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Flasche, Rainer:
Religionswissenschaft-Treiben : Versuch einer Grundlegung der Religionenwissenschaft / Rainer Flasche - Münster ; Hamburg : Lit-Verl., 2008. - 193 S. - (Marburger religionsgeschichtliche Beiträge; Bd. 5)
      ISBN 978-3-8258-1080-1 / 3-8258-1080-1    kart. : ca. € 20,50

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Rezension:

Vorliegendes Buch des langjährigen Professors für Religionsgeschichte an der Marburger Universität ist ein ambitionierter Versuch, Religionswissenschaft vorurteilsfrei, wissenschaftlich und empirisch als Religionenwissenschaft zu betreiben, als "Wissenschaft von den Religionen" (36), hinter deren Plural sich kein singuläres "Wesen" der Religion verbirgt. Es geht darum, "Religionen in ihrem So-Sein und Wie-Sein zu erkennen, zu interpretieren und eine Religion aus einem kulturellen Zusammenhang in einen anderen kulturellen Zusammenhang zu übersetzen" (17) - eine Methode, die der Verfasser konsequent durchzieht.

Der erste Teil (19-88) behandelt den Gegenstand der Religionenwissenschaft. Religionen sind nur durch ein "Annäherungsverstehen" (24) zu erfassen, und zwar - in klarer Abgrenzung zur Theologie - durch eine "voraussetzungslose Wissenschaft" (34). Der Begriff "Religion" ist nicht a priori zu bilden, um nicht den Lebens- und Deutungskontext einer religiösen Tradition zu verallgemeinern, sondern fungiert als "Arbeitsbegriff" (53), als "Chiffre für eine Reihe von empirischen Zusammenhängen - z. B. Verhaltensweisen, Vergesellschaftungsformen, Handlungsabläufe, Lehr- und Glaubenssysteme usw., die je und je eine bestimmte Wahrheitswirklichkeit für sich reklamieren" (56). Religionenwissenschaft - und das ist eine methodische Kernaussage dieses Buches - "kann ausschließlich empirisch angestrebt werden, von dem Menschen her, also zugleich anthropologisch und von dem Sich-Zeigenden her zugleich phänomenologisch" (58). Ebenso wichtig ist die Bestimmung, Religionen seien "Welterklärungs- und Lebensbewältigungssysteme" (72), denen eine "Gerichtetheit auf etwas extra oder trans homines" (75) im Sinn einer "Unverfügbarkeit" (76) zukomme. Religionen qua "Systeme" zu verstehen heißt, Forschung als "Aufdeckung von Zusammenhängen" (81) zu betreiben, also die Gesamtheit aller Relationen eines solchen Systems zu sehen und nicht nur einen isolierten Aspekt herauszugreifen, wie dies im Umgang mit religiösen Traditionen immer wieder geschieht.

Der zweite Teil (89-136) wendet diese Grundsatzüberlegungen auf die Methoden der Religionenwissenschaft an, die historisch und systematisch verfahren. Religionengeschichte geht "historisch-kritisch" (106) vor und "hat nichts mit Heilsgeschichte zu tun" (107). Religionensystematik ist einer "induktiven Begriffsbildung" (113) verpflichtet, was der Verfasser angesichts von "fehlgeleiteten Universalisierungen" (117) in interreligiösen Vergleichen betont. Religiöse Phänomene seien nicht "auf Gleichartigkeit hin zu trimmen" (121), sondern in ihrer Komplexität und Differenz ernst zu nehmen und von einer "Gestaltdominanz" (123) her zu vergleichen. Immer wieder verdeutlicht Flasche, "dass es ‚die' Religion nicht gibt, und die historischen Religionen weder ein Teil der ‚Religion' sind noch in ihrem Religionsein auf die eine wahre Religion angelegt oder auf sie hingeordnet sind, genauso wenig wie sie natürlich aus der Religion hervorgegangen sind. ‚Religion' bleibt eben ein operationaler Begriff" (123f.).

Als Ziel des Religionenwissenschaft-Treibens - so das Thema des kurzen dritten Teils (137-143) - hebt der Verfasser die verstehende Annäherung an "die Verschiedenartigkeit historischer, empirischer Religionssysteme und ihrer jeweiligen Zusammenhänge" (143) hervor. Daraus ergibt sich eine - nicht immer beachtete - Selbstbeschränkung der Religionenwissenschaft, die im vierten Teil (145-151) zur Sprache kommt. Gegen die Tendenz zur "Verweltanschaulichung oder Verreligioisierung" [sic!] (150) ist darauf zu achten - so der Verfasser in gut phänomenologischer Einstellung -, "die religiösen Phänomene, das Sich-Zeigende, selbst reden zu lassen" (151) und sie von daher zu systematisieren. Dieser systemtheoretische Zugang wird schließlich im fünften Teil (153-185) zur Grundlegung der Religionenwissenschaft herangezogen. Der Versuch, Relationen zwischen Konstanten und Variablen von Religionen auszumachen, führt den Verfasser zum Begriffspaar "unheil - heil", das eine universal gültige Relation zum Ausdruck bringt: "Denn in allen Religionen geht es darum, etwas Unheiles heil zu machen, zu heilen" (164). Damit wird eine systemtheoretische Zuordnung vollzogen, welche die Vielfalt religiöser Phänomene von einer Grundrelation her interpretiert: "Unheil ist eine Variable, heil ist eine Funktion zu dieser Variablen" (167).

Mit seinem konzisen Gedankengang hat Flasche einen Beitrag vorgelegt, der in den gegenwärtigen religionstheoretischen Auseinandersetzungen sicherlich eine klare und hilfreiche Orientierung darstellt. Die strikte Abgrenzung zum theologischen Diskurs ist methodisch präzise ausgewiesen, wird sich aber auch der Frage stellen müssen, ob Wissenschaft tatsächlich mit einer Teilnehmerperspektive (vgl. 59) bzw. einem Erfahrungsbezug (vgl. 126f.) unvereinbar sei. Auch die scharfe Ablehnung jeglicher Wahrheitsansprüche (vgl. 13, 184f.) wird das Problem möglicher Ideologisierungen wohl nur verschieben, nicht aber lösen. Und schließlich ist noch zu hinterfragen, ob die Behauptung, die "Liebe Gottes" charakterisiere einen christlich-religiösen Kontext, die "Liebe und der Zorn Gottes" (52) hingegen einen jüdisch-religiösen Kontext, nicht gerade einer solchen religionsphänomenologischen Essentialisierung verfällt, die der Verfasser nachdrücklich ablehnt. - Fazit: Eine kenntnisreiche und gründliche De- und Rekonstruktion religionswissenschaftlichen Denkens, von der nicht zuletzt Theologinnen und Theologen Entscheidendes lernen können.

*Theologisch-Praktische Quartalschrift* 1/2010 Franz Gmainer-Pranzl

Quelle: Theologisch-Praktische Quartalschrift


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