Buchtipps / 2017 / Juni

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

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Thé Tjong-Khing: Kunst mit Torte

/ Thé Tjong-Khing. - Frankfurt a. M. : Moritz-Verl., 2017. - [13] Bl. : nur Ill. (farb.) ; 29 cm
ISBN 978-3-89565-333-9      fest geb. : ca. € 14,40

Munch, Picasso, Thé Tjong-Khing. Mit seinem aktuellen Bilderbuch „Kunst mit Torte” schreibt beziehungsweise zeichnet sich der indonesisch-niederländische Illustrator in die oberste Liga der Kunstgeschichte ein. Bekannt wurde er mit seiner Torten-Trilogie, die zwar äußerst kunstvoll gestaltet war, aber das Spiel mit Kunstzitaten noch nicht als zentrales Gestaltungsmerkmal einsetzte. Mit „Die Torte ist weg”, „Picknick mit Torte” und „Geburtstag mit Torte” perfektionierte Thé Tjong-Khing das Subgenre der Suchbilderbücher, indem er gekonnt Leerstellen, sich verästelnde Erzählstränge und Wimmelbuch-artige Szenen kombinierte und darin ausgefuchste Tortendiebe von einer herrlich gestressten Tiergruppe verfolgen ließ. Ein ständiges Vor- und Zurückblättern prägte den Lektüreprozess, der durchaus zu einem exzessiven Bilderbuchkonsum verleiten mochte. Kurz: Thé Tjong-Khing zeigt seit Jahren, wie clever mit dem Bilderbuch gearbeitet werden kann. Wie kunstvoll im sprichwörtlichen Sinn das Medium und als Träger von Kunst in übertragener Form er das Bilderbuch einzusetzen vermag, bewies er letztes Jahr mit „Hieronymus” (Bosch), dessen Weltgerichtstryptichon er als Vorlage für die noch mal mehr wimmelnden Bilder nutzte. Und nun kommt beides zusammen: „Kunst mit Torte”. Dieses Bilderbuch verwehrt sich eindeutig der einmaligen Lektüre. Die Handlung, das heißt der Tortenraub ist wie gewohnt dramatisch sowie dynamisch und in diesem Fall als Kunstraub zu bezeichnen, da diesmal „nur” das Bild einer Torte gestohlen wird. Aber nicht nur die spannungsgeladene Verfolgungsjagd lädt dazu ein, dieses Buch wieder und wieder durchzublättern. Es sind die unzähligen Kunstverweise, die auf dem Vorsatzpapier fein säuberlich aufgereiht werden. Im Bilderbuch wird es dann unübersichtlicher und aus dem Suchbilderbuch wird ein Kunstsuchbilderbuch, in dem die Figuren durch riesige Gemälde von Dali, van Gogh, Kandinsky und Konsorten jagen. Auf breitformatigen, farbenfrohen Doppelseiten, auf denen es viel zu entdecken gibt, entsteht ein großformatiges Kunstwerk, in dem die Figuren und somit auch die Leser_innen an einer Stelle aus Munchs „Schrei”-Szenerie an Henri de Toulouse-Lautrec höchstpersönlich und einem mit Keith-Haring-Vorhängen bestückten Mondrian-Gemälde vorbeilaufen, um schließlich zu einer Edward-Hopper-Tankstelle zu gelangen. Thé Tjong-Khing schafft Kunst in Kunst in Kunst in Kunst… und somit ein Meta-Kunstbilderbuch für alle Altersstufen.

Peter Rinnerthaler | STUBE 

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Sara Kadefors: Billie - Abfahrt 9:42

/ Sara Kadefors. Aus dem Schwed. von Lotta Rüegger. - Stuttgart : Urachhaus, 2017. - 174 S.
ISBN  978-3-8251-5111-9   fest geb. : ca. € 15,40

Mit ihren zwölf Jahren ist Ich-Erzählerin Billie es gewohnt, sich mit schwierigen Situationen im Leben zu arrangieren. Doch als ihre psychisch und physisch kranke Mutter immer weniger in der Lage ist, sich um sie zu kümmern, kommt sie zu einer Pflegefamilie – aus der Großstadt in die Provinz, aus dem vertrauten Chaos in ein sehr reglementiertes, kühles Setting. Die Mutter ist Pfarrerin, der Vater Lehrer, die beiden Kinder wirken merkwürdig zurückgezogen: nach und nach entdeckt Billie, dass der Sohn in seinem Baumhaus eine Armee baut, während die Tochter in ihrem ausschließlich pink eingerichteten Zimmer heimlich Schminkvideos dreht, um sie ins Internet zu stellen. Billie hat gelernt, nicht Gesagtes zu deuten, und hat ein feines Gespür, dass hier, der oberflächlichen Idylle zum Trotz, irgendetwas nicht passt: All die Perfektion soll einen traumatischen Verlust kompensieren. Mit Einfühlungsvermögen und Witz stellt die schwedische Erfolgsautorin, die zunächst als Radiomoderatorin bekannt wurde, ein Mädchen in den Mittelpunkt ihres Romans, das sich nie als Opfer, sondern stets als Handelnde begreift – und das auch in der neuen Familie deren Trauer aktiv anspricht und damit einen neuen Umgang damit ermöglicht. Ihr erfrischendes Selbstverständnis fasst sie in einem lakonischen Satz zusammen: „Bloß weil ich ein Pflegekind bin, muss es mir ja noch lange nicht andauernd schlecht gehen.“

Kathrin Wexberg | STUBE

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Anne Holt: Ein kalter Fall

: Kriminalroman / Anne Holt. Aus dem Norweg. von Gabriele Haefs. - München : Piper, 2017. - 431 S.
ISBN 978-3-492-05471-3      fest geb. : ca. € 22,70

Brisanter Thriller, in dem eine Terror-Welle in Oslo im Mittelpunkt steht. (DR)

Die Kriminalkommissarin Hanne Wilhelmsen wurde bei ihrem letzten Einsatz so schwer verletzt, dass sie seitdem im Rollstuhl sitzt und jeglichen Kontakt zu ihren Kollegen abgebrochen hat. Doch dann steht plötzlich Billy T., ein ehemaliger Kollege und Freund vor ihrer Tür und bittet sie um Hilfe, da er befürchtet, dass sein Sohn sich extremen Islamisten angeschlossen hat. Als knapp hintereinander zwei verheerende Terroranschläge mitten in Oslo eine große Anzahl von Opfern fordern, scheint klar zu sein, dass radikale Muslime hinter den Gewalttaten stecken. Während die ganze Stadt in Alarmbereitschaft ist, wird Hanne Wilhelmsen gebeten, einen Fall aus dem Jahr 1996 - einen sogenannten "Cold Case" - neu aufzurollen. Mithilfe des jungen, eigenbrötlerischen Polizisten Henrik Holme untersucht Hanne das Verschwinden eines jungen Mädchens. Als sich herausstellt, dass der längst in Vergessenheit geratene Fall mit den aktuellen Ereignissen in Verbindung stehen könnte, überschlagen sich die Ereignisse.
Ein spannender und sehr brisanter Krimi mit einer dichten Handlung und pointierten Charakteren. Die Autorin hat ein hochaktuelles Thema aufgegriffen, beleuchtet es von allen Seiten und versteht es perfekt, Atmosphäre und Stimmungen zu vermitteln. LiebhaberInnen rasanter Storys werden diesen Thriller, der bis zur letzten Seite nicht an Fahrt verliert, verschlingen und nicht enttäuscht werden.

Michaela Grames | biblio

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

: Roman / Kent Haruf. Aus dem Amerikan. von pociao. - Zürich : Diogenes-Verl., 2017. - 196 S.
ISBN 978-3-257-06986-0      fest geb. : ca. € 20,60

Unaufgeregt und voller Zuneigung beginnen zwei allein lebende ältere Menschen, die sich aus der Nachbarschaft kennen, ein neues Leben. (DR)

Addie Moore klingelt abends im Mai bei ihrem Nachbarn Louis Waters und fragt, ob er nicht mitkommen mag, sie sei abends immer so alleine. Von nun an treffen sie sich jeden Abend, trinken ein Glas Wein oder Bier, reden miteinander und liegen gemeinsam im Bett, um einzuschlafen. Sie berühren einander anfangs nicht, Addie darf ihre Füße an ihm wärmen. Nach und nach entfalten sie im Gespräch ihre Leben voreinander, natürlich kennen sie sich schon lange, als Nachbarn weiß man das eine oder andere, sieht die Kinder groß werden, erlebt das Sterben des Ehepartners mit.
Die Vertrautheit wächst und sie sind einander nahe. Ihre Kinder sind allerdings nicht einverstanden mit dem, was ihre alten Eltern da machen. Ihre angeblichen Freunde mokieren sich über dieses Verhältnis.
Doch solche Anfeindungen sind Addie und Louis egal. Die beiden sind zwei wunderbare Charaktere, die ihr Leben in die Hand nehmen und eine schöne Zeit miteinander verbringen und noch einmal ein großes Glück erleben. Kent Haruf erzählt davon in einer sehr angenehmen, unaffektierten Sprache und erschafft damit ein glaubhaftes Plädoyer für Selbstbestimmung im Alter.

Angela Zemanek-Hackl | biblio

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Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

: Roman / Hanya Yanagihara. Aus dem Engl. von Stephan Kleiner. - Berlin : Hanser Berlin, 2016. - 957 S.
ISBN 978-3-446-25471-8      fest geb. : ca. € 28,80

Hanya Yanagihara hat in ihrem ersten Buch über Freundschaft, menschliche Qualen und freundschaftliche Fürsorge geschrieben. (DR)

Jude, JB, Willem und Malcolm finden sich im College, eine Freundschaft, die ein ganzes Leben dauern wird, nimmt ihren Anfang. Sie schließen ihre Ausbildung ab und arrangieren ihr Leben. Sie gehen nach New York, Jude wird Anwalt, JB Maler, Willem Schauspieler und Malcolm Architekt. Sie machen Karriere. Sie sind offen zueinander, es stellt sich allerdings heraus, dass Jude etwas verbirgt und allen Fragen ausweicht.
Es wird über die Kindheit und Jugend der jungen Männer berichtet und je mehr man darüber erfährt, desto besser versteht man die Hintergründe. Ein wunderschön geschriebenes und hervorragend übersetztes Buch, das sehr zu empfehlen ist. Es hat 957 Seiten - keine zu viel! - und lässt einen sprachlos zurück!

Elfie Zugsberger | biblio

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Roland Girtler: Allerhand Leute

: Rinderzüchterin, Prinz, Bordellbesitzer, Philharmoniker, Landarzt, Wirtshausmusiker, Fährmann / Roland Girtler. - Wien u.a. : Böhlau Verlag, 2016. - 225 S.
ISBN 978-3-205-20420-6      fest geb. : ca. € 24,99

Ein "echter Girtler", der wieder einmal zeigt, wie bunt unsere Gesellschaft ist. (BA)

Der Rad fahrende Soziologe Roland Girtler hat in den letzten Jahrzehnten wohl Tausende Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen geführt. Sieben davon hat er im vorliegenden Buch ausführlich porträtiert. Ob es sich dabei um die Rinderzüchterin Ottilie Matysek, den Prinzen von und zu Liechtenstein, den Unterweltler Hansl Synek, den alten Landarzt Bernd Griesmaier, den Musikanten Albin Wiesenhofer, den Donau-Fährmann und Nibelungen-Experten Karl Haider handelt oder um Michael Bladerer, den Kontrabassisten der Wiener Philharmoniker, sie alle verbindet ein interessanter und außergewöhnlicher Lebenslauf, der geprägt ist von Originalität, Unangepasstheit und dem notwendigen Selbstbewusstsein.
Michael Bladerer, der schon als Kind von der Musik fasziniert war und entfernt mit Anton Bruckner verwandt ist, verdankt seinen Weg an die Spitze seiner Zunft einem motivierten Musiklehrer und dem guten "Nährboden" für Musiker in Oberösterreich. Sein Weg ist ein Lehrbeispiel dafür, wie wichtig es ist, Kinder früh mit klassischer Musik in Berührung zu bringen, aber auch für die Tatsache, dass man hohe Ziele nur erreichen kann, wenn man seinen Weg konsequent und mit dem nötigen Fleiß geht.
Mit diesem Buch hat Roland Girtler einmal mehr gezeigt, dass man als Soziologe mehr bewegt, wenn man sich auf Augenhöhe mit Menschen verschiedenster Herkunft und Profession unterhält, als wenn man sich in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückzieht.

Johannes Preßl | biblio

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Richard Rauch: Die Jahreszeiten Kochschule

: Sommer / Richard Rauch ; Katharina Seiser. - Wien : Brandstätter, 2017. - 248 S. : Ill. (farb.) ; 27,5 cm
ISBN 978-3-7106-0038-8      fest geb. : ca. € 34,90

Der "Sommer" einer vierteiligen auf österreichischer Küche und saisonalen sowie regionalen Produkten basierenden Kochschule. (VL)

Dass der steirische Haubenkoch Richard Rauch und die Wiener Kulinarik-Journalistin und Autorin Katharina Seiser ihr auf vier Bände angelegtes Grundlagenwerk zeitgemäßer österreichischer Küche im Herbst 2017 mit dem "Winter" gestartet haben, war mutig. Und hat sich ausgezahlt. Nach der Lektüre nämlich war klar: Wer der kargsten Jahreszeit in einem auf saisonale und regionale Produkte ausgelegten Kochbuch so Spannendes abgewinnen kann, für den werden die anderen drei Jahreszeiten fröhliche Spaziergänge.
Und das ist jedenfalls der "Sommer": Das als Fruchtgemüse bezeichnete Sommergemüse - Paradeiser, Paprika, Gurken, Zucchini und Melanzani - ist die erste der neun Produktgruppen, in die der Band gegliedert ist. Wie hier gleich zu Beginn Klassiker wie der Gurkensalat einerseits gewohnt - mit Rahm & Dill - serviert werden, auf der anderen Seite der mit Paradeiser aber ganz schön "weltgewandt und mehrsprachig" - mit Chili, Sojasauce, Koriander & Co - daherkommt, ist typisch für das ganze Buch.
In jedem Kapitel werden nach ein wenig Warenkunde (Tomaten nie nie in den Kühlschrank ...) und angereichert mit praktischen Tipps und Tricks (was passt wozu, Haltbarkeit, Variantenvorschläge) Rezepte für Schwammerl, Spätsommergemüse (wie Mais und Fisolen), Süßwasserfische & Krebse oder kalte Suppen nur leicht, aber doch entscheidend abseits der gewohnten Spur präsentiert. In einem Kapitel wird alles zusammengepackt, was sich zum Picknick eignet, den Marillen, Pfirsichen und Ringlotten ist ebenso eines gewidmet wie den Beeren.
Die Grundlagen zumindest der ersten beiden Bände der Reihe, die für alle Bibliotheken empfohlen werden kann, sind durchwegs spürbar: Leidenschaft für Lebensmittel und deren Verarbeitung sowie viel alltagsküchenpraktisches Wissen.

Franz Lettner | biblio

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Engelbert Guggenberger: In der Vertikale

 : was mich zwischen Himmel und Erde hält / Engelbert Guggenberger. - Wien [u.a.] : Styria, 2017. - 191 S. : Ill.
ISBN 978-3-222-13553-8      fest geb. : ca. € 24,90

Mitreißende Klettergeschichten verpackt in die Lebens- und Glaubensgeschichte eines beeindruckenden Kirchenmannes. (BO)

Die Schilderungen der Extremklettertouren in den Dolomiten lassen das Blut bei der Lektüre in den Adern pulsieren ähnlich wie bei einem spannenden Thriller. Begleitet werden die gut zu lesenden Kapitel durch imposante Bilder von mutigen, in mächtigen Bergabgründen hängenden und kletternden Menschen. Guggenberger erzählt die Geschichte seiner Kindheit im Hochweißsteinhaus mit der beginnenden Leidenschaft, Berggipfel zu erklimmen, und vergleicht den Weg zum Gipfelsieg mit dem, was auch zum Erreichen beruflicher und familiärer Ziele notwendig ist: gewissenhafte Planungen und Vorarbeiten, durchdachte Strategien und Begleitmaßnahmen, nachahmenswerte Vorbilder und verlässliche PartnerInnen, entsprechendes Werkzeug, eine passende Ausrüstung und Gottvertrauen.
Berührend ist der Bergkletterer auch als authentischer Glaubenszeuge und als begnadeter Erzähler und Vermittler seines persönlichen Zugangs zur christlichen Botschaft. So sieht Guggenberger das biblische Gleichnis der Talente als aktuelles Bild für die Aufgabe jedes Menschen, die je eigenen kreativen Potentiale in unterschiedlichsten Bereichen zu entfalten.
Eindrucksvoll beschreibt der Autor, wie nah Erfolg und Misserfolg nebeneinander stehen können, und lässt die Lesenden teilhaben an den Erfahrungen der Auseinandersetzung mit seiner Niederlage und wie er daraus in der Reflexion einen positiven Wert gewinnen konnte. Ein lesenswerter Lebensratgeber auch für bergsteigerische Laien.

Birgit Leitner | biblio