Angepasst, verdrängt, verfolgt - Österreichische Kinder- und Jugendliteratur in den Jahren 1933 - 1945 - Karriereverläufe im Vergleich 


IWK- Vortragsreihe Mai - Juni 2011

Konzept: Susanne Blumesberger

Während die in der Zeit des Nationalsozialismus entstandene Literatur für Erwachsene schon seit längerer Zeit erforscht wird, ist dies bei der Literatur für Kinder- und Jugendliche (KJL) kaum der Fall. Es sind – besonders in Österreich – noch viele Forschungsfragen offen. Seit Jänner 2011 widmet sich am IWK ein Projekt, finanziert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank und vom Zukunftsfonds der Republik Österreich, diesem Forschungsbereich. Ziel des Projekts ist die Erfassung von nationalsozialistischer KJL bzw. von KJL aus dem Exil aus den Jahren 1933-1945 und die biografische Aufarbeitung der daran maßgeblich beteiligten Personen wie AutorInnen, Illustratorinnen und VerlegerInnen in Form einer Datenbank und einer Publikation. Bisher gibt es keinen umfassenden Überblick über jene Literatur, die sich während der NS-Zeit an Kinder richtete, ebenso sind Lücken in der Aufarbeitung der Verlagsgeschichte in der KJL zu verzeichnen. Der Einsatz von KJL als Propagandainstrument wird wenig beachtet und die nationalsozialistische Vergangenheit mancher AutorInnen ist kaum bekannt. Auf der anderen Seite fehlt Wissen über die KJL des Exils, viele jener AutorInnen sind in Vergessenheit geraten. Die Vortragsreihe soll Einblick in diese Forschungsarbeit geben.


Programm:


Montag, 2. Mai, 18.30 Uhr:
Susanne Blumesberger (Wien):
Tapfere Mädel – treue Kameradinnen
Mädchenbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus

Mädchen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verschiedene Rollen und wünschenswerte Charaktereigenschaften zugewiesen. Sie sollten gute Mütter und treue Ehefrauen werden, die ihren Mann unterstützen, schließlich sollten sie aber auch selbst tapfer sein und bereit, im Kampf für Deutschland zu sterben. Diese unterschiedlichen Anforderungen finden sich mehr oder weniger subtil auch in den Mädchenbüchern der Zeit wieder. Durch Spannung, eine stringente Erzählstruktur und entsprechende Illustrationen sollten die jungen Leserinnen in den jeweiligen Protagonistinnen ihre Vorbilder erkennen.


Montag, 23. Mai, 18.30 Uhr:

Ernst Seibert (Wien):

"Von Starken, Tapferen und Treuen" - das Märchen in der NS-Zeit

Die unter dem zitierten Titel offenbar in hoher Auflage erschienenen Märchenbearbeitungen von Marie Moser aus dem Jahr 1942 zeigen die Tendenz zur Wehrbereitschaft sowie zur Unterordnung unter die Gemeinschaft und zur Kampfertüchtigung. Dem entspricht das knappe Begleitwort am Ende der Sammlung: „Und dies ist  d e i n e  Treue: daß dir die Ehre der Gefolgschaft, darin du stehst, dein Volk, deine Sippe, dein Fähnlein, deine Klasse jede Anstrengung wert ist, denn sie ist mehr als du!" An dem Beispiel soll die Funktionalisierung des Märchens für die NS-Ideologie dargestellt werden.

 

Montag, 30. Mai, 18.30 Uhr:

Jana Mikota (Siegen):
Deutschsprachige Mädchenliteratur des Exils zwischen 1933 und 1945

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung verließen zahlreiche Autoren Deutschland und engagierten sich außerhalb des Landes gegen Faschismus und Militarismus. Sie schrieben für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ihre Literatur sollte einen Beitrag zur antifaschistischen, mitunter auch pazifistischen Kinder- und Jugendliteratur leisten.
Der Vortrag fragt nach der Mädchenliteratur des Exils und ihrer Funktion für den Leser. Oder anders gesagt: Leistet die Mädchenliteratur von Autoren der Jahre 1933 bis 1945, die aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaftsmaschinerie Deutschland verlassen mussten, einen Beitrag zur antifaschistischen und möglicherweise einer internationalen und pazifistischen Erziehung? Im deutschsprachigen Raum blickt die Mädchenliteratur auf eine lange Tradition zurück. Mit der so genannten typischen Mädchenliteratur wurden die tradierten Geschlechterrollen festgeschrieben und die Leserinnen sollten auf ihre zukünftige Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert bildete sich zudem eine so genannte atypische Mädchenliteratur heraus, die neue Themen, Motive und auch Gattungen wie dem Kolonialroman aufnahm. Die Mädchenliteratur des Exils orientierte sich an beiden Formen der Mädchenliteratur. Im Exil verzichten die Autorinnen nicht gänzlich auf geschlechtsspezifische Geschlechtermerkmalszuordnungen, doch vergrößern sich die Handlungsräume der weiblichen Protagonisten und sie agieren selbstständiger und aktiver als in den früheren Jahrzehnten in der deutschsprachigen Mädchenliteratur.


Montag, 27. Juni, 17.30 Uhr:

Gina Weinkauff (Heidelberg):
Der Regenbogen fährt nach Masagara – über das Reisemotiv im kinderliterarischen Werk Friedrich Rosenfelds  
Friedrich Rosenfeld (geboren am 5.12. 1902 in Wien; gestorben am 27.12. 1987 in Bexhill, England) war in den Jahren von 1923-1934 als Feuilletonredakteur der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung sowie als Dramatiker und Romancier hervorgetreten. Als Jude und Sozialist doppelt gefährdet, floh er 1934 vor dem Terror des Dollfuß-Regimes nach Prag und von dort 1939 vor den Nazis nach England. Noch in der Ersten Republik hatte Friedrich Rosenfeld zwei märchenhaft-phantastische Kinderromane publiziert: „Tirilin reist um die Welt. Eine Erzählung für denkende Kinder“ (1931) und „Der Flug ins Karfunkelland. Eine fast wahre Geschichte voll seltsamer Abenteuer“ (1931). Sein drittes Kinderbuch, die 1938 im Prager Exil veröffentlichte realistische Fahrtenerzählung „Der Regenbogen fährt nach Masagara“ wird, wie alle späteren Werke des Verfassers, mit dem Pseudonym „Friedrich Feld“ gezeichnet.
Friedrich Rosenfeld hat seit seiner Emigration kaum noch für Erwachsene geschrieben und er ist nach 1945 nicht nach Österreich zurückgekehrt. Dennoch hat er die deutschsprachige und insbesondere die österreichische Kinderliteratur der Nachkriegszeit mit seinen vor allem in den Verlagen Jungbrunnen, Jugend und Volk und Boje unter dem Pseudonym „Friedrich Feld“ publizierten Erzählungen, aber auch mit seinen Hörspielen und Laienspieltexten bis in die siebziger Jahre hinein in einem erstaunlichen Umfang geprägt. Dabei handelt es sich zum überwiegenden Teil um literarisch eher unprätentiöse Texte für Leseanfänger, von denen viele, wie Gudrun Pausewang festgestellt hat, „im realen, konfliktbereinigten Leben der Kinder seiner Zeit handeln." Während Friedrich Rosenfeld – gleichgültig ob er sich an erwachsene Leser wandte oder an „denkende Kinder“ – stets ein politischer Schriftsteller war, sind die Texte Friedrich Felds von einer starken Idyllensehnsucht bestimmt und geraten in der sich rasant verändernden Kinderliteratur der siebziger Jahre rasch in Vergessenheit.
In der Absicht, die von Friedrich Rosenfeld zu Friedrich Feld führende Entwicklung vor dem Hintergrund der Exilerfahrung nachvollziehbar zu machen, beschäftigt sich der Vortrag mit den Metamorphosen des Reisemotivs in den ersten drei Kinderbüchern.



Ort:

Institut für Wissenschaft und Kunst
Berggasse 17, 1090 Wien