Detail
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Reikerstorfer, Johann:
Vom Totalexperiment des Glaubens
: Beiträge zur Logik christlicher Gottesrede
/ Johann Reikerstorfer
- Frankfurt
: Lang,
2008.
- 406 S.
- (Religion, Kultur, Recht; Bd. 1)
ISBN 978-3-631-57025-8 / 3-631-57025-2
kart. : ca. € 40,90
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Rezension:
Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes stammen zum überwiegenden Teil aus den Jahren 1975 bis 1995. So unterschiedlich sie in Bezug auf den Anlass ihrer Entstehung und Themenstellung auch sind, lassen sie doch eine gemeinsame Linie erkennen. Sie dokumentieren insgesamt eine Entwicklung, in der sich der Paradigmenwechsel der Fundamentaltheologie widerspiegelt: von der an einem äußeren Verständnis der Glaubensbegründung fixierten spätscholastischen Apologetik hin zu einem wissenschaftlichen Verständnis dieser theologischen Disziplin, bei dem es um die vernünftige Verantwortung des christlichen Glaubens als solchen geht. Dabei macht es das Spezifische der Konzeption des Verfassers aus, dass er mit seinen Untersuchungen auch noch über die die neueren fundamentaltheologischen Ansätze vielfach bestimmenden Modelle der Immanenzapologetik oder einer sich im Gefolge K. Rahners bloß transzendental-hermeneutisch verstehenden Fundamentaltheologie hinauszugehen beansprucht.
Ihr zentrales Motiv hat die fundamentaltheologische Konzeption Reikerstorfers am vernunftsuchenden Glauben, der als positiver Glaube Grund und bleibendes Maß in einer vorgängigen Offenbarung Gottes besitzt, zugleich aber auch immer schon den bestimmten Begriff des Menschen als eines Wesens "geistiger Existenz" voraussetzt. Die Wirklichkeit des Glaubens und die Wirklichkeit des Menschen können darum nie gänzlich auseinander fallen, sondern müssen in einer gewissen Affinität zueinander stehen. Denn: "Wäre der die Welt vernehmende Mensch freilich nicht selber schon ‚gottfähig', könnte ihm Gott niemals in der Sprache der Welt bedeutsam nahe kommen." (11) Prägnant formuliert drückt sich das in der von Reikerstorfer eingeführten Wendung vom Sinnapriori des Glaubens aus, mit welcher der durch die Sprache vermittelte "Ort" desselben im Gesamtraum des Wirklichen umschrieben wird.
Allerdings bedarf diese zunächst formale Bestimmung ihrerseits einer weiteren konkretisierenden Differenzierung, die sich im Blick auf die Theorie-Praxis-Dialektik ergibt. Insofern nämlich Theologie als Reflexion des lebendigen Glaubensvollzugs in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis von Glaube und Wissen steht, bleibt es ihr verwehrt, sich auf einen abstrakten Erkenntnisstandpunkt zurückzuziehen. Was für Reikerstorfer letztlich bedeutet, dass der Glaube - in einem an Kant sowohl anknüpfenden als auch über ihn hinausgehenden Sinn - vom Primat des Praktischen her zu verstehen ist. Die freiheitliche Praxis des Menschen bildet so gewissermaßen für den Glauben den "Sitz im Leben", und sein eigentlicher Sinnanspruch lässt sich nur im Gesamttext der übrigen maßgeblichen Sinnansprüche der menschlichen Praxis (Recht, Moral usw.) in Sicht bringen. Das ist nun auch der Punkt, an dem der Begriff fällt, dem das ganze Buch seinen Titel verdankt: Totalexperiment des Glaubens. Um diesen Schlüsselbegriff der Reikerstorfer'schen Fundamentaltheologie recht zu verstehen, hat man sich jedoch daran zu erinnern, dass der Verfasser damit auf Überlegungen seines philosophischen Lehrers und langjährigen Gesprächspartners an der Universität Wien, E. Heintel, zurückgreift, wonach der Begriff des Experiments - im Unterschied zu seiner üblichen Verwendung in der (natur-)wissenschaftlich-technisch-pragmatischen Bedeutung als bloßer "Anwendung" - sich vorrangig auf den Bereich der menschlichen Praxis bezieht und ihm daher vorzubehalten wäre. Das Totalexperiment des Glaubens meint dann nichts anderes, als dass der Mensch im Rahmen seiner freiheitlichen Lebensführung mit ihren jeweiligen Sinnentwürfen (Teilexperimenten) im Glauben auf einen Letztsinn hinzielt, den er mit seinen innerweltlichen Möglichkeiten nicht zu erfüllen und einzuholen vermag und sich darin auf das Handeln Gottes in seiner geschichtlichen Offenbarung verwiesen sieht.
Natürlich kann hier im Detail nicht auf alle Implikationen und Konsequenzen eingegangen werden, die mit einer solchermaßen sich begreifenden Fundamentaltheologie verbunden sind. Von der Vielfalt der davon betroffenen Themen und Problemstellungen legen die einzelnen Beiträge des Buches ein beredtes Zeugnis ab. Auf zwei dieser Problemkreise soll aber zumindest andeutungsweise hingewiesen werden. Das ist zum einen die Erörterung zum "Dilemma der historischen Theologie" (§ 2), zum anderen sind es die sprachkritischen Ausführungen über die immanente Logik der christlichen Gottesrede. Hinsichtlich des ersten Problemkreises zeigt der Verfasser, dass es für die seit Lessing bestehende Fragestellung, wie denn einem bloß historischen Faktum absolute Heilswahrheit zukommen könne, solange keine Klärung geben könne, als die Theologie unkritisch das Objektivitätsideal der wissenschaftlichen Historie übernehme und darüber einfach unser lebensweltliches Geschichtsverständnis vergesse, in dem wir uns zur Vergangenheit niemals bloß theoretisch, sondern immer schon in der einen oder anderen Weise motivierend verhalten, wobei eben der Glaube eine eigene, ganz spezifische Motivationsweise darstellt. Die Problematik der Logik der christlichen Gottesrede hingegen zieht sich überhaupt leitmotivisch durch das gesamte Buch, erfährt aber in einigen Abhandlungen (§ 11, 19 und 20) auch noch eine ausdrückliche Thematisierung, wobei die Analogielehre in einem völlig neuen Licht erscheint. Sie wird aufgenommen und erhält auf dem Hintergrund des aktuellen Diskussionstandes eine entscheidende Wendung. Recht aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang vor allem jene Passagen, in denen sich Reikerstorfer kritisch mit den von E. Jüngel (Gott als Geheimnis der Welt) im Anschluss an K. Barth vorgebrachten Einwänden gegenüber dem Analogieverständnis der katholischen Theologie auseinandersetzt. Reikerstorfer hält die analoge Rede von Gott für unverzichtbar, will aber die traditionelle Analogielehre dahingehend modifizieren, dass sie nicht mehr so sehr am ontotheologischen Modell der analogia entis orientiert ist, sondern sich primär als Ausdruck der gläubigen Rede von Gott versteht, in welche die Schöpfungswirklichkeit und das freiheitliche Daseinsexperiment des Menschen wesentlich miteinbezogen bleiben.
Der Verfasser will das Buch als Dokumentation der Anfänge eines Denkweges verstanden wissen. Er sieht also die den Beiträgen zugrunde liegende fundamentaltheologische Konzeption nicht schon als seine letzt- und endgültige Position an und hat sie dementsprechend in den letzten Jahren weiterentwickelt. Im Blick darauf hat er selbst eingeräumt (Vorwort), dass ihm im Laufe der Zeit immer mehr auch die problematischen Seiten seines anfänglichen Entwurfs zum Bewusstsein gekommen seien: die allzu einseitige Ausrichtung an der individuellen Glaubensexistenz und an einem Begriff des Menschen, der den realen Widersprüchen und Unversöhntheiten der Geschichte nicht voll auf gerecht zu werden vermag. Wenn man dem durchaus auch zustimmen mag, so soll dies keineswegs die eigentliche Stärke dieses Sammelbandes übersehen lassen, nämlich das konsequente Bemühen um die "kritische Aneignung des christlichen Glaubens" auf dem mit dem "neuzeitlichen philosophischen Problembewusstsein" erreichten Niveau. Nicht zuletzt dürfte dazu auch das ständige Gespräch des Verfassers mit den verschiedenen Denkern der jüngeren philosophischen und theologischen Tradition beigetragen haben, wie dies ebenso aus der Publikation ersichtlich ist: Kant, Schelling, dem weithin vergessenen Linzer Philosophen R. Reininger, dem unkonventionellen und kirchenamtlich gemaßregelten Theologen des 19. Jahrhunderts A. Günther, sowie seinen unmittelbaren philosophischen und theologischen Lehrern E. Heintel und J. Pritz. Hinter die damit gesetzten Maßstäbe sollte jedenfalls keine Theologie, die sich den Herausforderungen der Zeit verpflichtet weiß, zurückfallen.
*Theologisch-Praktische Quartalschrift* 1/2010 Franz Eichinger
Quelle: Theologisch-Praktische Quartalschrift
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