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Buchtipps / 2004 / Dezember

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Robert Ingpen: Bilder erzählen Geschichten

Ill. von Robert Ingpen. Mit Kommentaren von Sarah Mayor Cox. Aus d. Engl. von Werner Thuswaldner. Kiel: Michael Neugebauer Edition 2004, 114 S., € 30,80 ISBN 3-86566-000-2

Robert Ingpen prägte die Metapher von der Straße, die er als Illustrator durch den "Wald der Imagination" schlagen wolle, um LeserInnen unserer Zeit und der Zukunft den Weg in (historische) Welten zu eröffnen. So funktioniert dieses Buch als eine Mischung aus Künstlerbiographie und eigenem Werkkommentar des Robert Ingpen, der jeweils am Ende eines großen Kapitels durch einen wissenschaftlichen Kommentar von Sarah Mayer Cox ergänzt wird. Das Ergebnis ist eine lehrsame, wie aber erfreulicherweise auch äußerst unterhaltsame Selbststudie zum Bild als vermittelnde Instanz zwischen Geschichte(n) und LeserInnen. So gewährt der australische Illustrator Einblick in seinen Arbeitsprozess anhand von unterschiedlichen Entwicklungsstufen seiner Bilder und dem erhellenden Kommentar dazu. Wer also schon immer etwas über den Schaffungsprozess einer der großen Illustratoren unserer Zeit und seine theoretischen Ideen hinter den Farben und Formen wissen wollte, findet in diesem Werk eine inhaltlich wie gestalterisch äußerst ansprechende und abwechslungsreiche Möglichkeit. Empfehlenswert für alle, die sich für Illustration im allgemeinen und Kinderbuchillustration im besonderen interessieren.

Lukas Bärwald / STUBE

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Marjaleena Lembcke: Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen

Ill. von Sybille Hein: St. Pölten: NP 2004, 124 S., € 16,90 ISBN 3-85326-285-6

Soeben hat noch morgendliches Treiben das Märchenschloss erfüllt, doch plötzlich erstarrt das gesamte Personal wie durch Zauberhand. Nicht die böse Fee trifft diesmal die Schuld, sondern den Autor. Er leidet an einer Schreibkrise. Einzig die Königsfamilie selbst ist überzeugt genug von sich, um ohne dessen Kreativ-Einfälle zu existieren: Tapfer verlassen sie das Schloss, um ihren Autor zu finden und zur Weiterarbeit zu bewegen. Allerdings wird ihnen allmählich klar, dass der Übertritt von der Fiktionalität in eine Realität nur sehr eingeschränkt möglich ist... Ein wunderbar groteske Plot, der den Rahmen gewöhnlicher Märchenerzählungen sprengt und durchaus Ähnlichkeit zu Pirandellos Stück "Sechs Personen suchen einen Autor" aufweist. Zwischen den Zeilen (ein für sich genommen liebenswerten und mit Esprit illustrierten Geschichte) findet damit eine Auseinandersetzung mit Literatur und Literarität statt, wie sie im Kinderbuch selten vorkommt. Empfehlenswert ab 8 Jahren.

Nicole Kalteis / STUBE

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Jaclyn Moriarty: Der Club der nackten Wahrheiten

Jaclyn Moriarty: Der Club der nackten Wahrheiten. Aus dém Engl. von Johanna Ellsworth. Würzburg: Arena 2004, 324 S., € 9,95 ISBN 3-401-05348-5

Ein Roman, der nur aus Briefen besteht, damit "die Kunst des Briefeschreibens in der Internet-Generation nicht verschütt geht", wie der Englischlehrer von Elisabeth das so treffend ausgedrückt hat. Doch nicht nur auf einer "realen" Ebene wimmelt es von Schriftstücken, wie von die Zettel am Kühlschrank von Liz' Mutter, ihre neue Brieffreundschaft oder die Postkarten ihrer alten, besten Freundin, die wieder einmal von zu Hause weggelaufen ist; auch illustre Vereine wie "der Club der nackten Wahrheiten", "die Vereinigung der Teenager" oder "die Schwesternschaft für junges Glück" müssen ihren Senf zu all den Ereignissen in Elisabeths Leben geben und schicken ungefragt E-mails an die Protagonistin. Verbalisiert werden damit deren inneren Ängste und Unsicherheit oder, überspitzt gesagt, das "Über-Ich" eines Teenagers. Bis es ihr zum Schluss dieses unterhaltsam erzählten Jugendromans gelingt es Elisabeth jedoch, sich von diesen brieflichen Kommentaren und Ratschlägen zu emanzipieren: "Falls Sie mir nochmals schreiben? Ich werde Ihren Brief in winzige Stücke zerreißen und im Klo entsorgen." Empfehlenswert ab 13 Jahren.

Tina Reiter / STUBE

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Ranya Paasonen: Der Stand der Sonne

München : dtv, 2004. - 155 S. Aus dem Finn. von Stefan Moster ISBN 3-423-24398-8 kt. : ca. € 12,90

Im Zug von Assuan nach Luxor begegnen sie sich: Ismael und Anu, Gott und Vernunft, Finnland und Ägypten, Mann und Frau, Feuer und Wasser. Damit setzt eine Liebesgeschichte ein, die das Paar außerhalb seiner Zeit in glänzendes Licht rückt. Heimatlos sowohl in ihrem als auch in seinem Land, in ihrer und seiner Kultur machen sie sich den Osten und den Westen, den Süden und den Norden und ihre zwei Töchter zur Wohnstatt. Solange er sie anschaut und sie sich in seinem Blick sieht, ist es egal, ob man Orangen praktisch viertelt oder als Spirale schält, die man sich als Schmuck um das Handgelenk windet. Doch dann trat das Grau in ihre Augen, dass sie einander nicht mehr erkannten, und ihre Liebe erlosch. Im Dunkel, im trostlosen Zwischen der Kulturen und Religionen müssen die Töchter lernen, sich zurecht zu finden. Es gelingt, als sie den Wunsch aufgeben, in einer Hälfte Wurzeln zu fassen. Die poetische Sprache bringt die Faszination des anderen zum Leuchten, sie verklärt nicht die Abgründe, zeigt aber eindrucksvoll, dass es auch jenseits des Scheiterns ein Leben gibt, das glücksfähig ist. Ein sehr empfehlenswerter Roman, der aus dem Stoff gemacht ist, aus dem Kultbücher entstehen. Alle Voraussetzungen und das Potenzial dafür hat er.

Christiana Ulz / biblio

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Francois Lelord: Hectors Reise

: oder die Suche nach dem Glück / Francois Lelord. - München : Piper, 2004. - 185 S. Aus dem Franz. von Ralf Pannowitsch ISBN 3-492-04528-6 fest geb. : ca. € 17,40

Hector, ein junger, gewissenhafter Psychiater, muss erkennen, dass seine Patienten an einer undefinierbaren Unzufriedenheit leiden, gegen die er mit den herkömmlichen Methoden der Medizin nicht anzukommen vermag. Unzufrieden mit sich selbst, weil er die Menschen nicht glücklich machen kann, begibt sich Hector auf eine Weltreise, um dem wahren Glück auf die Spur zu kommen. Lelord hat mit seinem liebenswerten Psychiater eine Figur geschaffen, die in ihrer unerschütterlichen Wissbegierde an Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen erinnert. Offen und mit echtem Interesse am Schicksal anderer geht Hector auf die Leute zu und fragt sie, was das Glück in ihrem Leben ausmacht. Auf diese Weise erhält er im Laufe seiner abenteuerlichen Reise dreiundzwanzig Antworten: Er erfährt, wie Einsamkeit, Krankheit, Armut und Neid ein glückliches Dasein erschweren, und erkennt, dass eine nützliche Beschäftigung, die Nähe zu einem geliebten Menschen und das Glück anderer das eigene Leben bereichern. Lelord fasst einfache, scheinbar banale Dinge, die im Alltag schnell in Vergessenheit geraten, aber das Leben erst lebenswert machen, in Worte. In diesem Märchen für Erwachsene, in dem er die Defizite unserer modernen Gesellschaft durch eine kindlich-unschuldige Erzählperspektive hervorhebt, lenkt er den Blick des Lesers auf das Wesentliche: Unbewusst begibt man sich während der Lektüre auf die Suche nach dem individuellen, persönlichen Glück. Ein Buch, das in seiner Ehrlichkeit zu Tränen rührt und die eigene Lebensweise zu verändern vermag. Lelord, selbst ausgebildeter Psychologe, hat Hectors Ziel erreicht: Mit diesem Märchen schrieb er einen liebevollen Wegweiser zum Glück, der in keiner Bibliothek fehlen sollte.

Cornelia Gstöttinger / biblio

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Hiner Saleem: Das Gewehr meines Vaters

: eine Kindheit in Kurdistan - München : Malik, 2004. - 124 S. ISBN 3-89029-280-1 fest geb. : ca. € 15,40

Hiner Saleem ist heute ein erfolgreicher Filmemacher, der in Frankreich lebt. Nie aber vergisst er seine Kindheit im Norden des Iraks, in Kurdistan. In seiner Heimatstadt Akré erlebt er zunehmende Schikanen gegen die Kurden mit, auch seine Familie ist betroffen, sodass sie alle in ein Dorf nahe dem Hauptquartier des kurdischen Widerstandes fliehen. Der Vater wird Funker von General Barzani, der älteste Bruder ist in den Bergen. Es ist die Zeit als Saddam Hussein an die Macht kommt, die er in den ersten Jahren noch mit Präsident al-Bakr teilt. Aber das Dorf wird mit Napalm bombardiert und nach einem - wie sich später herausstellt - trügerischen Friedensabkommen zwischen der Regierung in Bagdad und den Kurden kehrt die Familie nach Akré zurück, baut sich ihr Haus wieder auf und glaubt an die nahe Freiheit Kurdistans. Allmählich kommen immer mehr arabische Regierungssoldaten ins Land, die Kurden werden aus den Ämtern entlassen, die kurdischen Schüler nicht in die nächsten Klassen versetzt und zum Eintritt in die Baath-Partei genötigt. Hiner Saleem steht auf der Seite der Suspekten, denn seine männlichen Verwandten sind im Widerstand und er muss immer wieder Gründe erfinden, um einem Parteibeitritt auszuweichen. In den nächsten Jahren verschärft sich die Lage der Kurden zusehends bis die irakische Regierung offiziell eine Offensive startet, vor deren Bomben die Familie in den Iran flüchtet. Viele Familien entschließen sich, in die USA zu emigrieren, Hiner Saleems Familie aber will ihr Land nicht verlassen, sie gehen nach Kurdistan zurück. Doch der nun 18-Jährige sieht keine Zukunft mehr in seinem Land. Der Autor bringt die Tragödien seiner Kindheit in ruhiger, ja fast teilnahmsloser Schilderung, gerade deshalb gehen die Ereignisse so unter die Haut. Einem breiten Publikum zu empfehlen.

Hertwiga Kröss / biblio

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Franz König: Gedanken für ein erfülltes Leben

Ausgew. u. hrsg. von Annemarie Fenzl und Heinz Nußbaumer. - Graz : Styria, 2004. - 190 S. : Ill. (farb.) ISBN 3-222-13162-7 fest geb. : ca. € 14,90

Viele Bücher nahmen sich bereits zum Ziel, Leben, Gedanken und Werk Kardinal Königs nachzuzeichnen und zu würdigen. Von all diesen Publikationen hebt sich vorliegendes Buch ab. Hier werden nicht sein Leben und Werk dokumentiert, sondern es wird versucht, den Quellen nachzuspüren, die grundlegend für das Gottes- und für das Menschenbild von Franz König gewesen sind. Die Herausgeber halten Ausschau nach dem, was sein Leben zu so einem erfüllten Dasein gemacht hat. Dazu sind Passagen aus seinen Reden, Schriften und Predigten zusammengestellt, die in besonderer Weise von seinem Glauben, Sehnen und Hoffen Zeugnis geben. Sie beziehen den Leser ein in die innersten Überzeugungen des Kardinals und sind zugleich Wegweisungen für ein Christentum, das einschließt statt auszuschließen, das ermutigt statt zu entmutigen. Zu der persönlichen Note, die dieses Buch ausstrahlt, tragen wesentlich die kommentierten Abbildungen privater Gegenstände des Kardinals bei, die einen weiteren, ganz persönlichen Zugang zu ihm erlauben: zum Priester, zum Bischof, zum Wissenschaftler, zum Marienverehrer, zum Beter, zum Menschen. Für alle Büchereien und breit zu empfehlen als Geschenk oder Meditationsbuch!

Hanns Sauter / biblio

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David Chotjewitz: Das Abenteuer des Denkens

: Roman über Albert Einstein / David Chotjewitz. - Hamburg : Carlsen , 2004. - 347 S. ISBN 3-551-20984-7 fest geb. : ca. € 18,60

Ein wunderbarer Einstein-Roman ist dem in Hamburg lebenden Schriftsteller David Chotjewitz zu verdanken. Er hat den Roman so angelegt, dass er für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen interessant und eingängig zu lesen ist. Ja, er könnte sogar ein Lesetipp gerade für diejenigen jungen Menschen sein, denen schulische Physik und Mathematik ein Gräuel sind, sie könnten durch die Lektüre einen neuen, spannenden Zugang zur Materie bekommen und möglicherweise das eine oder andere Schulbeispiel besser verstehen. David Chotjewitz versteht es nicht nur, einige der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Einsteins beispielhaft durchschaubar zu erläutern, nein, sein Roman zeichnet sich auch durch ein spürbares Interesse an den Figuren aus. Sie dürfen alle Menschen sein. Der Autor lässt Einsteins Grandiosität nicht aus, aber auch nicht seine chauvinistischen Anwandlungen, er erinnert an Mileva Maric-Einsteins großartige Mathematikkenntnisse und an die tragisch verlaufene Ehe mit Albert. Vorzüge und Nachteile großer Popularität werden ebenso besprochen wie die ideologischen Fallstricke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So gelingt die differenzierte Bestandsaufnahme eines komplexen Lebensentwurfs in einer schweren Zeit.

Daniela Galehr / biblio

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