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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2010 / September

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Mathias Jeschke: Wie das Wiesel dem Riesen den Marsch blies

/ Mathias Jeschke. Ill. von Jens Rassmus. - Köln : Boje-Verl., 2010. - 64 S. : Ill. - (Gedichte für neugierige Kinder)
ISBN 978-3-414-82248-2       fest geb. : ca. € 10,30

„Die Kuh las nicht sehr viele Bücher, / aber hatte einen guten Riecher / für Gedichte. Kleine Blätter / mit Gedichten fand sie netter […]“. Einen guten Riecher für Gedichte kann man auch den Verantwortlichen des Boje-Verlags bescheinigen, die Mathias Jeschke als Autoren für den jüngsten Band ihrer Reihe „Gedichte für neugierige Kinder“ auswählten. In diesem Frühjahr brachte der Lüneburger bereits mit „Der Wechstabenverbuchsler“ die Sprache mit spielerischem Chaos in kreative Unordnung. Die 44 Gedichte seines neuen Werks brillieren ganz vergleichbar durch drei zentrale Merkmale: Auslassung, Neuordnung und die Herstellung unvermuteter Verknüpfungen. Dabei stehen in erster Linie nicht der Sinn und die übergreifende Aussage der Texte im Zentrum des Interesses, sondern die jeweils kleineren Einheiten von Worten, Lauten und einzelnen Buchstaben. Wie in einem lyrischen Versuchslabor experimentiert Jeschke mit den Wirkungen einzelner Worte: Was kommt dabei heraus, wenn man ihnen plötzlich einen Buchstaben nimmt, bestimmte Laute besonders prominent verwendet oder die Verse durch Zeilensprünge und übergehende Reime auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet?
Dem grafischen Stil der Gedicht-Reihe folgend, wurde auch dieser Band von Jens Rassmus in Schwarzweiß und einer Schmuckfarbe (mattes Türkis) illustriert. Die Zeichnungen wirken oftmals als Ruhepol zu den vor Sprachwitz und Einfallsreichtum strotzenden Texten. Die Kinder- und Tierfiguren des Hamburger Illustrators verharren im Augenblick in ihrer Bewegung und folgen den eigenen Gedanken oder just entdeckten Beobachtungen.
Mathias Jeschke spielt mit der Bedeutungs- und Klangqualität von Lauten und klopft sie erfolgreich auf ihre Manipulierbarkeit ab. So entsteht ein hochgradig vergnüglicher und durch Jens Rassmus Zeichnungen wohltuend geerdeter Gedichtband, der in seinem Humor oftmals an Robert Gernhardt erinnert.

Lukas Bärwald | STUBE 

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Nikolaus Nützel: 7 Wege reich zu werden - 7 Wege arm zu werden

: das etwas andere Buch über Wirtschaft / Nikolaus Nützel. Mit Bildern von Flix. - München : cbj, 2010. - 223 S. : Ill. (farb.), graph. Darst.
ISBN 978-3-570-13846-5      fest geb. : ca. € 17,50

Für „Sprache oder was den Mensch zum Menschen macht“ wurde Nikolaus Nützel für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 nominiert. Im Jahr darauf folgte „Das Universum im Kopf: wie unser Gehirn funktioniert“, 2010 widmet sich der Redakteur für Wirtschaft/Sozialpolitik des Bayrischen Rundfunks eben diesem Gebiet, das ihn in seiner Arbeit als Journalist beschäftigt. Um das komplexe Thema Wirtschaft für jugendliche LeserInnen verständlich aufbereiten zu können, gliedert er sein Sachbuch nach einem klaren, numerischen Prinzip: Die ersten beiden der drei Großkapitel folgen der im Titel angegebenen Aufteilung. Zwei mal sieben Modelle, sich in den Mühlen der Ökonomie erfolgreich zu behaupten oder aber unter die Räder zu geraten. Da stehen auf der einen Seite unter anderem die Modelle „Fabrikant“, „Spekulant“ oder „Star“ und auf der gegenüberliegenden „Dritte Welt“, „Altersarmut“ oder „Hartz IV für Jüngere“. Im abschließenden Kapitel werden wiederum sieben Wege präsentiert, „wie es auch anders gehen könnte“. Darin beschreibt Nützel Grundideen wie die des Sozialismus, der Mikrokredit-Wirtschaft oder des Grundeinkommens und wie sich durch diese alternativen Wirtschaftsformen Vor- und Nachteile für eine Gesellschaft ergeben bzw. wie diese sich auf die ArbeitnehmerInnen auswirken.
Dieser schlüssigen und leicht nachvollziehbaren Gliederung des Sachbuchs entsprechen auch die informativen Hilfsmittel, um sich darin noch einfacher und ohne große Umwege zurechtzufinden: Neben einem Glossar und Register finden sich „sieben Wege, sich weiter zu informieren“ – und dies medienübergreifend in Form von Büchern, Filmen und Comics.

Lukas Bärwald | STUBE

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Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

: Roman / Elizabeth Strout. Aus dem Amerikan. von Sabine Roth. - München : Luchterhand, 2010. - 351 S.
ISBN 978-3-630-87330-5      fest geb. : ca. € 20,60

Einfühlsam geschilderte Charakterstudien - ein Roman in 12 Geschichten, unterhaltsam und berührend. (DR)

In diesem "Roman in Geschichten" lassen einzelne aneinandergereihte Episoden den Alltag in Crosby, einer kleinen neuenglischen Küstenstadt im Staat Maine lebendig werden. Es sind subtile Porträts, feinfühlig gezeichnete Charakterstudien und Seelenlandschaften, die allzu Menschliches offenbaren. Elizabeth Strouts Figuren sind Entbehrende, Sehnende, Suchende, sind Menschen, denen es nach Liebe, nach Lebendigkeit im Alltag hungert, die Sicherheit und Halt suchen und mitunter doch noch Hoffnung und Antrieb finden, um vorwärts zu gehen und durchs Leben zu kommen.
Olive Kitteridge, nach der der Roman im Original benannt ist, ist das verbindende Element der insgesamt 12 Geschichten, ihr tiefgründiger Charakter lässt einen nicht so schnell los: Stößt sie einen anfangs mit ihren böse-ironischen Kommentaren vor den Kopf, so ist einem diese faszinierende Figur bis zur letzten Seite ans Herz gewachsen. Nach außen eine unglaubliche Präsenz, Stärke und Unerschütterlichkeit ausstrahlend, trägt sie doch auch eine tiefe Traurigkeit und Schwärze in sich. Strout versteht es, die Ambivalenz ihrer Charaktere in leisen Tönen einzufangen, sie schildert Schicksalsschläge, Situationen, mit denen es sich zu arrangieren gilt, Themen, die immer bedeutsam sind: unglückliche Liebe, Einsamkeit, Depression, schmerzliche Entfremdung zwischen Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, die Erfahrung des Älterwerdens…
Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman erzählt Geschichten, die das Leben schreibt, mitunter tragisch, aber immer voller Atmosphäre, voller Lebensgefühl und Weisheit. Während der Lektüre entsteht im Leser das Gefühl, er lebe selbst dort, an der Ostküste der USA, mit Blick aufs Meer, hin und hergeworfen im mal stürmischen mal ruhigen Wellengang des eigenen Daseins. Feinste Unterhaltung! Allen Bibliotheken sehr zu empfehlen.

Cornelia Gstöttinger | biblio

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Marie NDiaye: Drei starke Frauen

: Roman / Marie NDiaye. Aus dem Franz. von Claudia Kalscheuer. - Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2010. - 341 S.
ISBN 978-3-518-42165-9      fest geb. : ca. € 23,60

Eindringliche Schilderung dreier Frauenschicksale zwischen Frankreich und Afrika. (DR)

In dem Roman, der aus drei eigenständigen Geschichten besteht, geht es um afrikanische Frauen, die in ganz unterschiedlichen Milieus leben und mit schweren, zum Teil unlösbaren Problemen konfrontiert sind. In der ersten Geschichte wird eine Pariser Rechtsanwältin von ihrem in Dakar lebenden Vater angefleht, zu ihm zu kommen. Widerstrebend folgt sie seinem Wunsch, da sie mit ihm nur Negatives verbindet, hat er doch die Familie zerstört, als er vor Jahren mit dem fünfjährigen Sohn nach Afrika ging und Frau und Töchter ohne Unterstützung in Paris zurückließ. Die zweite Geschichte wird aus der Sicht eines Franzosen erzählt, der seine Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus dem Senegal in die französische Provinz lockte. Beruflich, als Ehemann und als Vater ein Versager, bangt er nun davor, dass sie ihn verlassen könnte. Die letzte Geschichte handelt von einer kinderlosen Witwe, die als Unperson eine Weile bei der Familie ihres toten Mannes lebt und schließlich mit ein wenig Geld einem Schlepper übergeben wird, der sie nach Europa bringen soll. Dieses Ziel wird sie nicht erreichen, sondern nach einer qualvollen Odyssee vor dem Zaun, der die Festung Europa von Afrika trennt, erschossen werden.
Die Protagonistinnen sind keine Superfrauen, die über den Dingen stehen, sie können auch die Verhältnisse, in denen sie leben, nur zum Teil beeinflussen, aber sie verfügen über eine uneitle selbstverständliche Souveränität und Würde. Eine Würde, die auch im Verantwortungsgefühl, das Kindern, Brüdern, ja sogar einem unwürdigen Vater entgegen gebracht wird, zum Ausdruck kommt.
Marie NDiaye, Französin mit senegalesischen Wurzeln, hat sich eingehend mit Reportagen über afrikanische Flüchtlinge beschäftigt, vor allem mit dem Buch von Fabrizio Gatti, der einen Flüchtlingstreck vom Senegal bis nach Italien begleitet hat (Rezension s. bn 2/2010, S. 206). Für "Drei starke Frauen" hat sie den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, bekommen. Ihr Stil wurde mit jenem des Nobelpreisträgers William Faulkner verglichen. Es gelingt ihr, eine Situation, ein Verhältnis, zum Beispiel die scheinbar belanglosen Kleinigkeiten, die zur Irritation in einer Beziehung führen, realistisch zu beschreiben. Großartig, wie sie in eine solche Beschreibung das Irrationale hineinverwebt - so spielt in der ersten Geschichte ein magischer Baum eine Rolle, in der zweiten ein grauenhafter Raubvogel. "Drei starke Frauen" ist ein großer literarischer Wurf, nach Meinung von Iris Radisch von der ZEIT einer der bedeutendsten Romane der letzten Jahre. Er sollte in keiner Bibliothek fehlen.

Ingrid Kainzner | biblio

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Jo Nesbø: Leopard

: Kriminalroman / Jo Nesbø. Aus dem Norweg. von Günther Frauenlob und Maike Dörries. - 4. Aufl. - Berlin : Ullstein, 2010. - 698 S.
ISBN 978-3-550-08774-5      fest geb. : ca. € 22,60

Extrem spannender norwegischer Thriller über die fieberhafte Suche nach einem Serienmörder. (DR)

In Oslo treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Kriminalkommissar Harry Hole, der sich nach dem traumatischen Ausgang seine letzten Falles nach Hongkong zurückgezogen hat, wo er im Opiumrausch vor sich hindämmert, kehrt in seine Heimatstadt zurück, um bei der Aufklärung der Mordfälle behilflich zu sein. Schon bald stellt sich heraus, dass alle Opfer in der selben Nacht auf einer Touristenhütte in den norwegischen Bergen waren. Doch die Suche nach dem Mörder gestaltet sich schwierig und die internen Grabenkämpfe der Osloer Polizei sind nicht wirklich hilfreich. Als die Ermittlungen Hole und seine junge Kollegin Kaja Solness nach Afrika führen, kommt es in der Republik Kongo zum Showdown.
Mit seinem achten Buch rund um den kauzigen Ermittler Harry Hole ist Autor Nesbø wiederum ein Krimi gelungen, der an Spannung kaum zu überbieten ist. Das in jedem Detail stimmige und raffiniert ausgeklügelte Handlungskonzept führt die LeserInnen auf immer neue Fährten, trumpft mit überraschenden Wendungen und Pointen auf und fesselt sein Publikum bis zur letzten der fast 700 Seiten. Jo Nesbø gilt zurecht als einer der Großen der skandinavischen Krimiautoren und LiebhaberInnen packender Thriller auf hohem sprachlichen Niveau werden bei diesem Roman voll auf ihre Kosten kommen.

Michaela Grames | biblio

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Dietmar Grieser: Es ist nie zu spät

: ihr zweites Leben ; von Charlie Chaplin bis Karlheinz Böhm / Dietmar Grieser. - Wien : Amalthea, 2010. - 263 S. : Ill.
ISBN 978-3-85002-718-2      fest geb. : ca. € 20,60

Über Menschen, denen sich im hohen Alter eine neue Karriere eröffnete. (BA)

Die Dienstmagd Anna Mary Robertson ist 75, als sie unter dem Künstlernamen Grandma Moses zur "Weltmeisterin der naiven Malerei" aufsteigt, die Bäuerin Anna Wimschneider schreibt als 66-Jährige ihren Roman "Herbstmilch" und führt damit Bestsellerlisten an, Theodor Körner wird mit 78 österreichischer Bundespräsident, die englische Rockband "The Zimmers" setzt sich aus Pensionisten zusammen, deren Durchschnittsalter 78 beträgt. George Bernhard Shaw lernt mit 68 tanzen, Charlie Chaplin wird mit 73 Vater, Pablo Casals heiratet mit 80, Karlheinz Böhm steht im 6. Lebensjahrzent, als er ein Kinderhilfswerk für Äthiopien gründet.
Dietmar Grieser hat diese und weitere Menschen, die zu einem großen Teil aus dem österreichischen Kulturraum stammen und im Alter neue Wege einschlagen, mit der ihm eigenen unvergleichlichen Art und Entdeckerfreude porträtiert. Daraus ist ein Werk entstanden, das nicht nur kurzweilig zu lesen ist, sondern auch Allgemeinwissen vermittelt und nicht zuletzt ein beeindruckend lebendiges Zeugnis davon gibt, dass Alter kein Grund sein muss, die Hände in den Schoß zu legen. Die späten Lebensjahre sind durchaus eine Zeit, Neues zu wagen oder Bleibendes ins Leben zu rufen. Allen Büchereien zu empfehlen!

Hanns Sauter | biblio

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Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für Istanbul

 / Kai Strittmatter. - München : Piper, 2010. - 239 S.
ISBN 978-3-492-27592-7   kart. : ca. € 15,40

Höchst anregender Reiseverführer mit literarischen Qualitäten. (EL)

Nicht nur informativ und nützlich sind die Bücher dieser Reihe, nein, in den meisten Fällen auch höchst anregend und vergnüglich. Und im Gegensatz zu vielen Gebrauchsanweisungen verständlich, ja sogar stilistisch brillant und mit Genuss zu lesen. Strittmatter wählt interessante Zugänge zur Stadt mit den vielen Namen (Byzanz, Konstantinopel), ihrer großen Geschichte und bedeutenden Gegenwart: Er nähert sich der Stadt mit allen Sinnen und gibt - oft sehr poetisch - Eindrücke wieder: die Farben, Gerüche, Musik, Lärm aller Art. Er beschreibt Alltagstätigkeiten wie essen und trinken, ausspannen, Sport betreiben, Auto fahren. Stellt interessante und auch seltsame Details und Erscheinungen vor, lässt mit eintauchen in die Stadt und ihre Umgebung.
Aber er vermittelt nicht nur individuelle Wahrnehmungen, nein, das Buch ist voll mit historischen Informationen, konkreten Tipps und Erklärungen typischer Besonderheiten. - Die Lektüre dieses Buches macht klüger, schärft die Wahrnehmung und man ist um ein Reisesehnsuchtsziel reicher. Sehr gerne empfohlen.

Fritz Popp | biblio

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Petra Fietzek: Ins eigene Leben geschrieben

: Psalmen für heute / Petra Fietzek. Mit Bildern von Rainer Fietzek und einem Nachw. von Carl Möller. - Ostfildern : Matthias-Grünewald-Verl., 2010. - 81 S. : Ill.
ISBN 978-3-7867-2805-4      fest geb. : ca. € 14,30

Psalmeninspirationen, die ins Leben treffen. (PR)

Ausgehend von den 150 Psalmen der Bibel und ihrer reichen Bildwelt gießt Petra Fietzek gegenwärtige Lebens- und Glaubenserfahrungen sowie Fragen heutiger Menschen an Gott in eine neue Sprache. Mit den biblischen Psalmen haben ihre Texte eine große Offenheit für Gottes Wege mit dem einzelnen Menschen gemein, die aber nicht daran hindert, ehrlich das Gespräch mit ihm zu suchen, Fragen zu stellen und auch über Unverständliches an ihm zu stolpern.
Zweifellos spricht aus den Texten eigenes Erleben und persönliches Ringen der Autorin mit Gott. Wie die biblischen Psalmen auch sind ihre Texte geprägt von Authentizität, einem überaus großen Vertrauen und der Sicherheit, dass Gott alles zum Guten lenkt. - Sehr anregend fürs persönliche Gebet und auch für die Arbeit in Gruppen.

Hanns Sauter | biblio

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