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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2009 / März

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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"Klick!"

 : zehn Autoren erzählen einen Roman / Linda Sue Park, David Almond, Eoin Colfer ... Aus dem Engl. von Birgitt Kollmann. - München : Hanser, 2009. - 223 S.
ISBN 978-3-446-23308-9      kart. : ca. € 15,40

„Eine Geschichte, das war etwas für jemanden, der Aufmerksamkeit suchte.“ Momente bewahren und Erinnerungen eine Form geben, in der sie nicht verloren gehen und die Zeiten überdauern können. Diese Thematik bildet den Ausgangspunkt wie auch das Zentrum der Kurzgeschichten, die von zehn englischsprachigen AutorInnen für dieses Projekt verfasst wurden.
Am Anfang steht der Tod: In Linda Sue Parks einleitender Erzählung stirbt Maggies über die Maßen geliebter Großvater Gee, der Zeit seines Lebens als angesehener Fotograf die Welt bereiste und besondere Augenblicke mit seiner Kamera festhielt. Er hinterlässt seiner Enkelin eine Schachtel mit sieben Fächern, in denen sich je ein Schneckenhaus oder eine Muschel befindet. Nach einigem Rätseln ist die Idee dahinter klar: Maggie soll sich auf die Spuren ihres Großvaters begeben und sein Erbe an den Stellen ablegen, wo er es vor Jahren für sie aufgesammelt hatte. Ausgehend von diesem Grundkonstrukt erzählen die einzelnen AutorInnen ihre eigenen Geschichten, die sich stets – mal enger, mal ferner – an den vorgegebenen Figuren und ihrer Umwelt orientieren, ohne sich dabei in eine fortlaufende Handlung einzugliedern. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder der Großvater Gee in verschiedenen Phasen seines Lebens. So erzählen David Almond, Roddy Doyle und Deborah Ellis von Situationen, in denen er auf Menschen stieß, die ihm Dinge überließen, welche er Jahrzehnte später seiner Familie vermachen sollte. Tim Wynne-Jones und Eoin Colfer hingegen widmen sich der im Eingangskapitel nur knapp skizzierten Figur von Maggies Bruder Jason, während Margo Lanagan und Gregory Maguire einen Blick in die ferne Zukunft werfen und von der gealterten Maggie und dem Rückblick auf ihr Leben erzählen.
Das Thema der Vergänglichkeit des Augenblicks und der Wunsch, ihn festhalten zu können, werden immer wieder von verschiedenen AutorInnen aufgenommen und unterschiedlich bearbeitet. Fotografie und Geschichte werden als Möglichkeiten gezeichnet, auf verschiedene Arten „Wahrheit“ abzubilden und je nach Fokussierung zwischen Oberfläche und Tiefenschicht zu wechseln. Es geht um die Familie, ihre Generationen und wie sich Emotionen und Passionen als Band zwischen ihnen spannen können. Ein Buch, das sich wie seine AutorInnen auf der Schwelle von Jugend- und Allgemeinliteratur bewegt und gerade wegen seiner Uneinheitlichkeit so interessant ist.

Lukas Bärwald | STUBE 

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Gunnel Linde: Hilfe! Ich bin ein Werwolf

/ Gunnel Linde. Mit Bildern von Ulf K. Aus dem Schwed. von Birgitta Kicherer. - Hildesheim : Gerstenberg, 2009. - 157 S. : Ill.
ISBN 978-3-8369-5243-9    fest geb. : ca. € 13,30

„Hilfe, ich bin ein …“. „Auslaufmodell“, „Patient“ und „Schulversager“ wurden mit diesem Buchtitel bereits ratgebertechnisch versorgt, nun folgt ihnen der Werwolf: Der schwedische Junge Ulf ist nach intensiver Lektüre eines Buches über die Wolfsmenschen sicher, dass er sich seit der vergangenen Nacht unaufhaltsam selbst in einen verwandelt. Denn als er mit seinen Freunden Äpfel aus dem Garten des geheimnisumwitterten alten Mannes stehlen wollte, wurde er plötzlich von einem übergroßen Hund gebissen – oder war es gar der alte Mann selbst?
Plötzliche Wutausbrüche, ungeahnte Schreie in der Schule, körperliche Veränderungen und ständige Konflikte mit seiner Familie bestärken Ulf in der literarisch unterstützten Prognose, in kurzer Zeit die Verwandlung zum Werwolf abgeschlossen zu haben. Was für den schulischen Außenseiter zuerst wie ein unbezahlbarer Zugewinn an Kraft, Macht und Ausstrahlung erscheint, verkehrt sich schon bald in Angst vor sich selbst: Wird er sich dann immer noch unter Kontrolle haben oder könnte es sein, dass seine monströsen Instinkte Überhand nehmen und ihm den eigenen Willen nehmen? Schon bald scheinen sich die nächtlichen Ereignisse zu überschlagen und Ulf weiß nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit ist. So gibt es für ihn nur noch eine Möglichkeit, um sich selbst und seine Umwelt vor seiner Werwolfidentität zu schützen: Leine und Maulkorb.
Die renommierte schwedische Kinderbuchautorin Gunnel Linde erzählt die Geschichte eines Jungen, der auf einmal körperliche Veränderungen durchmacht und zuvor in dieser Form ungewohnte Emotionsschwankungen an sich selbst erlebt. Kurz: Sie erzählt die Geschichte der einsetzenden Pubertät und wie sie mit voller Wucht auf den unvorbereiteten Ulf trifft, der keine andere Interpretationsmöglichkeit sieht, als die Ereignisse als langsame Werwolf-Metamorphose auszudeuten. Der Roman, obwohl im Original bereits im Jahr 1972 erschienen, ist nicht nur angesichts des momentanen Hypes rund um Werwölfe und Vampire ein wirklicher Lesegenuss: Wie nach und nach die Sprache des Ich-Erzählers tierisches Vokabular annimmt oder Ulf seine Entwicklung mit solch ernsthafter Verzweiflung schildert, verleiht dem Buch einen besonderen Witz, der jedoch stets von dieser leisen Spannung durchbrochen wird – was ist, wenn er nun wirklich einer ist?! Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich gern gruseln, lachen oder am liebsten beides unterhaltsam miteinander verbinden.

Lukas Bärwald | STUBE   
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Stewart O'Nan: Alle, alle lieben dich

: Roman / Stewart O'Nan. Aus dem Engl. von Thomas Gunkel. - Reinbek : Rowohlt, 2009. - 410 S.
ISBN 978-3-498-05038-2      fest geb. : ca. € 20,50

Packende Inszenierung um ein vermisstes Mädchen. (DR)

Kingsville, eine Kleinstadt im mittleren Westen der USA, gerät in große Aufregung: Die achtzehnjährige Kim ist auf dem Weg zur Arbeit mit ihrem eigenen Auto plötzlich spurlos verschwunden. Sofort drängt sich der Gedanke an Entführung oder Mord auf. Dem Autor Stewart O'Nan geht es aber um sehr viel mehr als um einen spannenden Kriminalfall. Ihn interessieren die Handlungen und Vorgänge rund um Kims hinterbliebene Familie und Freunde und er offeriert in meisterhaft sachlicher und stilistisch sicherer Sprache ein gesellschaftliches Kammerspiel rund um Schuld, Lüge und Verdrängung. Die Mutter versucht mit der Tragödie mit übertriebener Tatkraft und medialer Offensive klarzukommen, der Vater schwankt hilflos zwischen Depression und Aufgabe und Kims um drei Jahre jüngere Schwester Lindsay wird zum eigentlichen Opfer des Medienrummels, der übertriebenen Anteilnahme der Nachbarschaft und des Kontrollwahns der verzweifelten Eltern. Allmählich kommen Geheimnisse und Unwahrheiten in Kims Teenagerleben zu Tage, an denen die Familie beinahe zu zerbrechen droht.
Mit großer Liebe zum Detail beschreibt O'Nan die verschiedenen Reaktionen der Bekannten und Verwandten des verschwundenen Mädchens, die lange Zeit erfolgloser Suche durch die Polizei, das ewige Hoffen und Bangen der Betroffenen und die Angst vor der zwar erlösenden, aber endgültigen Wahrheit. Fazit: Ein absolut empfehlenswerter, wenn auch beklemmender Roman, der nicht durch blutige Grausamkeiten schockieren will, sondern die LeserInnen durch seine Realitätsnähe und durch die Menschlichkeit glaubwürdiger Figuren berührt und diese selbst nach Lösung des Falles und der vermeintlichen Rekonstruktion des Geschehenen fassungslos und tief beeindruckt zurücklässt.

Barbara Tumfart | biblio
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Miriam Toews: Die fliegenden Trautmanns

/ Miriam Toews. Aus dem Engl. von Christiane Buchner. - Berlin : Berlin Verl., 2008. - 254 S.
ISBN 978-3-8270-0807-7      fest geb. : ca. € 18,50

Rasantes Roadmovie, das trotz aller Traurigkeit lustig ist. (DR)

Hattie muss mal wieder einspringen. Ihre schwer manisch-depressive Schwester Min ist in einem schlimmen Zustand und die Kinder Logan (15) und Thebes (11) haben ihre Tante zu Hilfe gerufen. Es ist nicht das erste Mal, dass Hattie die Kinder betreut, aber dieses Mal ist es doch anders. Der Schub von Min ist so schlimm, dass sie nicht nur stationär aufgenommen werden muss, sondern Hattie bittet, ihr beim Sterben zu helfen und die Kinder nicht mehr zu ihr zu bringen. Da Hattie gerade keine anderen Pläne hat (ihre Pariser Beziehung ist vor kurzem in die Brüche gegangen), nimmt sie kurzerhand die Kinder aus der Schule (in der sie ohnehin nur Probleme haben) und macht sich mit ihnen auf die Suche nach ihrem Vater Cherkis, den sie schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Reise startet in Manitoba (Kanada) und führt über Hunderte Meilen in ein Camp in der Nähe von San Diego. Auf dieser chaotischen Fahrt lernt Hattie den wortkargen Logan und die ständig quasselnde, für ihr Alter viel zu kluge Thebes kennen und lieben.
Obwohl es in diesem rasanten Roman um viel Trauriges geht, muss der Leser erstaunlich oft schmunzeln und sogar lachen. So wie Hattie und die Kinder ständig in Bewegung sind, ist auch die Handlung nie im Stillstand. Nur in kurzen Zwischenstücken wird die belastende Vergangenheit mit der psychisch kranken älteren Schwester angerissen. Ein hervorragender Roman, der sich in einem Rutsch liest.

Uschi Pirker | biblio
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Lorenz Langenegger: Hier im Regen

: Roman / Lorenz Langenegger. - Salzburg : Jung und Jung, 2009. - 166 S.
ISBN 978-3-902497-50-5      fest geb. : ca. € 20,00

Lorenz Langenegger überzeugt mit einem auf den ersten Blick unspektakulären Roman. (DR)

"Es ist Freitag, ein weiterer gewöhnlicher Tag in seinem Leben, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass er sich auf Überraschungen gefasst machen müsste." Weit gefehlt! Denn an diesem Freitag gerät das Leben des Jakob Walter, von dem hier erzählt wird, dann doch ein wenig aus den Fugen. Seine Frau fährt übers Wochenende zu ihren Eltern, seine Schildkröte ist gestorben, und jetzt beschäftigt ihn auch noch die Frage, weshalb er ausgerechnet in Bern lebt. Diese und weitere Irritationen bringen den Finanzbeamten aus dem Tritt und zwingen ihn, ein Wochenende lang über sich und sein Leben nachzudenken.
Jakob Walter gehört zu den Stillen und Unscheinbaren, sein Leben verläuft in geordneten Bahnen, und was ihm widerfährt, sind im Großen und Ganzen keine dramatischen Ereignisse. Seine existenzielle Verunsicherung ist deshalb um nichts weniger glaubhaft und eindringlich. Lorenz Langenegger versteht sich auf die Nuancen und auf die Zwischentöne, mit großem Einfühlungsvermögen lotet er die Befindlichkeit seines "Helden" aus, nimmt ihn und seine unspektakuläre Existenz ernst - und schafft eine subtile, konzentrierte Studie eines jungen Menschen von heute auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit. Ein großartiges Debüt!

Joe Rabl | biblio
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Friedrich Orter: Himmelfahrten. Höllentrips

 / Friedrich Orter. - Salzburg : Ecowin, 2008. - 188 S. : Ill.
ISBN 978-3-902404-65-7      fest geb. : ca. € 32,60

Der ORF-Reporter berichtet aus seinem Kriegs-Alltag. (GP)

Er ist der Mann mit der markanten Stimme und dem Wuschelmikrofon. "Friedrich Orter, der vermutlich beste Reporter des ORF" (Die Presse), liefert mit "Himmelfahrten. Höllentrips" einen sehr persönlichen Reisebericht über seine Einsatzgebieten in Pakistan, Irak, Iran, Libanon, Palästina und andere Kriegs- und Krisenschauplätze der Welt. Dieses Buch klärt - soweit möglich - die Frage, wie man als unabhängiger Berichterstatter mit dem täglichen Schrecken und den grauenvollen Bildern unterschiedlicher Kriege umgehen kann. Wie viel Grauen kann und darf man in die österreichischen Vorabend-Wohnzimmer bringen - wie viel Grauen, Ungerechtigkeit, menschlichen Wahnsinn kann man sich selber zumuten?
Sowohl in professioneller als auch in sehr persönlicher Hinsicht schildert Orter seinen Alltag, den er an Orten verbringt, von denen andere fliehen und seine Strategien für den Umgang mit dem schwierigen Job. Unbedingt empfehlenswert für alle Bestände!

Sabine Eidenberger | biblio
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Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

: Ausgabe für junge Leser / Bill Bryson. [Aus dem Engl. von Irene Rumler]. - München : cbj Verlag, 2008. - 169 S. : zahlr. Ill.
ISBN 978-3-570-13613-3      fest geb. : ca. € 23,60

Nach dem gleichnamigen Erfolgsbuch liegt hier die Version für junge LeserInnen vor. (ab 10) (JA)

Natürlich ist es schamlos übertrieben, dass Bryson sich mit "fast allem" beschäftigt hat, aber es sind doch viele naturwissenschaftliche Bereiche, die hier angeschnitten werden. Und Bryson macht dies wieder einmal auf so unterhaltsame und witzige Art, dass man beinahe übersieht, wie viel an Information man gleichzeitig aufnimmt. Die Sprache ist kindgerecht, ohne kindisch zu werden, mit wohldosierten und gut erklärten Fachausdrücken. Die gleichermaßen informativen wie humorvollen Illustrationen runden das positive Gesamtbild ab.
Das Buch ist nicht nur für junge LeserInnen empfehlenswert, auch Erwachsene werden ihre helle Freude daran haben und viele den unbändigen Wunsch verspüren, das eine oder andere Kapitel in der Ausgabe für Erwachsene zu vertiefen. Denn Bryson bietet nicht nur Informationen, die man von einem Sachbuch ohnehin erwarten würde, sondern stellt auch ungewöhnlichere Fragen, die er seiner eigenen Aussage nach immer in Sachbüchern vermisst hatte: Woher weiß man, wie heiß die Sonne ist? Wenn es im Erdinneren so heiß ist, warum fühlt sich der Boden nicht heiß an? Bryson berichtet auch von Eigenbrötlern und schrägen Vögeln, von Pannen und zufälligen Entdeckungen und sorgt damit für Auflockerung und oftmals auch für Erheiterung. Das Buch ist bestens dazu geeignet, Kinder für wissenschaftliche Themen zu begeistern und sollte deshalb in keiner Bibliothek fehlen.

Anita Ruckerbauer | biblio
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Ina Praetorius: Gott dazwischen

: eine unfertige Theologie / Ina Praetorius. - Ostfildern : Matthias-Grünewald-Verl., 2008. - 143 S.
ISBN 978-3-7867-2734-7      kart. : ca. € 15,40

Der Fülle der Weisheit lesend auf der Spur. (PR)

Die feministische evangelische Theologin Ina Praetorius spricht ihre LeserInnen vor allem durch ihren konkreten Zugang zu den Themen an. Mich hat ihr aktuelles Buch "erobert", weil sie gleich zu Anfang in der Einleitung "Heute von Gott sprechen" die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindren zitiert: "Nein, offen gestanden glaube ich nicht an Gott ... Vielleicht ist es eine Schande, dass ich Gott leugne, weil ich ihm ja trotzdem so oft danke und zu ihm bete, wenn ich verzweifelt bin." Die Hinweise und Anstöße, die Praetorius hier sehr großzügig verteilt, motivieren stark, mit der Autorin das Kirchenjahr zu durchwandern: "Ich liebe das Kirchenjahr, denn es ist weder Dogmatik noch Erzählung, nicht Kreis, nicht Gerade." Als Leserin wurde ich aufmerksam, interessiert und immer wieder daran erinnert, dass ich etwas von "Gott dazwischen" begreifen will.
Nina Praetorius schreibt "wahrhaftig", eingebettet in ihren Alltag mit Kochen und Haushalt, zu dem sie sich schon seit längerem "bekennt", "normal" also und in aller Verantwortlichkeit für die Fülle und die Wirtinschaft, eines ihrer Lieblingsthemen, das nicht auf Rollen fixiert ist. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das Fragen stellt und provoziert, das die Fülle immer wieder aufzeigt und öffentlich nach dem Sinn des Ganzen fragt. Mit Astrid Lindgren und Ina Praetorius befand ich mich viele Seiten lang in bester Gesellschaft.

Christina Repolust | biblio
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