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Zeithorizonte des Ethischen
: zur Bedeutung der Temporalität in der Fundamental- und Bioethik / Georg Pfleiderer ; Christoph Rehmann-Sutter (Hg.) - Stuttgart : Kohlhammer, 2006. - 267 S. : graph. Darst.
      ISBN 978-3-17-019112-9 / 3-17-019112-8    kart. : ca. € 25,70

Rezension:

Wie gehe ich mit meiner Zeit um? Was bedeutet es für unsere Lebensgestaltung, dass in unserer Welt die Zeit von vielen Menschen als extrem knappes Gut empfunden wird - und andere mit ihrer Zeit im wörtlichsten Sinne nichts anzufangen wissen? Viele Kontexte, Fragen und Alltagsthemen beziehen sich auf "Zeit". Die Zeitlichkeit von allem in der Welt beschäftigt uns Menschen von jeher, wenn auch - je nach Zeit und Gesellschaft - unterschiedlich stark. Dass wir in einer bestimmten Zeit leben, aber auch mit unserer Zeit und unserer Endlichkeit umgehen (müssen), deutet bereits an, dass uns die Zeit vor ethische Herausforderungen stellt. Weil aber unsere Lebens- und Handlungspraxis immer in einem bestimmten Zeitbezug steht, ergeben sich nicht nur Fragen nach unserem Umgang mit Zeit; für die Ethik ist beispielsweise auch die Relevanz von geschichtlichen und damit auch von kulturell bedingten Bewertungsmustern bei moralischen Problemen von fundamentalem Interesse.

Diesem Themenkomplex der Bedeutung von Zeit und Zeitstrukturen für die ethische Theorie- und Urteilsbildung widmet sich das vorliegende Buch. Georg Pfleiderer, Professor für Systematische Theologie / Ethik an der Universität Basel, und Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Ethik in den Biowissenschaften ebenfalls in Basel, haben diesen Sammelband herausgegeben. "Zeithorizonte des Ethischen" klingt vielversprechend, markiert aber auch ein sehr weites Feld: Unterschiedliche Zeitkonzepte bei der Behandlung von Geschichte, bei gegenwärtigen Herausforderungen und bei der Berücksichtigung des Zukunftsaspekts von Entscheidungen deuten sich ebenso an wie die verschiedenen Kategorien von Zeit als Erfahrung, als Maß, als Qualität oder als gesellschaftliche Konstruktion. Der Untertitel verweist auf die Perspektiven, aus denen die Themenstellung behandelt wird: die Fundamental- und Bioethik.

Tatsächlich wird hier mit dem Thema der Temporalität ein grundlegendes und höchst bedeutsames Problem behandelt. Unser Handeln steht in komplexen zeitlichen Bezügen. Ethik wiederum kennt überzeitlich gültige Prinzipien oder jedenfalls normative Aussagen jenseits zeitlicher Bezüge. "Ethik steht in der Spannung, sich in die Temporalität der Praxis einlassen zu müssen und sie gleichzeitig zu ent-temporalisieren." (7) Sie gewichtet aber auch unterschiedliche Zeitkonzepte: Während es beispielsweise in Schulddiskursen um retrospektive Ethikkulturen geht, handeln Begriffe wie Verantwortung oder Risiko von einer auf Zukunft ausgerichteten Auseinandersetzung. Dennoch sind systematische Publikationen zum Schnittpunkt von Zeit und Ethik ausgesprochen rar gesät. In diese Forschungslücke stößt dieses Buch: Es möchte interdisziplinäre Diskussionen anregen, neue Fragen erschließen und vor allem die ethische Methodik ausloten, "um Zeithorizonte in der Ethik ethisch zu bewältigen" (8).

Der Sammelband umfasst Beiträge von AutorInnen aus der Schweiz, den USA, England und Deutschland. Die Beiträge suchen von verschiedenen Fragestellungen aus die Frage des Zeitbezugs zu thematisieren. Der erste Teil beschäftigt sich mit der grundlegenden Perspektive auf die Zeit: Hier werden unter anderem Fragen nach der Zeit in der politischen Ethik oder die These, die theologische (insbes. protestantische) Ethik weise ein wachsendes Bewusstsein für die Kategorie der Zeitlichkeit auf, bearbeitet. Im zweiten Abschnitt werden Beiträge gebündelt, die sich mit Verantwortung, Risiko und Schuld beschäftigen. "Erzählen und erinnern" bildet den dritten Teil des Buches, in dem die Narration als eine der Zeitlichkeit des Ethischen angemessene Methode entfaltet wird. Der vierte Abschnitt "Körperlichkeit und Medizin" nimmt sich des Bereichs der Biomedizin und Bioethik an, eines Bereichs, in dem sich der Zeitfaktor beispielsweise bei genetischen Tests als ausschlaggebender und unterscheidender Aspekt erweist: das Erleben von Entscheidungen durch die Betroffenen ist in theoretischen Entscheidungstheorien kaum berücksichtigt, hat aber Bedeutung etwa für den rechten Zeitpunkt gelungener Handlungen. Der letzte, fünfte Teil ist dem Thema Eugenik und seiner Diskussion in Vergangenheit und Gegenwart gewidmet.

Ein Großteil der Beiträge wurde bereits bei einer Forschungstagung diskutiert, bevor sie für die Publikation stark überarbeitet wurden. Die Vielfalt der Beiträge ist sicherlich ein Vorzug des Sammelbandes, der gerade dadurch das Thema sehr breit aufzuspannen vermag. Dass Zeit ein ergiebiges Thema für die Ethik darstellt, weil alles Handeln in der Zeit erfolgt (249), ist zweifellos richtig. Vielleicht hätte aber eine noch klarere inhaltliche Fokussierung dem Sammelband gut getan. Bei manchen Beiträgen wäre eine deutlichere, explizitere Ausführung des Ertrags hinsichtlich Behandlung der Temporalität in der Ethik hilfreich (beispielsweise bei den Fragen zum Risiko). Darin kann auch ein Potenzial für weitere Forschungen zu diesem bedeutenden Thema gesehen werden. Die Reihe von Fragen, die sich aus dem Sammelband ergeben und die im abschließenden Beitrag von Rehmann-Sutter aufgeführt und strukturiert werden, stellen dafür hilfreiche und inspirierende Ansatzpunkte dar.

*Theologisch-Praktische Quartalschrift* 1/2010 Edeltraud Koller

Quelle: Theologisch-Praktische Quartalschrift


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