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Buchtipps / 2006 / Mai

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Joachim Friedrich: Kaltes Wasser

Stuttgart : Thienemann, 2006. - 314 S. ISBN 3-522-17754-1 / 9783522177541 fest geb. : ca. € 15,40

Eine junge Frau erlebt eine Detektion der besonderen Art: Sie leidet nach einem Unfall an Totalamnesie. Mühsam muss sie sich sowohl ihr Weltwissen als auch (ähnlich wie Giambattista Bodoni in Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“) das Wissen über sich selbst wieder erarbeiten – ihrem früheren Leben immer auf der Spur. Sie „lernt“, dass sie Anna Lindenthal heißt und 20 Jahre alt ist. Doch schwieriger ist es, wirklich persönliche Dinge über sich herauszufinden: Ihre Eltern sind seltsam verschlossen, wenn es um das Leben der „Früher-Anna“ geht. Immer mehr Unstimmigkeiten tauchen auf, einzelne „Gedächtnisinseln“, die vor allem auftauchen, wenn sie mit kaltem Wasser in Berührung kommt, machen ihr Angst und passen nicht in das Bild ihres wohlbehüteten Elternhaus. Erzählt wird aus personaler Sicht; die Spannung wird über den Text hin aufrecht erhalten, indem die LeserInnen immer nur genauso viel wissen wie die Protagonistin selbst. Die Entscheidung, mit Hilfe von Kevin, einem jungen Reporter, über das Fernsehen Kontakt zu alten Bekannten aufzunehmen, verwandelt ihr Dasein in eine Verfolgungsjagd – sie jagt ihrem früheren Leben nach und wird gleichzeitig davon verfolgt. Doch egal was sie findet, es kann niemals so schrecklich sein wie ein Leben ohne Vergangenheit… Zu empfehlen ab 14 Jahren.

Lisa Kollmer / STUBE

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Das kleine Museum

Ausgabe in sechs Sprachen. Moritz 2006. 312 S., € 16,80 ISBN 3-89565-171-0

Seit dem Erfolg des Bilder-Buches „Die ganze Welt“ von Katie Couprie und Antonin Louchard etablieren sich nachhaltig die kleinen Quadratischen, die mit dem Versuch, das Alltägliche unter einem ästhetischen Blickpunkt wahrzunehmen, jeweils eine kleine Schule des Sehens anbieten. Auch der zuletzt erschienene Band „Gesichter“ von François und Jean Robert ist ein gelungenes Beispiel dafür und belegt darüber hinaus, dass die Impulse für diese Entwicklung aus Frankreich kommen. Von dort stammt auch „Das kleine Museum“, erstmals 1994 erschienen, das durchaus als Vorreiter dieser Erfolgsgeschichte gesehen werden darf. Das Entdecken einzelner Wörter erfolgt dabei als Reise in die Welt der Malerei: Die französischen (Bilderbuch- ) Künstler Alain le Saux und Grégoire Solotareff wählen zu Begriffen von A bis Z Ausschnitte aus bekannter Gemälden und stellen Wort und Bild einander unkommentiert gegenüber. In der nun erschienenen, kartonierten Neuauflage wird der Bildsprache darüber hinaus die Mehrsprachigkeit zu Seite gestellt: In Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, Spanisch und Türkisch kann nun die Benennung und Betrachtung erfolgen. Dem kleinen Jungen ab 5 Jahren mag dieses book ebenso gefallen wie dem petit fille; sie können ja gemeinsam bei einem Picknick darin schmökern und dabei pasteles verspeisen. Zweifelsohne werden sie danach außerordentlich verzückt in ihr ev zurückkehren. Erwachsene werden übrigens nicht minder verzückt sein!

Heidi Lexe / STUBE

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Gabriele Wolff: Ein dunkles Gefühl

: Kriminalroman / Gabriele Wolff. - Innsbruck : Haymon, 2006. - 250 S. ISBN 3-85218-498-3 fest geb. : ca. € 19,90

Eine Kommissarin im Labyrinth von Sexualdelikten und geheimnisvollen Internetkontakten. (DR)

Die Versetzung ins Kommissariat für Sexualdelikte kommt für Kriminaloberkommissarin Friederike Weber unerwartet, arbeitet die Mittvierzigerin doch seit Jahren in der Mordkommission. Sexualdelikte sind nicht so ihr Ding - mit Logik allein ist hier nur wenig auszurichten. Friederike wird trotz massiver Proteste abkommandiert - zu dumm, befasst sie sich doch gerade mit dem mysteriösen Fall eines jungen Studenten, der tot aufgefunden wurde. Die einzige Spur führt in ein Internetforum, in dem der Tote offenbar eine höchst geheimnisvolle junge Frau kennen lernte. Die neuen Fälle präsentieren sich erwartungsgemäß verzwickt, die Beweisführung ist äußerst kompliziert. Die Unterteilung in "schwarz und weiß" funktioniert hier nicht so ganz, die Lage ist vielmehr "grau". Was tun, wenn sowohl Opfer als auch Täter, wie im Fall eines vom Stiefvater vergewaltigten Mädchens, glaubwürdig erscheinen? Am Ende der Ratlosigkeit tun sich für Friederike plötzlich Verbindungen zwischen dem ungelösten Todesfall und dem 13-jährigen Vergewaltigungsopfer auf. Die Verknüpfung der beiden Fälle ist schlüssig, der psychologische Hintergrund sowie der schwammige Bereich der Erinnerung und subjektiver Wahrheiten wird eindringlich beschrieben. "Die Weber" ist eine sympathische Frau mit Herz, Verstand und nettem Lover, der man gerne noch öfter begegnen würde. Ein gut konstruierter, aus dem Leben gegriffener Kriminalroman, ist doch die Autorin (Glauser Preisträgerin 2004) in ihrem eigentlichen Beruf als Staatsanwältin tätig. Solider Schreibstil - solide Story mit dem nötigen Quäntchen Pep. Eine feine Geschichte. Bella Block bekommt Verstärkung.

Barbara Rieder / biblio

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Michael Schmid: Fallende Sonne

: Erzählungen / Michael Schmid. - Zürich : Dörlemann, 2006. - 173 S. ISBN 3-908777-19-4 fest geb. : ca. € 18,30

Junge Erwachsene auf der Suche nach Möglichkeiten der Emanzipation - Episoden abseits der abgedroschenen Klischees.

Unspektakulär und ruhig erzählt der Autor von Geschehnissen, in denen junge Leute bewusst Grenzen überschreiten - in der Hoffnung jenseits davon auf das zu stoßen, was sie sich unter der Welt der Erwachsenen vorstellen: Situationen, die uns aus dem alltäglichen Leben bekannt sind, die aus der Perspektive der Heranwachsenden jedoch weitere, bedeutungsvollere Dimensionen erhalten. Was für die Außenstehenden mitunter schwer nachvollziehbar ist, macht unter diesen Umständen durchaus Sinn. Der junge Schweizer Autor Schmid unternimmt in seinem Erzähldebüt den Versuch, eine Generation zu definieren, die um ihre Daseinsberechtigung kämpft, auf dem Weg dahin zum Teil unorthodoxe Mittel wählt und fasziniert die Auswirkungen ihrer Aktionen beobachtet. Sie legitimiert sich allein schon durch das Anderssein. Auffällig bei der Lektüre erscheint außerdem, dass keinerlei Wertungen traditioneller oder avantgardistischer Sichtweisen transportiert werden, wodurch Akzeptanz und Toleranz gleichermaßen anklingen. - Eine neue Generation, neue Wege der Selbstdefinition. Ein bemerkenswertes Plädoyer für die Jugendlichen des ausklingenden 20. Jahrhunderts, die mutig und selbstsicher auf sich aufmerksam machen.

Elisabeth Mayerhofer / biblio

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Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahes

: Roman / Tanja Dückers. - Berlin : Aufbau-Verl., 2006. - 213 S. ISBN 3-351-03068-1 / 9783351030681 fest geb. : ca. € 19,50

Roman über den Tod des Vaters aus dem Blickwinkel von fünf Geschwistern.

Am längsten Tag des Jahres reißt ein Telefonat vier der fünf erwachsenen Geschwister völlig aus dem Alltag heraus: Der Vater ist verstorben. Der 62-Jährige war das Zentrum der Familie und lebte vollkommen auf in seiner Arbeit mit Reptilien und Amphibien, die er in seiner Zoohandlung vertrieb. Jedes der Kinder reagiert anders auf den Tod, erinnert sich an jeweils andere Begebenheiten und Erlebnisse mit ihm und erlebt die Trauer um den Vater auf seine individuelle Art und Weise. Einzig der jüngste der fünf Geschwister folgt den Spuren und Interessen des Vaters und ist als Weltenbummler unterwegs. Als er den Kontakt zu seiner Familie, vor allem zum Vater, wieder aufnehmen will, ist es dafür aber leider zu spät. Tanja Dückers erzählt in diesem Roman eine Familiengeschichte aus der Sicht von fünf Geschwistern, fünf ganz verschiedenen Charakteren, und beschreibt deren Art, mit Trauer umzugehen. Sie lässt so einiges an die Oberfläche geraten, was über Jahre hinweg innerhalb des Familienverbandes unausgesprochen im Verborgenen schlummerte. Für jede Bibliothek zu empfehlen!

Irmgard Preißler / biblio

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Katja Behling: Dunkler Seele Zauberbann

: Sigmund Freud und die Psychoanalyse / Katja Behling. Hrsg. von Johannes Sachslehner. - Graz : Styria, 2006. - 272 S. : Ill. ISBN 3-222-13196-1 / 9783222131967 fest geb. : ca. € 24,90

Gut verständliche, informative Freud-Biografie.

Dieses Buch ist eine der vielen Veröffentlichungen, die pünktlich anlässlich des 150. Geburtstags des Erfinders der Psychoanalyse erschienen ist - diese Biografie hebt sich allerdings durch ihren klar verständlich formulierten Inhalt von den üblichen "Last-Minute-Veröffentlichungen" ab. Die Autorin Katja Behling studierte Medizin und war einige Jahre in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Sie absolvierte eine Weiterbildung in tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie - einem an der Psychoanalyse ausgerichteten Verfahren. Bereits 2002 erschien ihre Biografie "Martha Freud. Die Frau des Genies". Mit ihrer aktuellen Veröffentlichung "Dunkler Seele Zauberbann" widmet sie sich ganz dem "Vater" der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und veranschaulicht deren Entwicklung anhand wichtiger Eckpunkte in Freuds Leben: Die Autorin verpackt die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse in die Schilderung seiner Familiensituation, seines Judentums sowie der Welt des Wiener Fin de Siècle. Doch nicht nur die zeitlichen und gesellschaftlichen Umstände spielten bei der Entstehung der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle, sondern auch die starke Persönlichkeit Freuds war für neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausschlaggebend. Zielstrebig verfolgte er seine revolutionären Forschungen, mit denen der nicht bei jedem auf Zustimmung stieß. Ein interessantes Buch, das dem Leser die Geschichte der Psychoanalyse nach Sigmund Freud anhand seiner persönlichen Entwicklung gut vermittelt.

Susanne Emerich / biblio

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Harald Irnberger: Die Mannschaft ohne Eigenschaften

: Fußball im Netz der Globalisierung / Harald Irnberger. - Salzburg : O. Müller, 2005. - 488 S. ISBN 3-7013-1109-9 fest geb. : ca. € 28,00

Ein großer intellektueller und wütender Wurf über die Welt des Fußballs und die Welt an sich.

Harald Irnberger, altgedienter Journalist, schreibt voller Leidenschaft und Wut, mit einer großen Portion Borniertheit und in einer kräftigen und deutlichen Sprache über Fußball und Fußballspieler, Trainer und Präsidenten, über Clubs und Verbände und kommt zu dem Schluss, dass die bedeutenden europäischen Clubmannschaften mit ihren weltweit zusammengekauften Einzelspielern in ihrer Gesamtheit oft Mannschaften ohne Eigenschaften bilden. Bei der Beantwortung seiner Grundfrage nach den Spielregeln des internationalen Fußballgeschehens stehen für den Autor monumental zwei Thesen im Vordergrund: Erstens sieht er den Fußball als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse und Tendenzen, die sich vor allem durch Generalisierung und Gleichförmigkeit, den Verlust von regionalen Identitäten und den Trend zur grenzenlosen Gewinnmaximierung mit allen Mitteln auszeichnen. Zweitens macht Irnberger von Anfang an klar, dass er die von César Lus Menotti (Trainer der argentinischen Weltmeisterschaftself von 1978) schon vor zwanzig Jahren getroffene Unterscheidung in einen Fußball der Rechten und einen solchen der Linken voll unterstützt: "Die Rechte kennt […] nur ein Engagement, und das ist der Profit. Der rechte Fußball denkt an Gewinnmaximierung, der linke an die Vermittlung von Lebensfreude. Bei aller geopolitischen Veränderung der Welt - daran hat sich nichts geändert.", hat Menotti geschrieben. Zwar hat man bei der Lektüre der 14 mit Musilzitaten eingeleiteten Kapitel des knapp 500 Seiten starken Buches mitunter den Eindruck, es handle sich um verschiedene Aufsätze, die im nachhinein in einen Zusammenhang gestellt wurden. Manche Gedanken, Urteile und Vorurteile werden fast in jedem Kapitel wiederholt. Zwar kann einem die kräftige Sprache mitunter auf die Nerven gehen, zwar muss man viele Zuschreibungen und Urteile des Autors nicht teilen, aber insgesamt ist die Lektüre sowohl lohnend als auch streckenweise sehr unterhaltsam. Da schreibt ein Mann, der den Fußball liebt, viel weiß, Stellung bezieht - und der Mann kann schreiben! Hätte da noch jemand ordentlich lektoriert, die vielen feinen Zitate mit brauchbaren Quellenangaben versehen und vielleicht noch ein Register angefügt, das bei einem derartigen Werk nicht fehlen dürfte, dann wäre man rundum zufrieden.

Franz Lettner / biblio

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Ludger Schulte: Gott suchen - Mensch werden

: vom Mehrwert des Christseins / Ludger Schulte. - Freiburg i. Br. : Herder, 2006. - 189 S. ISBN 3-451-28917-2 / 9783451289170 fest geb. : ca. € 15,40

Empfehlenswerter spiritueller Wegbegleiter.

Wer Orientierung in der Fülle der spirituellen Literatur sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Der Autor, P. Ludger Schulte, geb. 1963, lehrt derzeit an der philosophisch-theologischen Hochschule in Münster. Er entwickelt mit der Metapher "Spur der Sehnsucht" einen spirituellen Weg, der über die Kapitel "Schillerndes Glück", "Gotteshunger", "Sehnsucht nach Gott", "Spiritualität der Ehrfurcht", "Kunst der Ruhe", "Mut zur Stille", "Der christliche Weg des Menschen", "Franziskus als Wegweiser" zum abschließenden Kapitel "Der Christ im Glück" führt. Dabei betrachtet er die modernen Mythen der Selbstumkreisung und des religiösen Erlebnismarktes kritisch und setzt sich kundig mit den aktuellen Suchbewegungen und Zeitströmungen auseinander. Besonders eindrücklich sind die Ausführungen zum Sabbat als Selbstoffenbarung Gottes (83ff) und zur Zentralfrage des Christentums: "Für wen haltet ihr mich?" (119ff). Jedes Kapitel beschließen konkrete geistliche Weisungen und praktische Impulse zur spirituellen Alltagsgestaltung. Das Buch ist ein hervorragender spiritueller Wegbegleiter für Menschen, die im religiösen Erlebnismarkt christliche Orientierung suchen.

Karl Mittlinger / biblio

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