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Buchtipps / 2005 / August

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Kevin Henkes: Ein Anfang, ein Ende und jede Menge Wünsche

/ Kevin Henkes. - München : Dtv, 2005. - 206 S. - Aus dem Amerikan. von Eva Riekert. ISBN 3-423-70921-9 kart.. : ca. € 7,50

Wie die Welt erfahrbar machen? Wie sich selbst und andere begreifen? Und vor allem: Wo den Anfang machen. Die 12-jährige Martha stößt in diesem Sommer auf unterschiedliche Möglichkeiten, sich selbst und die Welt zu erklären: Jimmy Manning dreht Filme; Godbee, Marthas Großmutter, macht der Enkelin den Vorschlag, einander jeden Tag etwas von sich selbst zu erzählen; und Martha hat den stillen Entschluss gefasst, Schriftstellerin zu werden. Ihren Anfang findet sie in einem Ende: Olivia Barstow ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Olivia war in Marthas Klasse. Kontakt jedoch gab es nie. In Olivia Barstow jedoch findet Martha eine Figur, an die sich ihre Überlegungen anknüpfen lassen – und Satz für Satz kristallisieren sich kurze Passagen heraus, die Marthas Wahrnehmungen festhalten. Entscheidend fließen in diese ersten literarischen Versuche die Erlebnisse des Sommers mit ein, den Martha mit ihrer Familie bei Godbee am Meer verbringt. Es ist jener Sommer, in dem Martha Jimmy Manning plötzlich mit ganz anderen Augen sieht – und lernt, dass es nicht immer diejenigen sind, auf die der erste Blick fällt, denen wir am Herzen liegen… Ruhig und episodenhaft nähert sich der amerikanische Autor seiner Protagonistin an und erzählt damit von einem Sommer, in dem das Wünschen zuallererst als Wunsch an sich selbst begriffen wird. Ab 12 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Das Zahlen-Bilder-Buch

/ Bildausw. von Marie Houblon. - Düsseldorf : Patmos, 2005. - [40] S. : überw. Ill. ISBN 3-491-42032-6 Pp. : ca. € 10,90

Angstgeplagte Mathematikmuffel können aufatmen: Nicht alles, auf dem Zahl draufsteht, muss auch zwangsläufig trockene Rechenkunst beinhalten! Tourbillon und Marie Houblon beweisen in diesem wunderschönen Bildband, wie vielfältig die Assoziationen zum altbekannten Zahlenspiel von Eins bis Zehn sein können… und dass Addition nicht nur Zahlen zusammen bringt. So bildet gar unterschiedliches Federvieh, wie ein Reiher und ein Wasserhahn, die Summe Zwei, ein Kind und zwei Eltern ergeben die Zahl Drei und das Äußere von zwei Zwillingsschwestern und zwei Schwänen spiegelt die idente Teilsumme der Zahl Vier wider. Erfrischende Farben und Bildkompositionen laden zu einer visuellen Reise der besonderen Art ein: Schwarz-Weiß-Fotografien reihen sich neben farbintensiven Momentaufnahmen, Menschen und Objekte verschmelzen zu anregenden Bildserien: Vier Sesseln auf einer verschneiten Allee, vier entzückende Pinguinrücken am Straßenrand, vier Buben in farbenfroher Fußballmontur in einer Umkleidekabine. Raum und Perspektive, Detailaufnahme und Panorama, Stillleben und Gruppenbild im anregenden Zusammenspiel. Bei soviel Abwechslung kann bei 10 nicht einfach Schluss sein. Und so lernen wir, wie einst die Hasenmama beim Zählen ihrer Sprösslinge, dass auch viele und ganz, ganz viele für kreative Rechenkünstler legitime Summen darstellen! Ab 4 Jahren

Martina Rényi / STUBE

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Chimamanda Ngozi Adichie: Blauer Hibiskus

: Roman / Chimamanda Ngozi Adichie. - München. : Luchterhand Literaturverl., 2005. - 315 S. Aus dem Amerikan. von Judith Schwaab ISBN 3-630-87181-X fest geb. : ca. € 22,60

Vom Ende einer Kindheit und einer Familie. (DR)

Die 15-jährige Kambili und ihr 17-jähriger Bruder Jaja führen ein privilegiertes Leben in Nigeria. Ihr Vater Eugene besitzt eine Firma, ist mutiger Verleger einer regierungskritischen Zeitung, gibt eine Menge Geld für wohltätige Zwecke aus und wird in der katholischen Gemeinde als bewundernswertes Vorbild einer wahrhaft christlichen Lebenseinstellung genannt - in einem Atemzug mit dem Papst und Jesus. Ein toller Vater, auf den sie stolz sein könnten, so wird den Kindern immer wieder bewundernd versichert! Aber Eugene ist besessen davon, ein "guter" Mensch vor dem Herrn zu sein. Er zwingt seine Familie mit brutaler Gewalt, sich seinen rigiden und zwanghaften Vorstellungen von der einzig wahren Lebensweise eines Katholiken bedingungslos unterzuordnen. Als Kambili und Jaja zum ersten Mal ihre Tante Ifeoma besuchen dürfen, tut sich ihnen eine neue Welt auf: Die Universitätsdozentin wohnt mit ihren Kindern in ärmlichsten Verhältnissen und wie ihr Bruder Eugene nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund, um die politischen Verhältnisse in Nigeria zu kritisieren. Aber in dieser mehr als beengten Wohnung wird nicht nur gebetet, sondern auch gelacht und gesungen. Kambili verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Nach der Rückkehr der beiden Geschwister ist es vorbei mit der alten Ordnung und als Eugene bei Kambili ein Bild des "heidnischen" Großvaters findet, eskaliert die Situation. Eine traurig-schöne und sehr berührende Geschichte über das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens und das bemerkenswerte Roman-Debüt der in Nigeria geborenen Schriftstellerin - ihren Namen wird man sich merken müssen. Uneingeschränkte Empfehlung für alle Bibliotheken!

Sabine Krutter / biblio

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Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

/ Diane Broeckhoven. - 2. Aufl. - München : C. H. Beck, 2005. - 95 S. Aus dem Niederländ. von Isabel Hessel. -ISBN 3-406-52975-5 fest geb. : ca. € 13,30

Eine wunderbare, einfühlsame Erzählung über die Liebe und den Verlust eines Menschen. (DR)

Alice und Jules, ein altes Ehepaar, haben ein liebgewonnenes, morgendliches Ritual: Jules bereitet den Kaffee, von dessen Duft Alice geweckt wird. Auch an diesem Wintermorgen folgt Alice dem verführerischen Duft, doch Jules wartet nicht wie gewohnt am Küchentisch, sondern sitzt tot auf dem Sofa. Was soll sie nun tun? So viel wollte sie ihrem Mann noch sagen, über so vieles wollte sie noch mit ihm sprechen wie zum Beispiel über die Affäre mit Olga. Sie beschließt, diesen Tag noch mit ihm zu verbringen, bevor sie jemanden verständigen wird. So viel geht ihr durch den Kopf, dass sie beinahe vergisst, dass um zehn ja der autistische Nachbarsjunge David kommt, um seine tägliche Partie Schach mit Jules zu spielen. Aus der halbstündigen Schachpartie wird schließlich eine ganze Nacht, die der Junge bei Alice verbringen muss. Ihre Angst über die Reaktion des Jungen ist vollkommen unbegründet, denn David reagiert für sie völlig überraschend. Diese eigentlich traurige Geschichte liest sich so wunderbar leicht und lässt den Tod vielmehr im Hintergrund. Vordergründig ist die Liebe zwischen Alice und Jules, der als Zuhörer "fungiert" und nicht als Toter. Eine wunderbare Geschichte über die Liebe - für alle LeserInnen wärmstens zu empfehlen!

Irmgard Preißler / biblio

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Hertha Kratzer: Keltische Sagen

/Hertha Kratzer. - Wien : Ueberreuter, 2005. - 179 S. ISBN 3-8000-5136-2 fest geb. : ca. € 14,95

Die Sagenwelt der Kelten - flüssig und spannend nacherzählt. (ab 12) (JM)

Geheimnisvolle Völker, machthungrige Könige, wagemutige Helden und immer wieder die Begegnung mit Gestalten aus der Anderswelt: Feen, Dämonen und Magier, die in das Schicksal der Sterblichen eingreifen. Diese Ingredienzien sind typisch für keltische Mythen. Nach den Sagen vom Rhein und der Donau hat sich Hertha Kratzer nun die Überlieferungen aus keltischen Kernländern wie Irland, Wales, Südengland und der Bretagne vorgenommen. Dabei faszinieren die eher unbekannten Geschichten ebenso wie die bekannten Sagen rund um König Artus, Merlin, die nebelverhangene mystische Insel Avalon oder die unglücklich Liebenden Guinevere und Lancelot oder Tristan und Isolde. Die Autorin schreibt kurz und fesselnd, wodurch sich dieses höchst empfehlenswerte Sagenbuch für Erwachsene ebenso eignet wie für junge LeserInnen ab 12.

Doris Schrötter / biblio

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Trassard / Antérion / Thomazo: Leben im alten Ägypten

/ François Trassard ; Dominique Antérion ; Renaud Thomazo. - Stuttgart : Theiss, 2005. - 191 S. : zahlr. Ill. (farb. ) - Aus dem Franz. von Isa Odenhardt-Donvez. - ISBN 3-8062-1947-8 fest geb. : ca. € 30,80

Faszinierend gestaltete Kulturgeschichte des Alltags im alten Ägypten. (GK)

Trassard gelingt es, uns vergessen zu lassen, dass die Hochkultur Ägyptens 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung begann. Er rückt uns die Menschen dieses Kulturkreises nahe, zeigt, wie sie lebten, liebten, was ihre religiösen Vorstellungen waren. Er schildert die politische Situation dieses Reiches, die Stellung des gottgleichen Pharao, die sozialen und ethischen Prinzipien, die in diesem Staat herrschten. Er beschreibt, unterlegt mit hervorragendem Bildmaterial, mit welcher Intensität gearbeitet wurde und zwar auf jedem Gebiet, obwohl im streng hierarchisch geordneten Staatssystem Ägyptens für viele Menschen nur das nackte Überleben gesichert war. "Ägypten ist ein Geschenk des Nil", schreibt schon Herodot. Den Reichtum des Landes aber ermöglichten erst die Menschen, die den Boden, der nach ägyptischem Recht dem Staat gehörte, in Frondienst bearbeiteten und mit ungeheurer Kraft und Kunstfertigkeit die von uns bewunderten Bauwerke schufen. Die populären Kenntnisse, die wir von Kunst, Kultur und Religion Ägyptens landläufig haben, werden in zehn Kapiteln mit einer ungeheuren Fülle an Details ergänzt. Die frühen schriftlichen Aufzeichnungen, die erzählenden Wandmalereien in den Nekropolen sowie die wissenschaftliche Auswertung archäologischer Funde ermöglichen das. Ein kurzer historischer Überblick als Einleitung, zwei Karten und eine Chronologie der Geschichte des alten Ägyptens im Anhang sowie eine aktuelle Bibliografie machen Lust, sich in die Materie weiter zu vertiefen. Wer es unterhaltsamer haben will, kann nach den Filmen Ausschau halten, die sich seit 1910 mit dem Land der Pharaonen beschäftigen. Ihre Titel sind ebenfalls angeführt.

Helene Kukelka / biblio

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Manfred Scheuch: Der Weg zum Heldenplatz

: eine Geschichte der österreichischen Diktatur 1933-1938 / Manfred Scheuch. - Wien : Kremayr & Scheriau, 2005. - 254 S. : zahlr. Ill. ISBN 3-218-00734-8 fest geb. : ca. € 24,00

Spannendes, gut lesbares Buch zur jüngeren Zeitgeschichte Österreichs - für alle Bibliotheken empfohlen. (GE)

2005 sollte in Österreich nicht nur ein Jahr der Jubiläumsfeiern, sondern auch ein Jahr des Reflektierens der eigenen, jüngeren Geschichte sein. Mit einem entscheidenden Abschnitt davon - den Jahren zwischen 1918 und 1938 - befasst sich der österreichische Historiker und Publizist Manfred Scheuch im vorliegenden Buch. Diese Jahre waren geprägt vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der Christlichsozialen Partei und den Sozialdemokraten. Durch ihre unnachgiebige Politik, mit der sie jegliche Annäherung an die Sozialdemokratie unterbanden, beraubten sich, so Scheuch, die christlichsozialen Akteure des diktatorischen Ständestaates der stärksten Bundesgenossen im Kampf gegen die Vereinnahmung Österreichs durch das Deutsche Reich: der organisierten Arbeiterschaft und der in die Illegalität gedrängten Linken. Scheuch erinnert mit diesem spannenden, gut lesbaren Werk daran, dass der Ersten Republik Österreich nicht erst durch den Einmarsch der Nationalsozialisten 1938, sondern bereits 1933 durch einen Verfassungsbruch der Regierung Dollfuß - die Ausschaltung des Parlaments - ein Ende bereitet und damit der "Weg zum Heldenplatz" für Hitler geebnet wurde. Eine detaillierte Zeittafel, eine Auflistung der politischen Akteure von 1918-1938, ein Literaturverzeichnis und ein umfangreiches Namenregister runden dieses gerade im "Jubeljahr" wertvolle und wichtige Buch ab, das in jeder Bibliothek zum umfassenden Themenverständnis seinen Platz finden sollte.

Isabella Müller / biblio

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Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen

: Orientierungen im religiösen Pluralismus / hrsg. von Harald Baer, Hans Gasper, Joachim Müller, Johannes Sinabell unter Mitwirkung von Thomas Becker .... - völlig neu bearb. Ausgabe - Freiburg i. Br. : Herder, 2005. - 1474 S. ISBN 3-451-28256-9 fest geb. : ca. € 41,10

Ein sehr empfehlenswertes Nachschlagewerk zur pluralen religiösen Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. (PR)

Das vorliegende Lexikon ist eine völlig neu bearbeitete Ausgabe des "Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen" von 1990, wobei ein Drittel der Artikel überarbeitet und zwei Drittel vollkommen neu erstellt wurden. Allein das Weglassen des Wortes "Sekte" im Titel ist Programm und trägt den raschen Änderungen in der religiösen Landschaft Rechnung: Die wesentliche Aufgabe des Nachschlagewerkes besteht nun darin, Auskunft und Orientierung im religiösen Pluralismus zu geben und die religiöse Szene vor allem außerhalb der großen Kirchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz darzustellen, wobei nicht der Konflikt, sondern die Anerkennung der religiösen Vielfalt im Vordergrund steht. Grundlage dafür sind eine objektive Beschreibung - ohne Konfliktverharmlosung! - und eine Begriffswahl, die den Dialog mit den Sondergemeinschaften nicht verunmöglicht. Die in 1.474 Spalten gebotenen 320 Artikel, die alle von renommierten Theologen und anerkannten Spezialisten verfasst sind, stellen religiöse Gruppen, Phänomene, Institutionen und Strömungen ebenso dar wie die Weltreligionen oder bedeutende Weltanschauungssysteme, wobei psychologische und rechtliche Implikationen nicht ausgespart werden. In vielen Fällen wird auch eine kritische Bewertung aus christlicher Perspektive vorgenommen. Alles in allem liegt hier ein Standardwerk vor, das umfassende Informationen und eine ausgezeichnete Grundlage für den Dialog mit neureligiösen Gruppen, Szenen und Weltanschauungen bietet und uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Karl Krendl / biblio

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