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Österreich. 90 Jahre Republik
: Beitragsband der Ausstellung im Parlament / Stefan Karner ; Lorenz Mikoletzky (Hg.) - Innsbruck [ u.a. ] : Studien-Verl., 2008. - 636 S. : Ill., graf. Darst., Kt.
      ISBN 978-3-7065-4664-5 / 3-7065-4664-7    fest geb. : ca. € 29,90

Rezension:

Im Jahre 2008 fand anlässlich des 90. Anniversariums der Gründung der Ersten Republik Österreich eine große Ausstellung im Parlamentsgebäude statt, die auf ein beachtliches Interesse stieß. Die dadurch ausgelöste Auseinandersetzung mit dem Thema führte zur Herausgabe des vorliegenden Bandes, der (in nicht weniger als 54 Beiträgen) die Epochen der österreichischen Geschichte seit 1918 aufzeigen möchte und näher eingeht auf die Themenbereiche: Politik und Demokratie; Wirtschaft; Kirchen und Religionsgemeinschaften; Kunst und Kultur etc.

Für eine Besprechung im Rahmen dieser Zeitschrift dürfte es angebracht sein, etwas näher auf den Abschnitt über "Kirchen und Religionsgemeinschaften" einzugehen. M. Sohn-Kronthaler bietet einen Überblick über den Weg der katholischen Kirche in der Ersten und Zweiten Republik (347-358). Es war eine Zeit meist "wechselvoller Phasen, Zäsuren und tief greifenden Veränderungen". Wie sollte es nach dem verlorenen Krieg 1918 und nach dem Ende der Monarchie, der gegenüber sich die Kirche als loyal erwiesen hatte, weitergehen? Kardinal Friedrich Gustav Piffl war der rechte Mann zur rechten Zeit und begann die "Option Republik" auch für die Kirche anzudenken. Es folgen die schwierigen Jahre einer Standortbestimmung gegenüber den neuen Regierungsformen und den politischen Parteien, gegenüber dem autoritären Ständestaat (1933/34-1938) und dem erstarkenden Nationalsozialismus. Vor diesem hatte der Linzer Bischof Johannes M. Gföllner eindringlich gewarnt. Nach dem vollzogenen "Anschluss" von Österreich an das Deutsche Reich hatte die Kirche einen Leidensweg zu gehen und musste viele Opfer bringen, doch gelang es ihr, ihre Substanz zu wahren. Die Dringlichkeit des Wiederaufbaues nach dem Krieg (1945) ergab zunächst ein Zusammenrücken der Kräfte in Staat und Kirche. Innerkirchlich spielte dabei die Katholische Aktion eine wichtige Rolle. Die "aus Eigeninitiative" wiederbelebten katholischen Vereine wurden hingegen von der Amtskirche mehr geduldet als gefördert. Das Zweite Vatikanische Konzil brachte auch eine "neue Dynamik für Kirche und Staat in Österreich mit sich". Seither gab es mehrere "Phasen innerkirchlicher Irritationen" (358). Die Autorin glaubt, dass es der Kirche in der Gegenwart gelungen ist, wieder "Stabilität und Weitblick" auszustrahlen. Ob dies auch nach jüngsten Konflikten und Zerwürfnissen noch gesagt werden kann, sei angefragt.

Über "die Protestanten und die Republik" handelt der kurze Beitrag von G. Reingrabner (359-368). Die Aufteilung Österreichs nach dem Ende der Monarchie wirkte sich für die Protestanten noch viel beklemmender aus als für die Katholiken. "So wie Österreich der Rest war …, war es auch in der evangelischen Kirche so": Von ehemals 294 Pfarrgemeinden gab es innerhalb der Grenzen des neuen Österreich "nunmehr gerade noch 71", von 600.000 Evangelischen nur mehr 175.000. Das förderte "die Sehnsucht nach einer Verbindung mit den deutschen Kirchen", also das großdeutsche Denken und die Anschlussfreudigkeit. Auch der Ständestaat mit seiner "Dominanz des Katholizismus" wies in die gleiche Richtung. "Die mit dem 13. März 1938 einsetzende Wirklichkeit ließ dann aber alle Träume platzen", auch wenn es eine Weile dauerte, "bis alle kirchlichen Funktionäre das begriffen". Nach dem Zusammenbruch 1945 suchte man "die Formen des Gemeindelebens [wieder] zu ordnen" und dabei möglichst dort anzusetzen, wo man zuvor "unterbrochen worden war". Die fortschreitende Säkularisierung hat seither neue Probleme aufgeworfen. Die "Offenheit gegenüber Zeit und Welt" hat "den bekenntnismäßigen Charakter der Kirche bei ihren Angehörigen" mehr und mehr verkümmern lassen, was "für ihre zukünftige Entwicklung, ihre Tätigkeit und ihr Selbstverständnis" nicht ungefährlich ist.

Wie erging es der "jüdischen Bevölkerung in der Ersten und Zweiten Republik"? A. Lichtblau, der sich dieser Frage stellt, zitiert zu Beginn seines Beitrages (369-384) St. Zweig, der mit dem Ende der Monarchie eine düstere Zukunft voraussah: "Und wenigstens ich verbrauche die Hälfte meiner geistigen Kraft in den grauenhaften Visionen dieser kommenden Umstürze, wo der Hass der Classen, der Stände, riesengroß diese Welt erfüllen wird" (369). Aufgrund der im Ersten Weltkrieg bewiesenen Loyalität (Bereitschaft zum Kriegsdienst) erwarteten sich die Juden eine stärkere Integration. Tatsächlich hatten sie jedoch bald, wegen des zunehmenden nationalen und großdeutschen Denkens, unter Anfeindungen zu leiden, die in der NS-Zeit ihren Höhepunkt erreichten. Auch in der Zweiten Republik gelang - trotz einer Reihe positiver Ansätze - der Brückenschlag nicht im erwünschten Ausmaß.

Mit dem "Islam in Österreich" befasst sich R. Potz (385-394). Durch den Berliner Kongress (1878) war Österreich-Ungarn ermächtigt worden, Bosnien und Herzegowina zu okkupieren. Danach ergab sich das Problem, den Status der Muslime in der Bevölkerung rechtlich zu regeln. Das geschah 1912 durch das Islamgesetz. Dieses behielt auch nach 1918/19 "in der klein gewordenen Republik" Gültigkeit und wurde 1924 auch "ausdrücklich für das Burgenland" mit seiner muslimischen Minorität anerkannt. Als ab den 1970er-Jahren zahlreiche Muslime in Österreich einwanderten, wurde die "Islamische Religionsgemeinde" in Wien bestätigt, wodurch die "Islamische Glaubensgemeinschaft" zu den staatlich anerkannten Religionen in Österreich zählt. Damit sind freilich nicht alle Probleme gelöst, vor allem nicht auf dem Sektor der Schul- und Anstaltsseelsorge, weshalb "eine gründliche Novellierung des Islamgesetzes längst an der Zeit wäre".

Mit der "Orthodoxie in der Republik Österreich" beschäftigt sich R. Prokschi. Durch das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. galt auch für die orthodoxen Christen Religionsfreiheit in der Donaumonarchie. Nach der Gründung der Ersten Republik und der Ziehung neuer Ländergrenzen befand sich aber auf dem Boden des Landes kein einziger Bischofssitz mehr. "Was blieb, waren Christen östlicher Tradition, die sich in den deutschsprachigen Landesteilen niedergelassen hatten, hauptsächlich in der ehemaligen Reichshauptstadt Wien". Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kamen nicht wenige orthodoxe Christen verschiedener Bekenntnisse nach Österreich. Die dadurch neu zustande gekommenen Gemeinden werden von R. Prokschi systematisch vorgestellt.

Geradezu spannend liest sich der Aufsatz "Ein Stück Österreich im Herzen Jerusalems. Zur Geschichte des Österreichischen Hospizes im 20. Jahrhundert" von H. Wohnout. Eng verwoben mit den politischen Ereignissen sind die Geschicke des 1863 eröffneten Heimes, besonders mit dem Werden des Staates Israel und den die Region betreffenden Konflikten und Kriegen. Es hängt damit zusammen, dass auch die Funktionen des Hauses wechselten, von der Pilgerherberge über das Internierungslager zum Krankenhaus und schließlich doch wieder zum Hospiz. Zeitweilig war seine Existenz überhaupt in Frage gestellt. Eine wichtige Rolle spielten dort stets die betreuenden Schwestern (Vöcklabrucker Schulschwestern) und die jeweiligen Rektoren, unter ihnen besonders der aus der Diözese Linz stammende Franz Fellinger (1865-1940). Er hatte die Funktion ab 1902 inne, wurde 1929 zum Titularbischof geweiht und wirkte als Generalvikar des lateinischen Patriarchen (vgl. R. Zinnhobler, in: K. H. Frankl/P. G. Tropper, Das "Frintaneum" in Wien, Klagenfurt 2006, S. 81f.). Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Fortbestand des Hauses keineswegs sicher. Über den gegenwärtigen Status des Hauses schreibt Wohnout: Seit seiner Wiedereröffnung hat das Hospiz seine alte Funktion als religiös-spirituelles Zentrum, aber auch als menschen- und völkerverbindende kulturelle Institution in der Levante wieder erfüllen können. Es ist ein weiter Bogen, der sich seit dem Auftauchen erster Projekte eines "österreichischen Hauses" in die Gegenwart spannt. Jene Motivlage, die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Hospiz als Symbol österreichischer Großmachtinteressen sah, ist heute obsolet. Nicht mehr, um in der islamischen Welt als christliche Institution "Flagge zu zeigen", sondern als Stätte der Begegnung unterschiedlicher Kulturen vor dem Hintergrund österreichischer Tradition und Kultur versteht sich das Hospiz heute.

Bei der Vielfalt der behandelten Themen und Aspekte des hier angezeigten Bandes fällt es dem Leser nicht immer leicht, dem chronologischen Ablauf der Ereignisse zu folgen. Eine kompakte "Geschichte Österreichs seit der Gründung der Ersten Republik" bleibt daher weiterhin ein Desiderat. Bedauerlich ist es, dass das umfangreiche Buch durch kein Register erschlossen wird. Positiv sei jedoch hervorgehoben, dass es trotz unterschiedlicher Sicht der Vorgänge und Geschichtsabläufe den Autoren gelungen ist, Polemiken zu vermeiden.

*Theologisch-Praktische Quartalschrift* 1/2010 Rudolf Zinnhobler

Quelle: Theologisch-Praktische Quartalschrift


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