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Buchtipps / 2007 / Mai

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Kashmira Sheth: Schwarzer Vogel, süße Mango

: Roman / Kashmira Sheth. Aus dem Amerikan. von Birgitt Kollmann. - Weinheim : Beltz und Gelberg, 2007. - 227 S. ISBN 978-3-407-80994-0 kart. : ca. € 13,30

Als jüngste von drei Töchtern einer indischen Familie hat es die Ich-Erzählerin Jeeta nicht leicht – immer wieder muss sie sich von ihrer Mutter anhören, wie schwierig es sein wird, für sie einen passenden Ehemann zu finden: Umso mehr, als sie sich traut, ihre Meinung zu sagen, und ihre Haut „so dunkel wie der schwarze Koyal-Vogel“ ist. Durch ihre Freundschaft zu Sarina, deren Eltern ein ganz anderes Weltbild vertreten, wird Jeeta immer mehr klar, dass sie einen anderen Weg gehen will als vorgesehen – doch der Spagat zwischen Moderne und Tradition, zwischen Auflehnung und familiären Loyalitäten ist oft nicht einfach. Angesiedelt im Bombay der Jetzt-Zeit wird respektvoll und einfühlsam sowohl der Alltag einer indischen Familie als auch die Innenwelt eines jungen Mädchens geschildert. Die Autorin Kashmira Sheth berichtet, dass ihr in ihrer Kindheit viele Geschichten aus den alten indischen Epen erzählt wurden – diese Lust am Erzählen, sowohl von kleinen Details als auch von großen Gefühlen, ist in ihrem Text spürbar. Empfehlenswert ab 14 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Papan / Gerhard Glück: Schaf, Kindchen, Schaf!

/ Papan. Gerhard Glück. - Oldenburg: Lappan, 2007. - 32 S. : zahlr. Ill. - ISBN 978-3-8303-1118-8 fest geb. : ca. € 13,30

Waren es im letzten Buchtipp-Monat sieben Riesen, die die Einschlafbegleitung übernommen haben (siehe Heinz Janisch/Helga Bansch: Wenn ich nachts nicht schlafen kann), so kehren in diesem Monat die Schafe zurück. Tine darf in diesem Zusammenhang als begünstigt gelten, denn wer kann schon von sich behaupten, im abendlichen Einschlafritual einer Live-Zählung von Schäfchen beizuwohnen? Eine solche Live-Performance macht übrigens auch die Schafe ganz schlaftrunken. Das wiederum führt zu großer Erleichterung bei Tines Eltern, denn der Partycharakter des Gästedaseins der Schafe hatte doch merkbare eheliche Uneinigkeit zur Folge. Die Schafe – die beiden Künstler lassen sie genussvoll Comics lesen, auf Esszimmerstühlen balancieren und in der Badewanne Schaumbläschen produzieren – wussten darauf immer nur mit „Mäh! Muh! Miau! Wuff! Knörz!“ zu antworten. Doch die Schafe sind nun mal Papas Lieblinge. In den ganzseitigen, den Textpassagen jeweils beschnitten gegenübergestellten Illustrationen zeigt sich von Beginn an, dass dieser schrullige Mann ganz und gar von Schafen beseelt ist: Schaffelljacke, Schafporträts an den Wänden, Schafpullover, Kuscheltier und einschlägige Gute-Nacht-Lektüre. So verfolgt die Geschichte, die sich auf Grund ihrer vielen kleinen Skurrilitäten wunderbar zum Vorlesen eignet, also den väterlichen Erwerb einer kleinen Schafherde – und schon ist das Familienleben nicht mehr, was es vorher war … Zu empfehlen ab 6 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Liza Marklund: Nobels Testament

/ Liza Marklund. Aus dem Schwed. von Anne Bubenzer. - Hamburg : Hoffmann und Campe, 2007. - 447 S. ISBN 978-3-455-40045-8 fest geb. : ca. € 22,70

Weiblich dominierter Kriminalroman, der aber gewiss auch Männern gefallen wird. (DR)

Fast alle Figuren in diesem spannenden Krimi sind weiblich. Die renommierte Journalistin Annika Bengtzon wird auf der Nobelpreis-Gala zufällig unmittelbare Zeugin eines Mordes. Das Opfer ist die Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Caroline von Behring, erschossen von einer Profikillerin, die "The Kitten" genannt wird. Annika, die den letzten vielsagenden Blick der sterbenden Professorin aufgefangen hat und nicht mehr aus dem Sinn bringt, fängt nun an, sich für die genaueren Umstände zu interessieren, unter denen der Medizin-Nobelpreisträger ermittelt wurde. Da sie von der Polizei als sehr wertvolle Zeugin Redeverbot erhalten hat, wird sie auch aus der Redaktionsstube des Abendblatts verbannt. So fühlt sie sich sehr allein, zumal ihr auch der typische Stress tüchtiger Frauen zusetzt, die sowohl als Mutter als auch im Beruf alles richtig machen wollen. Von ihrem Mann, der mit seinem Karrieresprung beschäftigt ist, ist momentan keine Empathie zu erwarten. Der Nachbar im neu bezogenen Haus der Familie am Stadtrand ist extrem boshaft. Die Dimension des Kriminalfalles nimmt internationale, unfassbare Ausmaße an. Zwar werden der Mord und die ihn umgebenden Machenschaften aufgeklärt, aber von "Ende gut - alles gut" kann nicht die Rede sein. - Ein psychologisch vielschichtiger, außerordentlich spannender Krimi - nicht nur für Frauen!

Maria Schmuckermair / biblio

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Ludwig Laher: Und nehmen was kommt

: Roman / Ludwig Laher. - Innsbruck : Haymon, 2007. - 206 S. ISBN 978-3-85218-530-9 fest geb. : ca. € 17,90

Beklemmende Auseinandersetzung mit dem Schicksal eines Roma-Mädchens. (DR)

Ihre Kindheit erlebt Monika in einem ostslowakischen Roma-Lager und in einem Kinderheim. Bereits als Zehnjährige sieht sich Monika einer derart trostlosen Zukunft ausgeliefert, dass sie sich in Autoaggression und Selbstmordgedanken flüchtet. Die Übersiedlung zu Bekannten bedeutet keinen Start in eine bessere Zukunft, sondern das Gegenteil: Monika wird zur Prostitution genötigt und jahrelang nach Strich und Faden ausgenutzt, belogen und gedemütigt. Jeder noch so winzige Lichtblick endet in einer weiteren Enttäuschung. Als sich der jungen Frau irgendwann eine andere Perspektive bietet, ist es mehr als fraglich, ob ein Neubeginn für eine derart geschundene Persönlichkeit überhaupt möglich ist… Auch wenn es die Protagonistin in dieser Form nicht geben sollte: Das Buch ist weniger ein Roman als ein Mosaik vieler Frauenleben, die sich in "Monika" zu einem beklemmenden Porträt verdichten. Hier werden in einer nüchternen und schonungslosen Sprache Zustände beschrieben, die den Ausdruck "Leben" nicht verdienen. Für Menschen auf der gesellschaftlichen Schokoladenseite ein brutaler Einblick in eine fremde, wenn auch ganz und gar nicht ferne Welt: Mitten in Europa, zum Beispiel an der tschechisch-österreichischen Grenze, spielen sich täglich ähnliche Szenen ab - vielleicht noch schlimmere. Was in Lahers Buch besonders deutlich wird: Monika ist von Geburt an durch ihre Abstammung stigmatisiert. Ihr Weg scheint vorprogrammiert, denn als Roma hat sie keine Chance, ja nicht einmal eine Wahl - niemand hat ihr je gesagt, dass sie wählen könnte (geschweige denn was …). - Ein unbequemes Buch, aber ein wichtiges.

Sabine Krutter / biblio

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Kevin Vennemann: Mara Kogoj

: Roman / Kevin Vennemann. - Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2007. - 217 S. - ISBN 978-3-518-41875-8 fest geb. : ca. € 17,30

Geschichte: Mythen und Wahrheit, und wie man damit umgehen sollte. (DR)

Der deutsche, in Wien und Berlin lebende Autor Kevin Vennemann legt hier seinen zweiten Roman vor. Nach "Nahe Jedenew" hat er erneut einen historisch-politisch aufgeladenen Stoff gewählt: Es geht um Kärnten, genauer um das schwierige Verhältnis zwischen "Deutschkärntnern" und Kärntner Slowenen. Zum Inhalt: Im Rahmen eines Projekts zur Einstellung von Kärntnern zu Heimat und Geschichte führen zwei Kärntner Slowenen, Tone Lebonja und Mara Kogoj, Interviews durch. Sie geraten dabei an einen Journalisten namens Ludwig Pflügler, der politisch weit rechts steht und sogar gerade wegen Wiederbetätigung angeklagt ist. Pflügler versucht den Interviewern seine von seiner persönlichen Herkunft, aber noch viel stärker von deutschnationalen Mythen geprägte Sicht der Dinge nahezubringen, zuweilen geradezu aufzudrängen. Es stellt sich allmählich heraus, dass sowohl Lebonja als auch Kogoj persönliche Verbindungen zu Pflüglers Geschichte haben. Während Lebonja meist nur still zuhört und so seine innere Distanz wahren will, reagiert Kogoj immer emotionaler auf Pflüglers Tiraden und Geschichtsklitterungen, seine Täter-Opfer-Umkehrungen. Sie wird ihm seine Tatsachenverdrehungen wohl nachweisen können; das liegt aber bereits nach dem Ende des Buches. Auch formal ist dieses Buch höchst bemerkenswert. Die Sprache fordert den LeserInnen einiges ab: An Perspektivenwechsel mitten im Satz oder abgebrochene und später weiterführende Sätze muss man sich erst gewöhnen. Aber mit der Zeit entwickelt Vennemanns Stil eine Art Sogwirkung, der ich mich nur schwer entziehen konnte. Der Autor steht hier, und dieser Vergleich ist meines Erachtens nicht zu hoch gegriffen, deutlich in der Tradition Uwe Johnsons. Für mich ist dieses Buch eine der Entdeckungen des Frühjahrs, ich empfehle die Lektüre nachdrücklich, auch wenn sie den Leser fordert.

Franz Holztrattner / biblio

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Érik Orsenna: Weiße Plantagen

: eine Reise durch unsere globalisierte Welt / Érik Orsenna. Aus dem Franz. von Antoinette Gittinger und Uta Goridis. - München : C. H. Beck, 2007. - 287 S. : Kt. - ISBN 978-3-406-55917-4 fest geb. : ca. € 19,50

Auf den Spuren der Baumwolle. (GW)

In den Forschungslabors von Brasilia werden Baumwollpflanzen gezüchtet, die resistent gegen Schädlinge sind und denen Herbizide nichts anhaben können. Mittlerweile arbeitet man sogar daran, der brasilianischen Vogelspinne ein Gen zu entnehmen und es in Baumwollpflanzen zu übertragen. Die Beschreibung der Visite in einem Forschungslabor zählt zu den spannendsten Passagen in Érik Orsennas faszinierender Reportage "Weiße Plantagen". Um den Geheimnissen der weißen Faser auf die Spur zu kommen, hat Orsenna sieben Länder in fünf Kontinenten bereist. Er war in Mali, wo die Menschen auf winzigen Feldern die Baumwolle mit der Hand ernten. Er war in den Vereinigten Staaten, wo der freie Wettbewerb beschworen und zugleich den Baumwollfarmen mit Milliardensubventionen unter die Arme gegriffen wird. Er begab sich nach Brasilien, wo der Regenwald den Industrien gleichenden Baumwollfeldern Platz machen muss. Orsenna stattete dem ägyptischen Baumwollmuseum einen Besuch ab und fuhr nach Usbekistan, wo die jahrzehntelange Bewässerung der Baumwollfelder die Fläche des Aralsees auf die Hälfte schrumpfen lassen hat. Er besuchte die chinesische Stadt Datang, die Weltmetropole der Socke, wo zehntausende Arbeiter sieben Tage die Woche zwölf Stunden lang Socken produzieren. Und am Schluss kehrt er zurück zur lothringischen Baumwollindustrie, die einen verzweifelten Überlebenskampf gegen übermächtige Gegner führt. Der Autor verzichtet weitgehend auf politische Stellungnahmen und bietet stattdessen ein Mosaik, das aus bunten Steinchen zusammengesetzt ist. Er lässt die Menschen reden und hört ihnen zu. So gelingt ihm eine brillante Erkundung unserer globalisierten Welt. Ein absolut lesenswertes Buch mit einer Fülle von Impressionen.

Karl Vogd / biblio

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Marco Wehr: Welche Farbe hat die Zeit?

: wie Kinder uns zum Denken bringen / Marco Wehr. - Frankfurt a. M. : Eichborn Berlin, 2007. - 243 S. ISBN 978-3-8218-5793-0 fest geb. : ca. € 17,40

Herausforderung durch das Denken der Kinder. (PI)

"[...] das intellektuelle Korsett hilft nicht nur, die Persönlichkeit zu stützen, es nimmt bisweilen auch die Luft zum Atmen. Wer sich aber die Freiheit nicht nehmen lassen möchte, sich neu zu organisieren, muss es immer wieder flicken, manchmal sogar sprengen." Diese Passage aus dem vorliegenden Buch des Tübinger Physikers und Philosophen charakterisiert das Anliegen des Autors, seine Bereitschaft, alte Fragen neu zu fragen, selber zu fragen, ja sich sogar in Frage stellen zu lassen. LeserInnen mögen dabei entdecken, dass die Fragen der Kinder vielleicht auch ihre eigenen ungefragten oder verdrängten sind. Und es ist nicht auszuschließen, dass im freien Fall ungeschützten Fragens existenziell berührende Lebensdimensionen sich erschließen. Das Buch erklärt deshalb gerade nicht, wie Kinder denken, im Gegenteil lässt es sich auf die Ernsthaftigkeit kindlichen Fragens ein und entdeckt in deren Sachgehalt Verbindungen zu modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ebenso wie zu alten Denktraditionen oder anderen Kulturen. In unterschiedlichen Gestalten drängen sich dem Nachdenken die überlieferten anthropologischen Fragen auf, die nach dem grundlegenden Selbst-Verständnis des Menschen und seines Handelns. Das Buch ist ein Juwel: Selten gelingt es Autoren, die unterschiedlichen Sprach- und Wissensebenen lebendig miteinander zu verknüpfen und das uns Menschen gemeinsam Angehende aufleuchten zu lassen. Obwohl es die zentralen Themen der Philosophie enthält, ist es kein Lehrbuch, aber wer die Philosophie nur aus Lehrbüchern kennt, sollte dieses Buch lesen.

Johannes Vorlaufer / biblio

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Dick Harrison: Verräter, Hure, Gralshüter

: Judas Iskariot, Maria Magdalena, Pontius Pilatus, Josef von Arimathäa - Geschichte und Legenden / Dick Harrison. - Düsseldorf : Patmos, 2007. - 356 S. - ISBN 978-3-491-72515-7 fest geb. : ca. € 25,60

Vier biblische Gestalten, um die sich bis heute die verschiedensten Legenden ranken. (PR)

Allen vier Personen ist einiges gemeinsam: Sie werden im Neuen Testament erwähnt, sie haben etwa zur gleichen Zeit gelebt und wir haben heute relativ fixe Vorstellungen, was ihre Persönlichkeit angeht. So wurde der Name Judas zum Synonym für den Verräter, Maria Magdalena zur Hure, die ihre Sünden bereut und der dann auch Vergebung gewährt wird, und Pontius Pilatus steht für den rückgratlosen Bürokraten, der Entscheidungen lieber delegiert, als Zivilcourage zu zeigen. Am wenigsten bekannt ist heute wohl Josef von Arimathäa, der allerdings seit Dan Browns Bestseller "Sakrileg" wieder deutlich öfter in Geschichten vorkommt, ist sein Name doch untrennbar mit dem heiligen Gral verknüpft - wenn auch längst noch nicht so lange, wie wir glauben. Der Autor zeigt sehr anschaulich, wie groß die Kluft ist zwischen dem, was die Bibel über die vier zu berichten hat, und den verschiedensten Legenden, die sich im Lauf der Jahrhunderte um sie rankten. Dabei änderten sich die Geschichten je nach Zeitgeist oder politischer bzw. ökonomischer Notwendigkeit. Auch die Deutung, die die Figur der Maria Magdalena bei Dan Brown erfährt, ist keine reine Erfindung des Autors, sondern existierte in dieser Form bereits früher. Wer also wissen will, was hinter den Mythen steckt und wie es zu den verschiedenen Legendenbildungen kam, dem sei das interessante und gut lesbare Buch des schwedischen Professors für Geschichte (dessen Name am Haupttitelblatt peinlicherweise mit "Dirk" Harrison angegeben ist...) empfohlen.

Anita Ruckerbauer / biblio

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