbedingungen (die Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater ist ein kleiner Ganove) - in seinem Leben alles richtig machen will. Als schweren Tiefschlag empfindet Bucky, dass er wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht zum Militär und deswegen auch nicht wie seine Freunde in Europa gegen die Nazis kämpfen darf. So will er sich wenigstens tapfer auf seinem Posten bewähren, am Asphaltplatz mit den einfachen Kindern Newarks.
Als eine Polioepidemie ausbricht, die einige seiner ihm anvertrauten Kinder tötet oder zu Krüppeln macht, hat er sich in einem besonders hinterhältigen Kampf zu bewähren. Auf Drängen seiner Verlobten Marcia wechselt er als Betreuer in das weit entfernte, idyllische Sommercamp Indian Hill - zerrissen zwischen dem Gefühl, seine Kinder verraten zu haben, und dem seligen Glück, endlich mit seiner großen Liebe vereint zu sein. Als wenige Wochen später auch in diesem Camp die Kinderlähmung ausbricht, gibt Bucky sich die Schuld daran. Und als er schließlich selbst erkrankt und nach langer Rehabilitation Lähmungen zurückbleiben, bestraft er sich für sein vermeintlich schuldhaftes Verhalten damit, dass er die treue Liebe Marcias strikt zurückweist - er könne ihr das Leben mit einem Krüppel nicht zumuten.
Großartig, wie Philip Roth in diesem meisterhaft komponierten und formulierten Roman an einem Einzelschicksal die ewigen religiösen Fragen der Menschen zu Themen wie Schuld, Gerechtigkeit, Schicksal und Glück aufgreift. Unbedingt lesen!

Maria Schmuckermair | biblio

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Veit Heinichen: Keine Frage des Geschmacks

: Roman / Veit Heinichen. - Wien : Zsolnay, 2011. - 362 S.
ISBN 978-3-552-05508-7      fest geb. : ca. € 20,50

Ein spannender Krimi und noch viel mehr. (DR)

Vom in Genussdingen sehr versierten alten Geheimrat Goethe stammt angeblich das Rezept, wie ein vollendeter Kaffee zu sein habe: Heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel und süß wie die Liebe. Der siebente Veit Heinichen-Krimi rund um den in Triest wirkenden Kommissar Proteo Laurenti hält sich an die Goethe'sche Metaphorik. Heiß sind die Spuren der Verbrecher, denen eine attraktive englische Reporterin mit afrikanisch-italienischen Wurzeln unabhängig von den Ermittlungen Laurentis folgt. Schwarz und sehr düster, nämlich äußerst korrupt, ist das Bild der politischen und wirtschaftlichen Landschaft, das rund um den Fall eines ermordeten Fernsehmachers und einer Erpressung gezeichnet wird, und süß (mit einem kräftigen Schuss Bitterkeit) sind die großen und kleinen Liebesgeschichten, auch in der Familie und im Umfeld des Commissario persönlich.
Ein Krimi, der nicht nur das Bedürfnis nach Spannung und Unterhaltung bedient, sondern auch dem Intellekt schmeichelt. Italiens Geschichte (Abessinienkrieg) und seine traurige politische Gegenwart (Berlusconi) kommen ebenso aufs Tapet wie die Kunst des Kaffeeröstens und -zubereitens. Ein Buch der Extraklasse, fließt runter wie ein perfekter Cappuccino!

Maria Schmuckermair | biblio

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Susanne Scholl: Allein zu Hause

/ Susanne Scholl. - Salzburg : Ecowin, 2011. - 171 S.
ISBN 978-3-7110-0005-7      fest geb. : ca. € 21,90

Beispiele menschlichen und unmenschlichen Umgangs mit Asylsuchenden in Österreich. (GP)

"Ich existiere, weil Großbritannien meinen Eltern Asyl gewährt hat" - Susanne Scholl weiß also, was Asyl bedeutet. Die Großeltern der bekannten Journalistin wurden von den Nazis ermordet, ihre Eltern überlebten, weil sie Asyl bekamen. Sie kehrten nach Österreich, in die Heimat, zurück. Ebenso kehrte Susanne Scholl nach vielen beruflich im Ausland verbrachten Jahren zurück in dieses sichere, saubere, reiche Land. Sie beleuchtet in ihrem neuen Buch die Situation von Menschen, die in Österreich Asyl suchen. Sie sind ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die Familie Zogaj, die "Komani-Zwillinge" und andere gut integrierte Familien, die nach vielen Jahren in Österreich plötzlich, oft buchstäblich in Nacht-und-Nebel-Aktionen und unter unmenschlichen Bedingungen, in ihre Herkunftsländer oder "sichere Drittländer" abgeschoben werden sollen. Aber die, von denen man in den Medien hört und sieht, sind nur die Spitze des Eisberges.
Auch die paar Schicksale, die Susanne Scholl in ihrem Buch vorstellen kann, sind nur Einzelfälle. Es sind ergreifende Geschichten, die traurig, wütend und beschämt machen. Beschämt über ein Land, das in Frieden, Sicherheit und Reichtum lebt und so wenig Verständnis und Menschlichkeit gegenüber Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Hunger fliehen, aufbringt. Aber es zeigt auch, dass es anders geht, dass sich immer wieder Pfarrer, Bürgermeister und Arbeitgeber für einzelne Familien einsetzen. Dieses Buch ist so objektiv wie möglich gehalten, es ist informativ und auf seine Weise auch spannend. Wahrscheinlich wird die Publikation nichts an der Gesetzgebung und dem Umgang mit Flüchtlingen in Österreich ändern. Das Buch liefert aber gute Argumente für Stammtisch-Diskussionen und ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Sabine Eidenberger | biblio

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Ute Woltron: 99 Genüsse, die man nicht kaufen kann

: selbstgemachte Köstlichkeiten aus Natur & Garten / Ute Woltron. - Wien : Brandstätter, 2011. - 167 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-85033-517-1      fest geb. : ca. € 25,00

Nach Jahreszeiten geordnet: Rezepte für kleine Leckerbissen und Geschenke aus dem eigenen Garten. (NL)

Welcher passionierte Gartenliebhaber oder Koch kennt nicht das Dilemma der jahreszeitlichen Fülle? Die gehegten Pflanzen gedeihen und tragen prächtig - doch kann man alle Früchte, Beeren, Blätter, Wurzeln, … aufessen, solange sie noch frisch sind? Die Journalistin Ute Woltron verrät auf ansprechenden Fotos und in unterhaltsamen Texten, wie man das ganze Jahr über genüssliche Freude an Produkten des Gartens haben kann.
Zu einer persönlichen Geschichte zu jeder Pflanze stellt sie Anleitungen zur kurzfristigen Verarbeitung oder zur Konservierung: Brombeermarmelade, Hagebuttentee und Chiliöl gehören wohl zu den bekanntesten Nutzungsarten. Doch sie präsentiert auch unbekannte, exotische oder vergessene Pflanzen und dafür geeignete Rezepte wie Veilchenzucker, Mispelkäse, Liebstöckelpesto, Zitronenverbenenlikör und Estragonbutter. Neben den in Österreich gebräuchlichen Ausdrücken finden sich nicht nur die bundesdeutschen, sondern - zur Bestellung der Setzlinge oder Samen im Fachhandel - auch die lateinischen Bezeichnungen der Nutzpflanzen.
Das liebevoll gestaltete Buch ist eine Fundgrube für Gartenfreunde und jene, die gerne selbst gemachte Köstlichkeiten verschenken.

Wolfgang Moser | biblio

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Christiane Bundschuh-Schramm: Familienbalancen

: wie das Miteinander gelingt / Christiane Bundschuh-Schramm ; Annegret Hiekisch. - Ostfildern : Schwabenverl., 2010. - 200 S.
ISBN 978-3-7966-1522-1      fest geb. : ca. € 18,40

Überlegungen, wie jeder von uns im Leben zwischen den verschiedenen Rollen und Funktionen zur Balance finden kann. (PP)

Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte, in denen die verschiedenen Bereiche des Lebens beleuchtet werden: Erziehung, Partnerschaft, Alltag und Religion, das alles gilt es, in Balance zu bringen. Der erste Abschnitt, "Leben in Balance", macht deutlich, worum es den Autorinnen geht: Wie kann man ein Gleichgewicht herstellen zwischen den Alltagspflichten als Eltern oder Partner, zwischen einem selbst und dem Leben nach außen. Das Zauberwort heißt Achtsamkeit. Wenn man übt, gegenüber äußeren Einflüssen und den inneren Befindlichkeiten aufmerksam zu sein, gelingt es immer besser, das Gleichgewicht zwischen Pflicht (Spannung) und Neigung (Entspannung) zu halten. Das Buch zeigt, dass das Suchen und Finden der "goldenen Mitte" immer etwas Dynamisches ist; schön sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen kursiv gedruckten Texte, die Zitate oder poetische Texte von Philosophen, Theologen oder Pädagogen wiedergeben.
Christiane Bundschuh-Schramm und Annegret Hiekisch, beide berufstätige Mütter mehrerer Kinder, geben im vorliegenden Buch Denkanstöße dafür, wie man das eigene Leben betrachten kann. Einem "theoretischen" Input folgt ein grauer Kasten mit Fragen, die, wenn man sie ehrlich beantwortet, gut zur Erkenntnis führen, wo etwas im derzeitigen Alltag nicht in Balance ist. Zusätzlich wird auch ein Fokus auf die Beziehung zu Gott gelegt, zum Grundvertrauen, das wir durch das Gefühl des Geborgenseins in Gott haben können.
Das Buch "Familienbalancen" ist unbedingt zu empfehlen, es ist ein wunderbarer Anstoß und Impulsgeber für zahlreiche Fragen, die sich täglich für jeden ergeben.

Doris Göldner | biblio

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