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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2010 / November

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Sophia Bennett: Wie Zuckerwatte mit Silberfäden

: die erste Kollektion / Sophia Bennett. Aus dem Engl. von Sophie Zeitz - Dt. Erstausg. - Hamburg : Chicken House, 2010. - 266 S. –
ISBN  978-3-551-52010-4       fest geb. : ca. € 13,40

Vivienne Westwood, Prada oder auch Chanel sind Namen, die durch Magazine wie Vogue oder fashionaffine Serien wie Ugly Betty in aller Munde sind. Sophia Bennett greift das Thema der Modewelt in ihrem Debütroman auf, begnügt sich dabei aber nicht mit der pointierten Darstellung der oberflächlichen Welt des Glanzes und Glamours. Nonie, die Ich-Erzählerin, lebt und liebt den Modezirkus – kein Outfit ist ihr zu extravagant. Ihr größter Traum? Eines Tages Assistentin eines bekannten Designers zu sein. Ihr Können muss sie erstmals beweisen, als sie und ihre Freundinnen Krähe kennenlernen, ein 12-jähriges Flüchtlingsmädchen aus Uganda und Wunderkind des Modedesigns. Gemeinsam und dank vieler glücklicher Umstände verhelfen sie Krähe zu ihrer ersten Kollektion, im Laufe der Vorbereitungen dafür enthüllt sich nach und nach ihre erschütternde Vergangenheit in Uganda während des Bürgerkrieges.
Durch den Kontakt zu Krähe bzw. ihrem Familienschicksal, das der Roman mit viel Feingefühl erzählt, wird auch den anderen zuvor schemenhaften Charakteren Tiefe verliehen. Es folgt nicht nur die Organisation einer Fashion-Show, sondern auch die eines Wohltätigkeitsprojekts zur Rettung der „Unsichtbaren Kinder“ (Kindersoldaten in Uganda) unter dem Motto „Weniger Mode – Mehr Menschlichkeit“ – ein Motto, das der Erzählung eingeschrieben ist. Ein vielschichtiger Roman, dem die Anbindung der Fashionwelt an ein gesellschaftsrelevantes Thema gelingt und der – als modernes Märchen gelesen – mehr als nur Material und Design ist.

Katharina Portugal | STUBE 

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Carolin Philipps: Wofür die Worte fehlen

/ Carolin Philipps. - Wien : Ueberreuter, 2010. - 126 S.
ISBN 978-3-8000-5533-3      fest geb. : ca. € 9,95

Wenn Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan wird, geschieht das oft durch Personen, die ein Abhängigkeits- und/oder Vertrauensverhältnis dafür ausnützen. In diesem beklemmend authentischen Jugendroman ist es der eigene Vater, der den knapp fünfzehnjährigen Protagonisten Kristian seit Jahren für seine so genannten „Männerspiele“ missbraucht. Eindringlich schildert die Autorin, stets der Wahrnehmung Kristians verpflichtet, wie ihn der Vater mit dem gemeinsamen „Geheimnis“ erpresst. Kristian hat keine Worte, um sich jemandem anzuvertrauen, auch als sein Umfeld längst vermutet, was mit ihm los ist, bleibt er zunächst stumm. Doch in der Welt der Mangas, in die er in einem Kurs einmal in der Woche abtaucht, findet er ein eindringliches Bild für das, was mit ihm geschieht: Eine Figur namens „Der schwarze Ritter“, vor der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Im Manga kann ausgesprochen werden, wofür es in der Realität keine Worte gibt – und auf dieser Ebene trägt eine gleichaltrige Freundin schließlich entscheidend dazu bei, dass Kristian sein Schweigen bricht und sich Hilfe holt.

STUBE

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Eva Rossmann: Evelyns Fall

: ein Mira-Valensky-Krimi / Eva Rossmann. - Wien : Folio, 2010. - 243 S.
ISBN 978-3-85256-528-6      fest geb. : ca. € 19,90

Armut prallt auf Reichtum - ein mörderischer Gegensatz. (DR)

Die 1962 in Graz geborene Publizistin und freie Schriftstellerin Eva Rossmann setzt mit ihrem neuesten Buch "Evelyns Fall" ihre unterhaltsame Krimiserie rund um die unkonventionelle Journalistin Mira Valensky und ihre ehemalige Putzfrau und nunmehr enge Freundin Vesna Krajner höchst erfolgreich fort. Wie gewohnt präsentiert die routinierte Autorin ihren fiktiven Kriminalfall gut verpackt in zeitaktuelles Kolorit und spart auch im 12. Fall von Mira und Vesna nicht an beißender Sozialkritik. Die 42-jährige Sozialhilfeempfängerin Evelyn Maier, einst vielversprechendes Gesangstalent in einer dreiköpfigen Band, wird tot in einem völlig desolaten Häuschen am Wiener Stadtrand aufgefunden. Die Polizei geht von einem Unfall aus. Nicht so die Tochter der Toten, die Mira und Vesna um Aufklärung des plötzlichen Todes der Mutter ersucht. In der üblichen frechen Manier beginnen die zwei resoluten Hobbydetektivinnen zu ermitteln und stoßen in Evelyns Vergangenheit auf einige Ungereimtheiten. Der angebliche Unfalltod eines der Bandmitglieder, der ganz zufällig das reiche Söhnchen eines Ministers war, verhalf dem zweiten Musiker offenbar zu seinem raschen Reichtum als Händler protziger amerikanischer Autos.
Viele Verdächtige, viele Motive, einige falsche Fährten und viel gutes Essen füllen den Hauptteil des Buches und in einem für Rossmann typischen rasanten Finale wird der Kriminalfall schließlich geklärt. An sich eine relativ triviale Kriminalhandlung, wäre da nicht Rossmanns schriftstellerisches Geschick, zwischen aller Trivialität und Klischees ihre sozialkritische Stimme ertönen zu lassen. Armut in Österreich ist weitverbreitet und durch Wegschauen wird sie nicht weniger. Rossmann lässt Besitzer von Luxusautos auf Sozialhilfebezieher prallen, überlastete Gerichtsvollzieher stehen in krassem Gegensatz zu hochnäsigen, versnobten Wissenschaftlern aus gutem Haus. Neben traditioneller Krimiunterhaltung mit sympathischen und realistisch gezeichneten Hauptfiguren findet sich hier das zeitkritische und tagespolitische Statement einer sozial engagierten Autorin - empfehlenswert ohne Einschränkung.

Barbara Tumfart | biblio

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Erich Hackl: Familie Salzmann

: Erzählung aus unserer Mitte / Erich Hackl. - Zürich : Diogenes, 2010. - 184 S.
ISBN 978-3-257-06758-3      fest geb. : ca. € 20,50

Gelungene Erzählung über Aufrichtigkeit und Antifaschismus. (DR)

Erich Hackl erzählt Geschichten aus dem realen Leben. Es geht ihm dabei um die Wahrheit. Eine davon nimmt ihren Anfang bei Hanno Salzmann. Der junge Mann arbeitet als Vertragsbediensteter bei der steiermärkischen Gebietskrankenkasse und äußert eines Tages den Satz: "Meine Oma ist in einem KZ umgekommen". Diese Oma kommt als Julia Sternad in Stainz in der Weststeiermark auf die Welt und heiratet in Deutschland den Metalldreher und kommunistischen Parteifunktionär Hugo Salzmann. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtet das Ehepaar mit ihrem Sohn, dem kleinen Hugo, nach Frankreich. 1939 wird Hugo Salzmann verhaftet, die Mutter versucht, mit dem Sohn zu fliehen, wird aber schließlich festgenommen und ins KZ Ravensbrück eingeliefert, wo sie gegen Kriegsende an Typhus stirbt. Ihren Sohn können die Salzmanns retten, indem sie ihn über das Rote Kreuz nach Österreich zu Julias Verwandtschaft zurückschicken.
Im Zentrum der Erzählung steht die Geschichte des kleinen Hugo, der nach dem Krieg seinen Vater wiederfindet und schließlich in die DDR geht. Am Schluss kommt dann sein Sohn Hanno Salzmann, der Enkel, mit dem die Erzählung begonnen hat, wieder ins Spiel. Obwohl er gar kein Jude ist, wird er das Opfer antisemitischer Anpöbelungen. Obwohl sein Fall anders ist als der mörderische Terror, dem sein Großvater ausgesetzt war, dokumentiert er die erschreckende Kontinuität von Denk- und Verhaltensweisen.
Hackl setzt seinen Helden, die für ihn beispielhaft handeln, ein literarisches Denkmal. Er erzählt diese Familiengeschichte in einer beeindruckend klaren und beruhigten Sprache. Vor allem versteht er es, mit wenigen Strichen ein Milieu und eine Situation zu zeichnen. Ein berührendes Buch, dessen Lektüre auf jeden Fall empfehlenswert ist.

Karl Vogd | biblio

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Christoph Simon: Spaziergänger Zbinden

: Roman / Christoph Simon. - Zürich : Bilgerverl., 2010. - 180 S.
ISBN 978-3-03762-005-2      kart. : ca. € 19,80

Eine Lebensgeschichte, erzählt beim Spazierengehen. (DR)

Lukas Zbinden ist 87, lebt in einem Seniorenheim und seine Leidenschaft ist das Spazierengehen. Leider ist er körperlich nicht mehr ganz so fit wie geistig und darum bei seiner Lieblingsbeschäftigung auf Hilfe angewiesen. Der Zivildiener Kâzim begleitet den ehemaligen Lehrer auf seinen Spaziergängen und der Leser erfährt mit ihm die Lebensgeschichte des betagten Mannes. Zbinden ist Spaziergänger aus Überzeugung und ergeht sich in langen philosophischen Ausführungen zu diesem Thema, die ihn immer wieder auf Beispiele aus seinem Leben bringen. So lernen wir auch seine verstorbene Frau Emilie kennen, deren Auftritt das Buch durchaus zur Liebesgeschichte werden lässt. Dieser Roman ist kein Buch, das man schnell mal verschlingt, es will genossen werden wie ein gemütlicher Spaziergang im Herbst. Für alle Bestände empfehlenswert.

Sabine Eidenberger | biblio

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Susanne Schaber: Provence

: wo das Licht dem Meer begegnet / Susanne Schaber. Mit Fotografien von Karl Mühlberger. - München : Sanssouci, 2010. - 126 S. : Ill. - (Oasen für die Sinne)
ISBN 978-3-8363-0224-1      fest geb. : ca. € 15,40

Literarischer Reiseführer in bibliophiler Aufmachung. (EL)

Selbst in der Reihe der literarischen Reiseführer dürfte dieser schmale Band einen besonderen Platz einnehmen, wohl passend zu dieser faszinierenden Landschaft, einem erklärten Sehnsuchtsziel vieler - auch französischer - Touristen. Die Autorin lässt sich mit allen Sinnen auf bekannte und weniger bekannte Orte ein, auf die Menschen dort und ihre Geschichte(n), auf die Maler und Poeten. Auch wenn so manche Anekdote und viele Informationen aus der Lektüre anderer Reiseführer vertraut sind, hier kommen sie in einer bemerkenswert schönen Sprache daher - so variantenreich, wie es zu den unterschiedlichen Themen passt.
Noch mehr Appetit auf die Provence kann man sich höchstens beim Nachkochen der eingestreuten Rezepte holen. Als Einstimmung auf die Reise wärmstens empfohlen, zum Nachspüren sowieso.

Sabine Krutter | biblio

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Mekkas der Moderne

: Pilgerstätten der Wissensgesellschaft / hrsg. von Hilmar Schmundt, Miloš Vec und Hildegard Westphal. - Köln : Böhlau, 2010. - 422 S. : Ill.
ISBN 978-3-412-20529-4      fest geb. : ca. € 25,60

Besondere Orte des Wissens - ein Streifzug durch die Geistesgeschichte. (GK)

In einer globalisierten Welt gibt es nicht nur religiöse Pilgerstätten, sondern auch eine Unzahl von Orten, wo für die Menschheit bedeutsame Entdeckungen gemacht wurden oder aufsehenerregende Entwicklungen stattfinden. Solchen Orten widmet das Buch breiten Raum. In fünf Kapiteln werden uns insgesamt 76 "Mekkas" vorgestellt, jedes ein Beispiel für die Freiheit des Geistes. In einer großen Bandbreite und Fülle werden die Zentren des Wissens und Forschens, des Denkens und Philosophierens fast wie in einem Kaleidoskop vorgeführt. Es gibt kaum eine Materie, die ausgelassen wird, ob es sich um Geologie, CERN oder auch um "Google" handelt, für jeden ist hier etwas dabei, in alle Bereiche werden Einblicke geliefert, zu allem gibt es Hintergründe zu lesen.
So reist man gleichsam durch einen faszinierenden Kosmos, der insgesamt ein rundes und stimmiges Bild der Wissensgesellschaft und damit der Geistesgeschichte liefert. Besonders erwähnt sei in diesem Sinn der Artikel zu dem Thema "Wissen als politische Macht" über die Bibliothek von Alexandria mitsamt ihrem Neubau aus dem Jahr 2002. Das Buch liefert eine Fülle an Anregungen zum Nachdenken über unsere Welt. Breite Empfehlung!

Heinrich Klingenberg | biblio

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Roland Kachler: Wege aus der Wüste

: was in Krisen hilft / Roland Kachler. - Ostfildern : Matthias-Grünewald-Verl., 2010. - 143 S.
ISBN 978-3-7867-2806-1      kart. : ca. € 15,40

Eine allgemeinverständliche und lebensnahe Beschreibung des Ausbruchs, Verlaufs und der Bewältigung von Krisen anhand der Lebenskrise des alttestamentlichen Propheten Elia. (PR)

Roland Kachler, seines Zeichens evangelischer Theologe, Diplompsychologe und Psychotherapeut mit langjähriger Therapieerfahrung, spürt im vorliegenden Band der Lebenskrise des alttestamentlichen Propheten Elia nach. Anhand der Krise Elias und unter Erschließung der in 1 Kön 19, 1-18 verwendeten Symbole der Wüste, des Weges, der Höhle, des Berges und der Stadt bietet der Autor eine allgemeinverständliche Einführung in den Verlauf von Lebenskrisen und illustriert das psychologische Hintergrundwissen mit Beispielen aus seiner therapeutischen Praxis.
Entlastend war für mich das Ernstnehmen der Krisen in ihrer ganzen Dramatik, die Ehrlichkeit des Autors, der sich als Therapeut nur als Wegbegleiter sehen kann und keine fertigen Lösungen anbietet, sowie das - wenn auch zum Teil schon bekannte - psychologische Know-How, das Betroffenen hilft zu verstehen, was hier eigentlich abläuft. Nicht zuletzt spricht der Autor auch die Gottesfrage und die Gotteserfahrung in der Krise an, eine Thematik, die sonst in der einschlägigen Literatur ausgeklammert wird oder zu kurz kommt.
Nachdem der Begriff der Krise sehr weit gefasst ist (Überforderung in der Arbeitswelt, Krise zur Lebensmitte, Ausstieg aus dem Berufsleben, Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, Krankheit, Tod geliebter Menschen…) und sich der Band durch große Lebensnähe und Verständlichkeit auszeichnet, allen Bibliotheken sehr zu empfehlen.

Monika Roth | biblio

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