hintergrundbild
biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2011 / Jänner

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Buchcover

Nadia Budde: Unheimliche Begegnungen auf Quittenquart

/ Nadia Budde. - Wuppertal : Peter Hammer Verl., 2010. – [31] S. : überw. Ill. ; 21 x 26 cm
ISBN 978-3-7795-0294-4     unzerr. Pappe : ca. € 14,30

Fremdes Leben? Außerirdische? Entfernte Planeten? Die mehrfach preisgekrönte Illustratorin Nadia Budde entführt die LeserInnen in ihrem aktuellen Buch auf den gelben Planeten Quittenquart und erzählt von drei grünen spitzohrigen Wesen. Zu Beginn findet man die jugendlichen Helden vor dem Fernseher, denn viel los ist nicht in diesem Teil Quittenquarts. Doch dann entsteht aus der überhandnehmenden Langeweile Abenteuerlust – sie beschließen aufzubrechen. Diese Reise hat es in sich: abstruse Gestalten, nicht ganz so gefährliche Kuschelmonster und mehräugige Wesen führen zu grotesken Anekdoten, die farbenfroh und auf unkonventionell unterhaltende Weise in Szene gesetzt werden.
Auf den Bildern herrscht chaotisches Durcheinander – die Figuren, die von Budde detailreich und spannend gestaltet und arrangiert werden, herrschen über den Raum. Die Doppelseiten, die jeweils eine neue Begegnung inszenieren, erzählen ihre eigenen Geschichten, die nur von wenigen Zeilen Text ergänzt werden. Die Konfrontationen sind nicht nur schräg, lustig und schlichtweg außergewöhnlich, sondern auch mal unheimlich, wenn das Trio z.B. plötzlich drei irdischen Astronauten gegenübersteht. Doch sie wissen, „wer wen trifft, hat’s gut“, so ist die anfängliche Scheu schnell überwunden, aus zwei Trios wird eine Reisegruppe, die noch so einiges zu erleben hat, wie man sieht, wenn man auch den Buchrücken ins Lesevergnügen mit einbezieht. Eine visuelle Entdeckungsreise, die nicht nur den Kleinsten große Freude bereiten wird.

Katharina Portugal | STUBE 

Buchcover

Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel

/ Robert Louis Stevenson. Bilder von John Lawrence. Dt. von Richard Mummendey. - Mannheim: Sauerländer, 2010. - 269 S. : Ill. ; 31 cm
ISBN 978-3-7941-6180-5     fest geb. : ca. € 30,80

Knarrende Holzplanken, die glattpolierten Griffe eines monumentalen Steuerrades, das morsche Holz einer halbverwitterten Reisekiste und dazwischen der regelmäßige Rhythmus eines Takt gebenden Holzbeines. Die Schauplätze, Figuren und Inventarstücke von Robert Louis Stevensons Abenteuerroman-Klassiker „Die Schatzinsel“ sind geprägt und charakterisiert durch die unterschiedlichen Qualitäten des morschen, splitternden, brennbaren Holzes. Der englische Künstler John Lawrence, der sich mit Vorliebe an Werkzeugen und Darstellungsmitteln des 18. Jahrhunderts bedient, greift diese außergewöhnliche Stimmung auf und setzt sie facettenreich in seinen Linolschnitten um, welche die Ästhetik alter Holzschnitte reproduzieren. Doch geht er in seiner Umsetzung weit über Darstellungsformen im klassischen Holzschnitt hinaus: Er spielt mit dem Kontrast von monochrom angelegten Bildern und einzelnen Schmuckfarben, lässt flüchtende Seeräuber den Bildrahmen durchbrechen, verleiht durch künstliche Unschärfe und unterschiedlich starken Farbauftrag den Bildern räumliche Tiefe und rückt durch diesen modernen Blick auf eine alte Drucktechnik den Roman von 1883 in ein spannungsreiches und vielschichtiges Licht.
Diese Ausgabe beinhaltet den Text in ungekürzter Form und bindet neben den Illustrationen von Lawrence auch jene von Stevenson selbst gezeichnete Karte der Schatzinsel mit ein, die den Grundstein zu dessen Arbeit an dem Roman über Jim Hawkins Reise mit Long John Silver auf der Suche nach Captain Flints Gold bildete. Eine herausragend illustrierte Ausgabe dieses Klassikers der Abenteuerliteratur, die in ihrer Gestaltung selbst zum X wird, das den Schatz markiert.

Lukas Bärwald | STUBE

Buchcover

Martin Mosebach: Was davor geschah

: Roman / Martin Mosebach. - München : Hanser, 2010. - 329 S.
ISBN 978-3-446-23562-5      fest geb. : ca. € 22,60

Eine Geschichte über die Tiefen und Untiefen einer Gesellschaft. (DR)

Ein junger Banker kommt nach Frankfurt. Durch Zufall lernt er die attraktive Tochter einer reichen Familie kennen. Sie lädt ihn zu den wöchentlichen Sonntagsparties am Pool ein. Der Kreis, der sich sonntags im Garten der scheinbar perfekten Familie Hopsten versammelt, könnte bunter nicht sein. Da ist ein ehemaliger Minister, jovial und unerträglich, sein Sohn Hans-Jörg, der auf alle Menschen unsympathisch wirkt, seine brasilianische Frau Silvi, von einfachem Gemüt und mit Hang zum Alkohol, Salam, ein Halb-Orientale mit dubiosem Geschäftsgebaren, und Helga, die Geschäftsfrau, die sich um die Ausstattung großbürgerlicher Haushalte kümmert und der die Hopstens ihren Kakadu zu verdanken haben.
Es ist ein Buch voller Affären, Intrigen und Liebesgeschichten. Die zentrale Frage stellt sich das junge Liebespaar: "Wie war das eigentlich, bevor wir uns kennen gelernt haben? Und was geschah vor unserer Zeit?" Mosebach hat ein großartiges Buch in einer virtuosen Sprache geschrieben. Allein wie er im ersten Kapitel das Singen einer Nachtigall schildert - das ist große Literatur! "Was davor geschah" ist ein absoluter Gewinn für jede Bibliothek.

Hannes Preßl | biblio

Buchcover

Monika Helfer: Bevor ich schlafen kann

: Roman / Monika Helfer. - Wien : Deuticke, 2010. - 222 S.
ISBN 978-3-552-06142-2      fest geb. : ca. € 17,90

Eine bissig-ironische Geschichte vom Widerstand einer postmodernen Frau gegen privates wie persönliches Unglück und ihr Versuch, sich selbst neu zu finden. (DR)

Die Hauptfigur in diesem Roman ist die Psychiaterin Josi Bartok, die nach einer Reihe von Schicksalsschlägen - Brustkrebs, schwuler Ehemann, Scheidung, Frühpension - versucht, eine neue Lebensorientierung und Identität zu finden. Ein erster Schritt dazu ist u.a. die Teilnahme an einem Literaturseminar von Michael Köhlmeier in Griechenland, wo Josi - schwankend zwischen Depression und Dynamit - nicht nur den attraktiven Apotheker Max, sondern auch das zwölfjährige Mädchen Paula kennen lernt. Paula wird zu Josis Komplementärfigur und bringt deren Welt wieder ins Lot, indem sie nicht nur eine auf Liebessehnsucht beruhende Beziehung zwischen Max und Josi einfädelt, sondern Josi auch ermöglicht, die Wahrheit zu ertragen und ihren Schmerz zu relativieren. Das Leitmotiv des Romans - ein Satz aus einem Gedicht von Robert Frost - ist das seelenverbindende Band der Freundschaft zwischen Josi und Paula und wird zum titelgebenden Zitat. Es heißt: "Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehn und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann…"
Ein packender, berührender, von tiefer Lebenswahrheit geprägter Roman, der auch als eine literarische Aufarbeitung der persönlichen Lebenstragik der Autorin zu lesen ist, die in diesem Buch ihrer tödlich verunglückten Tochter Paula ein Denkmal gesetzt hat.

Jutta Kleedorfer | biblio

Buchcover

Gina Mayer: Das Lied meiner Schwester

: Roman / Gina Mayer. - Berlin : Rütten und Loening, 2010. - 544 S.
ISBN 978-3-352-00786-6      fest geb. : ca. € 20,60

Geschichte zweier unterschiedlicher Schwestern in den 1940er Jahren des vorigen Jahrhunderts. (DR)

In diesem mehr als 500 Seiten starken Roman wird die Geschichte von Anna und Orlanda in der Vorkriegszeit erzählt. Dazwischen finden sich immer wieder Briefe einer Mutter an ihr ungeborenes Kind. Bis zum Schluss weiß man nicht, welche der Schwestern auf ihre Hinrichtung wegen Hochverrats wartet; die pflichtbewusste OP-Schwester Anna, die schon früh über ihre Aktivität in der Kirchengemeinde im Widerstand aktiv ist, oder ihre flatterhafte Schwester Orlanda, die eher zufällig in die Widerstandsbewegung kommt, hauptsächlich an Musik interessiert ist und sich nicht zwischen dem Sänger Clemens und dem Geiger Leopold entscheiden kann.
Die Stärke des Buches liegt in der authentischen Darstellung der Entwicklung des Nationalsozialismus. Zuerst sind es nur kleine Einschränkungen, die man hinnimmt, indem man sich anpasst, dann wird Angst und Schrecken verbreitet, dem man nichts entgegensetzen kann (weil die Behörden offensichtlich mitspielen), und schließlich hat man schon zu viel verloren, als dass man noch zurück könnte. Beide Schwestern bleiben sich und ihrer Überzeugung treu und versuchen, jede auf ihre Art, im Verborgenen ein Gegenpol zum öffentlichen Geschehen zu sein. Eine erlebt die Jahre des Wiederaufbaus und Friedens im Kreis ihrer kleinen Familie, die andere verliert ihr Kind und ihr Leben.
Das Buch ist unbedingt zu empfehlen - auch für junge Erwachsene. Gina Mayer hat sehr gut recherchiert, was die Musik und das Alltagsleben zu Beginn des Krieges betrifft. Sie beschreibt das Leben und Schicksal von jungen Menschen, die auf die Verwirklichung ihrer Träume verzichten müssen, weil es die Machtverhältnisse nicht zulassen, das Leben selbstbestimmt in einer demokratischen Gesellschaft zu leben. Allen Bibliotheken sehr zu empfehlen.

Doris Göldner | biblio

Buchcover

Gabi Weiss: Höchste Zeit

: die Uhr nach sich selbst zu stellen / Gabi Weiss. - Wien : Brandstätter, 2010. - 144 S. : Ill.
ISBN 978-3-85033-426-6      fest geb. : ca. € 16,00

Über das Leben im Hier und Jetzt und die Zeit für sich selbst. (PP)

Ratgeber für eine gelungene work-life-balance gibt es viele. Im vorliegenden Buch geht es darum, wie man seinen eigenen Rhythmus findet in einer Zeit, die durch ihre Schnelllebigkeit genau das zu verhindern weiß. Dennoch ist dieses Buch um Längen authentischer und lesbarer als vergleichbare Werke. 20 faszinierende Persönlichkeiten - Künstler, Prominente, Sportler, Abenteurer, Lebenskünstler und Wissenschaftler - schildern, welchen Weg sie gefunden haben, wieder ein Gefühl für die eigene Zeit zu bekommen und die Uhr nach sich selbst zu stellen. Der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler weist darauf hin, welche fatalen Auswirkungen es haben kann, wenn man sich immer weniger Zeit für sich selbst gönnt: "Wer Zeit sparen will, der spart an Lebenserfahrungen, an Genuss, an sich selbst. Die Lösung heißt enthetzen, verzichten und wissen, wann genug ist." Der Werbemanager Max Palla ist vor ein paar Jahren aus dem Hamsterrad des Konkurrenzkampfs in der Werbeszene ausgestiegen und pflegt seither ein Slow Management mit einem mobilen Büro, das auf jedem Küchentisch Platz hat. Keine Minute hat er bisher bereut. Der Multipercussionist Martin Grubinger plädiert für das Musizieren als Möglichkeit der Befreiung und der Weltenwanderer Gregor Sieböck legt dem Leser nahe, Ballast abzuwerfen und sich mit einem in jeder Beziehung leichten Rucksack auf den Weg zu sich selbst zu machen. Weitere Persönlichkeiten zum Thema sind Anselm Grün, Jessica Hausner, der Dirigent Franz Welser-Möst, Springerlegende Toni Innauer und viele andere.
Eine gewisse Zeit kostet es auch, dieses Buch zu lesen. Doch dafür ist jede Minute klug und gewinnbringend investiert.

Hannes Preßl | biblio

Buchcover

Asfa-Wossen Asserate: Afrika

: die 101 wichtigsten Fragen und Antworten / Asfa-Wossen Asserate. - München : C. H. Beck, 2010. - 191 S. : Ill., Kt. - (Beck'sche Reihe ; 7023 : Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten)
ISBN 978-3-406-60096-8      fest geb. : ca. € 15,40

Die Vielfalt eines Kontinents sachkundig und unterhaltsam aufbereitet. (EL)

Wie soll man einen ganzen Erdteil auf knapp zweihundert Seiten porträtieren? Der in Deutschland lebende Äthiopier Asfa-Wossen Asserate hat diese schwierige Aufgabe mit Bravour gelöst. Und mit Mut zur Lücke. Die Vielfalt zwischen Tanger und Kapstadt zwingt ihn zu Reduktion und Selektion. Nach einer geballten Ladung historischer Fakten und Zahlen werden bedeutende Persönlichkeiten vorgestellt: von Lucy, deren urzeitliches Skelett in Äthiopien gefunden wurde, bis zu Leni Riefenstahl, die nach ihrer Karriere in Nazideutschland sudanesische Stammesangehörige fotografierte. Asserate spart heikle Themen wie Kindersoldaten, Frauenbeschneidung oder AIDS nicht aus. Er stellt auch die Frage: "Welche Regimes sollte man weder finanziell noch dadurch unterstützen, dass man in den betreffenden Ländern Urlaub macht?"
Bei aller Kritik - etwa auch an verfehlter Entwicklungshilfe - schafft er es dennoch, Negativklischees zu korrigieren, indem er seinen Lesern die Menschen Afrikas näherbringt. Er erklärt, warum evangelikale Gruppen so großen Zulauf haben, preist den Reichtum der afrikanischen Küche und berichtet vom Siegeszug des Handys in Ländern, die nie ein funktionierendes Festnetz hatten. Mit Ja beantwortet er übrigens die Frage: "Liest man Harry Potter auch in Afrika?"
Den rein informativen Passagen fügt Asserate immer wieder ein paar Zeilen hinzu, in denen er diskret, aber unüberhörbar zur Humanität aufruft. So weist er etwa darauf hin, dass die ganze Menschheit von afrikanischen Vorfahren abstammt. Könnte nicht die Erinnerung daran, dass auch wir Europäer ursprünglich aus Afrika eingewandert sind, unseren Umgang mit Flüchtlingen verändern?
Ein paar instruktive Illustrationen, etwa zu den Themen Kleidung oder Körperschmuck, und ein Namens- und Sachregister hätten das Buch noch benützerfreundlicher gemacht. Besonders für Schulbibliotheken ist diese gelungene Mischung aus Faktenwissen und Essay aber bestens geeignet.

Renate Langer | biblio

Buchcover

Helmut Krätzl: ... und suchen dein Angesicht

: Gottesbilder - Kirchenbilder / Helmut Krätzl. Bildausw. und Bilderklärungen von Hubert Gaisbauer. - Wien : Wiener Dom-Verl., 2010. - 189 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-85351-223-4      fest geb. : ca. € 23,50

Gottesbilder der Bibel - ihr Bezug zur Verkündigung der Kirche und zum eigenen Glauben. (PR)

Der Glaube und die Beziehung eines Menschen zu Gott hängen wesentlich von den Bildern ab, die ihm von Gott vermittelt werden. Zudem sind Kirchenbild und Gottesbild stark miteinander verflochten, wobei es der Kirche im Laufe von Jahrhunderten nicht immer gelungen ist, den Menschen zu einem Bild von Gott zu verhelfen, dem sich der Mensch anvertraut. Falsch verstandene und missinterpretierte Bibelstellen spielen hierbei eine große Rolle. Bischof Krätzl geht von der seelsorgerlichen Erfahrung aus, dass das jeweilige Gottesbild die Beziehung eines Menschen zu Gott fördern, aber auch verhindern oder zerstören kann, und regt in seinen Betrachtungen zum Nachdenken über bekannte Gottesbilder an. Zunächst spürt er jenen des Alten Testaments nach, die verstören: Der Gott der Krieger, der strafende, der zornige, der eifersüchtige Gott, der Gott der Opfer braucht. Krätzl ordnet sie in den Zusammenhang ein, in den sie gehören. Diesen Bildern stellt er - ebenfalls im Alten Testament enthaltene - berührende Gottesbilder gegenüber: Gott, der Heilige, Gott, der da ist, Gott, der Freiheit bringt, Gott, der sanft ist und leidenschaftlich liebt. Das dritte Kapitel handelt von dem Gott und Vater Jesu Christi, dem barmherzigen, aber auch dem schweigenden Gott, dem Dreieinigen, der sich gerade den Kleinen offenbart.
Die Kirche ist dem Gottesbild Jesu verpflichtet. Daher genügt es nicht, nur Fakten zu nennen, die ohne Konsequenzen für die Feier der Sakramente, die Verkündigung bleiben. Bischof Krätzl zieht diese Konsequenzen und bringt dadurch Bewegung in festgefahrene Klischees sowohl im Blick auf den Einzelnen als auch für die Verkündigung der Kirche insgesamt. Dies führt ganz von selbst zur Frage, inwieweit die Kirche, aber auch jedes einzelne ihrer Glieder Abbild Gottes ist, dessen "Güte und Menschenliebe" (2 Tit 3,4) in Jesus Christus sichtbar und greifbar geworden ist. Der einfach zu lesende und zu Herzen gehende Text sowie die beigefügten und kurz von Hubert Gaisbauer erläuterten Bilder aus unterschiedlichen Epochen der Kunst bewirken, dass man das Buch, das zugleich informiert, erklärt, zur Betrachtung und zum Weiterdenken anregt, immer wieder gewinnbringend zur Hand nimmt. Ein Muss für alle Büchereien.

Hanns Sauter | biblio

Projekte . Kooperationen