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Buchtipps / 2005 / Februar

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Mein Geschichtenbuch für das 1. Schuljahr

geschrieben und gesammelt von Manfred Mai. Mit Illustrationen von Ute Martens. München: dtv (Reihe Hanser) 2004. 174 S., € 7,20 ISBN 3-423-62180-X

Das neue Semester beginnt – und damit für ABC-Schütz/innen jene Zeit, in der es gilt, die tapfer erlernten Buchstaben und Wörter in immer komplexere Wort-, Satz- und Sinnzusammenhänge zu stellen. Nun zeigen sich diverse Buch-Reihen seit Jahren an unterschiedlichen, sogenannten „Lesestufen“ interessiert; erstmals jedoch trägt ein und derselbe Bann der sich entwickelnden Lesefähigkeit der Tafelklassler/innen Rechnung: Umsichtig wird eine Auswahl getroffen, die von kurzen, in Großdruck und Sinnzeilen angeordneten Texten bis hin zu Geschichten reicht, die im Flattersatz gesetzt sind und schon Textverständnis im Sinne eines zu erfassenden Handlungsbogens bedürfen. Mit der Einübung in diese Textstrukturen dürfen auch arrivierte Autor/innen kennen gelernt und damit erste literarische Vorlieben ausgeforscht werden. Ein mit Schwarzweißzeichnungen solide bebilderter Band, der sich als lesedidaktisch kluge und kostengünstige Zusammenstellung sicher auch als Materialienband für Unterricht, Hort, Förderstunde und natürlich für zu Hause eignet. Und trotzdem Lesegenuss vermittelt. Zu empfehlen für Leseanfänger/innen.

Heidi Lexe / STUBE

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Klaus Kordon: Julians Bruder

Klaus Kordon: Julians Bruder. Beltz & Gelberg 2004. 632 S., € 19,50 ISBN 3-407-80927-1

Mit dem Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Jänner 1945 wurde der Blick einmal mehr auf eine notwendige Kultur der Erinnerns gelenkt – so wie es wohl auch Klaus Kordon mit seinem intensiven Roman tut. Auf über 600 Seiten entspannt er ein beeindruckendes Zeitpanorama, in dem sich sein Ich-Erzähler Paul retrospektiv an seine Jugend in Berlin erinnert. Julian, der jüdische Nachbarssohn, ist wie ein Bruder für ihn – als seine Familie deportiert wird, hilft Paul ihm unterzutauchen. Beide überleben den Krieg und erleben den Einmarsch der Roten Armee als langersehnte Befreiung. Doch die beiden erleiden ein dunkles und bisher kaum beleuchtetes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte: Sie werden verhaftet und nach Buchenwald deportiert, dem ehemaligen KZ der Nazis, das nun den Sowjets als Internierungslager für minderbelastete Nazis, vor allem aber für völlig willkürlich verhaftete Männer und Frauen dient. Beklemmend und berührend erzählt Kordon von den Gefühlen und Gedanken der beiden jungen Männer, von der Schwierigkeit, an Willkür und Unterdrückung nicht zu zerbrechen – und vom Zynismus der Geschichte. Zu empfehlen ab 15 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Eveline Hasler: Tells Tochter

Julie Bondeli und die Zeit der Freiheit / Eveline Hasler. - Zürich : Nagel & Kimche, 2004. - 253 S. ISBN 3-312-00342-3 fest geb. : ca. € 19,90

Auch in ihren früheren Romanen hat Eveline Hasler eine Vorliebe für starke und unkonventionelle Frauen bewiesen, die die Regeln missachten, die ihnen Stand und Geschlecht zuweisen. Dazu zählt sicher auch Julie Bondeli, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Bern lebte und der Rousseau "den Verstand eines Mannes und den Witz einer Frau" bescheinigte. Dazu trug wohl auch wesentlich Julies Vater bei, der seiner wissensdurstigen Tochter Unterricht in Mathematik und Philosophie erteilen ließ, was für die damalige Zeit außergewöhnlich war und auch auf heftige Kritik stieß. Einer ihrer Lehrer war Samuel Henzi, ein zu seiner Zeit nicht ganz unbekannter Schriftsteller, der unter anderem ein Stück über Wilhelm Tell schrieb, in dem er dem Schweizer Nationalhelden statt des Sohns eine Tochter zur Seite stellte - daher der Titel des Romans. Die damalige Berner Regierung hatte mit Demokratie nicht viel am Hut. Die Ratsherren teilten die Macht unter sich auf und sorgten dafür, dass wichtige Ämter nur unter ihresgleichen weitergegeben wurden. Das bekam auch Samuel Henzi zu spüren. Seine revolutionären Ideen wurden ihm schließlich zum Verhängnis - er wurde 1749 öffentlich hingerichtet. Gotthold Ephraim Lessing setzte Henzi in einem dramatischen Fragment wenig später ein Denkmal. Für die junge Julie Bondeli war der Verlust des Freundes und Lehrers eine schwerer Schlag. Fortan kämpfte sie für seine Ziele weiter. Unter der Bezeichnung "Petite Sorbonne" unterhielt sie einen literarischen Salon, galt eine Zeit lang als Geliebte des exzentrischen jungen Wieland und wurde weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt. Dennoch hatte sie stets unter den Anfeindungen ihrer Umgebung zu leiden. Im Alter von nur 47 Jahren starb Julie Bondeli an Schwindsucht; ihr privates Glück hatte sie nie gefunden. Eveline Hasler ist es zu verdanken, dass die Geschichte dieser interessanten Frau wieder aus der Vergessenheit geholt wurde. Mit großem Einfühlungsvermögen verbindet sie Historisches mit Fiktivem zu einem gelungenen Ganzen. Originalzitate sind am Kursivdruck erkennbar. Man merkt dem Roman das akribische Quellenstudium an, das Eveline Hasler zu betreiben pflegt. Allen Bibliotheken zu empfehlen.

Anita Ruckerbauer / biblio

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Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben

- München : Hanser, 2004. - 141 S. ISBN 3-446-20531-4 fest geb. : ca. € 16,40

"Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war." Barbara Honigmann, Bildhauerin, Autorin und als solche bereits Trägerin einiger Preise, etwa des Kleist-Preises 2000, legt hier die Beschreibung des Lebens ihrer Mutter vor. Und Alice/Litzy Kohlmann, in Wien geboren, in jüdischem Milieu aufgewachsen, hatte wahrlich ein schillerndes Leben. Sie erlebte als Kommunistin den Februaraufstand 1934 in Wien mit, emigrierte nach England, heiratete in zweiter Ehe Kim Philby, den englischen Meisterspion in Diensten der Sowjetunion, und war selbst als Spionin tätig - von ihr immer als "dieses Kapitel aus meinem Leben" bezeichnet. Später ging sie mit ihrem dritten Mann, dem Journalisten Georg Honigmann, in die DDR und lebte lange in Ostberlin, ohne dort heimisch zu werden. Einige Jahre vor ihrem Tod kehrte sie nach Wien zurück. So weit die Fakten. Das wäre wahrlich genug Stoff für eine umfangreiche Biografie, aber genau das ist dieses Buch nicht. Der Text bleibt seltsam in der Schwebe; vieles hat die Tochter erst spät erfahren, vieles nur erschlossen. Das ist genau der Umgang, den die Mutter mit ihrem eigenen Leben pflegte: Alles blieb vage, nur teilweise erzählt, vielleicht auch nur teilweise erinnert. Die Mutter ließ nur sehr wenige Konstanten in ihrem Leben zu; sogar der Kommunismus verlor mit der Zeit etwas an Faszination für sie. Die Stärke von Honigmanns Buch liegt nun darin, dass sie eben nicht versucht, Fakten zu rekonstruieren, nicht auf den Spuren der Mutter durch halb Europa reist. So entsteht ein Porträt, das den Anspruch einer Biografie nur teilweise erfüllt, dafür aber in sehr poetischer Sprache von den großen Zügen des Lebens und Charakters der Mutter erzählt.

Franz Holztrattner / biblio

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Tim Krabbé: Kathys Tocher

: Roman / Tim Krabbé. - Leipzig : Reclam, 2004. - 255 S. Aus dem Niederländ. von Susanne George ISBN 3-379-00818-4 fest geb. : ca. € 19,50

Es beginnt harmlos: Der niederländische Schriftsteller Tim Krabbé erhält eines Tages unvermittelt eine E-Mail von Laura, einer 28-jährigen Frau, die sich als die Tochter seiner Jugendliebe Kathy zu erkennen gibt. Nun ist ihre Mutter an Krebs gestorben und Laura bittet den Autor, ihr über seine kurze, aber sehr intensive Liebesbeziehung zu der jungen Kathy von einst zu erzählen, über die er damals in seinem Schmerz auch einen unveröffentlichten Roman geschrieben hat. Zuerst verwundert, nach 37 Jahren dergestalt mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden, lässt sich Krabbé schließlich auf die Bitte ein. Er beginnt alte Erinnerungen wachzurufen, Fotos hervorzusuchen, um sie Laura zu kommen zu lassen. Schließlich kommt es zu mehreren persönlichen Treffen und - absurd genug - rasch ist es um beide geschehen. Tim ist von Anfang an von Lauras Ähnlichkeit zu ihrer Mutter fasziniert und fühlt sich mehr und mehr von ihrer Ausstrahlungskraft in Bann gezogen. Das Resultat: Eine neue stürmische Liebesbeziehung entsteht zwischen den beiden, voll Lust und Leidenschaft, entgegen gesellschaftlichen Konventionen und ständig im Schnittpunkt zwischen Vergangenheit (1962) und Gegenwart (1999). Es ist die Kraft der Liebe, die Tim Krabbé in seinem Roman beschwört, den Wahnwitz, den man Liebe nennt, voll Gefühl und Humor, eindringlich und leicht in der Sprache. Und dennoch ist der Roman mehr als nur eine Liebesgeschichte - er ist zugleich auch eine Geschichte über die Anziehungskraft des Erzählens und was passiert, wenn zwei Menschen sich völlig aufeinander einlassen.

Eva Unterhuber / biblio

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Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

- Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2004. - 764 S. Aus dem Hebr. von Ruth Achlama ISBN 3-518-41616-2 fest geb. : ca. € 27,60

Batya Gur hat diesen Roman als nationale Biografie bezeichnet. Als israelische Schriftstellerin mag sie das beurteilen können. Für europäische LeserInnen ist das umfangreiche neueste Buch von Amos Oz ein Werk, das dem Erinnern ein Denkmal setzt. Oz bekennt in einem Zeit-Interview, dass er die Linie zwischen Konfession und Fiktion, zwischen Dokument und Erfindung verwischen wollte. Dies ist ihm gelungen. Er führt uns wie durch ein Fotoalbum und lässt uns in unterschiedlicher Intensität Anteil haben an den Schicksalen zahlreicher Menschen, die nur auf den ersten Blick private Schicksale sind. In ihnen spiegelt sich Weltgeschichte. So heftet sich das Augenmerk der Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugend des Autors Amos Oz, der am 4. Mai 1939 als Amos Klausner in Jerusalem zur Welt kam. An seine Herkunftsfamilie mit Vater und Mutter, deren Selbstmord er lange verdrängte, hier aber mit Schmerz und Liebe schreibend aufarbeitet, sowie an deren Familien, an die Juden in Osteuropa am Vorabend der Shoah, die gekennzeichnet war von zunehmendem Antisemitismus, aber auch an die Anfangszeit des Staates Israel. So komplex diese Ebenen sind, so sehr gehören sie zum Ringen um eine Identität, für die der Pioniergeist der jungen Generation wegweisender war, als das Leid und die Gräuel der Holocaust-Opfer oder der Überlebenden. Amos Oz ist ein opulenter Erzähler, er liebt seine Figuren, beweist unendliche Empathie und ist doch ein Chronist, der fast minutiös Details, Fakten und Stimmungen dokumentiert (etwa das Geschehen in der Nacht, als die UNO über die Teilung Israels entschied oder die letzten 24 Stunden im Leben der Mutter). Familienanekdoten, Erlebnisse aus dem eigenen Leben und dem von Verwandten, Freunden oder Nachbarn füllen dieses Buch, machen es aber nicht langatmig oder gar geschwätzig, sondern lassen tiefer in die jüdische Seele blicken, die von einem Diasporadasein von mehr als 2000 Jahren geprägt ist. Interessant sind auch die integrierten Passagen, in denen der Autor in seine Schreibwerkstatt Einblick gewährt. Da er auch die arabische Seite nicht ausklammert, ist dieses als Roman deklarierte Buch auch allen ans Herz gelegt, die sich für den jüdisch-palästinensischen Konflikt interessieren. LiebhaberInnen gut erzählter Literatur werden ein Lieblingsbuch entdecken.

Martina Lainer / biblio

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Der letzte Trapper

: ein Film von Jean-Pierre Bailly / Fotos Éric Travers für Agence Gamma und Nicolas Vanier. Texte Nicolas und Diane Vanier. - Hildesheim : Gerstenberg, 2004. - 255 S. : durchg. Ill. (farb.) Aus dem Franz. von Cornelia Panzacchi ISBN 3-8067-2934-4 fest geb. : ca. € 46,30

Vanier lernte den Trapper Norman Winter auf einer Kanadadurchquerung kennen. Gemeinsam ein Unwetter in einer seit 50 Jahren verlassenen Blockhütte abwartend, entstand die Idee, einen Film über das Leben eines Trappers drehen. Der vorliegende Bildband ist das Buch zum Film, in dem Norman Winter als der letzte Trapper vorgestellt wird. Es gibt immer weniger Junge, die sich für diesen Lebensstil entscheiden. Bedauert wird auch, dass so wenige Frauen die Voraussetzungen für ein derartiges Leben mitbringen. Die Gefährtin in Buch und Film ist Nebraska, mit der Winter seit 15 Jahren zusammenlebt: Nebraska ist seine vierte Frau. Trapper werden in dieser unendlichen Weite des Nordens als im Einklang mit der Natur lebend gezeigt. Die Grundlage ist Respekt - der Menschen voreinander, aber auch gegenüber den Tieren und der Macht der Naturgewalten. Der Schönheit steht die Gefahr gegenüber, der tiefen Beziehung zu Mensch und Tier die mühsame Bewältigung des Alltags: ein Blockhaus bauen, Fallen stellen, Felle bearbeiten, Kleider daraus nähen, das Wasser als Eisblöcke vor dem Haus stapeln... Nach der Lektüre weiß man, dass zu den Voraussetzungen einer derartigen Lebensführung nicht nur Fertigkeiten gehören, über die nicht (mehr) viele Menschen verfügen. Es wird einem auch bewusst, dass die Fähigkeit, lange Zeit alleine sein zu können und dabei ständig mit lebenswichtigen Arbeiten beschäftigt zu sein, unabdingbar ist.

Rita Kupka-Baier / biblio

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Hans Küng: Der Islam

: Geschichte, Gegenwart, Zukunft / Hans Küng. - München : Piper, 2004. - 891 S. ISBN 3-492-04647-9 fest geb. : ca. € 30,80

Der renommierte Theologe und ausgewiesene Fachmann im interreligiösen Dialog, Hans Küng, beschäftigt sich schon Jahrzehnte mit den großen Religionen, vor allem mit den abrahamitischen, also Judentum, Christentum und Islam. Der vorliegende Band zum Islam, dem grundlegende Werke über das Christentum und das Judentum vorausgegangen sind, soll die LeserInnen befähigen, gegen den viel beschworenen Zusammenprall der Kulturen anzugehen. Das ist aber nicht zu haben ohne das entsprechende Wissen zur Sache, in unserem Fall über eine der größten Weltreligionen, die aus bekannten Gründen ins Gerede gekommen ist. So beschäftigt sich Küng auf knapp 800 Seiten in inhaltlich dichter Form mit dem Ursprung des Islam, seinem Zentrum (Koran, Muhammad und die zentralen Strukturelemente) und seiner Geschichte, die er auf historische Wechsel von Paradigmen, worunter die Gesamtkonstellationen von Überzeugungen zu verstehen sind, untersucht. Ein besonderes Augenmerk richtet der Autor auf die Herausforderungen der Gegenwart an den Islam, die gekennzeichnet sind durch die innerislamische Konkurrenz unterschiedlicher Paradigmen, den Nahost-Konflikt und die Fragen der Zukunftsgestaltung der islamischen Welt (Staat, Demokratie, Recht/Menschenrechte, Wirtschaft). Küng verweist immer wieder auf Abhängigkeiten und Parallelen zu Judentum und Christentum und nimmt daher diese Religionen besonders in die Pflicht, in einen umfassenden Trialog einzutreten, zumal er überzeugt ist, dass es keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden geben könne. Empfehlenswert für anspruchsvolle Leserinnen und Leser.

Karl Krendl / biblio

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