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Buchtipps / 2004 / September

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Elaine L. Konigsbrug: Stummer Notruf

Aus dem Amerikan. von Gudrun Likar. Wien: Ueberreuter 2004. 228 S., € 14,95 ISBN 3-8000-5096-X

In einem Satz zusammen gefasst: Als dessen Baby-Schwester schwer verletzt wird, hilft Ich-Erzähler Connor seinem paralysierten Freund Branwell, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Nun: Wie viele Sterne Connor und Branwell für diesen All-in-one-Versuch verliehen hätten, muss dahin gestellt bleiben. Zumal in einem Satz wie diesem weder die Verzweiflung zur Sprache kommt, mit der alle Beteiligten den Überlebenskampf der kleinen Nikki verfolgen, noch die Scham, die Branwell verstummen lässt. Man hält den Halbwüchsigen für schuldig, vermutet, dass er es war, der das Baby fallen gelassen hat. Zumindest deutet das Tonband jenes Anrufes darauf hin, der am 25. November um 14.43 in der Notrufstelle von Epiphany eingegangen ist. Auch in der Folge werden penibel die Tage gezählt, scheint die Zeit nicht zu verrinnen. Connor, Branwells bester Freund, nutzt diese Zeit um Stück für Stück Hinweise darauf zusammenzutragen, was wirklich passiert ist. Und natürlich gilt es dafür weiter auszuholen, Familiengeschichten aufzurollen, die Menschen nach ihren Beziehungen zueinander zu befragen. Connor kommt die Rolle einer Ermittlerfigur zu, die stellvertretend für die LeserInnen Indizien zusammenträgt und Befragungen durchführt. Es gelingt ihm, mit dem seit jenem Tag handlungsunfähigen Branwell in Kontakt zu treten; die alten Spiele, die Lust an Sprachassoziationen und Satzverkürzungen helfen ihm dabei. Der arrivierten amerikanischen Autorin gelingt es, sich ausschnitthaft einem Stück Leben in einer Kleinstadt zu nähern. Sie erzählt verlangsamt und mit großer Aufmerksamkeit für die Eigenwilligkeiten ihrer Figuren. Und sie lässt das Spannungsmoment dabei niemals aus den Augen. Zu empfehlen ab 12 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Ian Falconer: Oliva und das verlorene Kuscheltier

Dt. von Monika Osberghaus. Hamburg: Oetinger 2004. 32 S., € 12,00 ISBN 3-7891-6509-3

Vorsicht bissiger Hund! Olivia mag diese Warnung gekannt, doch sicher nicht damit gerechnet haben, dass damit ihr eigener Hund gemeint sein könnte. Der Schreck fährt ihr dem entsprechend in alle Schweineglieder, als sich ihr im gewitterumtobten nächtlichen Ambiente ein Anblick des Grauens bietet: Einen furchteinflößenden Schatten an die Wand werfend hockt DER HUND vor seinem Opfer: dem in Stücke gebissenen Kuscheltier. Man darf sich diesmal also schön gruseln mit dem vieltalentierten Schwein; und man darf Olivia auf der Suche nach Schnuffel folgen – durch erneut mit unendlich viel Bildwitz gestaltete Illustrationen. (Natürlich reisen wir – ganz wie es Olivias Art ist – nebenbei rasch nach Ägypten, bereiten uns auf das Fußballtraining vor, spielen mit der Katze und üben Klavier). Und dabei verirren sich doch tatsächlich auch grüne Effekte in das gewohnte, für Olivia so spezifische rot-weiß-schwarze Setting; sie verweisen wohl auf den besonderen Status, den Schnuffel in Olivias Leben hat – zumindest ab jenem Zeitpunkt, da er verschwunden ist ... Ein neuer, köstlicher Olivia-Band, für LiebhaberInnen des exaltierten Schweinemädchens ebenso wie für all jene, denen die wunderbare Erstbegegnung noch bevorsteht! Zu empfehlen ab 4 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Italo Calvino: Ein General in der Bibliothek

: und andere Erzählungen / Italo Calvino. - München : Hanser, 2004. - 294 S. Dt. von Burkhart Kroeber ISBN 3-446-20452-0 fest geb. : ca. € 22,10

Wer aus Italo Calvinos Labyrinth-Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" wieder herausfand, blickt seither mit strahlendem Lächeln auf Lesende und Bücher. Man weiß seither, wie sehr die Lektüre Menschen irritieren und verändern kann, man schreckt sich nicht mehr vor Unerwartetem, schwört der Kalkulierbarkeit von Geschichten zugunsten unerwarteter Wendungen ab. Italo Calvino (1923 - 1985) hat nach seinem Literaturstudium als Lektor und Journalist gearbeitet, seine Werke "Der geteilte Visconte", "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" oder "Der Baron auf den Bäumen" sind weltberühmt. Wer Calvinos Bücher öffnet, erlebt ein Feuerwerk der Erzählfreude, gemixt mit Fabulierkunst und -technik. Man freut sich, im vorliegenden Band wieder dem großen Erzähler und Menschenkenner Calvino zu begegnen. Mit der ihm eigenen Liebe für das Ungewöhnliche und Schrullige hat er Figuren erschaffen, die ihrer - auch politischen - Phantasie folgend, Gegenwelten des Alltags entwerfen und diese bewohnen. In der Titelgeschichte lässt er hohe Militärs erkennen, wie gefährlich die Lektüre ist, ein alter Bibliothekar erlebt die Verstörungen und Zusammenbrüche der Offiziere mit, Frühpensionierungen sind die Folge: Lesen ist gefährlich, wer das Labyrinth der Phantasie begeht, bleibt länger weg. Ein Buch, das ich allen Bibliotheken empfehle, nicht nur Zivildiener werden es gerne lesen.

Christina Gastager-Repolust / biblio

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Dave Barry: Tricky Business

Frankfurt a. M. : Eichborn, 2004. - 292 S. ISBN 3-8218-0938-8 fest geb. : ca. € 20,50

Es ist eine Ansammlung skurriler Personen, die zu Beginn dieses Romans vorgestellt wird: Der durch Gaunereien reich gewordene Unternehmer Bobby Kemp, der gescheiterte Musiker Wally und die alleinerziehende Kellnerin Fay sind nur einige davon, und sie alle haben auf irgendeine Weise mit der "Melodie des Meeres" zu tun, einem Casinoschiff, das jeden Abend vor der Küste Miamis umherschippert und auf dem Glücksspielsüchtige jede Menge Geld verlieren können. Doch an diesem Abend, an dem in Florida ein Hurrikan tobt, geraten auf der "Melodie des Meeres", die nicht nur eine Oase für Glücksspieler, sondern auch ein florierender Drogenumschlagplatz ist, die Dinge außer Kontrolle. Dave Barry ist ein Meister des Wortwitzes, der Situationskomik und des schwarzen Humors, und er hat mit diesem Roman eine brillante Komödie geschrieben, in der er ein regelrechtes Feuerwerk an Pointen auf das Publikum niederprasseln lässt, und die ihre Leserschaft mit Sicherheit nicht nur zum Schmunzeln, sondern zum lauthals Lachen hinreißt. Barry hat ein geniales Handlungskonzept aufgestellt, in dem sich die einzelnen Erzählstränge in konzentrischen Kreisen einem Finale annähern, dessen spektakuläre Großartigkeit alsbald erahnt und man atemlos entgegenhechelt. Der Autor versteht es blendend, schrille Charaktere zu skizzieren, er ist ein gnadenloser Beobachter und spart nicht mit beißendem Spott und Sarkasmus. Mit diesem Buch ist Barry wieder eine ausgesprochen komisches Werk gelungen, das vor Gags nur so sprüht und Liebhaber/innen intelligenten Humors begeistern wird.

Michaela Grames / biblio

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Roland Michaud: Der Zauber des Orients

: die islamische Welt im Spiegel von Vergangenheit und Gegenwart / Roland und Sabrina Michaud. - Stuttgart : Belser, 2003. - 255 S. : zahlr. Ill. (farb.) ; 29 x 25 cm ISBN 3-7630-2261-9 fest geb. : ca. € 41,10

Von Arabien bis nach Marokko im Westen und China im Osten reicht der Bilderbogen, in dem Roland und Sabrina Michaud den Zauber des Orients spürbar machen. Die Idee scheint simpel - man wähle Details aus dem reichen Schatz orientalischer Buchmalerei und stelle ihnen Fotos von heute gegenüber. Alltägliches, ob es nun das Feuermachen, Beladen der Kamele, Färben der Wolle ist, oder das Besondere wie der Tanz, die Liebe oder die religiöse Hingabe - all dies wurde schon vor Jahrhunderten künstlerisch festgehalten und findet nun in den ästhetischen Fotos der Michauds geradezu unglaubliche Entsprechungen. So verblüffend die malerisch-fotografischen Übereinstimmungen sind, nicht minder reizvoll ist es, wenn der umgekehrte Weg eingeschlagen wird und das Foto Ausgangspunkt für die Suche nach einem malerischen Pendant wird. Hinreißend im wahrsten Sinn des Wortes wird es, wenn dem Foto eines tanzenden Derwisches keine figürliche Abbildung gegenübergestellt wird, sondern die Kuppel einer Moschee, deren emaillierte Ziegelsteine einen dynamischen Effekt erzeugen, der den Betrachter förmlich in den Tanz zieht. Roland und Sabrina Michaud sind nicht nur begnadete Fotografen, aus ihren Fotos sprechen auch deutlich eine große Liebe und Respekt für islamische Kultur und Spiritualität. Schön wäre es, wenn sich ein wenig davon dem Betrachter erschließt. An dem herrlichen Bildband kann man sich kaum satt sehen, daher sei hier ausdrücklich auch auf den ausgezeichneten Textteil hingewiesen.

Ingrid Kainzner / biblio

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Armin Kratzert: Playboy

: Roman / Armin Kratzert. - Salzburg : Jung und Jung, 2004. - 117 S. ISBN 3-902144-69-6 fest geb. : ca. € 17,80

Es gibt noch Wege zu gehen für die Toten, um Versäumtes zu erreichen. Was ich von einer alten Bäuerin mit wohligem Grusel in der Kinderzeit gehört habe, ist neuerdings auch Thema der Literatur. In Andreas Renoldners "Als ich von der Hetzau in die Schindlau ging" (Ed. Atelier 2000) begleiten wir einen Selbstmörder, der die Grenze zur anderen Welt bereits überschritten hat, auf seiner mühsamen Wanderung durch Regen und Nebel einem unbestimmten Sonnenaufgang auf der anderen Seite des Berges entgegen. Von ganz gegensätzlicher Leichtigkeit erfüllt, erscheint uns auf den ersten Blick Porfirio Rubirosa aus Armin Kratzerts "Playboy". Ein Toter auch er - beim Grand Prix von Monza wurde er durch einen in die Zuschauerränge stürzenden Ferrari aus dem Leben geholt, um dasselbe schon im nächsten Augenblick unter gänzlich veränderten Umständen unbeschwert wieder aufzunehmen. Standesgemäß wie im Sterben, zeigt dieses hochkultivierte und leicht degenerierte Millionärssöhnchen auch Stilsicherheit in seinen postmortalen Begegnungen: Mit Pablo Picasso, Albert Einstein, Romy Schneider oder Winston Churchill trifft er die Ikonen des 20. Jahrhunderts, um im Gespräch mit ihnen auch ihrem Scheitern und ihren Lebenslügen zu begegnen. Von der Oberflächlichkeit des Ruhms und der Unterhaltung zusehends angeödet - auch die erotischen Erfüllungen mit einer Außerirdischen langweilen schnell -, findet er sich auf die zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens zurückgeworfen. Wohl nicht zufällig greift ihm diese melancholische Vanitas-Befindlichkeit in der barockimprägnierten Gegend zwischen München und dem Salzkammergut ans bereits verstummte Herz. Wie Hofmannsthals Claudio ("Der Thor und der Tod") überfällt ihn im Rückblick die schmerzliche Erkenntnis, nicht wirklich gelebt zu haben und auf den Wellen des Vergnügens nur durch das Leben geschwebt zu sein. Gescheitert in der Liebe, im Vatersein, im Sohnsein. In heiter-ironischer Tonlage, anspielungsreich und im ausgeklügelten Spiel mit den Zeitebenen führt Kratzert erzählerisch gekonnt seinen Helden letztlich zur erlösenden affirmativen Begegnung mit dem Leben und mit sich selbst. Vor Jahren gab es die Idee, den "Jedermann" neu schreiben zu lassen. Armin Kratzert hat den "Jedermann" zum "Playboy" säkularisiert und sich dieses Auftrags auf unterhaltsame Weise angenommen.

Reinhard Ehgartner / biblio

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Hell und Schnell

: 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten / hrsg. von Robert Gernhardt u. Klaus Cäsar Zehrer. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2004. - 621 S. ISBN 3-10-025505-4 fest geb. : ca. € 25,60

Das Vorurteil, die Deutschen seien besonders humorlos, widerlegt die vorliegende Sammlung zumindest in Hinblick auf die deutschen DichterInnen (wobei nur vier Autorinnen den Eingang in die Sammlung schaffen). Robert Gernhardt, selbst ein Vertreter virtuoser und geistreicher Komik, stellt sogar eingangs die These auf, dass in keiner anderen kontinentaleuropäischen Hochliteratur komische Gedichte in dieser Dichte und Qualität zu finden seien als eben in der deutschen seit Lessing. Verifiziert wird dies in sechs "Räumen": Der erste versammelt in einer Art "Ehrenhalle" 25, zum Teil seit Generationen immer wieder abgedruckte Gedichte der Hochkomik. Danach gelangt man in die "Galerie". Auch dort findet sich viel Bekanntes, aber ebenso Neues und Entdeckungswürdiges. Parodien, Travestien und Nachahmungen bietet das "Spiegelkabinett". Dass Komik gerade auch von Regeln und vom gezielten Regelverstoß lebt, zeigt der "Spielsalon". Und wunderbare und skurrile Fundstücke aus deutschen Dichterstuben werden in der "Wunderkammer" ausgestellt. Im "Ausgang" erhält man noch etliche "Backgroundinformationen" über die Textauswahl, während der Anhang noch ein sehr informatives Quellenverzeichnis und Infos über die AutorInnen bietet. - Eine Art neues Standardwerk komischer Poesie. Zum Vergnügen und Nutzen sehr gern empfohlen

Fritz Popp / biblio

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