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Buchtipps / 2007 / Jänner

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Edith Schreiber-Wicke / Carola Holland: Mit Ottern stottern, mit Drachen lachen

: Verse zum Weiterreimen von A bis Z / Edith Schreiber-Wicke. Carola Holland. - Stuttgart : Thienemann , 2006. - [13] Bl. : zahlr. Ill. (farb.) ; 30,5 cm ISBN 978-3-522-43529-1 / 3-522-43529-X fest geb. : ca. € 13,30

Tierische Sprachspiele für alle Altersstufen. (ab 5) (JD)

“Es kränkt der Bär sich nicht so schnell, / das kommt von seinem dicken ...” Für jeden Buchstaben des Alphabets hat die Autorin zwei Zweizeiler verfasst. Zum Bären gesellt sich die Beutelratte, unter G treten Gans und Grille auf, das O verbindet den Otter mit dem Orang-Utan, und beim S sind Schwan und Stinktier friedlich vereint. Bei X und Ypsilon wird es schwierig, doch Witz und Einfallsreichtum retten über die orthographische Verlegenheit hinweg. Der Reiz des Buchs liegt in der Herausforderung der Lesenden oder Zuhörenden, denn immer muss das fehlende letzte Wort selbstständig ergänzt werden. Dass dabei Gedichte entstehen sollen, weckt schlummernde poetische Talente. Manchmal drängt sich die Lösung geradezu auf, in anderen Fällen grübeln auch Erwachsene ganz schön lange. Die hintergründig humorvollen Illustrationen, in denen sich unterschiedlichste Tiere auf überraschende Weise begegnen, enthalten nützliche Hinweise. Gelegentlich fallen einem aber auch ganz andere Reimwörter ein als die vorgesehenen. Der Kreativität sind schließlich keine Schranken gesetzt. Die Lösungsliste am Ende des Buches sollte nur als Hilfe und nicht als Einengung der sprachschöpferischen Phantasie verstanden werden. Ein vom Dadaismus und Surrealismus inspiriertes Vorlese-, Spiel- und Ratebuch, das alle Altersgrenzen überschreitet. Sehr empfehlenswert.

Renate Langer / biblio

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Jeroen van Haele: Die stille See

/ Jeroen van Haele. Aus dem Niederländ. von Meike Blatnik. Mit Ill. von Sabien Clement. - Berlin : Bloomsbury, 2006. - 77 S. : Ill. ISBN 9783827051837/ 3-8270-5183-5 fest geb. : ca. € 10,20

Eine einfühlsame Erzählung über die wunderbare Kraft der Freundschaft. (ab 9) (JE)

“Höher als der höchste Felsen werde ich klettern / um Worte zu hören – gesprochen vom Wind / gesungen vom Meer” (S. 29) – so der poetisch festgehaltene Wunsch des zehnjährigen gehörlosen Emilio. Eindrucksvoll schildert der Autor die Lebensumstände und Weltwahrnehmung des tauben Jungen, indem er ihn selbst zu Wort kommen läßt. Besonders berührend die kindlich-naive Annahme des Ich-Erzählers, es sei am besten, abends das Licht der Welt zu erblicken. Denn, wer so wie er, morgens geboren werde, sei taub, wer mittags auf die Welt komme, könne immerhin hören, und wer abends geboren werde, könne alles und bereite den Eltern Freude. Fest in dem Glauben, seine Ohren seien verstopft, stößt sich Emilio eines Tages Stöckchen in die Ohrmuscheln, bis er zu bluten beginnt und ins Krankenhaus kommt. Traurig muß er erkennen, daß sein Versuch, sein Handicap zu überwinden, fehlgeschlagen ist, daß ihm die Geräusche, die der Wind an die Ohren der Menschen trägt, weiterhin verborgen bleiben. Der Titel “Die stille See” wird so zum Sinnbild für Emilios Welt ohne Klänge. Einen wahren Freund findet der Junge, der von seinem Vater wegen seiner Taubheit grausam verspottet wird, in dem Nachbarn Javier. Dieser geht einfühlsam auf Emilio ein und macht ihm die Welt auf wunderbare Weise erfahrbar. Er holt den Jungen aus seiner Isolation, durch seine brillanten Vergleiche wird für Emilio das Rauschen des Meeres lebendig: Hört es sich doch an, “wie wenn tausend Waßertropfen mit dem Wind tanzten“ (S. 29). Eine tiefe Freundschaft entsteht, aus der Emilio auch nach Javiers Tod Lebenskraft und Hoffnung schöpft. Eine sehr empfehlenswerte Erzählung voller Humor, Wärme und Poesie, deren Außagekraft noch durch die liebevollen Illustrationen von Sabien Clement unterstrichen wird. Für junge LeserInnen ab 9 Jahren, aber wegen der feinsinnig-poetischen Sprache auch für Erwachsene ein besonderer Lektüregenuß.

Cornelia Gstöttinger / biblio

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Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind

: Roman / Thomas Hettche. - Köln : Kiepenheuer und Witsch, 2006. - 319 S. ISBN 978-3-462-03711-1 / 3-462-03711-0 fest geb. : ca. € 20,50

Ein Politthriller, aber vor allem ein Buch über die USA und wie man sich darin verlieren kann. (DR)

Der Inhalt dieses spannenden Romans ist rasch erzählt: Niklas Kalf, ein deutscher Autor, der an einer Biografie über den jüdischen Emigranten Eugen Meerkaz arbeitet, kommt mit seiner Frau Liz nach New York, um mit seinem amerikanischen Verleger zu sprechen. Doch schon nach einigen Tagen geschieht Unfassbares: Liz ist verschwunden und rasch stellt sich heraus, dass sie entführt worden ist. Nach Herausgabe von Material über Meerkaz werde er sie zurückbekommen, erfährt Kalf; nur: Er hat keine Ahnung von diesem Material. Monatelang versucht er hinter das Geheimnis zu kommen; lange lebt er dazu in einer texanischen Kleinstadt, in der er eine Spur gefunden zu haben glaubt. Am Ende ist Kalf erfolgreich und Liz überlebt; so viel darf verraten werden. Aber mindestens genauso spannend ist die zweite Geschichte, die dieser Roman erzählt: Kalf, geradezu der Prototyp eines Europäers, verliert sich regelrecht in der Weite und den von den europäischen völlig verschiedenen Lebenskonzepten der USA. Sogar sein Ziel, für welches er doch mit jeder Faser kämpft, verliert er darüber zeitweise aus den Augen. Einen besonderen Effekt erzielt der Roman auch aus der Parallelsetzung mit der Politik: Kalf und Liz kommen am ersten Jahrestag von 9/11 nach New York; als der Roman endet, steht der amerikanische Einmarsch im Irak unmittelbar bevor. Die Außensicht auf das Europa "ebenso vertraute wie fremde Land" (Klappentext), die allmählich zu einer Art Innensicht wird, scheint mir der wirklich bedeutende Aspekt dieses Romans zu sein. Die Lektüre sei nachdrücklich empfohlen.

Franz Holztrattner / biblio

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Erwin Riess: Der letzte Wunsch des Don Pasquale

: oder Giordanos Bitte ; Roman / Erwin Riess. - Salzburg : O. Müller, 2006. - 392 S. ISBN 978-3-7013-1120-0 / 3-7013-1120-X fest geb. : ca. € 22,00

Von Mafiabossen, Neonazis, grollenden Rollstuhlfahrern und anderen Autistinnen. (DR)

Der Floridsdorfer Rollstuhlfahrer und Schiffsfanatiker Groll erhält den Auftrag oder eher die Bitte, einem sizilianischen Mafiaboss seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Er soll dessen autistische Nichte von ihrem Heim in Triest nach Sizilien bringen, damit der Don sie vor seinem Tod noch ein letztes Mal sehen kann. So weit, so einfach. Doch dann gerät Groll zwischen streikende Werftarbeiter und österreichische Neonazis, die die so genannte "Judenpeitsche" - ein Folterwerkzeug eines KZ-Aufsehers - aus einer KZ-Gedenkstätte stehlen wollen. Außerdem entpuppt sich die autistische Angelina als durchaus eigenwillige und eigenständige Persönlichkeit. Darüber hinaus verschlechtert sich Don Pasquales Gesundheitszustand, die Zeit drängt und immer wieder steht ein Auto am Gehsteig, wird ein Behindertenklo als Abstellkammer zweckentfremdet oder ist eine andere Stufe im Weg, über die sich Groll maßlos ärgern kann. Der Autor Erwin Riess, selbst Rollstuhlfahrer und Aktivist der Behindertenbewegung, hat mit dem Roman nicht nur eine kleine Abrechnung mit österreichischen Architekten und Politikern geschaffen, für die "barrierefrei" ein Fremdwort ist. Das Buch ist einfach gut. Die Geschichte ist absurd, spannend, abwechslungsreich, informativ und handwerklich perfekt komponiert. Und als Draufgabe gibt's sprachliche Fertigkeit mit (ironischem) Witz und Verstand.

Lukas Schmuckermair / biblio

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen

: Roman / Mario Vargas Llosa. Aus dem Span. von Elke Wehr. - Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2006. - 395 S. ISBN 9783518418321 / 3-518-41832-7 fest geb. : ca. € 25,50

Opulent-obsessive latin-love-affair vor historischem Hintergrund. (DR)

Ein Sommer im Lima der 1950er Jahre: Heiße Mamborhythmen und ein betrügerisches Zwillingspärchen sorgen bei den männlichen Jugendlichen von Miraflores für heftiges Herzflimmern. Doch schon bald fliegt der schandbare Schwindel der beiden Sirenen auf und das Slummädchen Lily, "mit Augen von der Farbe dunklen Honigs", in das der aus gut situierter Familie stammende Ich-Erzähler Ricardo wie ein Mondkalb verliebt ist, verschwindet spurlos. Im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte taucht die einstige Angebetete immer wieder wie eine Fata Morgana im Leben des nach Europa emigrierten, oft einsamen übersetzers auf. In vielerlei Gestalt - als kubanische Revolutionärin Arlette im Paris der 1960er Jahre, als brave Gattin eines vermögenden Rennstallbesitzers im Swinging London, aber auch als willfährige Sklavin eines japanisches Yakuza-Bosses - verdreht sie "dem guten Jungen" völlig den Kopf, um ihn gleich darauf mit gebrochenem Herzen zurückzulassen. Denn "das böse Mädchen", herzlos und egoistisch, kennt nur ein Ziel: Sie will reich sein, um jeden Preis. Ein ehrgeizloser liebeskranker Peruaner passt nicht in ihren Plan. Ohne Skrupel angelt sie sich wohlhabende Männer und nimmt sie aus. Da Geld alleine bekanntlich nicht glücklich macht, scheint ein monströses Ende vorprogrammiert... Der mehrfach ausgezeichnete, seit jeher politisch aktive Autor Mario Vargas Llosa - 1990 kandidierte er für die Staatspräsidentschaft seines Heimatlandes - beleuchtet in diesem fallweise frivolen Roman auch die politische Geschichte Perus, etwa von 1950 bis 1990, übt Kritik an der noch heute in Peru existierenden sozialen und rassistischen Rangordnung und verzaubert mit dem faszinierenden Flair europäischer Großstädte dieser Zeit. So bietet diese mit viel Gespür für Klang, Rhythmus und Stil ergreifend erzählte, von Elke Wehr sensibel übersetzte Geschichte einer obsessiven Liebe mehr als nur intelligente Unterhaltung. Am Ende bewegt das einsiedlerische Dasein des seiner Wurzeln beraubten Romanhelden stärker als die wehmütige, leicht kitschige Lovestory. Schlimmen Jungs und braven Mädchen ebenso zu empfehlen!

Elisabeth Zehetmayer / biblio

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Melissa Müller: Alice Herz-Sommer - "Ein Garten Eden inmitten der Hölle"

: ein Jahrhundertleben / Melissa Müller ; Reinhard Piechocki. - München : Droemer , 2006. - 429 S. : Ill. ISBN 978-3-426-27389-0 / 3-426-27389-6 fest geb. : ca. € 20,50

Berührende Biografie einer großen Künstlerin. (BO)

Melissa Müller und Reinhard Piechocki entführen die LeserInnen mit dieser Biografie in das tragische und ereignisreiche Leben der Pianistin Alice Herz-Sommer, die am 26. November 2006 ihren 103. Geburtstag feierte. Als Kind einer wohlhabenden jüdischen Prager Fabrikantenfamilie ist sie schon sehr früh vom Kreis namhafter Schriftsteller wie Franz Kafka und Max Brod und von bedeutenden Musikern der Zeit umgeben. In diesem wohlbehüteten großbürgerlichen Milieu kann die junge Alice ihrer frühen Leidenschaft für die Musik ungehindert nachgehen. In bereits ganz jungen Jahren beginnt sie mit dem Klavierspiel, studiert an Prags Deutscher Musikakademie und wird in den 1930er Jahren zu einem gefeierten Prager Klaviertalent. Die Karriere wird durch den Einmarsch der Deutschen in der Tschechoslowakei jäh unterbrochen. 1942 wird ihre 72-jährige Mutter deportiert und Alice Herz-Sommer spürt eine innere Stimme, die ihr befiehlt, nun die 24 Etüden von Chopin zu erlernen. Bereits ein Jahr später wird sie selbst mit ihrem Ehemann Leopold und dem damals sechsjährigen Sohn nach Theresienstadt gebracht. Der geliebte Mann wird nach Auschwitz verschleppt und stirbt kurz vor der Befreiung in Dachau. Auf sich allein gestellt kann sie nur durch ihr Musiktalent überleben und wird Pianistin in Theresienstadt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrt sie nach Prag zurück und emigriert schließlich 1949 mit dem Sohn nach Israel. Nach 37 Jahren in Jerusalem folgt sie ihrem Sohn, einem mittlerweile gefeierten Musiker, nach London, wo sie auch noch heute, nach dessen Tod im Jahre 2001, alleine lebt. Die vorliegende Biografie ist eine exzellente Mischung aus Fakten, Zahlen, Bildern und einer sehr einfühlsamen und persönlich untermalten Erzählweise. Die Erzählung des tragischen Lebens einer Frau, die trotz aller furchtbarer Ereignisse dank ihrer absoluten Hingabe zur Musik nie den Humor und die Liebe zum Leben verloren hat, berührt zutiefst, erweckt Ehrfurcht und lässt auch ein wenig betroffen zurück.

Barbara Tumfart / biblio

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Karl Lukan / Fritzi Lukan: Via sacra

: der alte Pilgerweg nach Mariazell ; Mythos und Kult / Karl Lukan. Fritzi Lukan [Fot.]. - Wien : Pichler, 2006. - 165 S. : zahlr. Ill. (farb.) ISBN 9783854314127 / 3-85431-412-4 fest geb. : ca. € 24,90

Umfassende kulturhistorische Beschreibung des Wiener Mariazellerweges. (PR)

Der Name Karl Lukan zergeht älteren Bergsteigern wie Schokolade auf der Zunge, seine Berggeschichten gehören zu den köstlich-kostbaren Schätzen ("Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht"). Dass Lukan als Amateurarchäologe und Kulturhistoriker ebenfalls überaus kompetent über seltsame Kultstätten und sonderbare Heilige schreiben kann, wissen wir seit 1995, da erschien das gleichnamige Buch. Mit großem Interesse habe ich seine neue Publikation gelesen, mit dem Ergebnis, dass ich als erfahrener Mariazellpilger einmal den Weg von Wien aus machen werde. Wenn die neue Via sacra auch nicht überall mehr dem von Lukan geschilderten alten Weg folgt, die von ihm beschriebenen heiligen Stätten, die Wallfahrtsgeschichte, die naturhistorisch und kunstgeschichtlich interessanten Denkmäler, die Histörchen und die Erzählungen von damals, reich bebildert von seiner Frau Fritzi, ergeben ein Kaleidoskop einer entschwundenen Kultur. Ein wichtiger Beitrag zum 850. Jahresjubiläum unseres mitteleuropäischen Marienheiligtums, dessen Ursprungslegende und Bedeutung dieses Buch abrunden.

Karl Mittlinger / biblio

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Ronald Barazon: Kampf dem Kapitalismus

/ Ronald Barazon. - Salzburg : Ecowin, 2006. - 220 S. - ISBN 9783902404305 / 3-902404-30-2 fest geb. : ca. € 22,00

Engagiertes Plädoyer für den Humanismus. (GW)

Ronald Barazon, bis 2006 Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, moderiert zahlreiche "Offen gesagt"-Diskussionsrunden des ORF. Das vorliegende Buch interessiert auf den ersten Blick aufgrund der Bekanntheit des Autors, zum anderen ist auch das Buchcover ein wenig anders, reduziert und nicht auf "Behübschung" aus; das Inhaltsverzeichnis lässt gleich alle post-its aufsammeln und den Block bereit legen. Hier können SchülerInnen etwas lernen und alle, die zu sehr auf Life-style-Geschichten aus waren, können zurückkehren in die Realität der Modernisierungsverlierer, der Langzeitarbeitslosen, der Armutsgefährdeten. Vielleicht einfach nur zu sich selbst, dem eigenen Bankkonto, dem eigenen Pensionsfonds. Man muss denken beim Lesen. Nicht ein bisschen denken, sondern richtig. Politisch korrekt wurde lange über Milieus geredet und über die ungerechte Verteilung der Güter in dieser Welt geschwiegen. "Der Staat darf nicht übermächtig werden, aber sich auch nicht als gestaltender Faktor abmelden", schreibt Barazon im Kapitel "Der Kampf gegen den Kapitalismus" und führt aus, dass dieser Kampf ein Kampf für den Menschen, den realen, den Nachbarmenschen also, ist. Ein empfehlenswertes Buch, Diskussionsstoff um Wesentliches, eine Bereicherung aller Buchbestände. Christina Gastager-Repolust / biblio

Christina Gastager-Repolust / biblio

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