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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2009 / Jänner

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Donna Jo Napoli: Die Tochter des Töpfermeisters

/ Donna Jo Napoli. Aus dem amerikan. Engl. von Gerold Anrich. - Sauerländer, 2008. 179 S. ISBN 978-3-7941-8047-9     fest geb. : ca. € 14,90

Unter jenen, die Märchen neu erzählen, nimmt die amerikanische Autorin Donna Jo Napoli eine besondere Stellung ein, indem sie ihre Märchenromane in neue, ungewöhnlichen Kontexten stellt und deutlich perspektiviert: So folgt sie dem Blick der Hexe, um Hänsel und Gretel „Im Zauberkreis“ neu zu erzählen oder versetzt die Geschichte der Schönen und des Tiers unter dem Titel „Beast“ in den Orient. In beiden Romanen spielen Dämonen und deren Kräfte eine nicht unerhebliche Rolle. In „Die Tochter des Töpfermeisters“ hingegen führt sie Märchenmotive und sozialgeschichtliche Aspekte erzählerisch zueinander, wenn sie die Geschichte von Aschenputtel ins China des 14. Jahrhunderts verlegt: Xing Xing hat ihren Vater und Mentor verloren und lebt alleine mit ihrer Stiefmutter und deren Tochter Wie Ping, der von der verarmten, aber machtbewussten Mutter die Füße gebunden wurden, um ihre Heiratschancen zu erhöhen. Wie Ping leidet als Folge davon an chronischen Krankheiten – zu deren Heilung Xing Xing um Medizin ausgeschickt wird. Bevor Ball, Prinz und Schuh ihre ganz traditionelle Rolle spielen, wird mit Xing Xings Versuchen, mehr über verschiedene Heilmethoden zu lernen, die Frage nach der Rolle von Mädchen und Frauen im streng patriarchalen Kaiserreich gestellt. Zu empfehlen ab 13 Jahren.

Heidi Lexe | STUBE 

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Martina Badstuber: Ich kenn ein Land, das du nicht kennst …

/ Martina Badstuber. Ill. von Martina Badstuber. - Berlin: Tulipan, 2008. - 40 S. : zahlr. Ill. (farb.) fest geb. : ca. € 13,30 ISBN 978-3-939944-18-8

Nach zahlreichen Covertieren, die Martina Badstuber schon gestaltet hat, ist es nicht verwunderlich, dass es in ihrem neuesten Buch abermals Tiere sind, die den roten Faden von Pfote zu Pfote weiterreichen. So erzählt Badstuber von norwegischen Schafen, die „Insel-Hopping“ betreiben, den Passbildern am offiziellen Ausweis indischer Kühe oder marokkanischen Ziegen, die für ihre Nahrung sogar auf Bäume klettern. Jede dieser zu Beginn äußerst kurios erscheinenden Schilderungen der Eigenheiten bestimmter Tiere eines Landes wird auf zwei hellgelben Doppelseiten präsentiert. Die erste enthält eine ganzseitige Szenerie mit dazugehörigem Text – als Beispiel: „Ich kenn ein Land, das du nicht kennst, da verlieben sich Käfer in Bierflaschen und dieses Land heißt …“. Auf der jeweils darauf folgenden Doppelseite wird das Rätsel aufgelöst und näher erläutert bzw. mit weiteren länderspezifischen Tier-Anekdoten ergänzt. In ihrem Illustrationsstil scheint dabei immer wieder die Ausbildung zur Dekorateurin durch: Das zentrale Bildelement der Umrisskarte des jeweiligen Landes, auf der sich symbolische Darstellungen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Städte finden, wird umspielt von vignettenartigen Illustrationen. Dadurch wird der Textfluss aufgelockert und das Geschriebene in humorvollen und farbstarken Bildern pointiert wiedergegeben; der Bildraum bietet viele Details zu entdecken an, wirkt dabei jedoch nie überfrachtet. Dieses Spiel mit dem nationalen Blickwinkel, der die geschilderten Verhaltensweisen der Tiere je nachdem kurios oder selbstverständlich erscheinen lässt, gelingt in diesem originellen Sachbilderbuch ausgezeichnet. Zu empfehlen ab 5 Jahren.

Lukas Bärwald| STUBE   
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Roberto Cotroneo: Diese Liebe


: Roman / Roberto Cotroneo. Aus dem Ital. von Karin Krieger - Frankfurt am Main : Insel Verlag, 2008. - 158 S. ISBN 978-3-458-17403-5     fest geb. : ca. € 18,30

Wen könnte man inniger und leidenschaftlicher lieben als einen Verschwundenen.

Der Autor hat sich mit seinem 2002 erschienenen Text "Wenn ein Kind an einem Sommermorgen: Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern" einen Namen erschrieben. Der vorliegende Roman ist zärtlich und leise: Er erzählt von der Liebe und ihrem Verlust. Anna lernt Edo beim Nachhilfeunterricht kennen, denn er will als ehemaliger Fußballspieler einen Buchladen eröffnen und dafür, so meint der junge Mann, brauche man doch wirklich ein altsprachliches Abitur. Edo erkrankt an einer rätselhaften Amnesie, er erkennt seine Töchter nicht mehr; als er einen Spezialisten in Rom aufsuchen will, verschwindet er.

Der Buchladen ist das Zentrum des Kommens und Gehens, des Hoffens und Verzweifelns; viele, später auch die erwachsenen Töchter, wollen Anna davon überzeugen, dass Edo niemals mehr zurückkommen wird. Wenn sie über mehrere Lebensjahrzehnte nicht nur ihre Seele für ihn bereithält, sondern auch seine Hemden zweimal im Jahr wäscht, erleben die LeserInnen eine intensive Liebe bzw., wenn man so will, eine ebenso intensive Realitätsverweigerung. Würde ich eine Farbe für diesen Text nennen müssen, wählte ich Sepia. Edo liebte die Poesie, Sie als LeserInnen werden diesen Text lieben, allein schon für den Satz: "Unsere Buchhandlung ist kein Ort, sie ist der verlorene Kontinent." Sehr zu empfehlen, es ist nie zu spät, Cotroneo kennenzulernen.

Christina Repolust | biblio
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Matthew Eck: Das entfernte Ufer

: Roman / Matthew Eck. Aus dem Amerikan. von Bettina Abarbanell - Stuttgart : Klett-Cotta, 2008. - 188 S. ISBN 978-3-608-50101-8     fest geb. : ca. € 19,50

Was für ein Buch! Ein Buch über den Krieg, jenseits von geschönten, verlogenen Bildern.

Es gibt Bücher, die fahren dem Leser mit der Wucht einer Faust in die Magengrube. "Das entfernte Ufer" ist so ein Buch. Wer etwas über den Krieg wissen will und was er mit den Menschen macht, sollte es lesen. Sechs amerikanische Soldaten irgendwo in einem Krisengebiet in Afrika. Sie sind jung, glauben, das Leben vor sich zu haben, doch jetzt sitzen sie in der Falle. Ein Sondereinsatz in einer umkämpften Stadt geht schief, der Plan, die Soldaten auszufliegen, ebenso, ab sofort sind sie auf sich gestellt. Vor ihnen liegt ein chaotischer, blutgetränkter Weg, ein Höllentrip durch unwirtliches, verwüstetes Land.

Matthew Eck erzählt seine Geschichte klar und schnörkellos. Das apokalyptische Roadmovie entwickelt einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann, auch wenn manches hart an der Schmerzgrenze liegt. Solche erzählerische Kraft kennt man von Cormac McCarthy und wie dieser zeigt uns Eck das menschliche Antlitz nackt und ungeschminkt: kein schöner Befund. Bücher wie dieses sind auch nicht zur Unterhaltung gedacht. Bücher wie dieses zeigen, dass Literatur weit mehr als das zu leisten imstande ist. Beeindruckend!

Joe Rabl | biblio
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Paul Weismantel: Den Alltag lieben lernen

: vom guten Umgang mit der Welt / Paul Weismantel - Würzburg : Echter, 2008. - 111 S.  ISBN 978-3-429-03031-5      fest geb. : ca. € 10,20

Anregungen zur Alltagsspiritualität.

Nachdem sich der bekannte geistliche Schriftsteller und Spiritual bereits zum Sonntag und zur Sonntagsgestaltung zu Wort gemeldet hat, wendet er sich hier der Spiritualität des Alltags zu. In sieben mal sieben Impulsen regt er zu einem positiven und phantasievollen Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und den Dingen des täglichen Lebens an und hilft, diese einmal von einer anderen Seite zu betrachten. Dabei ergeben sich überraschende Zugänge, neue Handlungsspielräume und eine tiefere Beziehung zu bereits Eingespieltem und Gewohntem.

Die unverbrauchten, aus dem Leben gegriffenen Texte lassen Alltägliches neu sehen und schätzen; zudem spricht aus ihnen eine große menschliche und geistliche Erfahrung sowie die Überzeugung, dass Gott uns mitten im Alltag näher ist, als es uns unsere Wahrnehmung oft vermittelt. Dem Autor sei herzlich gedankt, sein Buch sei in jeder öffentlichen Bücherei, noch besser aber in jeder Wohnung immer griffbereit.

Hanns Sauter | biblio
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Kay Peter Jankrift: Artus ohne Tafelrunde

Artus ohne Tafelrunde : Herrscher des Mittelalters ; Legenden und Wahrheit / Kay Peter Jankrift - Stuttgart : Theiss, 2008. - 176 S. : Ill. (farb.)  ISBN 978-3-8062-2028-5   fest geb. : ca. € 20,50

Auf den Spuren legendärer Herrscherfiguren. (GE)

Wer kennt sie nicht alle, die schillernden Herrscherpersönlichkeiten des Mittelalters: Artus, Karl der Große, Richard Löwenherz, Siegfried oder Robin Hood? Allen gemeinsam ist, dass sie zu "Legenden" wurden und ihren Niederschlag in Sagen, Märchen, Opern, Romanen und Filmen fanden, die oft weit vom tatsächlichen Leben entfernt sind. Die "Spurensuche", auf die der Autor entführt, ist lohnend. Schon das Einführungskapitel beinhaltet viel Information über den "Nachklang" bis hin zum missbräuchlichen Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit dem Entscheidungskampf der Burgunderkönige am Hofe des Hunnenkönigs Attila durch Hermann Göhring! (Stichwort: "Nibelungentreue") Man erfährt viel über die verschiedenen Persönlichkeiten, staunt, wie schon immer die öffentliche Meinung und das Image der Betroffenen manipuliert wurde, und findet wohl auch manche Parallele zu unserer Zeit.

Den einzelnen Beschreibungen in leicht lesbarer Sprache und ohne hochwissenschaftliche Ausdrucksweise folgt man gerne. Alle Beiträge sind in einen historischen Kontext eingebettet, ohne den man nicht auskommt. Dass dabei zulasten des Umfangs und der "Verständlichkeit" wegen Abstriche gemacht werden mussten, liegt auf der Hand, tut der Qualität des Buches aber keinen Abbruch. Eine Auswahlbibliografie sowie ein Orts- und Personenregister erleichtern den Einstieg für vertiefende Lektüre. Ein Werk, das man immer wieder gerne in die Hand nehmen und das in vielen Bibliotheken auf großes Interesse stoßen wird.

Heinrich Klingenberg | biblio
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Peter Walsh: Alles zuviel!

: wie man sein Leben wieder in den Griff kriegt / Peter Walsh. Übers. aus dem Amerikan. von Ulrich Hoffmann - Bergisch Gladbach : Ehrenwirth, 2008. - 268 S.   ISBN 978-3-431-03745-6    kart. : ca. € 15,40

Der Flut von Krimsrams entkommen, endlich wieder Platz schaffen! (VL)

Wir leben in einer Überflussgesellschaft: Wir besitzen zuviel und lassen uns allzu leicht von Sonderangeboten verführen. Und: Wir erben und bekommen viel geschenkt. Es gibt viele Gründe, Sachen zu behalten: "Das könnte man ja noch brauchen" steht hier an erster Stelle, dicht gefolgt von "das will ich noch haben" (tatsächlich?) sowie "das kann man doch nicht weggeben" (warum nicht?). So stapelt sich alles nicht nur in noch mehr Schränken und noch mehr Kästen, sondern auch darauf, darunter und daneben. Wohl ist uns nicht dabei.

Der Aufräumspezialist zeigt anhand einer methodischen Vorgehensweise, wie man seinen Besitz sinnvoll dezimiert und sich von Sachen trennt, die einem im Grunde nur im Weg stehen. Dabei "bohrt" er auch Beweggründe auf, aus denen man Sachen behält - und wer sich einmal bewusst ist, warum er hortet und sammelt, der tut sich auch leichter, sich von Großmutters Nippes-Sammlung und eigenen gestrickten Uralt-Pullovern zu befreien und diese einem guten Zweck zukommen zu lassen. Dabei lässt der Autor es auch an Regeln zur Nachhaltigkeit nicht fehlen. Bei mir hat´s schon gewirkt. Sehr empfehlenswert!

Rebecca Englert | biblio
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Roland Girtler: "Herrschaften wünschen zahlen"

"Herrschaften wünschen zahlen" : die bunte Welt der Kellnerinnen und Kellner / Roland Girtler - Wien : Böhlau, 2008. - 401 S. : Ill. ISBN 978-3-205-77764-9   fest geb. : ca. € 24,90

Umfassende Beschreibung der Lebenswelt der Stützen des Gastgewerbes.

Fixe Stationen auf den "Streifzügen" des "vagabundierenden Kulturwissenschafters" Roland Girtler sind Wirts- und Kaffeehäuser, z.B. das Café Landtmann in Wien. Für das vorliegende Buch hat Girtler Angenehmes und Nützliches verbunden und die Besuche in seinen Stammlokalen sowie in anderen Gaststätten in Österreich und Süddeutschland in den Dienst der Forschung gestellt. Das Resultat der teilnehmenden Beobachtungen und der zahlreichen Gespräche, die er mit Kellnerinnen und Kellnern führte, bietet Leserinnen und Lesern interessante Einblicke in und neue Blickwinkel auf diesen Berufsstand, aber auch auf die eigene Rolle als Gast.

Girtler beschreibt unterschiedliche Typen von Kellnerinnen und Kellnern (von den "klassischen" bis zu den "Gelegenheitsarbeitern"), geht auf ungewöhnliche Arbeitsstätten, mögliche Problemfelder wie die Beziehung zum Wirt oder die Distanz zum Alkohol, Benehmen und Kleidung ein und widmet sich den Hierarchien innerhalb dieses Berufes. Ein eigenes Kapitel ist dem "Kellner als Abenteurer" gewidmet. So finden sich auch Erläuterungen der Erfahrungen eines Kellners auf der Titanic oder im Dienste des Diktators von Venezuela. Viele Schilderungen gehen ins Anekdotenhafte und verraten mindestens soviel über den Forschungsgegenstand wie über den Autor, gerade das trägt aber dazu bei, dass die Lektüre dieses Buches trotz des doch recht beträchtlichen Umfangs nie langweilig wird.

Ruth Mayr | biblio
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