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Buchtipps / 2004 / April

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Erlbruch, Wolf: Die große Frage

Wuppertal : Hammer, 2004. - [26] Bl. : durchg. Ill. (farb.) ; 30 cm ISBN 3-87294-948-9 fest geb. : ca. € 15,40

In der zuletzt von Wolf Erlbruch illustrierten Schöpfungsgeschichte „Am Anfang“ lag eine der besonderen Herausforderungen darin, sich das Nichts vorzustellen. Denn wer sich das Nichts vorstellen will, muss sich alles wegdenken – sogar die eigene Mutter. Gleichsam aus diesem unvorstellbaren Nichts schöpft Wolf Erlbruch auch hier, wenn er auf leeren Hintergrund collagierte Figuren auf eine große Frage Antwort geben lässt: „Sagt der Matrose: ‚Um die Meere zu befahren, bist du auf der Welt.’“ Überraschend und berührend, hier auch einmal selbstgefällig, dort durchaus auch banal zeigt sich die schlichte Aneinanderreihung an Erklärungsversuchen. Deren Besonderheit liegt in der Direktheit der Präsentation: Eine kurze Inquitformel, großflächige figuralen Lösungen und der nicht vorhandene Raum zeigen auf sich selbst zurückgeworfene Figuren – und erzielen damit den selben Effekt bei den Betrachter/innen. Man schmunzelt. Und man weint ein bisschen – innerlich. „Sagt der Tod: "Du bist auf der Welt, um das Leben zu lieben.’“ „Sagt die Ente: ‚Ich hab überhaupt keine Ahnung.’“ Gebrochen wird das Schema allein von der Mutter, die sich am Du orientiert: „’Du bist da, weil ich dich lieb habe’, sagt die Mutter.“ Damit wird das große Nichts wohl noch schwerer begreifbar; doch damit wird das Du auch aufgefordert, sich einzubringen: Im Anhang findet man linierte Seiten, um seine eigenen Antworten aufzuschreiben. Dann, wenn man größer ist. Über die Antworten miteinander zu philosophieren, ist wohl schon viel früher möglich. Sehr zu empfehlen ab 5 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Brigitte Minne: Eichhörnchenzeit oder Der Zoo in Mamas Kopf

Aus dem Niederländ. von Andrea Kluitmann. Mit Illustrationen von Marja Meijer. Sauerländer 2004. 103 S., € 11,30 ISBN: 3-7941-6021-5

Amber ist ein starkes Mädchen in bester niederländischer Kinderbuchtradition. Sie ist eine tolle Fußballerin, wirkt immer cool und kümmert sich um ihren kleinen Bruder, wenn Mama mal wieder nur im Bett liegt und schläft – wie ein Eichhörnchen, das Winterschlaf hält. Es gibt aber auch Tage, an denen sie giftig ist wie eine Schlange, oder noch viel schlimmer, ausgelassen wie ein Zirkusaffe und ihre coole Tochter in ganz und gar peinliche Situationen bringt. Aber auch das stärkste Mädchen hat Grenzen — erst als die Lage eskaliert, erkennen die Erwachsenen, dass die Mutter professionelle Hilfe braucht. Stimmig wird aus kindlicher Sicht von den Schwierigkeiten erzählt, eine psychische Krankheit als solche zu erkennen und nicht als „Verrücktheit“ abzutun, Hilfe zuzulassen und mit dem Wissen zu leben, dass die „Tiere im Kopf“ von den Medikamenten zwar sanftmütiger, aber vielleicht nie ganz verjagt werden. Zu empfehlen ab 9 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Höfer, Albert: Spuren Gottes in meinem Leben

München : Don Bosco Verl., 2003. - 175 S. ISBN 3-7698-1431-2 kt. : ca. € 13,30

Albert Höfer, steirischer Religionspädagoge, Priester und Psychotherapeut und seit etlichen Jahren blind, geht im vorliegenden Band den Spuren Gottes in seinem eigenen Leben nach. Ausgehend von frühkindlichen Gotteserfahrungen im Spannungsfeld einer sehr problematischen Vaterbeziehung erschließt der Religionspädagoge die biblischen Gleichnisse auf dem Verstehenshorizont heutiger Literatur und spannt schließlich den Bogen zu Heils- und Erlösungserfahrungen, die abseits jeglichen Mühens plötzlich und unvermutet in seinem Leben aufblitzten. Der starke autobiografische Bezug soll die Leser/innen ermutigen, nach ähnlichen Spuren Gottes in der eigenen Biografie zu suchen, bzw. offene Augen für diese Spuren zu entwickeln. Ein Bändchen, das sich in seiner schlichten Dichte wohltuend vom oft mit zu Leerformeln verkommenen Schlagworten besetzten eingschlägigen Buchmarkt abhebt. Höfer hat vielleicht gerade durch den Verlust des Augenlichts ein zusätzliches Wahrnehmungsorgan für zwischenmenschliche Beziehungen und die Gottesbeziehung erhalten. Allen Bibliotheken sehr zu empfehlen.

Monika Roth / ÖBW

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Grönemeyer, Dietrich: Mensch bleiben

High-Tech und Herz - eine liebevolle Medizin ist keine Utopie / Dietrich Grönemeyer. - Freiburg i. Br. : Herder, 2003. - 190 S. ISBN 3-451-28250-X fest geb. : ca. € 20,50

Dass der Mensch zwischen all den neuen Technologien verschwinden und selbst zur Maschine werden könnte, ist eine der häufigsten Zukunftsängste. Dr. med. Dietrich Grönemeyer, Spezialist für Mikrotherapie und -chirurgie, sieht einer rosigeren Zukunft entgegen, in der High-Tech-Medizin im Dienste der Gesundheit und des Wohlbefindens des Menschen stehen. Dazu, plädiert er, müsste man aber in vielen Bereichen vernetzter und ganzheitlicher denken. Grönemeyer schlägt Brücken zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin wie asiatischen Heillehren, deren Potenzial begleitend zur westlichen Medizin mehr ausgeschöpft werden sollte. Im Zuge der Debatten zu Reformen des Gesundheitswesens plädiert er dafür, mehr Augenmerk darauf zu legen, den Menschen gesund bleiben zu lassen, im Krankheitsfall besser zu betreuen und danach mehr Wert auf eine nachhaltige Rehabilitation zu legen. Daher wünscht sich Grönemeyer eine offensive, übergreifende Gesundheitspolitik, die den Gesundheitssektor als "Megamarkt der Zukunft" auch wirtschaftlich gewinnbringend auszunutzen weiß. Ein sehr menschliches und persönliches Buch, leicht verständlich für einen breiten Leserkreis geschrieben, in dem hoffentlich auch Entscheidungsträger zu finden sein werden.

Lukas Schmuckermair / ÖBW

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Rohrecker, Georg: Die Kelten Österreichs

auf den Spuren unseres versteckten Erbes / Georg Rohrecker. - Wien : Pichler, 2003. - 203 S. : Ill. (teils farb.) ISBN 3-85431-317-9 fest geb. : ca. € 24,90

Ein informatives Buch über Leben, Kultur und Religion der Kelten. Der Autor berichtet zuerst über die Kelten, um dann seine Suche nach ihren Spuren auf dem Boden Österreichs zu intensivieren. Ob der Ursprung der Kelten wirklich in Österreich zu suchen ist, wie Rohrecker behauptet? Man staunt, wie häufig sich Keltisches etwa hinter Ortsnamen, Sagen, heiligen Orten und Personen verborgen findet. Solange der Autor nüchtern und sachlich informiert, sind seine Ausführungen gut annehmbar. Ist jedoch seine Zunge gelockert, erwacht in Rohrecker der zynische Schulmeister, der Unkenntnis bitter straft. Selbst die umfangreichen Ausführungen zu Parallelen zwischen keltischer und christlicher Religion bzw. Beeinflussungen ließen sich vermitteln, ohne einem sozusagen "nasse Fetzen um die Ohren zu hauen". Alles in allem ein optisch tolles und inhaltlich interessantes Buch, dessen Wert bloß durch seinen Stil geschmälert wird.

Norbert Allmer / ÖBW

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Ossowski, Leonie: Espenlaub

: Roman / Leonie Ossowski. - München : Piper, 2003. - 283 S. ISBN 3-492-04342-9 fest geb. : ca. € 19,50

Die lebenslustige Buchhändlerin Billi ist mit dem ernsthaften Tierarzt Lorenz verlobt, ihre gemeinsame Zukunft scheint fest vorgezeichnet. Da tritt der attraktive Puppenspieler Ariel in Billis Leben und verzaubert die junge Frau mit seiner träumerischen, impulsiven Lebensart. Ariel stammt aus einer jüdischen Familie, während Lorenz bei seinem antisemitisch gesinnten Großvater aufwuchs. Als es zu einer heftigen Auseinandersetzung der beiden Rivalen kommt, brechen aus Lorenz tiefsitzende Vorurteile und blinder Hass hervor, die mit ihren widersprüchlichen Gefühlen kämpfende Billi scheint für ihn auf immer verloren. Der über sich selbst zutiefst erschrockene Lorenz versucht die Wahrheit über seine eigene Herkunft aufzudecken. In nächtlichen Gesprächen bricht seine Mutter das jahrzehntelange Schweigen über ein dunkles Kapitel seiner Familiengeschichte und er erfährt von der verbotenen Liebe seiner Großmutter zu einem jüdischen Maler, die nicht ohne Folgen blieb. Einmal mehr erweist sich Leonie Ossowski in diesem anrührenden Familienroman als "Dichterin der Menschlichkeit". Antisemitismus, der Mut zur Wahrheit und die große Macht der Gefühle sind die zentralen Themen dieses flüssig geschriebenen Romans, dessen im gegenwärtigen Deutschland einsetzende Handlung in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung führt. Anhand dieser spannenden Familiengeschichte betrachtet die mehrfach ausgezeichnete Autorin einfühlsam ein bis heute brisantes Stück Zeitgeschichte aus mehreren Blickwinkeln. In einem klaren, sehr klassischen Erzählton haucht sie den glaubhaften Schicksalen ihrer Romanfiguren viel Leben ein, der Leser liebt und leidet mit den Protagonisten, deren Aussehen und Charakter stellenweise schablonenhafte Schwarzweißkonturen aufweisen. Ein Hauch Nostalgie, ein Schuss Pathos gepaart mit viel Herzenswärme und großem Erzähltalent sorgen dennoch für einen gelungenen, niveauvollen Lesegenuss.

Elisabeth Zehetmayer / ÖBW

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Singer, Lea: Wahnsinns Liebe

Roman / Lea Singer. - Stuttgart : Deutsche Verlags-Anst., 2003. - 239 S. ISBN 3-421-05790-7 fest geb. : ca. € 20,50

Als unsichtbare Frau an der Seite des "verkannten Genies" Arnold Schönberg hat sich Mathilde Schönberg beinahe mit ihrer Rolle als Mutter und Betreuerin ihres Mannes abgefunden. Ihre musikalischen Fähigkeiten dienen einzig und allein ihrem Mann! Vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten aufgrund der bescheidenen Verhältnisse und der Erfolglosigkeit ihres Mannes, wird sie stumme Zuhörerin der musikalischen Verehrer Schönbergs, die sich regelmäßig in der Wohnung der Familie treffen. Die Kaffeehausbesuche und die gesellschaftlichen Einladungen finden ohne sie statt. Als sie sich durchringt, alleine die Ausstellung von Van Gogh zu besuchen, ist das der Anfang eines neuen Lebens. Der junge, als verrückt geltende Maler Richard Gerstl reißt Mathilde aus ihrer Erstarrung. In seinen Augen wird sie wieder zur Frau, ihre Meinung, ihre Gedanken, sie als Mensch ist wieder bedeutsam. Leider nimmt diese Liebe einen tödlichen Ausgang. Durch die fundierten historischen Kenntnisse Lea Singers wird das Wien des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts, vor allem das der Künstler, lebendig. In einer Welt des gesellschaftlichen und künstlerischen Umbruchs sucht eine Frau nach ihrer Identität. Dabei widmet Lea Singer dem Thema Auflösung große Aufmerksamkeit (Auflösung der musikalischen Strukturen, der künstlerischen Darstellung, des Verhältnisses der familiären Beziehungen). Eine empfehlenswerte, ungewöhnliche Liebesgeschichte für alle, die das Wien der Jahrhundertwende aus der Perspektive einer Frau erleben möchten.

Gregor Savel / ÖBW

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Meyer-Wehlack, Benno: Ernestine geht

Roman / Benno Meyer-Wehlack. - Salzburg : Jung und Jung, 2003. - 124 S. ISBN 3-902144-59-9 fest geb. : ca. € 17,00

"Paravent" oder "Spanische Wand", das ist der Ort, den Ernestine mit ihrer Vergangenheit, mit zahllosen Familienphotos vollgesteckt hat: eine Erinnerung, einer Beschwörung gleich, es hat sie gegeben, diese buchstäblich versunkene Zeit. Der Erzähler schafft seinen Lesern/innen einen sicheren Zugang hinter diese Schutzwand: er erfindet sich und uns Ernestines Nichte und deren Mann, Mr. Bruno. Die beiden sorgen sich in ihrem Hotelzimmer: Warum geht Ernestine nicht ans Telefon, sie bemerken ihr Desinteresse an sich selbst, ihrer Krankheit und ihrer Umgebung gegenüber. "Die Vergangenheit sonst war auf Distanz zu halten, erbarmungslos, war ohne Anrecht auf Hilfe oder Erbe." Und doch: am Ende hat Ernestine etwas hinterlassen, für jede der drei Nichten, eine runde Summe und eine runde Verstörung. An was dachte die alte Dame in ihrer Wohnung im siebten Bezirk: sie hat die Kaiserzeit noch erlebt, an Michi - Michael - scheint sie häufig, nahezu ständig zu denken, sie lässt nicht zu, dass Michi zu einem Michael wird, er ist als Kadett ertrunken, er muss jung bleiben, hat selbst im Tod sein Leben noch vor sich. Kann es sich eine alte Dame, die jeden Krimkrams aufhebt, wirklich leisten, sich an so wenig zu erinnern, ist die Familiengalerie am Paravent Ersatz für tief sitzende Erinnerungen? Gänge durch Wien, Irrfahrten in die Vergangenheit, Ringen um Wahrheit und Gegenwart - eine dunkle Geschichte, die gefangen nimmt, weil es so beruhigt, in alten Alben zu blättern und die gestochene Schärfe, die unveränderte Qualität des Fotomaterials zu loben. Vergessen und sich erinnern lassen - der Autor hat ein weites Thema im Stadtplan Wiens perfekt angesiedelt.

Christina Gastager-Repolust / ÖBW

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