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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2010 / Oktober

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Josh Lieb: Ich bin ein Genie und unsagbar böse

/ Josh Lieb. Aus dem Amerikan. von Knut Krüger - München : cbj, 2010. - 281 S. : Ill.
ISBN 978-3-570-13747-5   fest geb. : ca. € 15,50

Man stelle sich vor: Ein zwölfjähriger Junge, der James Bond-Bösewichten à la Goldfinger in absolut nichts nachsteht und zur Tarnung seiner Machenschaften sich als begriffsstutzigen und gehänselten Außenseiter inszeniert. Während Oliver Watson im Geheimen seine Position als drittreichster Mensch der Welt kontinuierlich durch wahnwitzige Erfindungen, legale wie illegale Handels- und Aktiengeschäfte und ein der Öffentlichkeit vorgeschobenes Alter Ego zementiert, mimt er in der Schule und für seine Eltern den unbedarften und nur mitunter undurchsichtigen Allerweltsjungen.
„Kinder sind ein Problem, das uns auch heute noch quält, Tag für Tag.“ Und so kann der Ich-Erzähler, der die Lesenden durch Kommentare und eingeflochtene Fußnoten immer wieder direkt anspricht, locker darüber hinwegsehen, dass er in der Schule keine FreundInnen hat – und das, obwohl er in sich selbst einen mehr als intelligenten, gut aussehenden und wohl erzogenen Menschen sieht. Jedoch hat auch er wie der beste Bond-Gegenspieler eine Schwachstelle: Während das Verhältnis zwischen ihm und seiner warmherzigen Mutter von gegenseitiger Liebe geprägt ist, sehen sich sein Vater und er als Rivalen und kämpfen unterschwellig Grabenkämpfe aus. Als sich die Chance ergibt, dass der Außenseiter Oliver zur Wahl als Klassensprecher antreten kann, sieht er darin endlich die Möglichkeit, seinem Vater den so sehnlich erwünschten Respekt abzuringen. Es entspinnt sich eine rasante und vom Sarkasmus des „bösen“ Ich-Erzählers geprägte Handlung, die ein ums andere Mal das politische Gebaren in Wahlkampfzeiten aufs Korn nimmt. Wer den Erzählstil und Humor eines Frank Cottrell Boyce schätzt und sich mit einem witzigen, liebenswert-arroganten Erzähler anfreunden kann, ist bei Josh Lieb bestens aufgehoben.

Lukas Bärwald | STUBE 

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Feldpost für Pauline [Tonträger]

: Hörspiel ; ab 12 Jahren / Maja Nielsen. Mit Ingrid van Bergen, Céline Vogt, Tom Schilling ... Regie: Axel Pleuser. Made by WDR. – Düsseldorf: Sauerländer, 2010. –  1 CD (52 Min.) – (Sauerländer audio)
ISBN 978-3-7941-8531-3      ca. € 12,95

Im Jahr 1916 markiert die so genannte Schlacht von Verdun den Beginn der spürbaren Industrialisierung des Krieges in Form von großen Materialschlachten: Rund 700.000 Soldaten sind auf französischer und deutscher Seite im Einsatz – knapp 400.000 davon werden verletzt, vermisst oder getötet. Aus diesem mehrmonatigen Gefecht heraus schreibt ein junger Soldat seiner geliebten Pauline lange Briefe von Sehnsucht, Horror, Angst und Hoffnung.
90 Jahre später. Bei einer Renovierung des Postamtes von Verdun kommt ein Sack mit nicht zugestellten Briefen ans Tageslicht, die nach fast einem Jahrhundert an ihre EmpfängerInnen weitergeleitet werden. So kommt es zur „Feldpost für Pauline“. Pauline ist jedoch nicht die eigentlich angedachte Empfängerin dieser Briefe, sondern die Urenkelin des zur Zeit des Ersten Weltkriegs noch jungen Mädchens. Aus dieser Grundkonstellation ergibt sich ein spannungsreiches Miteinander von Erzählungen aus Gegenwart und Vergangenheit auf zwei narrativen Ebenen: Zum einen entziffert die Pauline des 21. Jahrhunderts gemeinsam mit Oma Lieschen und Freundin Crissi die alten Briefe in Sütterlinschrift und lässt sich von der Oma die Zusammenhänge und historischen Bezüge erklären. Zum anderen werden Szenen aus dem Leben des Liebespaars zu Beginn des 20. Jahrhunderts direkt und mit vielschichtigen dramaturgischen Effekten geschildert.
Dieses außergewöhnliche Hörspiel überzeugt durch die Leistung der SprecherInnen – im Speziellen Tom Schilling, der den jungen Wilhelm überzeugend vom Glück der Liebe und den unaussprechlichen Schrecken des Krieges schreibend erzählen lässt. Darüber hinaus verdienen Sounddesign und Musikdramaturgie besondere Erwähnung, die für jede Szene eine angemessene und Emotionen verstärkende Gesamtatmosphäre kreieren.

Lukas Bärwald | STUBE

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O. P. Zier: Mordsonate

: Roman / O. P. Zier. - St. Pölten ; Salzburg : Residenz-Verl., 2010. - 406 S.
ISBN 978-3-7017-1554-1      fest geb. : ca. € 22,90

Brutale Rache und subtiles Anschleichen rund um Mozart-Idyllen. (DR)

Salzburg, Mozart, eine Aufregung: Weiße Tränen sind dem schönen Mozartdenkmal - nicht dem grauslichen am Ursulinenplatz - "angetan" worden. Eine künstlerische Installation, work in progress oder mehr? Eine Drohung? Und wenn eine Drohung, dann an wen? Die Wege der Protagonisten kreuzen sich am Mozartplatz, es sind mehr krumme als gerade Wege. Dass Birgit Aberger, beinahe noch ein Kind und doch schon hochbegabte Konzertpianistin, verschwunden ist, beschleunigt das Intrigen-Karussell. Der ermittelnde Polizeibeamte steckt selbst in der Krise, verliebt sich in eine Zeugin und wird schließlich von seiner Nichte auf den wirklichen Täter aufmerksam gemacht.
O. P. Zier spielt mit dem Genre Kriminalroman und dem Schauplatz Salzburg: Wie ein Pathologe seziert der bekannte Salzburger Autor Polit-Machenschaften, Gerangel um Suff und Spitzenpositionen. Schicht um Schicht legt Zier die süßlichen Hüllen des Grauens frei - zwei Morde, ein Selbstmord, unzählige Mordgedanken - und konfrontiert seine LeserInnen damit, wie lange frühe Kränkungen wirken. Ein subversiver Text, der Kleingeistige und Großmäuler in ihren politischen Verstrickungen unerlöst weiter strampeln lässt.

Christina Repolust | biblio

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Michael Köhlmeier: Madalyn

: Roman / Michael Köhlmeier. - München : Hanser, 2010. - 172 S.
ISBN 978-3-446-23597-7      fest geb. : ca. € 18,40

Mit den Problemen ihrer ersten Liebe vertraut sich die vierzehnjährige Madalyn dem spröden alternden Schriftsteller an. (DR)

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser - wir kennen ihn aus Köhlmeiers Opus Magnum "Abendland" (2007) - lebt ziemlich kommunikationsarm in einem Wiener Mietshaus. Nur mit einem einsamen Kind aus der Wohnung unter ihm verbindet ihn eine Freundschaft. Als er eines Tages zufällig Zeuge wird, wie die Fünfjährige mit ihrem Fahrrad in ein Auto rast, kümmert er sich um die Verletzte und begleitet sie im Rettungswagen ins Krankenhaus. "Sie haben mir das Leben gerettet", sagt Madalyn später zu ihm, worauf er zustimmend antwortet: "Etwas Schöneres habe ich in meinem Leben nicht getan." Die Vertrautheit zwischen den beiden kommt in der Pubertät des Mädchens, das von seinen Eltern wenig Zuwendung erfährt, besonders zum Tragen. Madalyn hat sich verliebt in einen Schüler in der Klasse über ihr, dem allerdings kein guter Ruf vorauseilt. Dieser Moritz testet alle Grenzen aus, lügt auch gerne, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht, und Madalyn schwärmt ihn an - trotzdem oder deswegen.
Als sie Lukasser bittet, ihr die Wohnung als Liebesnest zur Verfügung zu stellen, lehnt er dieses Ansinnen selbstverständlich ab. Aber er gibt dem Mädchen schließlich doch seinen Wohnungsschlüssel mit der Bitte, sie möge doch während seiner Abwesenheit die Blumen gießen. Am Ende der Geschichte wird er ihr noch einmal das Leben retten. - Die Gefühlswelten der Gymnasiastin und ihres Wahlvaters sind äußerst genau abgebildet, stehen geradezu exemplarisch für zwei Generationen. - Lesenswert!

Maria Schmuckermair | biblio

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Paul Auster: Unsichtbar

: Roman / Paul Auster. Aus dem Engl. von Werner Schmitz. - Reinbek : Rowohlt, 2010. - 315 S.
ISBN 978-3-498-00081-3      fest geb. : ca. € 20,60

Paul Auster, der Schelm, lockt seine LeserInnen in ein schillerndes Labyrinth und lauert hinter jeder Kurve mit einer neuen Überraschung. (DR)

Diese pralle Geschichte mit Thriller-Elementen und viel Erotik, dargeboten in einer höchst diffizilen Erzählstruktur (jedes der vier Kapitel ist in einer anderen Erzählform geschrieben), fesselt und verwirrt die Leserschaft gleichermaßen. Kaum glaubt man, das Gestrüpp der üppigen Handlung und ihre rätselhaften Figuren zu durchschauen, wird man schon wieder verunsichert. Wer lügt, wem kann man glauben? Der Autor selber, der vorgeschobene Erzähler, der seinerseits aus kurz vor dem Tod verfassten Memoiren oder dem Tagebuch diverser Protagonisten zitiert, die sich gegenseitig widersprechen? - Es geht um den jungen Literaturstudenten Adam Walker, seine erotischen Erlebnisse (oder bloß Phantasien?) und seine folgenschwere Begegnung mit dem Politologieprofessor Rudolf Born. Walker hält Letzteren für einen Mörder und möchte ihn dafür bestrafen, was ihm aber nicht gelingt.
Für Literaturfreunde ist dieses Buch mit seiner raffinierten Bauweise, seinen zahlreichen Anspielungen auf antike, mittelalterliche und zeitgenössische Werke, auch auf aktuelle Filme (z.B. auf "Bourne" mit Matt Damon), und politische Ereignisse eine Köstlichkeit. - Ein Lesevergnügen der besonderen Art!

Maria Schmuckermair | biblio

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Karl-Markus Gauß: Im Wald der Metropolen

/ Karl-Markus Gauß. - Wien : Zsolnay, 2010. - 299 S.
ISBN 978-3-552-05505-6      fest geb. : ca. € 19,90

Faszinierendes Panorama europäischer Kultur. (GS)

Auch in seinem neuen Buch beschäftigt sich der Salzburger Autor Karl-Markus Gauß mit seinem Lieblingsthema Europa. Allerdings erschließt sich ihm die Vielfalt des Kontinents nicht aus der Perspektive der großen westeuropäischen Metropolen. Paris und London interessieren Gauß nicht, die Herrschaftszentren und die Mächtigen sind ihm suspekt. Sein Europa findet er an den Rändern und blinden Flecken des Kontinents. Es ist das Europa der Außenseiter, der Humanisten und der Namenlosen, der Geächteten und Parias, das uns Gauß auf faszinierende Weise präsentiert. Ob er die Namen von Brünner Lyrikern dem Vergessen entreißt, ein einschneidendes persönliches Erlebnis in einer Kirche im elsässischen Schlettstadt schildert oder das wieder aufgebaute Zentrum der schlesischen Stadt Oppeln beschreibt, immer wieder entdeckt Gauß Neues. Vor allem stellt er faszinierende Zusammenhänge zwischen den Orten und Zeiten her.
Was er in diesem Buch entwickelt, ist eine aus persönlicher Sicht geschriebene europäische Kulturgeschichte, in der Reiseerlebnisse, Begegnungen und Erinnerungen miteinander verbunden sind. Diese Verknüpfung ist in meisterlicher Sprache abgefasst. Außerdem hat Gauß einen unglaublich scharfen Blick für das Paradoxe und er rückt populären Irrtümern mit Witz und Scharfsinn zu Leibe.
Ein wunderbares Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite spannendes, animierendes und bereicherndes Lesevergnügen bietet.

Karl Vogd | biblio

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Oida! : der Generationendolmetscher

/ Hrsg. : Arge Miteinander Reden. - Salzburg : A. Pustet, 2010. - 159 S. : zahlr. Ill. (farb.) + CD
ISBN 978-3-7025-0620-9      kart. : ca. € 24,00

Am 21. September 2010 wurde - im Oval des Salzburger Einkaufszentrum Europark der "Generationendolmetscher" präsentiert, ein Buchprojekt, das in den Medien viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Zurecht! Ausgangspunkt für diesen Generationendolmetscher waren Konflikte zwischen der jüngeren und älteren Generation im Stadtteil Taxham, der Begriff "Oida", den die Jugendlichen hierbei häufig verwendeten, wurde von den Älteren als beleidigend empfunden. Bei den Versuchen zwischen den Gruppen zu vermitteln, stellte sich rasch heraus, dass Probleme zuweilen im unterschiedlichen Sprachgebrauch liegen, und so wurde die Idee zu diesem außergewöhnlichen Buchprojekt geboren.
Herausgekommen ist eine höchst originelle und interessante Sprachbrücke, der es gelingt, Menschen unterschiedlichen Alters miteinander ins Gespräch zu bringen und das soziale Miteinander zu festigen. Wie sehen die Jungen die Alten, wie sehen die Alten die Jungen? Welche Erinnerungen, Erwartungen und Vorstellungen sind an diese beiden Welten geknüpft? Das Buch lässt die Generation U-20 und die Generation Ü-60 ausgiebig zu Wort kommen und rückt die vielen BeiträgerInnen und InterviewpartnerInnen in einem ausgesprochen gelungenen Layout auch optisch ins Bild.
Das Buch ist nicht nur eine Bereicherung für jede Bibliothek, sondern eignet sich auch ganz hervorragend als Gesprächseinstieg für intergenerationelle Veranstaltungen und Projekte. Auf der beiliegenden CD finden sich zahlreiche Hörbeispiele, Sprechszenen und musikalische Beiträge, die die unterschiedlichen Sprach- und Lebenswelten der Generationen akustisch zur Darstellung bringen. Das klassische Märchenende "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" hört sich da so an: "Und wenn sie nicht abgekratzt sind, dann muckn sie noch heute!" - Oida na! (Also wirklich!)

Elisabeth Zehetmayer | biblio

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Albert Biesinger: Die Kunst des Älterwerdens

: spirituelle Impulse / Albert Biesinger. Mit Beitr. von Gerhard Braun. - Freiburg i. Br. : Herder, 2010. - 158 S.
ISBN 978-3-451-32413-0   fest geb. : ca. € 13,40

Die späteren Lebensjahre als Chance, nach vorne zu leben. (PR)

Der bekannte Religionspädagoge geht von der immer wieder zu hörenden Aussage "Wenn ich doch noch einmal jung wäre und von vorne anfangen könnte" aus und versteht die Jahre des Alters als Chance, bewusst nach vorne zu leben. Er beschreibt daher nicht wie andere Autoren in ähnlichen Büchern, was das Älterwerden bringen und wie man damit umgehen könnte, sondern lenkt den Blick zunächst auf wichtige Erfahrungen und Gefühle der Vergangenheit und ermutigt, davon ausgehend Schritte für die Zukunft zu setzen. Aus eigenem Erleben nennt er solche Erfahrungen: die Partnerwahl, das Wissen um die menschliche Verletzbarkeit, der Blick auf die Kinder sowie auf das Berufsleben. Biesinger stellt dazu Fragen, die anregen, alte und neue Rollen zu reflektieren und anzunehmen: Was ändert sich? Was sollte ich bedenken? Was braucht mein Leben jetzt? Breiten Raum nehmen darunter - und auch darin unterscheidet sich dieses Buch von anderen - die Erwägungen um Partnerschaft und Familie sowie um die religiöse Erziehung der Enkelkinder ein, die ja viele (werdende) Großeltern bewegt.
Sich für neue Rollen offen zu halten, sich mit ihnen vertraut zu machen und sie als ein Einüben auf die vielen Möglichkeiten zu verstehen, die Gott für uns jenseits dieser Welt bereithält, dazu ermutigt und regt dieses Buch an. Es ist allen zu empfehlen, die sich mit dem neuen Lebensabschnitt "Spätere Jahre" vertraut machen wollen.

Hanns Sauter | biblio

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