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Buchtipps / 2007 / Juni

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Josef Guggenmos / Sophie Schmid: Und was denkt die Maus am Donnerstag?

/ Josef Guggenmos. Mit Bildern von Sophie Schmid. - Zürich : Bajazzo-Verl., 2007. - [15] Bl. : durchg. Ill. (farb.) ; 16 cm x 17 cm - ISBN 978-3-907588-79-6 fest geb. : ca. € 10,20

In letzter Zeit wurde Kinderlyrik oft in üppig gestalteten, durchaus gewichtigen Anthologien präsentiert, erinnert sei hier beispielsweise an das von unterschiedlichen IllustratorInnen gestaltete „Hör zu, es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein“ oder „Ich liebe dich wie Apfelmus“. In diesem schmalen Bändchen im quadratischen Kleinformat wird nun ein ganz anderer Zugang gewählt: Zwischen Vorsatzpapier und Schmutztitel ist Guggenmos' bekanntes Gedicht von der Maus und ihren Gedanken am Donnerstag, aber auch an allen anderen Tagen als durchgängiger Text abgedruckt. Daran anschließend findet sich auf jeder Doppelseite in chronologischer Reihenfolge jeweils ein Satz oder auch nur ein Satzteil des Gedichts, der von Sophie Schmid mit unglaublich viel Witz und Verspieltheit ins Bild gesetzt wird. So findet etwa der Traum der Maus von einem „Wurstebrot mit ganz viel Wurst und wenig Brot“ eine höchst unkonventionelle und geradezu schamlos lukullische Umsetzung... Empfehlenswert für große und kleine LyrikliebhaberInnen ab 4 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Barry Jonsberg: Die Sache mit Kiffo und mir

/ Barry Jonsberg. Dt. von Janka Panskus. – Hamburg : Oetinger, 2007. - 287 S. ISBN 978-3-7891-3918-5 ca. € 13,30

Zu diesem fulminanten Romandebüt konstatierte eine Rezensentin trocken, das Genre der „school fiction“ hätte sich seit den Tagen von Enid Blyton doch deutlich verändert. Dem Autor, selbst als Lehrer tätig, gelingt es, eine Fülle an schulspezifischen Textsorten in seinen Text mit einzubeziehen und gleichzeitig zu persiflieren. So beginnt das Buch etwa mit folgender Aufgabe: „Beschreiben Sie einen Ort, eine Person oder einen Gegenstand so, dass deutlich wird, dass Sie den Gebrauch von Vergleichen verstanden haben“. Die Ich-Erzählerin Calma wählt eine Person für ihren Aufsatz, nämlich Jaryd Kiffing, genannt Kiffo, ein schwieriger und aufsässiger Bursche, mit dem sie seit ihrer Kindheit eine besondere Freundschaft verbindet. Als sie mit einer neuen Lehrerin, genannt Pitbull, konfrontiert sind, vermuten die beiden üble Machenschaften und verstricken sich in rasantem Tempo in eine großteils durch ihre eigene Phantasie konstruierte Geschichte, die nach einigen komischen Verwicklungen ein tragisches Ende nimmt. Einer der ungewöhnlichsten jugendliterarischen Texte dieses Frühjahrs – sehr zu empfehlen für Jugendliche ab 14 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Ivana Jeissing: Unsichtbar

: Roman / Ivana Jeissing. - Zürich : Diogenes, 2007. - 222 S. - ISBN 978-3-257-06565-7 fest geb. : ca. € 19,50

Ein köstliches Plädoyer für ein selbstbestimmtes, selbstbewusstes Frauendasein. (DR)

Jane hat viele Jahre als unscheinbares Mauerblümchen hinter sich, als sie beschließt, dass ihr selbstloses, angepasstes „Chamäleondasein“ als mausgraue Anwaltsgattin ein Ende haben muss und eine „Energiespar-Ehe“ nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Doch wie ausbrechen aus ihrer Unsichtbarkeit, wo doch schon die Mutter erfolgreich in den Schatten flüchtete, um den Vater ja nicht beruflich zu überflügeln, und bereits die Großmutter eine gekonnte „Totstellperfektionistin“ war. Die Gleichgültigkeit ihrer Eltern, beide sind HNO-Ärzte und können sich nur für die Nasen anderer Leute begeistern, ließ Jane bereits als Jugendliche in die Unsichtbarkeit abgleiten. Zu allem Überfluss muss die perfekte Schattentaucherin auch noch mitansehen, wie sie ihr scheinbar vielbeschäftigter Ehemann mit einer anderen betrügt. Höchste Zeit also, endlich aufzubrechen zu einem selbstbestimmten Dasein, zu den eigenen Träumen und Wünschen. Nicht gewohnt, eine eigene Meinung zu haben und Entscheidungen zu treffen, macht sich Jane nur zaghaft mit der Hilfe des alten Kinobesitzers Fred auf den Weg zu sich selbst und entrümpelt ihr Leben und ihren Ehemann gleich mit dazu. Kompliment, wie leichtfüßig die in Österreich geborene Autorin Ivana Jeissing von dieser turbulenten weiblichen Selbstfindung berichtet und dabei völlig stilsicher ihre pointenreiche, komödiantische Tonart bis zur letzten Seite durchhält. Wunderbar ehrlich und immer mit einer Portion Situationskomik bringt Jeissing so manche zwischenmenschliche Turbulenz, gewürzt mit einer Prise köstlicher Selbstironie, auf den Punkt. Ein vielversprechendes, tragikomisches Debüt, das mit seiner treffsicheren Prosa in den Bann zieht. Allen Beständen uneingeschränkt empfohlen.

Cornelia Gstöttinger / biblio

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Jürgen Benvenuti: Big Deal

: Thriller / Jürgen Benvenuti. - Innsbruck : Haymon, 2007. - 346 S. - ISBN 978-3-85218-526-2 fest geb. : ca. € 19,90

Eine junge Wiener Drogenfahnderin vereitelt die Pläne eines kolumbianischen Drogenbosses in Prag. (DR)

Der kolumbianische Drogenboss Sanas wurde von seinem Chemiker Fidel an die Polizei verraten. Anschließend ist Fidel mit neuem Gesicht in Europa, genauer gesagt in Prag untergetaucht. Als Salinas davon erfährt, beauftragt er drei Männer, um Fidel ausfindig zu machen und zu beseitigen. Die junge, ungestüme Drogenfahnderin Natascha Heller wird durch Zufall auf den Plan aufmerksam, und da sie aufgrund eines Zwischenfalls am Flughafen beurlaubt ist, nimmt sie auf eigene Faust die Spur der Verdächtigen auf und verfolgt sie bis nach Prag. Nicht ganz freiwillig hat sie dabei Unterstützung von dem erfolglosen Schriftsteller David Schrott, den sie Tage zuvor mit ihrem Auto angefahren hat. Da er eine gute Story für ein Buch wittert, verlangt er von Natascha als Wiedergutmachung, mitgenommen und in die Ermittlungen einbezogen zu werden. In Prag kommt es zu einem Katz- und Mausspiel zwischen den einzelnen Parteien, und als schließlich auch noch ein kolumbianischer Killer auftaucht, eskaliert die Situation. Ein rasanter und spannender Thriller mit interessanten und sehr gut gezeichneten Protagonisten. Die mit hintergründigem Witz und viel Situationskomik gewürzte Erzählweise des österreichischen Autors macht diesen Thriller zu einem wahren Lesevergnügen für alle Liebhaber des Genres. Daher breit einsetzbar und sehr zu empfehlen.

Roland Kohlbacher / biblio

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Ingo Schulze: Handy

: dreizehn Geschichten in alter Manier / Ingo Schulze. - Berlin : Berlin-Verl., 2007. - 280 S. - ISBN 978-3-8270-0720-9 fest geb. : ca. € 20,50

Storys aus dem Alltag eines Geschichtensammlers. (DR)

Wer sich aufgrund des Titels flotte, zeitgeistig-kritische und in technoider Sprache geschriebene Texte erwartet, der hat den Untertitel nicht gelesen: Es sind durchaus herkömmlich erzählte, in einem Alltagsparlando vorgetragene, aber raffiniert angelegte Geschichten, die Schulze meist in Ich-Form vorlegt. Manchmal ist der Protagonist auch noch Schriftsteller, was dazu verführt, sie biografisch zu lesen. Außerdem zitiert Schulze seine früheren Bücher, somit wird das Ganze auch ein spielerischer Versuch, dem Leben hinterher zu schreiben. Die Literatur habe ja - so eine Aussage - die Tendenz dazu. Die Geschichten spielen an verschiedenen Orten der Welt, zwischen Wien, Estland, Berlin und New York etwa. Ein reichhaltiges Personeninventar wird aufgeboten, seltsame Ereignisse - wie etwa ein Rad fahrender Bär, der geschossen werden sollte - wechseln mit privaten Momenten von Liebe, Trauer und Beziehungsproblemen. Immer wieder geht es um Momente des Glücks, um die Feier des Augenblicks, die sich in ganz banalen Alltagsszenen ereignen kann. Aber auch das Scheitern, Pannen und unerlöste Sehnsüchte, die aber auch umgeleitet werden können in realistischere Formen, sind Thema der Geschichten, in denen Schulze sehr empathisch mit seinen Figuren umgeht. - Ein wunderbarer Erzählband, zur Nachttisch- oder Ferienlektüre geeignet und empfohlen.

Fritz Popp / biblio

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Karl-Markus Gauß: Zu früh, zu spät

: zwei Jahre / Karl-Markus Gauß. - Wien : Zsolnay, 2007. - 408 S. - ISBN 978-3-552-05397-7 fest geb. : ca. € 25,60

Chronologisch strukturierte Essays mit einem Blick für kulturelle Geistesströme. (GS)

Vor allem im Gebiet des Karsts gibt es sie, diese Flüsse, die an einer Stelle kurz an die Oberfläche treten, um dann wieder im Erdboden zu verschwinden und von oben unerkennbar ihren Verlauf fortzusetzen. Woher kommen diese Erscheinungen, wo führen sie hin? Die Bilder, Begriffe und Gedanken an der Oberfläche unserer Alltags- und Medienkultur sind es, die Karl-Markus Gauß in seinen Texten häufig aufgreift, um ihrem tieferliegenden Wesen und ihren Herkünften nachzuspüren. Die Ansprache eines amerikanischen Präsidenten oder die Geste eines Wohnungsnachbarn, ein Erinnerungsbild aus der Kindheit oder eine Gesprächssituation in einer Talkshow, eine städtebauliche Veränderung in unmittelbarer Umgebung oder ein weit zurückreichendes Leseerlebnis - Gauß greift diese Erscheinungen und Impulse auf und schreibend, räsonierend, philosophierend folgt er ihnen essayistisch. Was an der Oberfläche thematisch heterogen und in seiner Form fragmentarisch erscheint, gibt im Hinuntersteigen den Blick frei auf ein Netz kultureller Geistesströme und zahlreicher geistiger und menschlicher Untiefen. Bisweilen empört und zornig, mitunter sogar zynisch, zumeist aber ironisch (auch gegen sich selbst) beginnt Gauß an einzelnen Fäden zu ziehen, um am anderen Ende jeweils ein wenig an der abendländischen Gesellschaft und ihrem Kulturbegriff zu zupfen. Die positiven Gegenwelten, die Gauß geradezu heraufbeschwört und mit all seiner Sympathie begleitet und hochhält, findet er in Menschen, die ihr Leben unscheinbar oder revoltierend jenseits des Zeitgeistes eingerichtet haben und sich hierbei das Humane bewahrt haben, selbst wenn sie dabei „grandios scheitern“. Wie bereits in den Vorgängerbänden „Mit mir, ohne mich“ und „Von nah, von fern“ liegt dem Buch eine chronologische Struktur zugrunde - der Zeitraum von Jänner 2003 bis Dezember 2004 öffnet sich hier in diesen unvermittelt aneinandergereihten Texten, die in ihrer rhetorischen Dichte einen enormen Sog ausüben können. Gauß hat eine Form gefunden, die ihm Weltdeutung jenseits von Modellen und Systemen erlaubt und ihm, dem Vorsichtigen und Dezenten, auch ermöglicht, Autobiografisches motivisch zu verknüpfen. Hier praktiziert einer die hohe Kunst des essayistischen Fragments und unternimmt damit seine Anläufe, das Ganze wieder in den Blick zu bekommen.

Reinhard Ehgartner / biblio

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Josef Haslinger: Phi Phi Island

: ein Bericht / Josef Haslinger. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2007. - 203 S. - ISBN 978-3-10-030059-1 fest geb. : ca. € 18,40

Der Augenzeugenbericht eines Tsunamiüberlebenden als Versuch, mit einem Trauma umzugehen. (NG)

Eigentlich wollte die Familie Haslinger den vermeintlich letzten Urlaub, an dem auch noch die kurz vor der Matura stehenden Kinder teilnehmen, in der Karibik verbringen. Doch begeisterte Freunde haben sie auf die Idee gebracht, nach Thailand, auf die Phi Phi Islands zu fliegen. Josef Haslinger hat bewusst keinen Roman geschrieben, auch wenn er immer wieder danach gefragt wurde. Der Stoff wäre da, fragt sich, ob das nicht doch pietätlos wäre? Er hat sich für einen Bericht entschieden und folgt im Grunde der Chronologie der Ereignisse, bittet seine Kinder Sophie und Elias - interessanterweise nicht auch seine Frau Edith - um ihre Erinnerungen, die in seinen Bericht eingebunden sind. Er holt aus seinem Gedächtnis alles, was sich bis zur Rückkehr nach Wien ereignet hat, erwähnt auch Details, denn plötzlich ist alles wichtig, selbst das Blumenmuster einer Bluse. Ungefiltert erscheinen diese Erinnerungen, es geht nicht um abstrakte Zahlen oder Todesopfer, es geht um einen, der überlebt hat und der im Schreiben irgendwie wieder und noch einmal erlebt, was schon einmal überlebt wurde. Eine Art Therapie. Er stellt sich der Naturkatastrophe, die zur eigenen Katastrophe geworden ist. Und darin ist dieser Bericht unzweifelhaft authentisch und persönlich, bis hin zur intimsten Angst, der Todesangst. Als würde eine Kamera mitlaufen, so detailliert ist der Überlebenskampf unter Wasser dargestellt, die Luft geht auch bei den Lesenden aus und Panik macht sich breit. Später auch Lethargie, als klar wird, es gibt nichts zu tun, als zu warten. Ein Trauma wird man nicht los, ohne es mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten. Der Tsunami war ein Trauma für alle, die ihn überlebt haben. Die Angst vor weiteren Wellen, der Drang zu überleben, die Hoffnung auf Hilfe. Die österreichischen Behörden kommen schlecht weg, noch schlechter die AUA, die lieber mit fast leeren Maschinen zurückkehrte, als österreichische BürgerInnen, die bei anderen Fluglinien gebucht hatten, in die Heimat mitzunehmen. Plötzlich haben sich Sichtweisen verändert, wird der Blick für das Leid anderer offener, mitfühlender, wie nicht zuletzt die abermalige Reise an den Unglücksort und das Ende dieses Berichts deutlich machen. Schreibend wird Josef Haslinger ein Verstehender, lesend werden wir zu Ahnenden, dass hinter den Bildern der Medien noch mehr steckt, nämlich persönliche Schicksale.

Martina Lainer / biblio

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Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth

: erster Teil : von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung / Joseph Ratzinger ; Benedikt XVI.. - Freiburg i. Br. : Herder, 2007. - 447 S. - ISBN 978-3-451-29861-5 fest geb. : ca. € 24,70

Auf den Spuren des Jesus von Nazareth. (PR)

Im Vorwort zu diesem Jesusbuch legt Papst Benedikt XVI. den Entstehungszusammenhang und seinen theologischen Ansatz offen: Es ist ein Buch, zu dem er seit der Lektüre der berühmten Jesusbücher (Karl Adam, Romano Guardini) in seiner Jugendzeit in den 1930er- und 1940er-Jahren unterwegs gewesen ist; wesentliche Teile sind bereits 2004 fertiggestellt worden, nach seiner Wahl auf den Bischofssitz von Rom wurde nun der erste Band dieses Jesusbuches, das auf zwei Bände ausgelegt ist, publiziert. Das Buch ist eine vielschichtige und bisweilen auch spannende Heranführung an den historischen Jesus von Nazareth, der für Benedikt XVI. nicht zu trennen ist vom Christus des Glaubens. In der Hinführung an diesen Jesus nimmt uns der Autor mit hinein in ein überaus lebendiges Gespräch mit der Geschichte der Offenbarung - die Texte des Alten Testaments und die Geschichte Israels sind ebenso an diesem Gespräch beteiligt, wie die Evangelien oder die Kirchenväter, Theologen des Mittelalters kommen ebenso zu Wort wie solche der Gegenwart. Besonderes Augenmerk schenkt der Papst den theologischen Entwicklungslinien des 20. Jahrhunderts. Die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese und andere exegetische Ansätze werden rezipiert und gewürdigt, gleichzeitig aber auch deren Begrenzungen erläutert. Als begeistert Suchender führt uns der Autor hier zu einer Begegnung, wobei es ihm gelingt, neue Deutungs- und Verständnisebenen zu öffnen und so das Interesse an diesem Jesus von Nazareth und an den Texten der Bibel neu zu beleben. In klarer Argumentation werden eigene Standpunkte entwickelt und untermauert, aber selbst in der Ablehnung anderer theologischer Konzepte und Theorien zeigt Benedikt XVI. spürbare Achtung gegenüber den jeweils dahinterstehenden Personen. Daneben besticht das Buch in seiner rhetorischen Eleganz und seiner Klarheit, mit der es seinen Gegenstand in den Blick nimmt. - Allen Bibliotheken nachdrücklich empfohlen.

Reinhard Ehgartner / biblio

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