hintergrundbild

Detail

- Medium

Duncker, Christian:
Was ist los mit den Deutschen? : ein aktuelles empirisches Stimmungsbild und mittelfristige Trends / Christian Duncker - Frankfurt/M. : P. Lang, 2005. - 267 S.
      ISBN 3-631-54362-X    € 29,80

Infos zu Christian Duncker bei Wikipedia

Rezension:

Wie steht es um die Befindlichkeit der Gesellschaft? Ist die Stimmung in deutschen Landen tatsächlich so trist, wie allgemein behauptet, und wenn ja, ist da und dort ein Lichtstreif abzusehen? Ist gar mit einer generellen (Gemüts-)Aufhellung zu rechnen? Christian Duncker, seit Jahren freiberuflich in der empirischen Sozialforschung tätig, wollte es genau wissen.

Eingeleitet von einer knappen Einführung in Arbeitsweise und theoretische Ansätze der Einstellungs- und Werteforschung, bietet die Studie auf der Basis von bis zu 31.000 Befragten - praktische Hilfestellung bei der Umsetzung gab die Abteilung Marktforschung beim Axel Springer Verlag - einen differenzierten und doch übersichtlich gehaltenen Einblick in die Ausprägung und die Veränderungen des gesellschaftlichen Mainstreams zu Themenkomplexen wie Innovationsbewusstsein, Konsumorientierung, Markenbewusstsein, Familie, Partnerschaft und eine Fülle weitere Werthaltungen. Als Beobachtungszeitraum gewählt wurde dabei entweder der Zeitraum 1985 - 2004 oder 1999 - 2004. Nicht zuletzt auf Grund alters- und geschlechtsspezifischer Differenzierung erschließt sich dem Interessierten eine Fülle interessanter und zum Teil auch überraschender Einsichten in die Gemüts und Seelenlage der Deutschen. Einige Beispiele: Anerkennung im beruflichen Umfeld ist den Menschen im Durchschnitt zunehmend weniger wichtig, während der Wunsch nach Sicherheit deutlich ansteigt. Dies korreliert offensichtlich auch mit dem nachlassenden Streben nach Selbstverwirklichung (minus 4,1 Prozentpunkte gegenüber 1999. Zunehmend weniger Bedeutung messen die Bürgerinnen der frei verfügbaren Zeit bei. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Zahl der Nicht-mehr-Erwerbstätigen ansteigt, ist ein Minus von 3,0 % gleichermaßen überraschend wie in Zeiten unsicherer Arbeitsverhältnisse auch nachvollziehbar. Nicht weniger als einen Bedeutungseinbruch konstatiert Duncker im Hinblick auf die Wertschätzung das "kulturellen Lebens". In Summe ist in diesem Segment ein Rückgang von 4 Prozent (seit 1999) zu verzeichnen. Um etwa die gleiche Marke rückläufig scheint auch das Bedürfnis "up to date" zu sein. "Mit 27,9 Prozent ist es aktuell wenig mehr als jedem vierten Bundesbürger wichtig, ‚bei neuen Entwicklungen mit dabei zu sein'. Dieser Befund, so der Autor zu Recht, "stellt ein schwerwiegendes Problem für eine auf Wachstum und somit Entwicklung programmierte Gesellschaft dar: Wenn die Mehrheit der Bevölkerung nicht willens und in der Lage ist, sich auf neue Entwicklungen einzulassen, so mündet diese Haltung schnell in kultureller und wirtschaftlicher Stagnation - wenn nicht gar Rezession." (S. 155) Gewissermaßen als Gegentrend zu lesen ist der Befund, dass vor allem Jugendliche eine überdurchschnittlich hohe Sozialorientierung ausweisen. Jugendliche sind "die gesellschaftlichen Innovatoren, die Neuem gegenüber besonders aufgeschlossen sind und (…), sich gern informieren und gern darüber reden (S. 170). Dass bei Jugendlichen die Bedeutung von "Spaß und Freude" mit knapp 90 v. H. unangefochten an der Spitze der Wertepyramide steht, zuletzt aber rückläufig ist, ist ein beachtenswertes Detail.

So aufschlussreich und verdienstvoll die von Duncker versammelten Resultate im Hinblick auf aktuelle Befindlichkeiten auch sind, so vorsichtig fallen die hier versammelten Aussagen der BürgerInnen über die nähere Zukunft (biss 2010) aus. "Leistung" wird von immerhin 57 Prozent der Bundesbürger als wichtig erachtet, vor allem die Jungen werden sich verstärkt an "traditionellen Werten" orientieren, die Bereitschaft zu sozialem Engagement dürfte in etwa auf aktuellem (vergleichsweise niedrigem) Niveau konstant bleiben. Zusammenfassend, so der Autor, sind es die Jungen, deren Innovationsbereitschaft zu einer Aufwertung von "Qualität" und "Marke" zu einer Belebung des (Wirtschafts)Standorts Deutschland führen könnte. Auf Grund der Datenfülle und allgemein verständlichen Aufbereitung der Thematik ein Band, der nicht nur an Fragen der ökonomischen Entwicklung Interessierten zu empfehlen ist.

*Walter Spielmann*

Weitere Informationen über ProZukunft finden Sie unter www.jungk-bibliothek.at/prozukunft

Quelle: Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen


biblio-literaturforum

Lesermeinungen und Kommentare
realisiert in Kooperation mit Bibliotheken-Service für Schulen und STUBE

Es sind noch keine Kommentare vorhanden

Neuen Kommentar schreiben

Projekte . Kooperationen
Advertorial