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biblio : aktuelle buchtipps

Buchtipps / 2008 / August

erstellt von der STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder und Jugendliteratur) und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Davide Cali/Anna Laura Cantone: Omas unglaubliche Reise

/ Davide Cali. Mit Bildern von Anna Laura Cantone. - Wien : Betz, 2008. - [14] Bl. : überw. Ill. (farb.) ; 29,5 cm
ISBN 978-3-219-11363-1      fest geb. : ca. € 12,95

Sommerzeit ist Reisezeit – doch während unsereins unspektakulär an Seen oder gar am Meer herumhängt, hat in diesem Bilderbuch eine Oma gar Sensationelles von ihren zahlreichen Weltreisen zu berichten: Von der chinesischen Mauer bis in den Bauch eines Wales ist sie dabei gekommen, und Angst hatte sie natürlich niemals. Soweit man ihren Erzählungen Glauben schenken kann: Denn die humorvoll-überzeichneten Illustrationen strafen ihre Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes Lügen. Anna Laura Cantona arbeitet dabei viel mit Collagen, deren Materialien Bezüge zum Text aufweisen: So finden sich etwa auf der Seite zur chinesischen Mauer chinesische Schriftzeichen.  Eine kurzweilige Variante der altbekannten Gattung der Lügengeschichte mit wunderbar detailreichen Illustrationen! Ab 5 Jahren.

Kathrin Wexberg | STUBE 
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Siobhan Dowd: Der Junge, der sich in Luft auflöste

/ Siobhan Dowd. Aus dem Engl. von Salah Naoura. - Hamburg : Carlsen , 2008. - 284 S.
ISBN 978-3-551-58188-4      fest geb. : ca. € 15,40

Teds Gehirn läuft auf einem anderen Betriebssystem. Der 12-Jährige scheitert an bildhafter Sprache, ist nur durch einen auswendig gelernten Kriterienkatalog im Stande, Gesichtsregungen als Ausdruck von Gefühlen zu entschlüsseln und kann sich zwar logische Fakten in beliebiger Menge merken, vergisst jedoch schon nach kurzer Zeit Dinge des alltäglichen Lebens. So gilt seine ganze Leidenschaft der Meteorologie, weil sie einem genauen und eindeutigen System aus Zahlen und Fakten folgt, mit dem sich die Entwicklungen der Zukunft mit großer Sicherheit vorherbestimmen lassen.
Doch diese Sicherheit wird kräftig durcheinandergebracht, als sein Cousin Salim eines Tages aus einer Gondel des „London Eye“-Riesenrads  ein-, aber nicht mehr wieder aussteigt. Nach seinem unerklärlichen Verschwinden begeben sich Ted und seine ältere Schwester Katrina „(Es ist ganz bestimmt kein Zufall, dass einer der verheerendsten Stürme aller Zeiten denselben Namen trägt wie meine Schwester.)“ auf seine Spur, die sie durch eine abenteuerliche und mit zahlreichen Wendungen versehene Kette von Ereignissen führt.
Siobhan Dowd lässt ihre beiden charakterlich grundverschiedenen Hauptfiguren nicht wie so häufig aus einem elternlosen Umfeld heraus agieren, sondern bindet das alltägliche Familienleben und die aus Salims Verschwinden entstandenen Konflikte zentral in die detektivische Arbeit der beiden Geschwister mit ein. Am Ende kommt die Lösung des Rätsels durch die Enttarnung verkleideter Wahrheiten und beinhaltet ebenso die Lösung emotionaler Probleme zwischen den Beteiligten.
Die britische Schriftstellerin hat ein amüsantes und kurzweiliges Krimi-Abenteuer mit einem ungewöhnlichen Protagonisten und einem cleveren Rätsel in der Tradition des „Locked-Room-Mystery“ geschaffen. Die Verbindung von Humor, Spannung und der Schilderung der psychischen Auswirkungen von Teds „Syndrom“ wirken zwar an einigen Stellen etwas unausgewogen, doch bleibt am Ende der Eindruck eines außergewöhnlich erzählten Buchs, das seine gespannten LeserInnen verdient hat. Für die englische Originalausgabe wurde eigens eine Homepage gestaltet, die unter der folgen Adresse zu finden ist: http://www.londoneyemystery.co.uk/

Lukas Bärwald | STUBE   
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Andrea Schacht: Göttertrank

: historischer Roman / Andrea Schacht. - München : Blanvalet, 2008. - 635 S.
ISBN 978-3-7645-0273-7       fest geb. : ca. € 20,60

Heiße Schokolade und ein Frauenleben. (DR)

Amara wächst bei ihrer Mutter in einer Gutsherrenküche des 19. Jhs. auf. Umgeben von den zarten süßen Düften der Mehlspeisen, die ihre Mutter, sie ist Zuckerbäckerin, für die Herrschaften herstellt, liebt sie vor allem das Aroma der Kakaobohne. Die Verarbeitung der exotischen Kakaofrucht zu köstlicher Schokolade bestimmt fortan ihr Leben. Sie geht durch Höhen und Tiefen ihres Daseins, ohne ihr wahres Ziel aus den Augen zu verlieren: gute Schokolade für jedermann herzustellen. Der göttliche Duft von heißer Schokolade zieht sich durch die ganze Geschichte, man muss wohl oder übel in die Küche gehen und sich dieses wunderbare Getränk zubereiten, um weiterlesen zu können. Die Autorin baut verschiedene Erzählstränge auf und verknüpft sie geschickt zu einem unterhaltsamen Ganzen. Ein herrlicher, leicht lesbarer Roman mit unerwarteten Wendungen und Begebenheiten. Die geschichtlichen Ereignisse des 19. Jhs. bilden einen interessanten Rahmen. Ein leichter, kurzweiliger Sommerroman für romantische Herzen.

Ilse Hübner | biblio
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Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad

: Roman / Yasmina Khadra. Aus dem Franz. von Regine Keil-Sagawe. - Zürich : Nagel und Kimche, 2008. - 314 S.
ISBN 978-3-312-00409-6     fest geb. : ca. € 20,50

Was macht aus einem netten jungen Mann einen Selbstmordattentäter? Packend und sensibel. (DR)

Zu Beginn des Romans scheint die Welt des namenlosen Ich-Erzählers noch halbwegs in Ordnung. Zwar musste er sein Studium in Bagdad abbrechen, da die Universität nach schweren Bombardierungen geschlossen wurde, doch der junge Beduine fühlt sich in seinem kleinen Wüstendorf Kafr Karan recht wohl - bis der Krieg in Form amerikanischer GIs über sie hereinbricht. Zuerst erschießen sie auf Grund einer falschen Einschätzung einen geistig Behinderten, dann wird irrtümlich eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert (tatsächlich passiert 2004). Was die Welt des stillen jungen Irakers aber endgültig für immer verändert, ist eine nächtliche Hausdurchsuchung. Bei dem rüden Vorgehen der GIs wird der Unterleib seines Vaters entblößt: Nach dem archaischen Gesetz seiner Kultur bedeutet das für den Beduinen, dass er das Dorf verlassen und Rache für die erlittene Schande üben muss. In Beirut bekommt er bald Kontakt zu den Djihadis und lässt sich als Selbstmordattentäter anwerben.
Khadra (eigentlich Mohammed Moulesshoul) war bis 2000 hoher Offizier der algerischen Armee und lebt jetzt in Frankreich. Er kennt die Kulturen, über die er schreibt. Allerdings ist er kein Freund des islamischen Fundamentalismus, der "Krieg der Kulturen" ist nicht seine Sache. Er möchte vielmehr, die Vielschichtigkeit und innere Zerrissenheit der islamischen Kulturen zum Ausdruck zu bringen. Denn der junge Ich-Erzähler begegnet nicht nur Fanatikern. So versucht ein versoffener ehemaliger Soldat, ihn von seinem Vorhaben abzubringen: "Aber verdammt noch mal, man führt doch nicht gegen sein eigenes Volk Krieg, bloß um es der Welt mal so richtig zu zeigen."
Khadra will in erster Linie aufklären, und er tut das auf eine spannende, poetische und sehr berührende Weise - und sehr viel nachhaltiger, als es so manches Sachbuch vermag. Ein sehr wichtiges Buch, das sicher viele LeserInnen finden wird.

Anita Ruckerbauer | biblio
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Katharina Faber: Fremde Signale

: ein Album / Katharina Faber. - Zürich : Bilgerverl., 2008. - 329 S.
ISBN 978-3-908010-90-6      fest geb. : ca. € 23,00

Die berührende Geschichte dreier junger Toter, die über das Leben eines Mädchens wachen. (DR)

"Wir wollen nicht, dass man uns vergisst. Wir haben Körper, Wünsche, Träume. Wir waren. Sind. In diesem Album sind wir. Weil es von uns erzählt." (S. 327) Wir - das sind die drei jungen Toten Michail Sledin (1925-1942), Boris Tomba (1938-1951) und Linette Grandchance (1760-1776), beauftragt auf die verträumte Ali aufzupassen. Alle drei in jungen Jahren und viel zu früh aus ihrem Leben gerissen: Die praktische, bodenständige Linette, einst ein fleißiges Bauernmädchen, das sich trotz der täglichen Mühen des bäuerlichen Alltags liebevoll um ihre kleine Schwester kümmerte und letztlich wie diese an einer Hirnhautentzündung starb. Der Russe Michail, stets nervös und wachsam, der sich als Freiwilliger zum Krieg meldete, im Gefecht gegen die Deutschen fiel und noch immer traumatische Kriegserlebnisse mit sich herumschleppt. Und der intelligente Boris, erst kurz vor Alis Geburt als Dreizehnjähriger an Krebs gestorben, den die Sehnsucht nach seinem alten Leben, bevor es vom Schmerz bestimmt wurde, umtreibt. Tief berührend, wie er versucht, seine trauernde Mutter im Schlaf zu trösten. Boris ist es auch, der Ali am nächsten ist, dessen "fremde Signale" sie manchmal wahrzunehmen scheint.
Drei Schutzengel sind demnach hier am Wort, sie kommentieren abwechselnd das Leben der 1952 geborenen Frau - ein Alter Ego der Autorin Katharina Faber - und gehen dabei von ihren eigenen Lebenserfahrungen aus. So werden die Stationen auf Alis Lebensweg Ausgangspunkt, um über einstige Erlebnisse, über Trauriges, Bewegendes und Berührendes und die Beziehungen zu geliebten Menschen zu reflektieren.
Dieser Schweizer Autorin - sie erhielt 2003 für ihren Debütroman "Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" den Rauriser Literaturpreis - gebührt mehr Aufmerksamkeit: Zart und feinsinnig setzt sie ihre Worte und verwöhnt die LeserInnen mit bewegenden poetischen Stimmungsbildern. Das polyphone Erzählprinzip macht den Reiz dieses Buches aus. Hier hätte sich die Autorin noch mehr vorwagen und die einzelnen Erzählerstimmen etwas differenzierter ausgestalten können. Ein besonderes Buch in schöner Ausstattung, das den Leser Zeile für Zeile bezaubert. Allen Bibliotheken zu empfehlen.

Cornelia Gstöttinger | biblio
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Stephan Wackwitz: Osterweiterung

: zwölf Reisen / Stephan Wackwitz. - Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2008. - 220 S.
ISBN 978-3-10-091057-8       fest geb. : ca. € 18,40

Zwölf sehr persönliche Reisen durch das Herz Europas. (ER)

Ist die Welt hinter unserer Landeshauptstadt Wien tatsächlich ein Loch? Beginnt östlich des Wiener Rennwegs immer noch "der Balkan", wie Metternich im frühen 19. Jahrhundert festgestellt hat? Oder birgt nicht das Herz Europas, Länder wie Tschechien und die Slowakei, wie Polen, Ungarn und Litauen, in seinen Städten und den Menschen, die in ihnen leb(t)en, lebendige, wiewohl oftmals vergessene Zeugnisse von Entwicklungen, die als Katastrophen oder Wunder in die Geschichte Europas eingegangen sind? Stephan Wackwitz hat fast ein ganzes Jahrzehnt in Krakau und Bratislava gelebt und von dort aus zahlreiche Reisen in ebendiese Länder unternommen. Was er davon in "Osterweiterung" darstellt, geht dabei deutlich über traditionelle Reisebeschreibungen hinaus.
Der Autor zeichnet über den Umweg vieler assoziativer Windungen und unter Einflechtung ganz persönlicher Anekdoten faszinierende Momentaufnahmen von unseren Nachbarländern - Aufnahmen, die es schaffen, in gleicher Weise historisch und zeitlos zu sein, erheiternd und melancholisch, bestechend klar und traumhaft unscharf. Wer Lust hat auf das "Museum für Nationale Scheinschwangerschaften" in Krakau, sich in Bratislava auf "Terrain Vague" begeben möchte und mit Wackwitz den "Traum vom Balaton" träumen möchte - diese literarische Osterweiterung ist die beste Gelegenheit dazu.

Eva Unterhuber | biblio
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Wilhelm Schmid-Bode: Maß und Zeit

: entdecken Sie die neue Kraft der klösterlichen Werte und Rituale / Wilhelm Schmid-Bode. - Frankfurt/M. : Campus-Verl., 2008. - 251 S.
ISBN 978-3-593-38506-8       fest geb. : ca. € 20,50

Undogmatisches Plädoyer für die Besinnung auf Wesentliches und den Wert des Innehaltens. (PP)

Schon seit einiger Zeit ist ein Trend zu beobachten, der dem immer hektischer werdenden Alltag ein Korrektiv entgegensetzen will. Als Facharzt für Psychotherapie und psychosomatische Medizin, Experte für Stressforschung und Traditionelle Chinesische Medizin trägt der Autor dazu bei. Der Grund von Unrast, Ängsten und Stress ist oft das Gefühl von Sinnlosigkeit. Wer das erkennt, findet in der Lebenspraxis von Mönchen und Nonnen vieles, was auch nicht im Kloster lebenden Menschen Halt und Sinn geben kann. Dazu braucht es keine Bindung an einen festen Ort und auch keine konfessionelle Festlegung, allerdings die Bereitschaft, seine alltäglichen Angewohnheiten zumindest für eine Zeit aufzugeben. Auf sehr sympathische, gar nicht verstaubte Art und Weise erläutert der Autor anhand klassischer klösterlicher Werte, wie sehr die Adaption dieser Werte zum Wohlbefinden beiträgt. Nicht radikale Askese ist angesagt, sondern Maßhalten, Regelmäßigkeit und nicht zuletzt Trainieren der Entscheidungsfähigkeit.
Schmid-Bode untermauert seine Thesen mit Studien aus der Gehirnforschung und zitiert aus dem Weisheitsschatz der großen Religionen und Philosophen. Im Gegensatz zu vielen Wellness-Ratgebern wird hier auch die Bedeutsamkeit der spirituellen Komponente betont. Ein Buch, das man immer wieder mit Gewinn zur Hand nehmen kann und das auch als Anstoß für Meditations- und Einkehrstunden sehr gut geeignet ist.

Ingrid Kainzner | biblio
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Elmar Simma: Der geschenkte Morgen

: vom Wirken der Barmherzigkeit / Elmar Simma. - Salzburg : O. Müller, 2008. - 223 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-7013-1143-9       kart. : ca. € 19,00

Texte, Gebete und Anregungen zu den "Werken der Barmherzigkeit". (PR)

Barmherzig sein - das im Laufe der Jahre in Misskredit gekommene Wort - bedeutet: "Gut mit mir selbst umgehen und so zu den anderen sein, wie ich zu mir selbst bin." Zurückgeführt auf dieses ursprüngliche Verständnis, erhalten die sieben leiblichen und die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit eine tiefere Bedeutung, als ihnen lange zugebilligt wurde, denn sie gehören zum Kern der christlichen Botschaft. Diesen Kern wieder freizulegen, ist das Anliegen von Elmar Simma, langjährigem Caritasseelsorger in Vorarlberg. Dazu stellt er hier Texte verschiedenster geistlicher Schriftsteller zusammen, verbindet Bibelworte mit zeitgenössischen Geschichten, stellt Fragen und motiviert dadurch zu handeln anstatt wegzuschauen.
Ein breit einsetzbares Buch für viele Gelegenheiten in der pastoralen Praxis, insbesondere für Liturgie- und Caritasverantwortliche, Gebets- und Meditationsgruppen sowie auch für den persönlichen Gebrauch. Der Verkaufserlös kommt einem Sozialprojekt zugute.

Hanns Sauter | biblio
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