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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2010 / Juli

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Cory Doctorow: Little Brother

/ Cory Doctorow. Aus dem Engl. von Uwe-Michael Gutzschhahn. - dt. Erstausg. - Reinbek : Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2010. - 489 S. - (rororo : Rowohlt-Paperback)
ISBN 978-3-499-21550-6   kart. : ca. € 15,40

Freiheit ist etwas, das Du Dir nehmen musst: Diesem Leitmotiv folgend gestaltet der kanadische Science-Fiction-Autor, Journalist und Blogger Cory Doctorow mit erzählerischem Drive einen Roman, der den schmalen Grat zwischen der Angst vor dem Terror und dem Terror durch Angst auslotet. Als bei einem Anschlag die Bay Bridge, der zentrale, infrastrukturelle Nervenstrang San Franciscos in die Luft gesprengt wird, ist der 17-jährige Marcus Yallow zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Er wird verhaftet und verschleppt. Als die Heimatschutzbehörde ihn nach über einer Woche entlässt, ist der Live-Game-Player und Computerexperte nicht nur seiner Würde beraubt, sondern kehrt zurück in eine neue Welt: Mit modernen digitalen Mitteln hat die Heimatschutzbehörde San Francisco in einen Überwachungsstaat verwandelt. Marcus Yallow jedoch leistet Widerstand: Er kreiert den Cyber-Rebellen m1k3y und schafft mit Hilfe einer Xbox und einem Mailserver der schwedischen Piratenpartei ein nicht zu überwachendes partizipatives Web – und stellt damit dem großen Bruder hunderte „little brothers“ entgegen.
Neben dem hohen Spannungslevel des Plots (die mitnichten zimperliche Heimatschutzbehörde rückt m1k3y/Marcus immer näher und Guantanamo-in-the-Bay wartet …) liegt der besondere Reiz des Romans in Cory Doctorows Fähigkeit, die Geschichte amerikanischer Bürgerrechtsbewegungen mit ebenso großer Atemlosigkeit in sein Erzählen einfließen zu lassen wie das technische, auf den Funktionsvarianten der Kryptographie beruhende Wissen um eine digitale Welt. Ein Roman, der mitten hinein trifft in die medial bestimmte Lebenswelt Jugendlicher. Sehr zu empfehlen ab 13.

Heidi Lexe | STUBE 

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Gerda Anger-Schmidt / Renate Habinger: Das Buch, gegen das kein Kraut gewachsen ist

 : Kräuter und Gewürze von Augentrost bis Zimt ; [mit Duftkarte] / Gerda Anger-Schmidt ; Renate Habinger. - St. Pölten : Residenz-Verl., 2010. - 116 S. : zahlr. Ill. (farb.), Noten + Beil. - (Nilpferd in Residenz)
ISBN 978-3-7017-2065-1   fest geb. : ca. € 19,90

„SPITZWEG, Erich / Spitz weg, Erich! / Spitz weg? Er? Ich? Spitzwegerich.“ So lustvoll und kreativ wie dieses kurze Wortspiel zum Spitzwegerich (lateinisch Plantago lanceolata, aus der Familie der Wegerichgewächse) ist die gesamte Konzeption dieses ungewöhnlichen Kräuterbuches: Der Spitzwegerich beispielsweise findet sich unter H, wo er mit Eibisch, Huflattich und Thymian unter dem Titel „Die Hustenbekämpfer“ der Kräutervielfalt unter E - „Eistee und andere Erfrischungen“, F - „Formensprache des Blattrandes“ und G – (Kräuter für eine) Gute Nacht folgt. Jede Pflanze ist kunstvoll (und naturgetreu) abgebildet und wird von einem Sammelsurium kleiner Figuren begleitet. Symbole geben an, welcher Teil jeweils für welches Anwendungsgebiet geeignet ist – von der äußerlichen Anwendung als Bad oder Umschlag bis hin zum Tee. Neben den entsprechenden Rezepten ist eine Fülle an unterschiedlichen Textsorten versammelt: Lieder, Rätsel, Gedichte und –natürlich! – Bauernregeln: „Ist dein Nervenkleid zerschlissen, ruh dich aus und schlürf Melissen.“ Dem Geruchsinn folgend kann das Märchen vom Zwerg Nase, aufgeteilt in 12 Abschnitte, ebenso genossen werden wie die olfaktorische Besonderheit ausgewählter Gewürze: Dem Buch beigelegt ist nämlich eine Duftkarte.

Kathrin Wexberg | STUBE

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John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

: Roman / John Irving. Aus dem Amerikan. von Hans M. Herzog. - Zürich : Diogenes-Verl., 2010. - 732 S.
ISBN 978-3-257-06747-7      fest geb. : ca. € 27,70

Lange Flucht mit angenehmen und interessanten Zwischenstationen. (DR)

Der Titel täuscht: Es geht nicht um die Darstellung einer einzigen Nacht, der Roman umfasst den Zeitraum von 1954 bis 2005, die vielen Vorgeschichten gar nicht eingerechnet. Und prallvoll an Geschichten und auch Geschichtlichem ist er auf seinen über 700 Seiten. Im Mittelpunkt stehen der italienischstämmige Koch Dominic Baciagulupo und sein Sohn Daniel. Zu Beginn der Geschichte im Jahr 1954 ist Letzterer zwölf Jahre alt. Seine Mutter ist bereits vor zehn Jahren gestorben. Der Koch arbeitet in einem Flößer- und Holzfällerlager in New Hampshire. Die Handlung setzt ein mit einem Unfall: Ein 15-jähriger Junge namens Angel ertrinkt beim Flößen. Gleich darauf tötet Daniel aufgrund einer tragischen Verwechslung die heimliche Geliebte seines Vaters, die offiziell wiederum die Geliebte des brutalen Sheriffs Carl ist. Vater und Sohn fliehen, wechseln in den folgenden Jahren mehrmals Wohnort und Namen. Daniel nimmt als erfolgreicher Autor das Pseudonym Angel an. Auch er wird Vater eines Sohnes, seine Frau, die ihn damit vor dem Einsatz in Vietnam rettete, verlässt ihn aber. Der ehemalige beste Freund des Koches, der starrköpfige Holzfäller Ketchum, hält sie über Carl auf dem Laufenden und greift immer wieder in ihre Lebensplanung ein. Sowohl der Koch als auch sein Sohn erleben diverse Frauenbeziehungen. Daniel verarbeitet seine und seines Vaters Biografie indirekt in seinen Büchern, wobei der Autor immer wieder auch das Schreiben thematisiert. - Die vielen Einzelgeschichten und kunstvollen Verflechtungen aufzuzählen, ginge zu weit und würde den Lesegenuss einschränken. Ratschlag: Lesen, genießen, verschlingen! Irving-Fans werden zusätzlich viele Anspielungen und Motive erkennen. Für anspruchsvolle LeserInnen, denen intelligent-unterhaltsame Bücher nicht lange genug sein können.

Fritz Popp | biblio

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Nicol Ljubic: Meeresstille

: Roman / Nicol Ljubic. - Hamburg : Hoffmann und Campe, 2010. - 191 S.
ISBN 978-3-455-40116-5  fest geb. : ca. € 17,50

Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen in Bosnien anhand einer Liebesgeschichte. (DR)

Robert ist als Sohn eines Kroaten in Deutschland aufgewachsen, ohne die Sprache seines Vaters je zu erlernen und sich mit seinen Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien zu beschäftigen. Durch die Begegnung mit der serbischen Studierenden Ana ändert sich dies mit einem Schlag, besonders als zutage kommt, dass Anas Vater wegen eines Kriegsverbrechens in Den Haag vor Gericht steht. Und nun versucht Robert in Den Haag im Blick auf den für den qualvollen Tod von 42 Menschen mitverantwortlich gemachten Zlatko Simic zu verstehen, wie die Schuld dieses hoch gebildeten Shakespeare-Spezialisten und Universitätsprofessors für Anglistik zu erklären ist und ob eine Beziehung mit seiner großen Liebe Ana weiterhin möglich ist.
Nicol Ljubic, in Zagreb geborener und in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland aufgewachsener Sohn eines Flugzeugtechnikers, ist mit seinem vorliegenden zweiten Roman eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen in Bosnien, der Frage nach den Tätern und den Opfern (und auch der Frage, ob diese Trennlinie immer so scharf zu ziehen ist), den Wunden der Gewalt nach zwanzig Jahren, mit Verdrängung und mühsamer, schrittweiser Aufarbeitung einer gewaltsamen Geschichte gelungen, ohne dabei auf gängige Klischees zurückzugreifen. Ein Roman, der in einer packenden Story mit einem Thema, das auch bei uns leicht als Horrornews verdrängt wird, konfrontiert. Sehr empfehlenswert.

Monika Roth | biblio

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Jeffrey Deaver: Allwissend

: Roman / Jeffrey Deaver. Ins Dt. übertr. von Thomas Haufschild. - München : Blanvalet, 2010. - 541 S. - Aus dem Amerikan. übers.
ISBN 978-3-7645-0336-9   fest geb. : ca. € 22,60

In ihrem zweiten Fall lernt die charismatische Verhörspezialistin Kathryn Dance die Tücken von Internet-Communities kennen. (DR)

Kurz vor einem fehlgeschlagenen Mordversuch an einem jungen Mädchen tauchen am Straßenrand ein weißes Kreuz und ein Strauß roter Rosen auf. Weitere Kreuze kündigen weitere Morde an. Bald hat Kathryn Dance einen Verdächtigen im Visier: Der Jugendliche Travis hat einen Autounfall verursacht, bei dem zwei Schülerinnen gestorben sind. In verschiedenen Internet-Communities schießen sich erst Mitschüler, bald auch viele andere Personen auf den Außenseiter ein, der nach einer ersten Befragung spurlos abtaucht. Bald schon scheint jeder in Gefahr zu sein, der sich abfällig über den ungeliebten Schüler geäußert hat.
In die spannende Handlung, die einige überraschende Wendungen zu bieten hat, baut Deaver ein, was auch hierzulande immer häufiger diskutiert wird: die Macht der Online-Communities und die Ohnmacht des Einzelnen, der kaum Möglichkeiten hat, sich gegen Anfeindungen und Unterstellungen zu wehren. Sehr eindringlich wird gezeigt, wie Gerüchte entstehen und eine wahre Hexenjagd losgetreten werden kann. Ein bis zuletzt spannender Thriller mit sehr realistischen Bezügen zur digitalen Welt unserer Jugendlichen - sehr zu empfehlen.

Anita Ruckerbauer | biblio

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Tanja Dusy: Sommer-Küche

: voller Sonne und Aroma / Text & Rezepte: Tanja Dusy. Fotos: Klaus-Maria Einwanger. - München : Gräfe und Unzer, 2010. - 254 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-8338-1924-7   fest geb. : ca. € 25,70

Für Kräuter-, Salat-, Gemüse- und ObstliebhaberInnen mehr als ein Augenschmaus. (VL)

Kann einem ein Kochbuch dabei behilflich sein, nach einem langen, kalten Winter dessen letzte Ausläufer zu überleben? Ja, wenn es in einem unbeschwerten, vielfarbigen, aber klaren Design nicht nur leckere Gemüse-, Kräuter-, Beeren- und Salatrezepte vorschlägt, sondern diese auch noch mit klassisch schönen Fotos garniert, die leichte Speisen in schwerem Steingut präsentieren, Früchte neben Blüten und Menschen auf Landpartien. Das alles wurde aufgenommen in hellem, aber immer mildem Sommerlicht. Die Gliederung des Kochbuchs ist so leicht und locker wie die Rezepte: auf Salate und Kräuter folgen Anregungen für den Picknickkorb. Danach gibt´s hitzefrei mit Eis und kalten Getränken. In den Beerenträumen wird viel Süßes genascht, danach folgt Gemüseküche aus dem Sommergarten.
Fast fällt einem nicht auf, dass Fleisch hier nur eine klitzekleine Außenseiterrolle spielt: In einer lauen Sommernacht wird gegrillt und in Ferienlaune gibt es noch mal Fisch. Sonst ist alles vegetarisch, ganz im Trend und gesund. Wie auch immer: Wenn der Sommer nur annähernd hält, was dieses Buch verspricht, wird es ein großartiger Sommer!

Franz Lettner | biblio

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Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Über Glück und Unglück des Alters

 / hrsg. von Friedrich Wilhelm Graf. Ein Projekt der Stiftung Augustinum, der Diakonie Neuendettelsau und der Rummelsberger Dienste für Menschen. - München : C. H. Beck, 2010. - 162 S. : Ill. (z.T. farb.)
ISBN 978-3-406-59783-1      fest geb. : ca. € 19,50

Essays fünf älterer Künstler. (PI)

In diesem Buch kommen fünf ältere Künstler über ihre Sichtweise zum Alter zu Wort. Der Publizist und Philosoph Hermann Lübbe befasst sich mit der Erfahrung der Zeit im Alter, der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer beschäftigt sich mit dem "Verschwinden des Alters" und bringt dazu Beispiele von 18 Kunstwerken unterschiedlicher Epochen. Der Bildhauer und Maler Hubertus von Pilgrim zeigt, wie Künstler im Alter ihre Kunst verändern und warum das Altern selbst eine Kunst ist, der Theologe Eberhard Jüngel fragt nach der Hoffnung für alte Menschen und arbeitet dabei das Spezielle der christlichen Hoffnung heraus. Die Schriftstellerin Gerlind Reinshagen schließt den Band mit der lebendigen Erzählung "Wut im Alter" ab.
Dem Herausgeber und den Autoren gemeinsam ist die Einsicht, dass das Alter zu wichtig ist, um es der wissenschaftlichen Gerontologie oder Dienstleistern seniorenspezifischer Angebote zu überlassen. Es geht darum, am eigenen Ort aus der je eigenen Lebensperspektive sein Alter zu gestalten, den eigenen Blick durch den Zugang anderer auf ihr Alter zu erweitern und zu einer selbstverantworteten "Würde des Alters" zu finden. Ein bereicherndes und wegweisendes Buch für einen aufgeschlossenen und weiterdenkenden Leserkreis. Empfehlenswert.

Hanns Sauter | biblio

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Joan Chittister: Weisheitsgeschichten aus den Weltreligionen

: Antworten auf die Fragen des Lebens / Joan Chittister. Aus dem Amerikan. übers. von Annette Nau. - Freiburg i. Br. : Herder, 2009. - 295 S.
ISBN 978-3-451-32256-3      fest geb. : ca. € 20,60

Eine lebenspraktische Einführung in heutige spirituelle Fragen anhand von Geschichten aus den fünf großen Weltreligionen. (PR)

Joan Chittister, amerikanische Benediktinerin, engagiert in der Frauen- und Friedensbewegung und im interreligiösen Dialog, ist in den USA eine Erfolgsautorin in Sachen Spiritualität mit häufigen Auftritten im Fernsehen. Die Lektüre des vorliegenden Bandes ließ mich auf Anhieb verstehen, warum: Die Autorin greift auf nicht einmal dreihundert Seiten in komprimierter Form die Lebensfragen auf, die ihrer Erfahrung nach heute die Menschen umtreiben, und versucht, diese unter Rückgriff auf Erzähltraditionen aus dem Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam zu beantworten. Dabei faszinieren die Lebenserfahrung und der kritische Blick dieser Klosterfrau (12 Jahre lang Priorin ihres Klosters in Erie, Pennsylvania) auf gesellschaftliche, kirchliche und religiöse Entwicklungen stets aufs Neue, wenn sie sich beispielsweise mit Themen wie Erfolgsdruck, Burnout, der Suche nach dem eigenen Lebensweg, der Angst vor dem Altern oder der Unfähigkeit, sich von vergangenen Wunden zu befreien und ein neues Leben zu beginnen, auseinandersetzt und die angesprochene Problematik anschaulich mit Blick auf ihre vielen Begegnungen und Kontakte erklärt.
Ein Band, der über gängige geistige Ratgeberliteratur weit hinausgeht und in seiner Konkretheit, lebendigen Sprache und geistigen Tiefe viele interessierte LeserInnen verdient und wohl auch finden wird. Sehr empfehlenswert.

Monika Roth | biblio

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