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Buchtipps / 2005 / Juli

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Karen Cushman: Rodzina

/ Karen Cushman. - München : Dtv, 2005. - 207 S. - Aus dem Amerikan. von Alexandra Ernst. ISBN 3-423-70901-4 kart.. : ca. € 7,50

Wir, die wir einst Dr. Quinn von Boston nach Colorado Springs gefolgt sind, wissen: eine Ärztin kann im Westen überleben. Und alles wird ein wenig leichter, wenn man eine Familie geerbt hat. Am Ende von Karen Cushmans Jugendroman kommt Doktor Cat im Westen an – und auch sie ist nicht mehr alleine. Ich-Erzählerin Rodzina wird in Zukunft bei ihr leben. Hinter den beiden liegt eine Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten: Wir schreiben das Jahr 1881; zweiundzwanzig Waisenkinder verlassen Chicago Richtung Westen um dort Adoptionsfamilien zu finden. Man ist einander fremd, verbunden nur eine singuläre, einschneidende Lebenserfahrung: „Niemand wollte ein Waisenkind sein, auch wir Waisen nicht. aber wir hatten keine Wahl.“ Zwischen Trauer und Pragmatik werden Kinderfiguren positioniert, die alsbald erkennen müssen, dass sich hinter der in Aussicht gestellten Adoption nicht weniger als der profitable Handel mit Arbeitskräfte verbirgt. Und doch werden mit dem stationenweisen Fortschreiten aus Fremden einander Vertraute; Rodzina erzählt davon mit ebenso viel Distanz wie mit genauem Blick auf ihr Empfinden. Und Rodzina weiß, dass sie anderes mit ihrem Leben vorhat, als von ihr erwartet wird. Insofern unterscheiden sich ihre Hoffnungen gar nicht so sehr von jenen der vorerst so kühl wirkenden Begleitern des Kindertransportes. Vor historischem Hintergrund gelingt Karen Cushman einmal mehr der faszinierende Blick auf weibliches Erleben unter außergewöhnlichen Bedingungen. Ein strahlend schöner Wolfs-Mann Sully ist da gar nicht mehr nötig.

Heidi Lexe / STUBE

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Dorothea Lachner / Anna Zimmermann: Tonia und Miss Liz aus Leeds

/ Dorothea Lachner ; Anna Zimmermann. - Wien : Dachs, 2005. - 33 S. ISBN 3-85191-363-9 fest geb. : ca. € 12,90

Tonia hat keine Lust auf Ferien. Nicht in diesem Sommer. Denn in diesem Sommer fällt der Familienurlaub weitgehend aus und Tonia soll dafür eine Aufpasserin zur Seite gestellt bekommen: Miss Liz. Eine Engländerin! Tonia sieht die an das Fräulein Rottenmeier gemahnende Erscheinung schon leibhaftig vor sich! (Und Anna Zimmermann weiß diese kindliche Vorstellung humorig ins Bild zu setzen.) Jetzt soll Tonia auch noch einen Brief dieser Liz beantworten, die scheinbar keine Ahnung davon hat, dass Tonia schon lesen kann und daher eine nette kleine Zeichnung schickt. Aber nicht mit Tonia: Geantwortet wird ebenfalls künstlerisch – mit einem Furcht erregenden Monster. Wer hätte gedacht, dass gerade dieses Monster dazu führt, dass es doch noch ein sehr freundschaftlich miteinander verbrachter Sommer wird? Auf sprachliche Einfachheit bedacht wird eine kindliche Alltagsgeschichte erzählt, deren Herzlichkeit auch in den Illustrationen spürbar wird. Zu empfehlen ab 7 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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György Konrád : Sonnenfinsternis auf dem Berg

: autobiographischer Roman / György Konrád. - Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2005. - 381 S. Aus dem Ungar. von Hans-Henning Paetzke ISBN 3-518-41684-7 fest geb. : ca. € 25,50

Autobiografischer Roman vor dem Hintergrund der ungarischen Geschichte. (DR)

Die Familie des ungarischen Schriftstellers Konrád war etwas Besonderes. In der ganzen jüdischen Verwandtschaft gab es keine Familie, die nach dem Massaker der Nazis noch vollständig war. In jeder anderen Familie war jemand ins Gas geschickt worden. Konrád ist zwölf Jahre alt, als die deportierten Eltern zurückkehren. Als Gymnasiast erlebt er, wie sich seine Klasse in ein kommunistisches Kollektiv verwandelt. Wieder werden Menschen deportiert. Als im Oktober 1956 der Aufstand niedergeschlagen wird und viele seiner Freunde das Land verlassen, entschließt sich Konrád zu bleiben und hält diesen Entschluss sein Leben lang aufrecht. Der Preis dafür ist hoch: 15 Jahre lebt er als "Unperson", seine Werke dürfen in Ungarn nicht erscheinen, jeder seiner Schritte wird überwacht, jedes Wort abgehört. Konrád erzählt nicht streng chronologisch - der Text wirkt wie ein Streifzug durch vergangene Jahre, Zeiten, Orte - er verweilt dort und da, fängt Stimmungen ein, reflektiert die eigenen Beweggründe, erzählt auch vom Schicksal der Verwandten und Freunde. So entsteht ein Panorama der ungarischen Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lesenswert!

Gabriele Reifinger / biblio

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Anna Gavalda : Zusammen ist man weniger allein

: Roman / Anna Gavalda. - München : Hanser, 2005. - 550 S. Aus dem Franz. von Ina Kronenberger ISBN 3-446-20612-4 fest geb. : ca. € 25,60

Zauberhafter Boheme-Roman aus dem Paris der Gegenwart. (DR)

Eine skurrile Wohngemeinschaft mitten in Paris: der schüchterne Adelige Philibert, der überarbeitete Motorradfreak Franck sowie die magersüchtige Camille, die nachts in einer Putzkolonne ihren Lebensunterhalt verdient. In jeder der drei Figuren verbirgt sich ein Künstler: Der im Alltag stotternde Philibert ist ein genialer Geschichtenerzähler, wenn es um die französische Historie geht, Franck ist ein begnadeter Koch und Camille beginnt wieder zu zeichnen und zu malen. Und jeder schleppt eine problematische Familiengeschichte mit sich herum. Schließlich gibt es noch Paulette, die 83-jährige Großmutter von Franck, die nicht in einem Altenheim leben will. Soweit die Protagonisten, die uns Anna Gavalda in ihrem jüngsten Roman so vertraut macht, als ob wir sie schon immer gekannt hätten. Scheinbar aus dem Handgelenk, mit derselben Leichtigkeit, mit der Camille ihre Porträts und Straßenszenen aufs Papier wirft, skizziert die Autorin die Charaktere und fügt die Handlungsstränge zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Der jüngste Roman von Gavalda ist trotz der sehr wohl vorhandenen ironisch-melancholischen Töne ein fröhliches Buch, zumindest eine heitere Gelassenheit ist deutlich erkennbar. Na ja, immerhin geht es auch um Lebenskünstler, oder? Vom schwerfälligen deutschen Titel sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen; dem charmanten Flair des Originals wird die Übersetzung durchaus gerecht. Kurz, ein echtes Lesevergnügen!

Sabine Krutter / biblio

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Österreich und ich

:[Storys aus der Heimat] / [hg. von Luitgard Distel. Peter Handke...]. - Wien : Ueberreuter, 2005. - 105 S. ISBN 3-8000-5130-3 fest geb. : ca. € 11,95

Österreichische Zeitgeschichte in persönlichen Erinnerungen für Jugendliche. (ab 12) (JG)

In dieser abwechslungsreichen Sammlung von Kindheits- und Jugenderlebnissen lassen zehn österreichische AutorInnen den LeserInnen an ihren Erinnerungen vom Kriegsende 1945 bis heute teilhaben. Jutta Treiber zeigt anhand der Geschichte eines Dorfes die rasante wirtschaftliche Entwicklung dieser Zeit, Käthe Recheis erzählt von den letzten Kriegstagen, Sigrid Laube von einer Hochzeitsnacht der anderen Art und Evelyne Stein-Fischer von der Besetzung der Hainburger Au 1984. Peter Handke will mit seinen kritischen Gedanken zum Nachdenken anregen und Stefan Slupetzky erinnert an die politische Verantwortung, die Jugendliche in Zukunft tragen werden. Dieses Buch ist eine Bereicherung für jede Bibliothek. Es dokumentiert, dass politische Freiheit und Wohlstand großteils erst in den letzten 50 Jahren erkämpft wurden. Die Erzählungen bringen den Jugendlichen die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte näher. Zeitgeschichte wird lebendig und setzt den Impuls für die Frage an Eltern und Großeltern, die im Zusammenhang mit "Geschichte" so oft unbeantwortet bleiben muss: "Wie war das damals wirklich?"

Sabine Huber / biblio

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Andrea Bischhoff: Lexikon der Erziehungsirrtümer

: von Autorität bis Zähneputzen / Andrea Bischhoff. - Frankfurt a. M. : Eichborn, 2005. - 415 S. ISBN 3-8218-3915-5 fest geb. : ca. € 25,60

Die Journalistin Andrea Bischhoff zeigt auf, wieviel Wahrheit in den gängigen Erziehungsgrundsätzen steckt. (PN)

"Erziehungsirrtümer", das sind jene Stehsätze, nach denen Eltern heutzutage pädagogische Entscheidungen treffen. Z.B. der Satz "Fernsehen macht Kinder phantasielos" verbannt Fernseher aus diversen Haushalten oder weil "Kinder sehr viel Schlaf brauchen", liegen keineswegs müde Kleinkinder schon um 19 Uhr im Bett und nerven die Eltern durch zahlreiche Extrawünsche. Andrea Bischhoff, gelernte Journalistin und zweifache Mutter, hat solche Sätze gesammelt, unter die Lupe genommen und mit Experten auf den Wahrheitsgehalt abgeklopft. Das daraus entstandene Lexikon ist 410 Seiten dick, alphabetisch von "Autorität" bis "Zähneputzen" geordnet, mit Querverweisen versehen und enthält ein umfangreiches Sachregister zum leichteren Auffinden des Problembereichs. Das Buch ist jeder Bücherei unbedingt zu empfehlen! Es ist ein brauchbares Werk, um sich selbst auf Glaubenssätze zu prüfen und Erziehungsgrundsätze in Frage zu stellen. Die Quellenangaben erleichtern die weitere Suche nach Informationen, denn keineswegs muss man mit der Autorin immer einer Meinung sein. Dennoch wird jeder Erzieher (seien es Eltern, Großeltern oder an Kindern Interessierte) wieder mehr auf seine innere Stimme vertrauen und auf die Kinder und deren Bedürfnisse hören.

Doris Göldner / biblio

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Michael Bitala: Hundert Jahre Finsternis

: afrikanische Schlaglichter / Michael Bitala. - Wien : Picus, 2005. - 159 S. - (Picus Reportagen) ISBN 3-85452-902-3 fest geb. : ca. € 14,90

Eindringliche Reportagen über die dunklen Seiten Afrikas. (EL)

Unberechenbare Kindersoldaten, die ganze Dörfer in Angst versetzen, Laienrichter in Ruanda, die versuchen in improvisierten Dorfgerichten den Völkermord an den Tutsi zu sühnen, trickreiche Bewohner des gefährlichsten Hochhauses in Johannesburg - der deutsche Journalist Michael Bitala lebt seit sechzehn Jahren in Afrika, um das Grauen, das Unrecht, die Korruption und das tagtäglich praktizierte Unrecht zu dokumentieren. Dabei gäbe es ein gewaltiges Potential an Rohstoffvorkommen sowie eine atemberaubende Natur, doch die Ausbeutung durch Kolonialherren, Militärherrschaften und Diktatoren führte dazu, dass der Kontinent heute unzugänglicher denn je geworden ist, Kriege und Krankheiten wie AIDS und Malaria verschlimmern die Situation zusehends. Bitala, dessen Reportagen regelmäßig in der Süddeutschen Zeitung erscheinen, blickt hinter die Kulissen, erklärt Afrika in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, spürt der Hoffnung nach, wie zum Beispiel die der Müllmenschen in Nairobi, die den Wert von scheinbar Nutzlosem entdeckten, oder die der Behinderten, die den Fährverkehr über den Kongo kontrollieren und so ihr Schicksal meistern. Ein wichtiges Buch, weil es in knapper, aber äußerst zugänglicher Form den Schleier des Vergessens von Afrika lüftet und daher allen Bibliotheken nachdrücklich zu empfehlen ist.

Doris Schrötter / biblio

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Mark R. Cohen: Unter Kreuz und Halbmond

: die Juden im Mittelalter / Mark R. Cohen. - München : C. H. Beck, 2005. - 224 S. Aus dem Engl. von Christian Wiese ISBN 3-406-52904-6 fest geb. : ca. € 25,60

Eine interessante und aufschlussreiche Studie über das unterschiedliche Verhältnis von Muslimen und Christen zu den Juden im Mittelalter. (PR)

Mark R. Cohens erstmals 1994 auf Englisch veröffentlichte vergleichende Geschichtsstudie geht der Frage nach, warum die islamisch-jüdischen Beziehungen im Mittelalter merklich besser verliefen als die jüdisch-christlichen und welche Faktoren diese Entwicklung beeinflusst haben: Im (sunnitischen) Islam hatten es Juden und Christen als "Schutzbefohlene" allgemein leichter als die Angehörigen anderer Religionen und oft bestand kaum ein Unterschied zu den Muslimen, solange die hohen Tribute bezahlt wurden. Juden genossen darüber hinaus vor allem als Kaufleute und Mediziner hohes Ansehen, wenngleich es auch unter muslimischer Herrschaft Verfolgungen gab. Noch im 12. Jahrhundert waren Juden auch bei den Christen durchaus privilegiert, bis sich die Situation mit den Kreuzzügen merklich verschlechterte. Denn von nun an verstärkte sich der latent immer vorhandene theologische Hass auf die Juden ("Christusmörder"), was sich auf deren politische und rechtliche Situation massiv negativ auswirkte (Kennzeichnung, Vertreibung und Ermordung). Das ungleiche Image wurde zudem durch die Tatsache gefördert, dass jüdische Verfolgungschroniken aus dem Mittelalter existieren, die vor allem die christlichen Verfolgungen beschreiben und sich - da sie immer wieder erzählt wurden - im kollektiven Gedächtnis stärker einprägten. Eine interessante und gut recherchierte Studie, die auch für das Verständnis des Verhältnisses von Juden, Christen und Muslimen in der Gegenwart wertvolle Dienste leisten kann.

Karl Krendl / biblio

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