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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2009 / April

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Ein Haydn-Spaß

 : Joseph Haydn in Bildern und Geschichten / Lene Mayer-Skumanz (Hg.). Mit Bildern von Annett Stolarski. Redaktion: Hubert Hladej. - Wien : Wiener Dom-Verl., 2009. - 117 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-85351-206-7      fest geb. : ca. € 19,90

Dort, wo heute am Stephansplatz das so genannte Curhaus steht und die STUBE seit Oktober vergangenen Jahres ihre neuen Räumlichkeiten hat, war Mitte des 18. Jahrhunderts die Domkantorei untergebracht. 1740 wurde der damals achtjährige Josef Haydn auf Grund seiner schönen Stimme als einer von sechs Chorknaben in diese Domkantorei aufgenommen. Der Duft von Kirschen umweht jene Erzählung, in der Hofcompositeur und Domkapellmeister Georg Reutter nach Hainburg kommt, wo Sepperl bei Verwandten lebt, und ihn als Erster von zahlreich folgenden Förderern nach Wien holt. So wie der kindlich erlebnishafte und auch sehr kulinarische Zugang (genialer Geschichtentitel: Haydn geht fischen – Oder: Warum es das Karpfen-Quintett doch nicht gegeben hat) den Weg weist für eine biographische Annäherung in Bildern und Geschichten. Und auch wenn es zu den hier sehr heiter aufbereiteten Kuriositäten zählt, dass bei der Öffnung von Haydns Grab im Jahr 1820 (die Gebeine sollten nach Eisenstadt überführt werden) der Schädel des Komponisten fehlte, wird hier ganz und gar nicht kopflos vorgegangen: Lene Mayer-Skumanz arrangiert entlang der Lebensgeschichte des Komponisten Erzählungen, in denen sie selbst und ihre KollegInnen Elisabeth Etz, Monika Pelz, Christoph Mauz, Eva Maria Teja-Mayer und Jutta Treiber in F- oder auch D-Moll Episoden aus dem Leben Josef Haydns aufgreifen und mit je eigenem literarischen Zugang nacherzählen. Hanns Karl Mayer, Friedl Hofbauer und Cornelia Buchinger ergänzen mit Sacherzählungen zu musikhistorischen Aspekten; ein Gespräch mit dem Ersatzkopf und spielerisch verstreuter Haydn-Nonsens aus der Feder von Gerda Anger-Schmidt sorgen ebenso für Auflockerung wie die doppelseitigen Comics von Annett Stolarski, in denen der so lange Zeit unsortiert erscheinende Zugang des Autodidakten Joseph Haydn zur Musik besonders variantenreich zum Ausdruck kommt. Ein mit viel Witz, sprachlicher Sorgfalt und grafischem Einfallsreichtum gestaltetes Buch, mit der der neu zum Leben erweckte Wiener Dom Verlag sein kinderliterarisches Debüt vorlegt. Chapeau!

Heidi Lexe | STUBE 

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Ingrid Law: Schimmer

/ Ingrid Law. Aus dem Engl. von Sylke Hachmeister. - Hamburg : Carlsen , 2009. - 239 S.
ISBN 978-3-551-58193-8      fest geb. : ca. € 13,30

Als Heranwachsende ist jeder Geburtstag ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Erwachsenwerden, in der Beaumont-Familie jedoch ist es der dreizehnte Geburtstag, der eine ganz besondere Rolle einnimmt: Denn da offenbart sich jedem jugendlichen Familienmitglied sein „Schimmer“, seine oder ihre ganz besondere Charaktereigenschaft, die jedoch durchaus dramatische Folgen haben kann, etwa in Form eines Wirbelsturms. Die Ich-Erzählerin Mibs wartet gespannt auf ihren großen Tag – doch dann erleidet ihr geliebter Vater einen schweren Verkehrsunfall und alles kommt ganz anders als gedacht.
In einer eigenwilligen Mischung aus phantastischem Roman und Adoleszenzroman erzählt die amerikanische Autorin Ingrid Law in ihrem Erstling von den ganz normalen Schwierigkeiten, herauszufinden, was einen ganz besonders macht, die eigenen Fähigkeiten zu kontrollieren, aber auch für andere Menschen nutzbar zu machen - und natürlich von den zarten Banden der ersten Liebe.

Kathrin Wexberg | STUBE   
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Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen

: Roman / Daniel Glattauer. - Wien : Deuticke, 2009. - 219 S.
ISBN 978-3-552-06093-7      fest geb. : ca. € 18,40

Neues von Emmi Rothner und Leo Leike, dem sympathischen Protagonistenpaar aus dem wohl bekanntesten E-Mail-Roman im deutschsprachigen Raum. (DR)

Nun ist sie endlich da, die von zahlreichen "Gut gegen Nordwind"-Fans sehnlichst erwartete Fortsetzung des prickelnden E-Mail-Romans. Und, das gleich vorneweg, äußerst prickelnd wird es auch in diesem unterhaltsamen Stück Gegenwartsliteratur: Als Leo Leike nach einem Auslandsjahr in Boston wieder nachhause zurückkehrt, warten bereits Nachrichten von seiner "Schreibfreundin" Emmi Rothner in seinem Posteingang. Jener Frau, in die und deren Schreiben er sich hoffnungslos verliebte, ohne sie je gesehen zu haben. Deren Ehe durch die innige Korrespondenz beinahe in die Brüche ging. Leo kann nicht anders, er muss ihr antworten, die selbstverordnete "Emmi-Pause" aufheben. Und bald wird klar, dass beide nicht voneinander loskommen, zu stark sind die Gefühle füreinander, unmöglich, die Sehnsucht nach dem anderen, nach dessen Worten auszulöschen. Immer wieder ist da das Bedürfnis dem anderen zu schreiben, ihm nahe zu sein, ja, viel näher zu kommen, als es gut für einen ist, wie die Vernunft immer wieder eintrichtert. Denn: Emmi ist nach wie vor verheiratet und Leo ist mittlerweile mit einer Amerikanerin liiert.
Abermals spürt man es zwischen den Zeilen knistern, wieder schwebt eine ungeheure Spannung über dem Text, wenn auch die Situation ein wenig verworren erscheint. Köstliche Dialoge voller Wortwitz (mitunter auch Sarkasmus) - Emmi hat nichts von ihrer liebenswert-energischen, zynischen Sprachgewandtheit verloren - sorgen für gute Unterhaltung. Wenngleich der Leser den Ausgang ahnt, hat Glattauer überraschende Wendungen parat und lässt schließlich die siebente, alles verändernde Welle ans Ufer, sprich in den Posteingang, schwappen. Eine gelungene Fortsetzung, die hält, was der erfolgreiche Vorgängerroman verspricht.

Cornelia Gstöttinger | biblio
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Michael Wallner: Die russische Affäre

: Roman / Michael Wallner. - München : Luchterhand, 2009. - 415 S.
ISBN 978-3-630-87285-8      fest geb. : ca. € 20,60

Spannende und berührende Erzählung über das Schicksal einer jungen Frau in der Sowjetunion der 1970er Jahre. (DR)

Moskau, 1978: Die junge Anstreicherin Anna lebt mit ihrer kleinen Familie in bescheidenen Verhältnissen und träumt von einem besseren Leben. Als sie den stellvertretenden Minister für Forschung, Alexej Bulyagkov kennenlernt, und mit ihm eine heimliche Affäre beginnt, bringt ihr das nicht nur Privilegien, sondern sie wird unversehens zum Spielball des russischen Geheimdienstes.
Dieser Roman schildert nicht nur das Schicksal einer jungen Russin, sondern zeichnet gleichzeitig ohne Tabus ein Sitten- und Gesellschaftsbild der kommunistischen Sowjetunion. Er zeigt schonungslos auf, wie Menschen ohne Rücksicht instrumentalisiert und im Namen ihres Vaterlandes missbraucht wurden. Der Autor ist ein Meister der nüchternen Sprache, er erzählt von Liebe, Selbstfindung und zerbrochenen Illusionen, ohne großer Worte zu bedürfen, und fesselt den Leser/die Leserin mit seinen starken und dennoch angreifbaren, authentischen Charakteren und seinem Gespür für Atmosphäre. Ein nahegehender Schicksalsroman mit großer Kulisse - sehr empfehlenswert.

Michaela Grames | biblio
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Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage

: Roman / Gudrun Seidenauer. - St. Pölten : Residenz-Verl., 2009. - 264 S.
ISBN 978-3-7017-1514-5      fest geb. : ca. € 19,90

Wenn sich die Zeit verklumpt und die Erinnerung auflöst - wie Alzheimer das Leben einer Familie verändert. (DR)

Demenz und das Verhältnis der Generationen zueinander, so die beiden gewichtigen Themen, um die der zweite Roman der Salzburger Autorin Gudrun Seidenauer kreist. Schon der Titel "Aufgetrennte Tage" vermag vieles vom Lebensgefühl der an Alzheimer erkrankten Marianne zu vermitteln: Was tun, wenn die Zeit kommt und geht, wie sie will, wenn die Tage nicht mehr fassbar sind, sondern wie Treibholz im Strom der Zeit verschwinden? Immer wieder muss sie sich versichern, dass er, Hermann, ihr jähzorniger Ehemann, nicht mehr da ist, dass es ein Unfall war.
Mit großer Sensibilität nähert sich die Autorin der Seelenlandschaft ihrer Protagonisten - Mutter und Tochter - an, minutiös lotet sie deren schwierige Beziehung zueinander aus. Erzählt wird aus zwei Perspektiven: Einmal ist der Leser/die Leserin dicht bei der dementen Marianne und verfolgt die immer verstrickter werdenden Gedankengänge der ordnungsliebenden alten Frau, die einst aus Mährisch-Ostrau flüchten musste und sich stets eine andere Zukunft gewünscht hatte. Der zweite Strang nimmt die Situation der Tochter Friederike in den Blick: Durch den plötzlichen Tod des Vaters - er stürzte die Treppe hinunter - und die zunehmende Verwirrtheit der Mutter ist sie gezwungen, sich mit den längst fremd gewordenen Eltern auseinanderzusetzen. Unaufhaltbar schleicht sich die Erinnerung an Kindertage, an die Zornesausbrüche des Vaters, das Schweigen, die Distanz zwischen den Eltern ins Bewusstsein. Immer wieder der Gedanke, dass zuhause keine Nähe möglich, jeder in seinem Alleinsein gefangen war. Wie mit der Alzheimer-Erkrankung der Mutter, der man es nie recht machen konnte, umgehen? Wohin mit dem pochenden Verdacht, sie habe beim Sturz des Vaters nachgeholfen? Und wohin mit den Schuldgefühlen, die die Einweisung der Mutter ins Pflegeheim hervorruft? - Beeindruckend, mit welch sprachlicher Brillanz und Virtuosität Seidenauer diese beklemmende Geschichte in Worte fasst. Für alle Bestände sehr empfehlenswert.

Cornelia Gstöttinger | biblio
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Jacqueline Gillespie: Das Leben hält sich nicht an Rendezvous

: die Geschichte meiner Krebserkrankung / Jacqueline Gillespie. - Wien : Orac, 2009. - 128 S.
ISBN 978-3-7015-0515-9      fest geb. : ca. € 14,90

Jacqueline Gillespies Leben auf Messers Schneide. (BO)

Während eines Venedigurlaubs bemerkt die an MS leidende Autorin einen Knoten in der Brust. Wie sich später herausstellen wird, ein bösartiger Tumor im fortgeschrittenen Stadium mit Metastasenbildung in der Lunge. Man gibt ihr noch sechs Monate zu leben, was sie erst Jahre später erfährt. Ein langer Leidensweg beginnt, Gillespie akzeptiert ihre Krankheit und lässt die üblichen Behandlungsmethoden mit den daraus resultierenden Folgeschäden über sich ergehen. Der Verlust der Haare sowie eines Teils ihrer Lunge und ein narbenübersäter Körper machen ihr zu schaffen. An der Seite ihres liebevollen Mannes nimmt sie tapfer den Kampf auf und versucht, ihr Schicksal vor ihrem 12-jährigen Sohn so gut es geht zu verbergen. Ihre Freundinnen unterstützen sie bei der Suche nach guten Medizinern, in den diversen Krankenhäusern lernt sie verschiedene Menschen und deren oft schmerzliche Oberflächlichkeit kennen. Körperlich gezeichnet und mit einer halbseitigen Stimmbandlähmung überlebt sie die tödliche Krankheit und kann schließlich wieder Reisen mit ihrer Familie unternehmen.
Die sachliche Herangehensweise im Umgang mit der Krankheit ohne jegliches Bedürfnis, medizinische oder psychologische Binsenweisheiten vermitteln zu wollen, macht diese Lektüre authentisch. Auf verspielte ironische Art kommt leise Kritik an den Medien und am Gesundheitssystem zum Vorschein, die nicht plakativ ist, sondern in einer berührenden, wohlformulierten Sprache ihren Ausdruck findet. Ein Buch, das Hoffnung macht. Sehr empfehlenswert.

Christoph Stitz | biblio
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Ute Woltron: Menschen sind auch nur Gärtner

: freche Gartengeschichten / von Ute Woltron. - Wien : Christian Brandstätter, 2009. - 159 S.
ISBN 978-3-85033-277-4      fest geb. : ca. € 16,00

Der Titel lässt die Stirne runzeln, der Untertitel gibt dann aber Aufschluss über das Buch dahinter. „Freche Gartengeschichten“ ist wohl eine bescheidene Untertreibung, denn Ute Woltron gelingt viel mehr. Mit unglaublich viel Witz und Humor serviert uns die Autorin Erlebnisse aus ihrem Gärtneralltag, nebenbei wird uns anhand der Erklärung für so manch eine Panne oder Pleite fundiertes botanisches Wissen vermittelt. Warum wir es zum Beispiel höchst wahrscheinlich mit einer Bocksfeige zu tun haben, wenn unser so hoffnungsvoll ausgegrabenes Feigenpflänzchen aus dem letzten Urlaub lediglich viel Blattwerk produziert, aber keine essbaren Feigen.
Der Leser muss, wenn er der Rasse der leidenschaftlichen Gärtner angehört, auch einiges einstecken können, Ute Woltron spart nicht mit Selbstironie, der Wiedererkennungsgrad ist bei ehrlicher Lektüre sehr hoch! Denn unter „Kartoffelzüchtern, Rosenschnipslern und Kohlkopfgießern“ ist die Grenze zwischen Wahn und Sinn eine sehr feine, die gezwungenermaßen stets in die eine oder die andere Richtung überschritten wird.
Bei ca. 385 neu erschienenen Gartenratgebern, wo jeder Experte glaubt, seinen Kollegen überbieten zu müssen, wird auch so manch Unsinniges produziert. Solch Unsinn wird aufs Korn genommen und Insider werden die nicht immer versteckten Spitzen und Hiebe auf Gartenbuchautorenkollegen unschwer erkennen und darüber schmunzeln. Muss man zum Beispiel wirklich die Anzuchterde durch kurzes Schockerhitzen im Backrohr keimfrei machen??? Ute Woltron verfällt gerne in ein sehr legeres, ja fast flapsiges Österreichisch, was aber jedenfalls sehr erfrischend ist und den Reiz dieses Büchleins ausmacht. Das Buch ist unbebildert. Sehr kollegial sind die Tipps für vertiefende Lektüre. Für alle Bibliotheken äußerst empfehlenswert!

Susanne Anzengruber | biblio
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Herders neues Bibellexikon

/ hrsg. von Franz Kogler. Redaktion: Renate Egger-Wenzel und Michael Ernst. - Freiburg i. Br. : Herder, 2008. - 864 S. : durchg. farb. Ill. + CD-ROM
ISBN 978-3-451-32150-4      fest geb. : ca. € 59,70

Im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden die Bücher der Bibel - in ihrer Entwicklung und ihren inneren Bezügen beschreiben Sie den Weg Gottes mit den Menschen und eröffnen eine ganze Welt, die nunmehr seit zwei Jahrtausenden die Menschen ruft und herausfordert. Herausgefordert sehen sich seit Jahrhunderten auch die Wissenschaften, die mit den ihnen je eigenen Methoden, die geografischen, geschichtlichen, theologischen, kulturellen und sozialen Räume des biblischen Geschehens vermessen und erforschen. Was in tausenden Abhandlungen und Büchern seither Darstellung gefunden hat - hier in diesem erstaunlichen Band sind die Ergebnisse und Diskussionen in kompakter Form zusammengeführt.
Dieses Werk ringt einem Achtung ab! Schon beim Anblättern erkennt man die Sorgfalt der Aufbereitung. Es gelingt, 5000 Artikel, 100 umfangreichere bibeltheologische Basisartikel und eine ungeheure Fülle an Bildmaterial (Fotos, Zeichnungen, Karten) in eine Ordnungsstruktur zu bringen, die in ihrer Klarheit besticht. Trotz des Umfangs an Information fühlt man sich hier nicht erschlagen sondern angenehm geführt. Ob es nun um biblische Personen geht oder um einzelne Begriffe, um theologische oder lebenspraktische Fragestellungen der biblischen Zeit - zu allem finden sich Informationen, Hinweise und Antworten.
Klar und sachlich im Ton, vorsichtig in der Interpretation der Quellen und mit einem dichten inneren Verweissystem ausgestattet, lädt dieses Buch zur tieferen Auseinandersetzung ein. Ein Lexikon, das nicht nur Fragen beantwortet, sondern zum Fragen anleitet und zum Lesen verführt und folglich in jeder Bibliothek und bei jeder Bibelrunde seinen festen Platz haben sollte.

Reinhard Ehgartner | biblio
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