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Buchtipps / 2004 / März

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Labyrinthe und Irrgärten

Suchen und Finden. Bildauswahl und Text von Klaus Eid. München: Prestl 2004. 30 S., € 14,95 ISBN 3-7913-3066-7

Geheimnisvoll verschlungene Wege führen durch ein Buch voller Rätsel und Geheimnisse: In der Reihe „Abenteuer Kunst“ stehen diesmal Labyrinthe und Irrgärten im Mittelpunkt der ebenso erlebnisreichen wie informativen Aufbereitung. Was überhaupt ist ein Labyrinth und wo findet man historische Zeugnisse dieser verwirrenden architektonischen und landschaftsgestaltenden Besonderheit? Vom Minotaurus über schwedischen Trojaburgen und die gotische Kathedrale von Amis bis hin ins englische Schloss Hampton spannt sich der zu entwirrende rote Faden. Und erfreulicher Weise gibt es diesmal auch eine österreichische Beigabe, denn im Wiener Schlosspark von Schönbrunn können Irrläufer/innen allsommerlich selbst ihre Kompetenzen in Bezug auf verschlungene Gärten erproben. Wer es ein wenig heimeliger schätzt, dem werden Tipps für ein Kresse-Labyrinth oder einen Labyrinthbrief zur Verfügung gestellt. Und wieso nicht einfach einmal ein Kreidelabyrinth spielerisch erproben, anstatt ewig zwischen Himmel und Hölle herumzuhupfen? Ein bilderreiches Sachbuch, mit Tipps zur Freizeitgestaltung mit Kindern ab 6 Jahren und zum Selberlesen ab 9 Jahren.

Heidi Lexe / STUBE

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Ich bin noch gar nicht müde

Paul Maar/Angela Sommer-Bodenburg/Alexa Hennig von Lange u.a.: Ich bin aber noch gar nicht müde. Geschichten für wache Kinder. Hg. Von Ralf Schweikart. Hamburg: Rowohlt 2004 (rororo 21263). 254 S., € 7,90 ISBN 3-499-21263-3

Wer kennt sie nicht – all die kindlichen Rituale, wenn es heißt: „Noch 10 Minuten, dann ab ins Bett!“. Unter diesem Titel erschien im letzten Jahr eine außerordentlich köstliche Bilderbuch-Variante zum Thema „Schlafen gehen“. Doch trotz Hamsterparade, Schlaflied-Editionen und „pädagogischen“ Ratgebern á la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ lassen sich die kleinen Widerständler selten nach Wunsch ins Bett befördern. Folgerichtig nennt Ralf Schweikart „wache Kinder“ als Adressat/innen für seine Anthologie – und versammelt darin namhafte Autor/innen von Renate Welsh bis Tamara Bach, die ihr Scherflein zur Entsendung kindlicher Gemüter ins Traumland beizutragen suchen, denn: „ Im Traum, das ist ganz sonderbar, / Da werden nämlich Wünsche wahr. / Und gar nichts ist gelogen.“ Soweit Norgard Kohlhagen in ihrem „Lügenlied zum Einschlafen“. An ihre Seite gesellen sich Geschichten über schlaflose Sandmänner und müde Prinzessinnen, aber auch über kindliche Alltagserlebnisse, die am Abend noch einmal relevant werden. Und irgendwann schlafen sie dann ja vielleicht doch... Zu empfehlen ab zum Vorlesen ab 7 und Selberlesen ab 9 Jahren.

Kathrin Wexberg / STUBE

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Rachel van Kooij: Kein Hundeleben für Bartolomé

Wien : Jungbrunnen, 2003. - 175 S. ISBN 3-7026-5753-3 fest geb. : ca. € 14,40

Madrid! - für die Familie Carrasco wird ein Traum wahr. Der Vater hat sich aus dem tristen, einfachen Dorfleben hinausgearbeitet. Er ist Kutscher am Hof des Königs, und weil er sich dort schon ausgezeichnet hat, darf er seine Familie aus dem Dorf zu sich holen. Auch für Bartolomé ein wunderbares Abenteuer. Bis er erkennen muss, dass er noch viel mehr "anders" ist, als das im Dorf schon der Fall war. Der 10-jährige ist behindert und alleine nicht in der Lage für sich zu sorgen. Der Vater schämt sich in der vornehmen Hauptstadt für seinen verkrüppelten Sohn und versteckt ihn Tag und Nacht. Doch durch einen Zufall sieht ihn die Infantin und ist begeistert. Der kleine Krüppel gibt ein hervorragendes Hündchen ab! So muss Bartolomé als Menschenhund am Hof arbeiten, mit Schlappohren und Schwanz. Doch die Hofmaler, die ihm sein Hundegesicht aufmalen, haben Mitleid mit dem Außenseiter. Auch sind sie begeistert von seinem Maltalent. Sie beschließen ihn mit einem Trick aus seiner Lage zu befreien. Die Autorin arbeitet als Behindertenbetreuerin in Klosterneuburg. Sie hat eine berührende Geschichte um ein behindertes Kind, um Ausgrenzung, menschenunwürdige Behandlung und seelisches Leid geschrieben. Aber auch eine Geschichte, die das unabschätzbare Potential eines kleinen Jungen in den Mittelpunkt rückt. Körperlich auf wenige Fähigkeiten beschränkt, ist Bartolomé auf die Gedankenwelt fixiert. Er verblüfft seine Mutter (und den Leser) immer wieder mit seinen Erkenntnissen über die Welt. Ab 12 Jahren.

Sabine Eidenberger / ÖBW

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Jörg Baberowski: Der rote Terror

die Geschichte des Stalinismus / Jörg Baberowski. - Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt, 2003. - 287 S. ISBN 3-421-05486-X fest geb. : ca. € 25,60

Die stalinistische Gewaltherrschaft gehört wohl zu den größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Da seit den 1990er Jahren die Archive in Rußland geöffnet wurden, sind neue Einsichten und Bewertungen möglich, die Jörg Baberowiski als hervorragender Kenner dieser Epoche im vorliegenden Band darlegt. Er sieht den Weg in den Terror in der von Gewalt dominierten russischen Gesellschaft und in der kommunistischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgezeichnet, ehe dieser von Stalin bewußt und gezielt zu einer grausamen Perfektion ausgebaut wurde. Zusammen mit seinen ihm bedingungslos hörigen Gefolgsleuten (Mikojan, Kaganovic, Molotow) wollte er eine bolschewistische Gesellschaft schaffen, welche in ihrer Mitte keine Abweichler duldete; entscheidend dafür war zunächst die soziale Herkunft, später die Stellung zu Stalin und zur Partei. Das Ergebnis waren vom Diktator inszenierte Parteisäuberungen, Schauprozesse, Hungersnöte und Massenterror, die das Wirtschafts- und Kulturleben der Sowjetunion vollständig lähmten und erst mit dem Tod Stalins am 5. März 1953 ein Ende fanden. Baberowskis läßt keinen Zweifel: Stalin war weder krank noch litt er an Halluzinationen und die terroristischen Methoden der Machtsicherung etablierten sich nicht zufällig; sie wurden von Stalin bewußt eingesetzt. Alles andere wäre unsachgemäße "Entstalinisierung". Die komplexen historischen Sachverhalte dieses dunklen Kapitels der russischen Geschichte werden vom Autor äußerst kenntnisreich und wissenschaftlich fundiert aufgezeigt, ohne auf gute Lesbarkeit zu verzichten.

Karl Krendl / ÖBW

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Armin D. Lehmann: Der letzte Befehl

als Hitlers Botenjunge im Führerbunker / Armin D. Lehmann. - Bergisch Gladbach : Lübbe, 2003. - 382 S. : Ill. Aus dem Amerikan. von Bernd Rullkötter ISBN 3-7857-2136-6 fest geb. : ca. € 25,60

Armin wird streng nach den Idealen der Nationalsozialisten erzogen und wächst in dem Glauben auf, einer Herrscherrasse anzugehören, und Hitler ist für ihn so etwas wie ein Halbgott, der absolut als unfehlbar gilt. Ständig darum bemüht, seinem strengen und ungerechten Vater zu gefallen, macht Armin, der in den Augen seines Vaters ein völliger Versager ist, bereits in jungen Jahren Karriere bei der Hitlerjugend. Nachdem er im aussichtlosen Kampf um Breslau verwundet und für seine Tapferkeit geehrt wurde, wird er in den letzten Kriegswochen zum Dienst als Botenjunge im Führerbunker eingeteilt. Dass damals der Krieg bereits verloren war, war für die fanatischen Jungen der HJ unvorstellbar. Die Kinder - Armin war damals 17 Jahre alt - wurden in den aussichtslosen Kämpfen um Berlin als Kanonenfutter verheizt. Selbst als sich bereits Hitlers engste Vertraute von ihm abwandten, hielten die Kinder der HJ noch unbeirrbar zum Führer. Mit dem Selbstmord Hitlers wird Armin langsam bewusst, dass der Krieg nun doch verloren ist, und dass keine Wunderwaffen daran etwas ändern können - für ihn bricht alles zusammen an das er in seinem bisherigen Leben geglaubt hat. Nach dem Krieg erfährt der junge Mann die ungeschminkte und brutale Wahrheit über Herrschaft des Führers. Erschüttert darüber so in die Irre geleitet worden zu sein, widmet er sich von nun an als Schriftsteller und Journalist der Aufklärung über diese dunkle Epoche der Geschichte, die er an vorderster Front miterleben musste. Seine Erfahrungen in Nazi-Deutschland und seine Begegnungen mit Menschen aller Kontinente haben den heute in Amerika lebenden Autor zum Pazifisten gemacht. - Ein ergreifendes Zeitdokument, das die Vorgänge im Führerbunker aus der Sicht des Jungen beschreibt, der der Autor zu dieser Zeit war. Mit zahlreichen Fotografien ausgestattet, ein sehr empfehlenswertes Werk. Breit einsetzbar.

Roland Kohlbacher / ÖBW

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Anna Ehrlich: Szepter und Rose

Roman / Anna Ehrlich ; Bernadette Mayr. - München : Langen Müller, 2004. - 397 S. : Ill. ISBN 3-7844-2914-9 fest geb. : ca. € 23,60

Prag, Ende des 16. Jahrhunderts: Der melancholische Kaiser Rudolf II lernt die blutjunge Bürgerstochter Katharina Strada kennen, die er aufgrund einer Weissagung für seinen Schutzengel hält. Zwischen dem ungleichen Paar entwickelt sich eine tiefe Liebe, der mehrere Kinder entspringen, schließlich in einer heimlichen Ehe mündet, aber dennoch tragisch endet. - Die Autorinnen wollten laut Vorwort mit diesem Roman ihrer Leserschaft Einblick in das Leben Rudolfs II und seine Zeit geben, ohne ein trockenes Sachbuch zu schreiben. Gelungen ist ihnen ein spannender Roman, der Fiktion auf der Grundlage von historischen Tatsachen bietet und rund um Personen, welche tatsächlich gelebt haben eine romantische Geschichte entwirft. Ausgeschmückt mit einer Vielzahl von blumigen Details erzählt dieses Buch nicht nur mit viel Einfühlungsvermögen eine große und nahegehende Liebesgeschichte, sondern vermittelt auch ein Stück Zeitgeschichte und malt das Sittenbild einer Gesellschaft, in der sich Religionsstreitigkeiten, Machtgier und finsterer Aberglaube zu einer explosiven Zeitbombe vermischten. Dieses Buch bietet gleichzeitig große Gefühle und historische Fakten und versteht es, seine Leser/Innen zu fesseln, ohne der Fantasie allzu freien Lauf zu lassen. Im ausführlichen Anhang und Personenregister kommen geschichtlich interessierte Leser/Innen auf ihre Kosten und werden über die historischen und kulturellen Zusammenhänge detailliert informiert. Ein ansprechend gestalteter Roman, der kurzweilig zu lesen ist und dennoch eine Fülle von Daten und Fakten enthält und darüber hinaus mit einem Bildteil aufwarten kann, der Bilder von Kunstwerken der Zeit enthält. Historisch interessierten Leser/Innen sehr zu empfehlen.

Michaela Grames / ÖBW

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Elise Title: Amnesia

Roman / Elise Title. - Bern : Scherz, 2003. - 351 S. Aus dem Engl. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann ISBN 3-502-11764-0 fest geb. : ca. € 20,50

Die amerikanische Autorin Elise Title legt mit "Amnesia" ihren zweiten Natalie-Price-Roman vor ("Judas" erschien 2001). Price, Leiterin eines Haftentlassungszentrums, bereitet Schwerverbrecher auf ihre bevorstehende Haftentlassung vor. Im vorliegenden Roman fürchtet sie um die Sicherheit ihrer transsexuellen Gefangenen Lynn Ingram, die ihren Geliebten erstochen haben soll. Und tatsächlich wird Lynn auf brutale Weise angegriffen und schwer verletzt. Sie kennt den Täter, doch hat sie bei dem Überfall das Gedächtnis verloren. Gemeinsam mit ihrem Freund, Detective Coscarelli , klärt Natalie Price mit riskanten Mitteln das Verbrechen. Elise Title arbeitete selbst jahrelang als Psychotherapeutin mit Schwerkriminellen, ein Umstand, der sich äußerst positiv auf ihre schriftstellerische Tätigkeit auswirkt: Der Roman wirkt äußerst authentisch, die Handlung ist nachvollziehbar, ausnehmend spannend und die Charaktere mit viel psychologischem Feingefühl gezeichnet. Title versteht es gekonnt, das Thema Transsexualität mit der Thrillerhandlung zu verbinden. Lynn Ingrams Tagebuchaufzeichnungen geben sehr viel Einblick in die Seele einer Transsexuellen. Die Autorin spricht damit ein tabuisiertes Thema in einem Genre an, das eine breite Öffentlichkeit erreicht, und hilft so an einer notwendigen Enttabuisierung mit. Natalie Price hat das Zeug zu einer Serienheldin: Man kann der Autorin weiterhin Erfolg und den Lesern weitere Natalie-Price-Romane wünschen. Für alle Bibliotheken und Thriller-Fans wärmstens zu empfehlen.

Alberta Krabacher-Kuprian / ÖBW

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Manfred Rumpl: Koordinaten der Liebe

Roman / Manfred Rumpl. - Leipzig : Reclam, 2003. - 128 S. - (Reclam Bibliothek Leipzig ; 20071) ISBN 3-379-20071-9 kt. : ca. € 9,20

Ein Begräbnis, wie es sich gehört, mit Aufbahrung im Haus, Trauerzug zur Kirche, Messfeier, Ansprachen am offenen Grab und dem traditionellen Totenmahl bringt die Fassade einer dörflichen Idylle zum Leuchten. Doch dahinter bröckelt die heile Welt Stück für Stück ab: 34 Jahre ist Johanna, als sie ihrem Krebsleiden erliegt, ihr tyrannischer Vater hat ihr nie verziehen, dass sie das Leben in der Stadt mit dem dorffremden Schwiegersohn Gregor dem Landleben vorgezogen hat. Ihre extrovertierte Schwester Maya konnte den überzogenen Forderungen des Vaters immer besser Paroli bieten. Mit dem Tod der sensiblen Schwester werden die Beziehungsmuster langsam neu geordnet. Während der machtgewohnte Vater an seiner Ohnmacht, verstärkt durch einen Schlaganfall, scheitert, finden Maya und Gregor zu einer Kommunikationsbasis, die in eine Liebesbeziehung mündet. Gregor erscheint als Variable in einem feststehenden Koordinatensystem aus Handlungs- und Traditionsmustern im luftleeren Raum zwischen nicht mehr Gültigem und einer noch nicht wirksamen Zukunft. Er begegnet sich, seiner Erinnerung, seinen schwankenden Gefühlen in einem intensiven inneren Monolog, in dem er seine Existenz umstrukturiert, seine Blickwinkel versetzt, seine Wahrnehmung schärft. Nur schemenhaft punktuell klopft die reale Außenwelt an das Gedankengebäude des in der Innenwelt Lebenden. Intensive Sprachbilder, die nach und nach die Persönlichkeits- und Machtstrukturen entwickeln bzw. enttarnen, und das spannende Ineinander von Vor- und Rückblenden steigern die Faszination des sehr empfehlenswerten Romans.

Christiana Ulz / ÖBW

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