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Buchtipps / 2006 / Jänner

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Heinz Janisch / Aljoscha Blau: Rote Wangen

/ Heinz Janisch. Mit Bildern von Aljoscha Blau. - Berlin : Aufbau-Verl., 2005. - 32 S. : zahlr. Ill. (farb.) ; 27 cm ISBN 3-351-04062-8 fest geb. : ca. € 15,50

Der Großvater erzählt dem Enkel von seinen Erlebnissen früher – wie er mit seinem Fußball eine Regenwolke getroffen hat, zum Beispiel, und es dann so stark zu regnen begann, dass das Spiel abgebrochen werden musste. Von seiner Begegnung mit einem Schneemenschen und seiner Entdeckung einer neuen Tierart. Die Erwachsenen behaupten, der Großvater sei schon vor einem Jahr gestorben. Der Enkel aber hört seine Geschichten immer noch: „Und ich krieg rote Wangen vom Zuhören und wir haben viel Spaß.“ Das Moment dieses Erzählens „von früher“ wird in der bildlichen Gestaltung auf wunderbare Weise aufgenommen: Scheinbar wie in ein vergilbtes Heft (liniert und mit rotem Rand wie alte Schulhefte) werden Großvaters Geschichten notiert – da und dort werden kleine Skizzen hinzugefügt und an manchen Stellen haben sich Tintenkleckse nicht vermeiden lassen. Ausgelebt werden die Vorstellungen von Großvaters kuriosen Erinnerungssplittern in ganzseitigen Bildtafeln, die Räume, Farbe und Figuren historisierend ausgestalten und doch die Zeitlosigkeit der Kraft des Erzählens einfangen. Sehr zu empfehlen ab 5 Jahren.

Inge Cevela / STUBE

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Christine Schulz-Reiss : Nachgefragt: Philosophie

: Basiswissen zum Mitreden / Christine Schulz-Reiss. Ill. von Verena Ballhaus. - Bindlach : Loewe, 2005. - 143 S. : Ill. ISBN 3-7855-5578-4 fest geb. : ca. € 13,30

Seit dem Erfolg von Jostein Gaarders „Sofies Welt“ ist das Interesse der Kinder- und Jugendliteratur am Thema Philosophie gewahrt. Wie aber lässt sich möglichst übersichtlich ein Verständnis für die Grundaspekte dessen, was Philosophie umfasst, herstellen? „Basiswissen zum Mitreden“ stellt Christine Schulz-Reiss in ihrem Buch zusammen und stellt die wichtigsten philosophischen Denkrichtung vor. Sie geht dabei zwar prinzipiell chronologisch vor, umfasst einzelne Epochen jedoch geschickt anhand thematischer Überlegungen und vermeidet damit ermüdendes Name-Dropping. Vielmehr wird ein grundsätzliches Denk-Muster entworfen, das Seite für Seite eine Fragestellung aufwirft und eine historisch gewachsene Antwortmöglichkeit gibt. Das Philosophische wird dabei als Prozess begriffen, in den auch die LeserInnen klug mit hinein genommen werden. Die übersichtliche, zweifarbige Gestaltung mit klarer Seitenstruktur, Bildmaterial und zusätzlichen Informationen in Marginalspalten wird zusätzlich aufgelockert durch Vignetten von Verena Ballhaus, die einen liebevollen Blick auf die kleinen Kuriositäten der philosophischen Welt werfen. Zu empfehlen ab 10 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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John LaGalite: Zacharias

: Roman / John LaGalite. - Hamburg : Europa Verl., 2005. - 201 S. - Aus dem Franz. von Cornelia Hasting ISBN 3-203-79504-3 fest geb. : ca. € 18,40

Ein Kind will seine Mutter beschützen. (DR)

Mit einem Knalleffekt beginnt das an überraschenden Wendungen nicht arme Buch: die Nachbarin des 12-jährigen Zacharias springt aus dem 7. Stock und fällt ihm quasi zu Füßen. Dabei hat er auch sonst genügend Probleme: Er ist Diabetiker. Sein Vater hat die Familie verlassen. Und Zacharias meint, die Mutter, eine überarbeitete Krankenschwester, beschützen zu müssen zumal in der Nähe schon drei Frauen ermordet wurden. Als in die Wohnung der toten Nachbarin ein Mann einzieht, ist er überzeugt, das sei der Mörder. Eine mögliche Verbindung zwischen diesem und seiner Mutter muss er verhindern. Auch als der neue Nachbar nach einem Motorradunfall gelähmt und sprachlos als Pflegefall wieder in die Wohnung zurückkommt, hält er ihn für den Täter und will ihm ein Geständnis abringen. Als seine Mutter einen Teil der Pflege übernimmt, assistiert er ihr gerne und kommt somit der Lösung des Mordfalles immer näher. Mehr sei nicht verraten über diesen spannenden Psychokrimi aus Kinderperspektive. Die Ängste und oft paranoiden Vorstellungen des Kindes, seine Methoden, die nicht kindgerechte Position als Partnerersatz zu behalten und dem Täter auf die Spur zu kommen, das alles schildert LaGalite in einer unglaublich dichten und auch sehr poetischen Sprache. Sehr zu empfehlen für erwachsene LeserInnen, die Spannung und literarisch Anspruchsvolles erwarten.

Fritz Popp / biblio

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Alfred Komarek : Die Schattenuhr

: Roman / Alfred Komarek. - Innsbruck : Haymon, 2005. - 206 S. - ISBN 3-85218-483-5 fest geb. : ca. € 17,90

Spannend aufbereiteter Roman über eine außergewöhnliche Region. (DR)

Daniel Käfer, ehemaliger Chefredakteur, hat einen ereignisreichen Sommer im Ausseerland hinter sich und soll nun nach Wien zurückkehren - der Karriere wegen. So will es zumindest Sabine, die "Ordnungsmacht in seinem unordentlichen Leben" (S. 127). Weit kommt er allerdings nicht. Nur bis Hallstatt, um genau zu sein. Dort bleibt er hängen, besser gesagt zuerst schwebt er, dann rutscht er buchstäblich in eine dramatische Geschichte. Selbstmitleid in Schnaps zu ersäufen ist eine Sache, sich seiner Schuld zu stellen eine andere. Daniel Käfer gibt sich einen Ruck und packt es, wie immer umgeben von gestandenen Frauen, die seine gut gemeinten Wiedergutmachungsversuche misstrauisch beobachten und mit ironischen Kommentaren nicht hinterm Berg halten. Komarek gelingt es mit diesem Roman, zu Unterhaltung und Spannung noch echten Informationswert hinzuzufügen. Ganz nebenbei wird nämlich auch eine Menge gut recherchierter Fakten über den historischen Salzbergbau geliefert. Komarek ist ein Meister des Lokalkolorits; er versteht es wie wenig andere, die dunkle, einzigartige Atmosphäre des Hallstätter Sees einzufangen. Unverkennbar "Komarek" auch die schlagfertigen und vom trockenen "Salzkammergut-Humor" geprägten Dialoge. Ebenfalls höchst amüsant: die bissigen Seitenhiebe auf die moderne Medien- und Marketingwelt.

Sabine Krutter / biblio

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Andreas Eschbach : Der Nobelpreis

: Roman / Andreas Eschbach. - Bergisch Gladbach : Lübbe, 2005. - 555 S. - ISBN 3-7857-2219-2 fest geb. : ca. € 23,60

Sollte auch die altehrwürdige schwedische Einrichtung, der Nobelpreis, nicht mehr vor Skandalen sicher sein? (DR)

Professor Hans-Olof Andersson ist Mitglied des Komitees, das alljährlich die Nobelpreisträger auswählt. Dieses Mal bietet ihm ein Unbekannter viel Geld, wenn er für eine spezielle Kandidatin stimmt. Er lehnt entrüstet ab - doch dann wird seine Tochter entführt. Der Professor sucht daraufhin Hilfe bei seinem Schwager, der gerade eine Gefängnisstrafe wegen Einbruchs und Industriespionage absitzt. Und dieser Gunnar ist ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlegt. Der Roman beginnt aus der Perspektive des allwissenden Erzählers, doch dann bestimmt Gunnar als Ich-Erzähler den weiteren Verlauf der Handlung. Auch für diesen Roman hat der studierte Luft- und Raumfahrttechniker Eschbach offensichtlich wieder gründlich recherchiert - nicht nur zum Thema Nobelpreis, auch über die Berufsprobleme eines Einbrechers scheint er sich genauestens informiert zu haben. Das und die durchwegs glaubwürdige psychologische Darstellung seiner Protagonisten heben den Thriller von der breiten Masse ab. Außerdem kommt die Geschichte gänzlich ohne wilde Action- und Gewaltszenen aus und ist trotzdem von der ersten bis zur letzten Seite spannend. Der höchst überraschende Schluss passt ebenfalls nahtlos in dieses Konzept. Eschbach bedient sich dazu allerdings einer "Lüge", für die sich Anti-Held Gunnar auch gleich bei den Lesern entschuldigt. Und das sei angesichts der spannenden und intelligenten Handlung bereitwillig verziehen. Allen Beständen sehr zu empfehlen.

Anita Ruckerbauer / biblio

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Reiffenstein Ingo (Hrsg.) : Fort mit Dir nach Paris!

: Mozart und seine Mutter auf der Reise nach Paris / hrsg. und kommentiert von Ingo Reiffenstein. - Salzburg : Jung und Jung, 2005. - 183 S. : Ill. - ISBN 3-902497-01-7 fest geb. : ca. € 19,90

1777/78: Eine Reise nach Paris und in das Beziehungsdreieck von Vater, Mutter und Sohn Mozart. (KM)

Am 23. September 1777 brechen W. A. Mozart und seine Mutter zu einer Reise auf, die sie nach Aufenthalten in München, Augsburg und Mannheim wie geplant nach Paris führen wird. Der Vater konnte nach Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherrn Erzbischof Colloredo keinen Urlaub erhalten und versucht nun das Reiseunternehmen, das dem Sohn eine gute Anstellung verschaffen soll, über Briefe zu begleiten und zu dirigieren. Am 3. Juli 1778 stirbt Maria Anna Mozart in Paris und auch wirtschaftlich wird diese Reise ein Misserfolg. Im Mittelpunkt des Buches steht der gekürzte Briefwechsel, der diese Reise begleitet und dokumentiert. Hervorragend aufbereitet wird diese Lektüre durch die einleitende Heranführung, in der Ingo Reiffenstein die Brieftradition der damaligen Zeit kommentiert, das Leben der Maria Anna Mozart beleuchtet, die Hintergründe und den Verlauf der Reise skizziert und den Schreibstil der "Mozartin" erläutert. Sie, die es gewohnt war, immer im Hintergrund zu stehen, wird so durch Reiffenstein zum wesentlichen Mittelpunkt. Ausgehend vom Briefmaterial gelingt es dem Sprachwissenschaftler, die Wesenszüge, den Bildungshintergrund und die Motive der Beteiligten abzuleiten und ein plastisches Bild des Beziehungsdreiecks von Vater, Mutter und Sohn zu entwerfen. In dieser Form vorbereitet, kann man bei der Lektüre der Briefe schließlich eintauchen in die Welt des 18. Jahrhunderts mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Gesetzen und aus der Orthographie und dem Stil der Briefe den Klang der Stimmen heraushören. - Allen Bibliotheken empfohlen.

Reinhard Ehgartner / biblio

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Egon Kapellari: Und dann der Tod ...

: Sterbe-Bilder / Egon Kapellari. - Graz : Styria, 2005. - 228 S. : Ill. (farb.) - ISBN 3-222-13188-0 fest geb. : ca. € 22,00

Herausragende Persönlichkeiten von der Gegenwart bis zur Antike in kurz umrissenen Lebens- und Sterbensbildern. (PR)

Wie beiläufig, geradezu überraschend mutet die Botschaft an, die nicht nur dem Titel, sondern auch dem Umgang der westlichen Zivilisation innewohnt: Und dann der Tod - als Vollendung eines intensiv gelebten Lebens wie bei Papst Johannes Paul II, Kardinal Franz König, dem Arzt Bernard Rieux in Camus Roman "Die Pest", Simone Weil oder Ovids Philemon und Baucis; als gewaltsamer Schlussstrich bei den Märtyrern des 20. Jahrhunderts: Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein, Anne Boleyn, Simon Petrus, Paulus oder Johannes dem Täufer; als weitergesponnene Philosophie bei Dag Hammarskjöld, Pierre Teilhard de Chardin, Antoine de Saint-Exupéry, Friedrich Nietzsche, Blaise Pascal, Immanuel Kant oder Cicero; als literarische Herausforderung bei Marie Luise Kaschnitz, Georges Bernanos, Rainer Maria Rilke, Thornton Wilder, Friedrich Hölderlin, Johann Wolfgang v. Goethe oder Thomas Becket; als bildnerisches Eintauchen in andere Dimensionen bei Mark Rothko oder Michelangelo Buonarotti; als musikalischer Tiefgang bei Anton Bruckner, Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel oder Johann Sebastian Bach; als biblisches Zeugnis bei Moses, Rachel und Benjamin und als Überwindung des Todes durch den Tod Christi am Kreuz. Chronologisch von der Gegenwart zur Antike fortschreitend, treten in der Beleuchtung aus unterschiedlichen Perspektiven - eigene literarische Zeugnisse, Beobachtungen beim Begräbnis, Gesamtschau auf Leben und Werk, ausschnitthafte Kristallisation, in denen das Kernthema des Lebens sichtbar wird - wie bei Schattenbildern die Konturen deutlich zutage. Dass es bei 80 kurzen Texten, komprimiert auf 228 Seiten, bei diesen Konturen bleiben muss, liegt in der Natur der Sache. Was aber in allen Texten durchklingt, sind die Ehrfurcht und der Respekt vor der Größe und Einmaligkeit der umschriebenen Persönlichkeiten. Sehr empfehlenswert.

Christiana Ulz / biblio

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Evelyn Edson : Der mittelalterliche Kosmos

: Karten der christlichen und islamischen Welt / Evelyn Edson ; Emilie Savage-Smith ; Anna-Dorothee von den Brincken. - Darmstadt : Primus Verl., 2005. - 128 S. : zahlr. Ill. (farb.) - Aus dem Engl. von Thomas Ganschow ISBN 3-89678-271-1 fest geb. : ca. € 30,80

Ein schön gestalteter Band zur christlichen und islamischen Kartographie des Mittelalters. (GE)

Sowohl Christentum wie Islam stützten sich bei ihren Überlegungen und Berechnungen von Kosmos und Welt auf die Erkenntnisse der Antike. Der Westen bezog das Erbe der Griechen, vor allem die Schriften des Ptolomäus, über lateinische Schriftsteller, die arabische Welt über Byzanz. Während im Christentum Welt-Karten (mappae mundi) zunächst vor allem Darstellungen theologischer und biblischer Sachverhalte (z. B. Christus umfängt die Welt, Verortung des Paradieses oder biblischer Städte) zeigen, stellen die islamischen Karten keine religiösen Inhalte dar - sie wurden einzig für praktische Zwecke (Handel, Reisen oder Verwaltung) konzipiert. Erst ab dem 13. Jh. zeichnete man im Westen - ohne arabischen Einfluss! - Karten, die bereiste Gebiete so genau wie möglich wiedergaben, vor allem in Form von Seekarten. Diese Kenntnisse wurden im 15. Jh. von arabischen Kartographen eifrig rezipiert und führten so zur Modernisierung der Landkarten in der islamischen Welt. Über diese Zusammenhänge gibt der vorliegende schön gestaltete Band einen anschaulichen und informativen Einblick und ist besonders auf Grund der vielen Abbildungen von Karten (88) aus bisher kaum publizierten alten Handschriften eine Augenweide.

Karl Krendl / biblio

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