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Buchtipps / 2007 / April

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Heinz Janisch / Helga Bansch: Wenn ich nachts nicht schlafen kann

/ Heinz Janisch. Helga Bansch [Ill.]. - Wien : Jungbrunnen, 2007. - [13] Bl. : durchg. Ill. (farb.) ; 28 cm ISBN 978-3-7026-5782-6 fest geb. : ca. € 13,90

Die Handpuppe mit dem grünen Spitzhut und die Holzpuppe mit der langen Nase sind bereits entschlummert – das muss jedoch längst nicht heißen, dass alle schon schlafen können. Und wer nicht schlafen kann, fängt ja bekanntlich zu zählen an, um sich per meditativer Eintönigkeit ins Träumeland hinüberzuschwindeln. Wie schön, dass es in diesem Bilderbuch weder zu Eintönigkeit, noch zur legendären Schäfchenzählung kommt. Vielmehr folgt man Riesen in an- und absteigender Zahl, die sich – von schlichten rhythmischen Versen geleitet – allerlei seltsamer Tätigkeit hingeben. Und dabei allerlei seltsames Outfit zur Schau stellen: „Vier Riesen in langen Unterhosen“ sind es zum Beispiel, die hier in einer kindlichen Vorstellungswelt Verstecken spielen und dabei ebenso Beachtung begehren wie „[f]ünf Riesen mit roten Rosen“. Die wiederum stellen nicht schick gemustertes Linnen für untendrunter zur Schau, sondern teils beachtlich trittsicheres Schuhwerk. Wer will schon wissen, welches Ausmaß an Gipfelsturm jener Liebesbeweis erfordert, auf den die Rosen möglicherweise anspielen!? In einer aus kreativem Papiermix gebauten Bildwelt turnen die gemalten, geschnittenen, geklebten Figuren durchs Bild – wobei verwunderlich bleibt, dass bei so viel bildkompositorischer Kreativität überhaupt jemand ans Schlafen denkt! Aber von vierundzwanzig Riesen bewacht, findet man dann doch zum erhofften „Gute Nacht!“. Zu empfehlen ab 3 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Sam Stern / Susan Stern: Licence to cook

: coole Rezepte für jeden Tag / Sam Stern ; Susan Stern. Dt. von Brigitte Beier und Beatrix Gehlhoff. – Hamburg : Oetinger, 2007. – 160 S. - ISBN 978-3-7891-4734-0 kart. : ca. € 14,30

Seit Jamie Oliver & Konsorten erfreut sich die Küche als Tätigkeitsfeld für junge Männer scheinbar steigender Beliebtheit – Sam Stern ist ein besonders junger Koch, er ist 15 Jahre alt. (Beruhigenderweise hat er das vorliegende Kochbuch zusammen mit seiner Mutter Susan Stern verfasst, die „immer einen guten Tipp parat hat – und das nicht nur beim Kochen“, wie es am Klappentext heißt). Im umfangreichen Fotomaterial des peppig aufgemachten Buches jedoch wird doch vorrangig der Junior selbst ins Bild gesetzt. Inszeniert werden dabei natürlich auch die anvisierten Kochergebnisse, deren Rezepte im auch grafisch jugendlich anmutendem Styling präsentiert werden: Neben rund 120 gut umsetzbaren Anleitungen für KüchenchefInnen aller Altersstufen gibt Sam Stern auch Tipps für spezifisch jugendliche „Kochsituationen“, etwa die Frage, welche Ernährung rund um die stressige Prüfungszeiten sinnvoll ist oder mit welchen Gerichten die „Kumpels“ von den Peinlichkeiten der Eltern abgelenkt werden können. Wem jetzt schon das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, der kann unter http://www.stube.at/buchtipps/kochbuch.htm nach weiteren Texten der Kinder- und Jugendliteratur Ausschau halten, in denen Essen eine zentrale Rolle spielt... Empfehlenswert ab 12 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Andreas Eschbach: Ausgebrannt

: Roman / Andreas Eschbach. - Bergisch Gladbach : Lübbe, 2007. - 750 S. - ISBN 978-3-7857-2274-9 fest geb. : ca. € 20,60

Ein höchst beunruhigendes Buch, das man aber auch einfach als Thriller lesen kann - wenn man unbedingt will… (DR)

"Ausgebrannt" wird sicher noch öfter mit Frank Schätzings "Der Schwarm" verglichen werden, haben doch beide eine gewisse Art von Endzeit-Szenario zum Thema. War der Auslöser bei Schätzing ein fiktiver, so kann der bei Eschbach jederzeit tatsächlich eintreten, was "Ausgebrannt" ungleich bedrohlicher macht. Denn hier geht es um Erdöl und die Frage, was passiert, wenn das größte zusammenhängende Erdölfeld der Welt kollabiert. Das Ergebnis erzeugt Gänsehaut und das dringende Bedürfnis, seine Umwelt aufzuklären. Dabei hat Eschbach, was die Auswirkungen angeht, nicht unbedingt übertrieben und reine Schreckenszenarios erfunden. Im Gegenteil - er hat einfach sehr gute Recherchearbeit geleistet und wissenschaftliche Abhandlungen eingearbeitet, die schon länger bestehen. Dennoch hat Eschbachs Roman viel eher die Chance, die Menschen wachzurütteln als die seriöseste wissenschaftliche Arbeit, denn er verknüpft das Geschehen mit Einzelschicksalen. Da ist allen voran der Yuppie Markus Westermann - nicht unbedingt ein reiner Sympathieträger -, der um jeden Preis Erfolg im Leben haben will. Als er den verschrobenen österreichischen Erfinder Block kennen lernt, scheint dieser Traum auch tatsächlich in Erfüllung zu gehen. Dann sind da noch der saudi-arabische Ölscheich, der, ohne es zu wollen, Herrscher seines Landes wird, und ein amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter, der höchst persönliche Interessen verfolgt. Und schließlich gibt es noch das ganz normale deutsche Ehepaar. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise miteinander zu tun und sorgen dafür, dass man bei aller Betroffenheit und Beklemmung das umfangreiche Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Hier ist eine großartige Symbiose zwischen aufrüttelnder Information und Hochspannung gelungen. Andere Rezensenten haben bereits gemeint, dieses Buch gehöre jedem Wirtschaftsboss und Politiker auf den Nachttisch gelegt - dem kann ich mich nur anschließen, obwohl ich fürchte, dass lesende Entscheidungsträger eher zur Ausnahme gehören. Wenn allerdings genug "normale" Menschen dieses Buch lesen und sich eingehende Gedanken darüber machen, könnten die Erkenntnisse dieses Romans durchaus bis zu den Entscheidungsträgern vordringen. Nicht nur deshalb: Wirklich allen Bibliotheken wärmstens zu empfehlen!

Anita Ruckerbauer / biblio

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Hisham Matar: Im Land der Männer

: Roman / Hisham Matar. Aus dem Engl. von Werner Löcher-Lawrence. - München : Luchterhand, 2007. - 254 S. ISBN 978-3-630-87244-5 fest geb. : ca. € 20,60

Ein eindringlicher, atmosphärisch dichter Roman über eine Kindheit in Libyen Ende der 1970er Jahre. (DR)

Tripolis, 1979: Die Hauptstadt Libyens ist in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Die Maulbeeren sind überreif, die Sommerhitze liegt drückend über den Häusern. Aber es ist nicht nur die Schwüle des Sommers, die dieser Tage auf Suleiman und seiner Familie lastet: Seit der Nachbar Ustaz Raschid, ein Freund der Familie, verhaftet wurde, ist nichts mehr wie zuvor. Eine beängstigende Stille, ein undurchdringliches Schweigen hüllt alles ein. Verängstigt und verstört bewegt sich der neunjährige Suleiman, aus dessen Blickwinkel der Roman erzählt wird, in der undurchschaubaren Welt der Erwachsenen. Viel zu früh wird er mit den Machtstrukturen von Gaddafis Gewaltherrschaft konfrontiert. Zu jung, um das Verschwinden des Vaters, der im Untergrund gegen Revolutionsführer Gaddafi arbeitet, richtig zu deuten, wird der Neunjährige beinahe zum Werkzeug von Gaddafis Spitzeln. Der Zauber, der sanft über jeder Kindheit liegt, wird hier jäh zerrissen: Suleiman erlebt die verstörende Macht der Gewalt, er verfolgt die Hinrichtung von Ustaz Raschid im Fernsehen, sieht die jubelnden, hysterisch agierenden Zuschauer und spürt die Angst der Mutter vor der drohenden Denunziation. Alleingelassen mit seinen Fragen, flieht er in seine eigene irrationale Welt. Die kindliche Naivität, mit der der Ich-Erzähler den politischen Umbrüchen begegnet, lässt das Geschilderte besonders drastisch wirken. Bedingt durch die Erzählperspektive wird vieles nur angedeutet, manches bleibt unscharf. Der Autor macht die LeserInnen nicht nur mit einem wichtigen Kapitel der Geschichte Libyens vertraut, er schildert auch eine ergreifende Mutter-Sohn-Beziehung: Von ihrer "Medizin" - einer Flasche Grappa - in eine gänzlich andere Frau verwandelt, erzählt Suleimans Mutter ihrem kleinen Prinzen von ihrer Zwangsheirat - dem, wie sie meint, schwärzesten Tag in ihrem Leben - spricht sich ihr Leid von der Seele und macht Suleiman so zu ihrem Verbündeten im "Land der Männer". Bemerkenswert auch die zahlreichen autobiografischen Bezüge: Matar selbst wuchs in Tripolis auf, bevor seine Familie nach Kairo emigrierte. Sein Vater verschwand in libyschen Gefängnissen, sein Schicksal ist bis heute unbekannt. Matar hat ein erschütterndes Buch geschrieben, das zu Recht auf der Shortlist des Man Booker Prize stand: Ein Roman, der einen auch nach der Lektüre nicht so schnell loslässt. Allen Bibliotheken uneingeschränkt empfohlen.

Cornelia Gstöttinger / biblio

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Ruth Klüger: Gemalte Fensterscheiben

: über Lyrik / Ruth Klüger. - Göttingen : Wallstein, 2007. - 252 S. - ISBN 978-3-89244-490-9 fest geb. : ca. € 22,70

Empfehlenswerte, faszinierende Gedichtinterpretationen für Lyrik-Liebhaber. (PL)

Viele der von Ruth Klüger ausgewählten Gedichte - von Goethe, Schiller, Heine, Lasker-Schüler bis hin zu Sarah Kirsch und Robert Gernhardt - wurden in Krisensituationen oder bedrohten Lebensumständen verfasst. Die Autorin stellt jedes Gedicht in seinen historischen Kontext und beleuchtet Wesentliches aus der Biografie des Verfassers. Damit weckt sie die Bereitschaft, sich auch auf zunächst Unverständliches einzulassen. Besonders faszinierend ist es, Klüger zu folgen, wenn sie auf die Traditionslinien und Querverbindungen, die sich durch die Geschichte der Literatur ziehen, hinweist. Schon am Anfang des Buches, wenn sie über den berühmten Merseburger Zauberspruch ("ben zi bena…") schreibt, gelingt es ihr, etwas von der Magie des uralten Reimes zu vermitteln. Sie spricht von der "Rauschwirkung", die von gebundener Sprache ausgehen kann. Später nimmt sie diesen Faden wieder auf, indem sie an einem Gedicht Erich Frieds expliziert, wie dieses sich auf den alten Zauberspruch bezieht, ihn entkräftet und ihm gerade dadurch erneute Aussagefähigkeit verleiht. Der Band ist eine große Freude für Lyrik-Liebhaber und kann in allen Bibliotheken, auch für Lese- und Diskussionskreise, bestens eingesetzt werden.

Ingrid Kainzner / biblio

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Thomas Binotto: Mach's noch einmal, Charlie!

: 100 Filme für Kinofans (und alle, die es werden wollen) / Thomas Binotto. - Berlin : Berlin-Verl., 2007. - 322 S. : Ill. ISBN 978-3-8270-5165-3 fest geb. : ca. € 17,40

Endlich! Eine informative, spannende, unterhaltsame Filmgeschichte für junge LeserInnen, aber auch für Erwachsene. (ab 12) (JK)

Binotto, Journalist, Buchautor und Filmkritiker unter anderem bei der NZZ, outet sich gleich im "Vorspann" seines Buches als geschichten- bzw. filmsüchtig. Und diese bedingungslose Begeisterung ist dem gesamten Werk anzumerken. Er würzt seinen geschichtlichen Überblick mit zahlreichen Anekdoten und erzählt in einem derart mitreißenden Stil, dass die Informationen zu den wesentlichen Filmgenres und Entwicklungen immer spannend bleiben. Unterfüttert sind die kurzen, übersichtlich gestalteten Kapitel mit knappen Inhaltsangaben zu wichtigen Filmbeispielen, die immer das Richtungsweisende des jeweiligen Streifens herausarbeiten. Durch den geschickten Aufbau lässt sich das Werk als Filmgeschichte wie auch als Filmlexikon für EinsteigerInnen handhaben. Die zahlreichen großformatigen Schwarz-Weiß-Abbildungen illustrieren das Geschriebene zusätzlich. Alle besprochenen Filme sind auf DVD erhältlich. Genaue Bezugsangaben (inklusive Altersfreigabe) finden sich ebenfalls im Buch. Ein äußerst empfehlenswerter Band, der auch Erwachsenen (z.B. LehrerInnen) gute Dienste leisten wird.

Josefine Weninger / biblio

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Heinz G. Schmidt: Die Zigeuner kommen!

: Markus Reinhardt entdeckt sein Volk / Heinz G. Schmidt. - Wien : Picus-Verl., 2007. - 166 S. ISBN 978-3-85452-621-6 fest geb. : ca. € 19,90

Die Dokumentation einer Freundschaft mit einem Sinto auf Reisen als lebendiges Geschichtsbuch der größten und jüngsten europäischen Minderheit. (GS)

Der Picus-Verlag hat sich bereits öfter um die Roma verdient gemacht; man denke nur an die Autobiografie von Ceija Stojka, die 1988 - erstmals von einer Romni selbst geschrieben - Zeugnis vom Holocaust an ihrem Volk gab und in Österreich eine Debatte auslöste, die schließlich im Jahre 1993 zur Anerkennung der Roma als Volksgruppe führen sollte. Nun legt im selben Verlag der deutsche Journalist Heinz G. Schmidt einen kenntnisreichen, wenngleich auch im Aufbau etwas sprunghaften Bericht über seine jahrzehntelange Freundschaft mit dem Sinto und Jazzgeiger Markus Reinhardt vor, einem Verwandten des berühmten Begründers des europäischen Jazz, Django Reinhardt. Mit ihm hat er Reisen durch ganz Europa, von der Türkei bis Spanien, von Nordirland bis Südfrankreich, auf der Suche nach den verschiedenen Roma-Gruppen und ihren gemeinsamen Traditionen unternommen. Denn das wurde diesem vom alten Rechtssprecher Giga Reinhardt vor seinem Tod als letzter Wille aufgetragen: auf Reisen gehen und die Vergangenheit kennen lernen, um eine Zukunft zu haben. Es ist ein berührendes Buch geworden, voll Respekt und Zuneigung, das auch die gegenseitigen Vorurteile nicht ausspart und nebenbei die wechselvolle Geschichte der Roma und Sinti, der Gitanos und Travellers, der Kalerasch und Çingene, der Tzigans und Manoush bemerkenswert sorgfältig recherchiert erzählt.

Lukas Marcel Vosicky / biblio

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Egon Kapellari: Bis das Licht hervorbricht

: Fragen zwischen Kirche und Kunst / Egon Kapellari. - Graz : Styria, 2006. - 263 S. : Ill. (farb.) ISBN 978-3-222-13211-7 fest geb. : ca. € 24,90

Ein Plädoyer für die Begegnung von Kunst und Kirche in der Moderne. (PR)

Der vorliegende Band des Grazer Bischofs Egon Kapellari versammelt zahlreiche Aufsätze und Vorträge, die das Thema Kunst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen thematisieren. Dabei geht es Kapellari stets um ein produktives Verhältnis von Kunst und Kirche - eben jener Kirche, die in früheren Zeiten bedeutende Mäzenin der Künste war, gegenwärtig aber ein eher gebrochenes Verhältnis zu ihr hat. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Bischof in seinem Buch acht Bilder aus der Schedelschen Weltchronik und ebenso viele von Mark Rothko präsentiert: Qualitätvolle Kunst, gleich welcher Epoche, will gültige Antworten auf die Lebensfragen des Menschen geben, womit sich ja offensichtlich Berührungspunkte zur Religion ergeben. Kapellari versteht Kunst als Lebens-Mittel und als Herausforderung an das Individuum, die Gesellschaft und die Kirche. Und so setzt er sich mit grundsätzlichen Fragen zur Kunst als Vermittlerin religiöser Inhalte, aber auch mit Künstlern und Orten, wo Kunst in einer besonderen Dichte erlebt werden kann, auseinander; dabei scheut er sich nicht, Grenzen einzumahnen und vor zunehmender Banalisierung zu warnen. - Ein lesens- und bedenkenswerter Band!

Karl Krendl / biblio

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